Dulcitius (Auszug) (Drama, Essay)

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This text was digitized and graciously donated to Sophie by Dr. Albrecht Classen, University of Arizona. This particular work has been extracted from Classen's Frauen in der deutschen Literaturtgeschichte; the full text is available on this site.

Die Leiden der hl. Jungfrauen Agape, Chionia und Irene (202–209)
 
die der Statthalter Dulcitius in der Stille der Nacht heimlich aufsuchte, um seine sexuellen Wünsche durch sie erfüllt zu bekommen. Doch kaum war er bei ihnen eingetreten, da verwirrte sich sein Sinn, und er umarmte und küßte statt der Jungfrauen Töpfe und Tiegel, bis sein Gesicht und Gewand mit abscheulichem Ruß geschwärzt waren. Darauf übergab er die Jungfrauen dem Grafen Sisinnius zur Folter–Bestrafung, der, gleichfalls auf wunderbare Weise in die Irre geführt, endlich Agape und Chionia zu verbrennen und Irene zu durchbohren befahl.
 
Personen:
 
Kaiser Diokletian, Dulcitius (Statthalter), Sisinnius, Agape, Chionia, Irene (drei Schwestern), Gemahlin des Dulcitius, Soldaten, Türhüter des kaiserlichen, Palastes
 
 
Im kaiserlichen Palast: Diokletian. Agape. Chionia. Irene.
 
Diokletian: Das große Ansehen eurer vornehmen Ahnen und eure außerordentliche Schönheit zwingen mich dazu, euch mit dem Höchstrangigen meines Hofes offiziell verheirate; was auf meinen Befehl hin sofort in die Wege geleitet werden wird, sobald ihr das Christentum zu verleugnen und unseren Göttern zu opfern bereit seid.
Agape: Diese Sorgen kannst du dir sparen, den Gedanken, unsere Vermählung vorzubereiten, laß fahren, da wir durch nichts dazu gezwungen werden können, Christi Namen nicht zu bekennen und unsere Keuschheit zu verletzen.
Diokletian: Was soll diese Dummheit! Sie kann euch überhaupt nicht nützen.
Agape: Was für eine Torheit hast du in uns entdeckt?


Diokletian: Offensichtlich eine große.
Agape: Worin besteht sie denn?
Diokletian: Vor allem habt ihr den alten Götterglauben aufgegeben und folgt nun dem neuen schlechten Aberglauben der Christen.
Agape: Du nimmst es dir ganz unverschämt heraus, die Macht des allmächtigen Gottes lächerlich zu machen!  Das ist gefährlich.
Diokletian: Für wen?
Agape: Für dich und das Reich, über das du herrschst.
Diokletian: Sie ist wahnsinnig—hinaus mit ihr!
Chionia: Meine Schwester ist nicht wahnsinnig; mit Recht wirft sie dir deine Torheit vor.
Diokletian: Diese ist  noch verrückter. Schafft sie mir aus den Augen! Bringt mir die dritte zum Verhör.
Irene: Auch die dritte wirst du störrisch finden und dir gegenüber unnachgiebig.
Diokletian: Irene, du bist jünger an Jahren, sei darum würdiger in deinem Verhalten.
Irene: Wie denn, sprich, ich bitte dich!
Diokletian: Beuge deinen Nacken vor den Göttern, sei deinen Schwestern ein Vorbild zur Umkehr und der Grund zu ihrer Befreiung.
Irene: Sollen sich die mit dem Götzendienst beflecken, die den Zorn des Herrschers im Himmel, der über die Donner Macht ausübt, auf sich ziehen. Ich werde mein mit dem königlichen Öl gesalbtes Haupt nicht schänden,  indem ich es vor Götterbildern beuge.
Diokletian: Die Verehrung der Götter bringt nicht Unehre, sondern höchste Ehre mit sich.
Irene: Welche Schande könnte schmählicher sein, welche Schmach größer, als daß ein Knecht oder ein Sklave wie ein Herr verehrt wird?
Diokletian: Ich fordere dich nicht dazu auf, Knechte zu verehren, sondern die Götter deiner Herren.
Irene: Ist der nicht ein Knecht, den man, weil er käuflich ist, von einem Künstler für Geld erwerben kann?


Diokletian: Diese geschwätzige Frechheit muß man ihr mit Strafen austreiben.
Irene: Das wünschen wir, danach sehnen wir uns, daß wir für unsere Liebe zu Christus mit Folterstrafen gepeinigt werden.
Diokletian: Legt diese Frechen, die sich unsern Befehlen widersetzen, in Ketten und schafft sie in den dunklen Kerker, bis der Statthalter Dulcitius sie ins Verhör nimmt.
 
