Ein Gesang wieder den Neidt (Poem)

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
------------------

EIN GESANG WIEDER[1] DEN NEIDT
Hatt zwar die Mißgunst tausendt Zungen /
Und mehr dan tausend ausgestreckt /
Und kompt mit macht auf mich gedrungen /
So werd ich dennoch nicht erschreckt;
Wer Gott vertrawt in allen dingen /
Wird Weldt / wird Neidt / wird Todt bezwingen.

Hör ich gleich umb und umb mich singen
Die sehr vergifftete Siren[2];
So soll mich dennoch nicht bezwingen
Ihr lieblichs Gifft / und hell gethön;
Ich will die Ohren mir verkleben /
Und für sie frey fürüber[3] schweben.

Gefellt dir nich mein schlechtes Schreiben /
Und meiner Feder edles Safft /
So laß nur balt das Läsen bleiben /
Eh dan es dir mehr unruh schafft.
Das / was von anfang ich geschrieben /
Wird kein verfalschter Freund belieben.

Weistu mich gleich viel für zuschwetzen /
Von meiner Leyer ab zustehen;
So soll mich doch allzeit ergetzen
Das Arbeitssahme müssig gehen:
Laß aber du dein Leumbden bleiben /
Damit du mich meinst auff zureiben.

Ich weiß es ist dir angebohren /
Den Musen selbst abholt zu sein /
Doch hat mein Phoebus nie verlohren /
Durch deine List / den hellen Schein:
Die Tugend wird dennoch bestehen /
Wen du / und alles wirst vergehen.

Vermeynstu / daß nicht recht getroffen /
Daß auch dem weiblichen Geschlecht
Der Pindus[4] allzeit frey steht offen /
So bleibt es dennoch gleichwohl recht /
Daß die / so nur mit Demuth kommen /
Von Phoebus werden angenommen.

Ich darf nun auch nicht weitergehen /
Und bringen starcke Zeugen ein;
Du kanst es gnug an disem sehen /
Daß selbst die Musen Mägde sein:
Was lebet soll ja Tugendt lieben /
Und niemand ist davon vertrieben /

Gantz Holland weiß dir für zusagen
Von seiner Bluhmen[5] Tag und Nacht;
Herrn Catzen[6] magstu weiter fragen /
Durch den sie mir bekannt gemacht:
Cleobulina[7] wird wol bleiben /
Von der viel kluge Federn schreiben.

Was Sappho für ein Weib gewesen
Von vielen / die ich dir nicht nenn /
Kanstu bey andern weiter lesen /
Von den ich acht und fünffzig kenn /
Die nimmer werden untergehen /
Und bey den liechten Sternen stehen.

Sollt ich die Nadel hoch erheben /
Und über meine Poesey /
So muß ein Kluger mir nachgeben /
Daß alles endlich reisst entzwey;
Wer kan so künstlich Garn auch drehen /
Das es nicht sollt in Stücken gehen?

Bringt alles her auß allen Enden /
Was je von Menschen ist bedacht /
Was mit so klugen Meister Händen
Ist jemahls weit und breit gemacht /
Und laß es tausend Jahre stehen /
So wird es von sich selbst vergehen.

Wo ist Dianen Kirch geblieben?
Des Jupters Bild ist schon davon;
Sind nicht vorlengst schon auffgerieben
die dicken Mauren Babilon?
Was damahls teuer gnug gegolten /
 Wird jetzt für Asch und Staub gescholten.

Doch daß / was Naso hat geschrieben /
Was Aristoteles gesagt /
Ist heut bey uns noch überblieben /
Und wird auch nicht ins Grab gejagt /
Sie leben stets und sind gestorben /
Und haben ewigs Lob erworben.

Was uns die Schar der Klugen lehret /
Wird heut noch der Feder Macht /
Auff Fama[8] Pfeiffen angehöret
Und uns zur Nachricht fürgebracht /
Ihr Lob wird weit und breit erschallen /
Bis alles wird zu Boden fallen.

Laß nur / O Neid! dein Leumbden bleiben /
Ich weiß es ohn dich mehr als wol /
Wen ich nicht mehr Poetisch schreiben /
Undt dieses hinterlassen soll.
Ich wil mich in die Zeit wol schicken /
Du solt mich doch nicht unterdrücken.

Ich wil hinfüro GOTT vertrawen /
Von dem soll sein mein Tichten all /
So kan mich auch für dir nicht grawen /
Drum sag ich billig noch einmahl:
Wer GOTT vertrawt in allen Dingen /
Wird Weldt / wird Neidt / wird Todt bezwingen


[1] wider
[2] Meerwesen der griech.  Sage =Verführerin
[3] vorüber
[4] Sitz der Musen
[5] Anna Maria von Schurmann (1607-1678), niederländische Künstlerin und Gelherte
[6] Jacob Cats (1557-1660), niederländischer Dichter und Staatsmann
[7] Tochter eines der sieben Weltweisen (Cleobus von Lindus, um 600 v. Chr.), soll gedichtet haben und besonders geschickt im Verfassen von Rätseln gewesen sein.
[8] Ruhm
Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main