Ein modernes Weib (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.

A dramatized reenactment was performed in 2004. The script associated with this reenactment can be found with the Files Associated with this Work below. Pictures can be found HERE.
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Ein Mann beleidigte ein Weib. Es war
Von jenen schnöden Thaten eine, die
Kein Weib vergessen und vergeben kann.

Geraume Zeit verstrich. Da eines Abends
Ward an die Thür des Frevlers laut gepocht.
Er rief: "Herein", und sah voll tiefen Staunens,
In Trauerkleidern eine Frau vor sich.

Sie schlug den Schleier bald zurück. Er blickte
In ihre großen stolzerstarrten Augen,
In diese großen schmerzversengten Augen ...
Er lächelte verlegen, denn ein Schauer
Erfaßte ihn ... Er bot ihr höflich Platz,
Sie aber dankte, und mit ruhiger Stimme
Sprach sie zu ihm: "Du hast mich schwer beleidigt,
Es war nur Gott dabei ... vor diesem Gott,
Vor dir, und mir allein, will ich den Flecken
Den Makel meiner Ehre, zugefügt
Von deiner Hand, verlöschen.    
                                    Höre nun!
Um dies zu thun, bleibt mir ein Mittel nur:
Ich kann nicht gehn, um einem fremden Menschen
Das was ich selbst mir kaum zu sagen wage,
Zu offenbaren. Für mich herrscht kein Richter,
Er wär' denn blind und taub und stumm, deshalb
(Ein Schildern des Vergangenen glich' aufs Haar
Der neuen That, hieß' selber mich entehren),
Deshalb gibt's eins nur: hier sind Waffen, wähle!"
Sie stellte auf den Tisch ein Kästchen hin
Und öffnete den Deckel. – – –   
                                                Lange standen
Die beiden Menschen stumm. Er sah sie an,
Sie hielt das glänzend große Aug' gerichtet
Fest auf die Waffen.  
                                    Plötzlich brach er aus  
In lautes Lachen. Da durchglühte feurig
Ein tiefes Rot die farbenlosen Wangen
Der jungen Frau. Wie, wenn die ganze Antwort
Dies Lachen wär'? Sie hätte schreien mögen
Vor Wüt und Elend.  Aber sie bezwang sich,
Und sagte mild: "Wenn dir ein Unvorsichtiger
Zufällig auf den Fuß getreten wäre, 
Du würdest ohne lange Ueberlegung
Ihm deine Karte in das Antlitz schleudern, 
Nichts Lächerliches fändest du dabei. 
Nun denk': nicht auf den Fuß trat mir ein Mensch, 
Mein Herz trat er in Stücke, meine Ehre! 
Verlang' ich mehr, als du verlangen würdest 
Für einen unvorsichtigen Schritt, sag' selbst, 
Ist das nicht billig?"
                                    Lächelnd sah er ihr
Ins zornerglühte Antlitz. "Liebes Kind, 
Du scheinst es zu vergessen, daß ein Weib 
Sich nimmer schlagen kann mit einem Manne.
Entweder geh zum Richter, liebes Kind, 
Gesteh ihm alles, gerne unterwerfe
Ich seinem Urteil mich. Nicht? Nun dann bleibt 
Dir nur das eine noch: vergesse, was du 
Beleidigung und Schmach nennst. Siehst du, Liebe, 
Das Weib ist da zum Dulden und Vergeben ..." 
Jetzt lachte sie.  
                                    "Entweder Selbstentehrung  
Wenn nicht, ein ruhiges Tragen seiner Schmach, 
Und das, das ist die Antwort, die ein Mann 
In unserer hellen Zeit zu geben wagt 
Der Frau, die er beleidigt."      
                                                "Eine andere
Wär' gegen den Brauch."    
                                    "So wisse, daß das Weib
Gewachsen ist im neunzehnten Jahrhundert," 
Sprach sie mit großem Aug', und schoß ihn nieder.

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main
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