 
                                                     II
 
                          Vor dem Kerker. Dulcitius, Soldaten
 
Dulcitius: Führt sie vor, Soldaten, bringt sie herbei, die ihr im Kerker bewacht!
Soldaten: Hier sind sie, wie befohlen.
Dulcitius: Himmel!  Wie schön, wie lieblich und hübsch sind diese Jungfrauen!
Soldaten: Außerordentlich!
Dulcitius: Ihre Schönheit beeindruckt mich sehr!
Soldaten: Das läßt sich nicht anders vorstellen.
Dulcitius: Ich brenne darauf, sie zur Geliebten zu nehmen.
Soldaten: Das wird dir kaum gelingen.
Dulcitius: Warum nicht?
Soldaten: Sie besitzen einen festen Glauben.
Dulcitius: Wie, wenn ich sie mit Schmeicheleien verführe ?
Soldaten: Das werden sie gänzlich verachten.
Dulcitius: Wie, wenn ich sie mit Folterstrafen erschrecke?
Soldaten: Das nehmen sie gleichmütig hin.
Dulcitius: Was ist also zu tun?
Soldaten: Bedenk es zuvor.
 


 
Dulcitius: Haltet sie in Gewahrsam im Innenraum der Vorratskammer, wo die Köche ihr Geschirr aufbewahren.
Soldaten: Und warum dort?
Dulcitius: Damit ich sie leicht öfters aufsuchen kann.
Soldaten: Wie du befiehlst.
 
                                                    III
 
                  Nachts vor dem Gefängnis: Dulcitius, Soldaten
 
Dulcitius: Was machen die Gefangenen jetzt in der Nacht?
Soldaten: Sie singen fromme Hymnen.
Dulcitius: Gehen wir näher heran.
Soldaten: Den hellen Klang ihrer Stimmen hört man schon von fern.
Dulcitius: Haltet mit euern Lichtern vor dem Eingang Wache; ich gehe hinein und werde meine Lust in ihren Armen stillen.
Soldaten: Geh hinein; wir warten hier.
 
                                                    IV
 
                            Im Kerker: Agape. Chionia. Irene
 
Agape: Was ist das für Lärm vor der Tür?
Irene: Der elendigliche Dulcitius. Er kommt herein.
Chionia: Möge Gott uns behüten!
Agape: Amen.
Chionia: Was bedeutet dieser Lärm von Töpfen, Tiegeln und Pfannen?
Irene: Ich will nachsehen. Kommt her, ich bitte euch! Schaut  durch die Ritzen!
Agape: Was passiert denn da?


Irene: Seht nur den Tor, ganz verwirrt im Kopf!  Er bildet sich ein, uns in den Armen zu halten!
 
Agape: Was tut er denn?
Irene: Er hält die Töpfe in seinem Schoß, dann umarmt er die Pfannen und den Krug und drückt ihnen süße Küsse auf die Henkel.
Chionia: Lächerlich!
Irene: Gesicht, Hände und Gewand sind so befleckt und mit Ruß bedeckt, daß der schwarze Tor aussieht wie ein Afrikaner.
Agape: Nur recht, daß er auch körperlich ein Abbild des Teufels ist, der seine Seele besitzt.
Irene: Jetzt wendet er sich zum Gehen.  Laßt uns schauen, wie ihn die Soldaten empfangen werden, die vor der Tür als Wache stehen.
  
 
                                                    V.
 
                         Vor dem Kerker: Dulcitius, Soldaten.
 
Soldaten: Wer kommt da heraus? Ein Dämon, ganz gewiß!  Oder gar der Teufel höchstpersönlich!  Fliehen wir!
Dulcitius: Wohin Soldaten?  Bleibt stehen!  So wartet doch! Bis zum Schlafgemach leuchtet mir noch!
Soldaten: Das ist die Stimme unseres Herrn, die da spricht, aber er sieht aus wie der Teufel! Rette sich wer kann!  Fort von hier! Das Schreckensgespenst will uns erschlagen.
Dulcitius: Na wartet nur, ich gehe zum Palast; dort will ich mich bei den Herren über die Beleidigung beklagen, die ich erlitten habe.
 
 
 
                                                    VI.
                Vor dem kaiserlichen Palast: Dulcitius. Türhüter.
 
Dulcitius: Wachen, führt mich in den Palast; ich habe dem Kaiser eine geheime Mitteilung zu machen.
Türhüter: Was will das greuliche und abscheuliche Ungeheuer in den zerrissenen und schwarzen Lumpen ? Mit Fäusten drauf los!  Wir wollen es schlagen und von der Treppe jagen!  Es soll sich hier nicht vorwagen.
Dulcitius: Weh, weh!  Was ist geschehen?  Ist mein Gewand nicht schön? Bin ich nicht prächtig anzusehen?  Und dennoch—wie vor einem Ungeheuer erschrickt jeder, der mich erblickt!  Ich eile zu meiner Frau; sie soll mir sagen, was sich mit mir zugetragen hat.
 
 
 
                                                   VII.
                                Dulcitius und seine Ehefrau.
 
Dulcitius: Ah, da kommt sie mit aufgelöstem Haar heraus und ihr folgt in Tränen das ganze Haus!
Frau: O weh, Dulcitius, mein Herr und Gemahl!  Was ist geschehen? Du bist nicht bei Sinnen; die Christen haben ihren Spott mit dir getrieben.
Dulcitius: Jetzt endlich merke ich es.  Sie haben mich mit ihren Zauberkünsten verhext.
Frau: Am meisten schäme ich mich, am schlimmsten bedrückt es mich, daß du nicht einmal gemerkt hast, was mit dir geschehen ist.
Dulcitius: Ich befehle, die dreisten Mädchen öffentlich zu entkleiden und nackt dem Volk vorzuführen; dann sollen sie ihrerseits die Macht unsrer Scherze spüren.
 


 
                                                  VIII.
Auf einem öffentlichen Platz: Dulcitius sitzt schlafend auf dem Richterstuhl.  Die Soldaten stehen ratlos vor den gefangenen Mädchen.
 
Soldaten: Vergebens bemühen wir uns mit aller Kraft.  Umsonst ist unser Fleiß!  Seht nur, die Kleider haften fest wie Haut an den Leibern der Jungfrauen, und er, der es befohlen hatte, sie zu entblößen—der Statthalter—sitzt da und schnarcht und ist durch nichts aus dem Schlaf zu wecken. Laßt uns zum Kaiser gehen und ihm berichten, was hier geschehen ist.
 
 
                                                    IX.
                              Im Palast: Diokletian. Hofleute.
 
Diokletian: Es empört mich sehr, daß, wie ich höre, der Statthalter Dulcitius so verspottet, so erniedrigt, so beleidigt worden ist. Damit aber diese abscheulichen jungen Huren nicht damit prahlen, ungestraft unsere Götter und ihre Verehrer lächerlich gemacht zu haben, werde ich den Grafen Sisinnius beauftragen, furchtbare Rache an ihnen zu üben.
 
 
                                                    X.
               Auf einem öffentlichen Platz: Sisinnius. Soldaten.
 
Sisinnius: Soldaten, wo sind sie, die frechen Mädchen, die gefoltert werden sollen?
Soldaten: Sie werden im Kerker festgehalten.
Sisinnius: Haltet Irene noch zurück; führt nur die beiden andern vor!
Soldaten: Warum macht Ihr mit ihr eine Ausnahme?


Sisinnius: Um ihr jugendliches Alter zu schonen. Sie mag leichter zu bekehren sein, wenn sie durch die Gegenwart ihrer Schwestern nicht eingeschüchtert wird.
So1daten: Wohl möglich.
 
 
                                                    XI.
                              Dieselben: Agape und Chionia.
 
Soldaten: Hier sind sie, die wir gemäß deinem Befehl zu dir bringen sollten.
Sisinnius: Agape und Chionia, paßt gut auf und folgt meinem Rat.
Agape: Was sollen wir denn tun?
Sisinnius: Bringt den Göttern ein Opfer dar.
Agape: Dem wahren und ewigen Vater und seinem, gleich ihm, ewigen Sohn und ihrer beider Heiligen Geist bringen wir ohne Unterlaß Gebetsopfer.
Sisinnius: Das möchte ich euch nicht raten; ich werde euch mit Strafen daran hindern.
Agape: Du wirst es nicht verhindern können.  Niemals werden wir den falschen Göttern opfern.
Sisinnius: Beendet den Trotz in eurem Herzen und überreicht den Göttern eure Opfer. Andernfalls lasse ich euch auf Befehl des Kaisers Diokletian töten.
Chionia: Es ist deine Pflicht, dem Befehl des Kaisers, uns zu töten, zu gehorchen; wir verachten, wie du weißt, seine Anordnungen; wenn du, um uns zu schonen, es aufschiebst, seine Befehle auszuführen, verdienst du mit Recht selbst den Tod.
Sisinnius: Zögert nicht, Soldaten, zögert nicht! Ergreift die Infamen und werft sie lebendig in die Flammen!
Soldaten: Rasch, laßt uns einen Scheiterhaufen errichten und die Verrückten den Flammen übergeben, um ihren Schmähungen ein Ende zu machen.


Agape: Deiner Allmacht, o Herr, ist es nicht unmöglich, zu bewirken, daß das Feuer seine vernichtende Kraft vergißt und Dir gehorcht.  Doch wir sind des Aufschubs überdrüssig; daher flehen wir darum, daß unsere Seelen aus den Fesseln befreit werden und daß unser Geist nach Vernichtung unseres Leibes, mit Dir vereint, im Himmelsraum jubeln möge.
Soldaten: O unerhört neues, staunenswertes Wunder!  Ihre Seelen haben den Körper verlassen, doch nirgends finden sich Spuren einer Verlet­zung—weder ihre Haare noch ihre Gewänder sind vom Feuer versehrt, geschweige ihre Leiber.
Sisinnius: Schafft Irene her!
 
 
                                                   XII.
                                        Dieselben.  Irene.
 
Soldaten. Hier ist sie.
Sisinnius. Laß dich durch den Tod deiner Schwestern abschrecken und vermeide es, so wie sie zu sterben.
Irene: Es ist mein Wunsch, wie sie dahinzuscheiden, auf daß ich es verdiene, mit ihnen die ewige Seligkeit zu genießen.
Sisinnius: Gib nach, gib nach! Ich rate dir!
Irene: Ich gebe nicht nach! Du drängst mich dazu, Sünde zu begehen.
Sisinnius: Wenn du nicht nachgibst, bestrafe ich dich nicht etwa mit einem raschen Tod—nein, ich werde ihn hinziehen und jeden Tag neue Folterqualen über dich verhängen.
Irene: Je ärger ich gefoltert werde, um so herrlicher werde ich erhöht.
Sisinnius: Du fürchtest die Folterungen nicht?  Doch vor einem wird dir grauen.
Irene: Was immer Schreckliches du über mich verhängen magst, mit Christi Hilfe werde ich dem entkommen.
Sisinnius: Ich werde dich ins Haus der Huren schaffen und dort deinen Leib schändlich entehren lassen.


Irene: Besser ist es, der Leib wird durch Sünden entehrt, als die Seele mit Götzendienst befleckt.
Sisinnius: Bist du erst den Dirnen zugesellt und entehrt, dann darfst du dich nicht länger der Schar der reinen Jungfrauen zuzählen.
Irene: Der Wollust folgt die Strafe zum Lohne; wen eine Notlage zwingt, der erwirbt die Märtyrerkrone.  Nur der wird schuldig erklärt, der freiwillig gesündigt hat.
Sisinnius: Vergebens schonte, vergebens bemitleidete ich ihre Jugend.
So1daten: Wir wußten es zuvor.  Durch nichts kann sie zur Verehrung der Götter bewogen werden, durch keine Schreckensdrohung ihr Starrsinn gebrochen werden.
Sisinnius: Nicht länger werde ich sie schonen.
Soldaten: Recht so.
Sisinnius: Ergreift sie mitleidlos und schleppt sie mit aller Gewalt fort!  Bringt sie ins Haus der Schande.
Irene: Sie werden das nicht tun.
Sisinnius: Und wer könnte es verhindern?
Irene: Derjenige, der die Welt mit Vorbedacht lenkt.
Sisinnius: Das will ich doch sehen.
Irene: Schneller als es dir lieb ist, wird es geschehen.
Sisinnius: Laßt euch nicht schrecken, Soldaten, durch die trügerischen Prophezeiungen dieser lügnerischen Person.
Soldaten: Wir lassen uns nicht schrecken, wir mühen uns eifrig, deinen Befehlen zu gehorchen.
 
 
                                                  XIII.
                                      Sisinnius.  Soldaten.
 
Sisinnius: Wer drängt hier herein?  Sind das nicht die Soldaten, denen wir Irene übergeben haben? Ja, sie sind's. Warum so schnell zurück? Wohin so atemlos?


Soldaten: Dich suchen wir.
Sisinnius: Wo ist sie, die ihr fortgeschleppt habt?
Soldaten: Oben auf einem Berggipfel.
Sisinnius: Auf welchem Gipfel?
Soldaten: Ganz in der Nähe.
Sisinnius: O ihr Toren, ihr Idioten, ihr Dummköpfe ohne jeden Verstand!
Soldaten: Was beschuldigst du uns, drohst uns mit Wort und Mienen?
Sisinnius: Die Götter mögen euch vernichten!
Soldaten: Was haben wir dir angetan? Was für ein Unrecht an dir begangen?  Worin sind wir über deine Befehle hinausgegangen?
Sisinnius: Habe ich euch nicht geheißen, die Götterverächterin an den verrufenen Ort zu schleppen?
Soldaten: Das hast du, und wir haben uns beeilt, deinen Befehlen nachzukommen, doch zwei unbekannte Jünglinge holten uns ein, die uns versicherten, von dir geschickt zu sein, um Irene auf den Gipfel des Berges zu führen.
Sisinnius: Davon weiß ich nichts.
Soldaten: Wir merken es.
Sisinnius: Wie sehen sie denn aus?
Soldaten: Ihre Kleider sind strahlend schön, sie selbst sehen ehrfurchtgebietend aus.
Sisinnius: Seid ihr ihnen gefolgt?
Soldaten: Wir folgten.
Sisinnius: Was haben sie getan?
Soldaten: Sie schlossen sich zur Rechten und Linken Irene an und befahlen uns dann, zurückzukehren, damit dir das Geschehen nicht verborgen bliebe.
Sisinnius: Nur rasch zu Pferde, um zu erfahren, wer jene waren, die uns so frech verspotteten.
Soldaten: Wir eilen mit!
 
 
 


                                                  XIV.
      Auf einem Felsengipfel steht Irene. Sisinnius und die Soldaten
                   bemühen sich vergeblich, zu ihr zu gelangen.
 
Sisinnius: Donnerwetter! Ich weiß nicht, was ich tun soll!  Das Christenpack bringt mich mit seinen Hexenkünsten noch um! Ich reite immer wieder um den Berg herum; entdecke ich dann einen Pfad, so führt er weder aufwärts, noch finde ich einen Weg zurück.
Soldaten: Auf seltsame Weise lockt man uns in die Falle, eine unnatürliche Müdigkeit lähmt uns alle. Läßt du diese Rasende nicht bald sterben, dann stürzt du dich und uns alle ins Verderben.
Sisinnius: Wer von den Meinigen es auch sei—er richte den Pfeil auf sie hin und durchbohre die Zauberin!
Soldaten: So gehört sich’s.
Irene: Unseliger, werde rot vor Scham! Sisinnius, werde rot!  Beklage deine schmähliche Niederlage, da du ein zartes Kind, eine Jungfrau, nicht ohne Waffenaufgebot zu besiegen vermochtest!
Sisinnius: Jede Schande werde ich leichter ertragen, wenn ich nur weiß, daß du sterben wirst.
Irene: Mich erfüllt höchste Freude, doch du mußt leiden, denn wegen deiner grausamen Strenge wirst du zur Höllenpein verurteilt sein; ich aber werde, mit der Märtyrerpalme und der Krone der Jungfräulichkeit geschmückt, das himmlische Brautzimmer des ewigen Königs betreten. Ihm gebühren Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit!
 
 
FRAGEN ZUM TEXT:

 
Auf welche Weise wird hier die dramatische Komik für religiöse Zwecke eingesetzt?
 
Welche religiöse und politische Bedeutung besitzen die Frauen im Vergleich zu den Männern?
 
Mit welcher Absicht hat die Dichterin dieses Märtyrer–Drama gestaltet?  Wen spricht sie damit an, und welche theatralischen, religiösen und literarischen Mittel setzt sie ein, um ihre Ziele zu erreichen?
 
Welches Selbstbewußtsein beherrscht die drei Frauen?
 
Wie wird die Beziehung zwischen dem weltlichen und dem geistlichen Bereich geschildert? 
 
Welche Funktion besitzt das Märtyerium der drei Frauen einmal für die christliche Kirche insgesamt, dann aber insbesondere für sie als Vertreterinnen ihres Geschlechts?
 
Welche pädagogischen Intentionen verfolgt hier die Dichterin?
 
Wie beurteilen Sie die dramatische Wirkung von “Dulcitius”?

Bibliographic Information
Editor: 
Dr. Albrecht Classen