Drittes Buch mit den historischen Epen Hrotsvithas (Story)

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This text was digitized and graciously donated to Sophie by Dr. Albrecht Classen, University of Arizona. This particular work has been extracted from Classen's Frauen in der deutschen Literaturtgeschichte; the full text is available on this site.

Hier folgt Hrotsvitha teilweise der klassisch–rhetorischen Tradition mit ihren Demutsformeln, teilweise gibt sie aber zu erkennen, wie stolz sie auf ihre Leistungen als Dichterin ist (285f.)
 
 
                                                Vorrede
Gerberg, der erlauchten Äbtissin, der wir wegen ihrer hervorragenden edlen Gesinnung nicht weniger Ergebenheit schulden als wegen ihrer königlichen Herkunft und Vornehmheit, entbietet Hrotsvitha aus Gandersheim ganz bescheiden als letzte der letzten, die unter dieser Oberhoheit streiten, was die Dienerin der Gebieterin schuldet.

O meine Herrin, der Glanz der vielfältigen Weisheit Eures Geistes strahlt weit!  Möge es Euer Gnaden nicht verdrießen durchzusehen, was, wie Ihr wißt, auf Euer Geheiß ist geschehen.

Ihr trugt mir auf, des Kaisers Lebensgeschichte, über die ich nichts durch Hörensagen in Erfahrung zu bringen vermochte, in ein Gedicht zu fassen. Ich vergoß dabei viel Schweiß; welche Schwierigkeiten sich meiner Unwissenheit entgegenstellten, ist Euch nicht unbekannt, wie ich weiß.  Mir standen nämlich weder alte Chroniken zur Verfügung noch gab mir jemand genaue mündliche Kunde.


Ich ging wie jemand, der ohne führende Hand seinen Weg durch einen großen Wald sucht, ohne zu wissen,wo die Pfade sind, verloren in der tiefen und weiten Wildnis, die tief verschneit ist.  Ohne Führer, nur von erhaltener Weisung belehrt, irrt er bald ab vom Weg, bald findet er unverhofft den rechten Steg, bis er in der Mitte des Dickichts stockt und ihn ein Platz zur ersehnten Ruhe lockt.  Dort hält er an und wagt, nicht weiter zu gehen auf dem Weg, bis ihn ein anderer überholt, ihm Bescheid sagt und ihm die Richtung anzeigt, oder bis er den Spuren eines Voraufgehenden folgen kann.  Nicht anders habe ich auf Geheiß auf dem weiten Feld der herrlichen Ereignisse verweilt, habe die Fülle der königlichen Taten schwankend und wankend beklommen durcheilt.  Noch ganz erschöpft davon, will ich am angemessenen Ort schweigen hinfort und mich nicht mehr wagen an einen Bericht über die kaiserliche Erhabenheit ohne Führung und Geleit.  Wenn ich nämlich angeregt durch sprachgewandte und glänzende Darstellungen, die zweifellos bald verfaßt werden, ermutigt worden wäre, dann gelänge es vielleicht, meine Unbildung zu verstecken und etwas zu verdecken.  Denn jetzt werde ich um so weniger von irgendeiner Seite geschützt, als mich kein Gewährsmann stützt.  So fürchte ich, man klagt mich wegen meiner Ver­wegenheit an, kaum, daß ich den Schlingen der Vorwürfe so vieler entgehen kann, weil ich, was andere wohl in pompöser Beredsamkeit mit feingeschliffenen Worten hätten gesagt, in ungepflegter Rede zu entehren gewagt.  Gesunder Menschenverstand aber, der überlegt und die Dinge recht erwägt, der sieht die Schwäche meines Geschlechts ein und auch sein Wissen, das entsprechend klein ist.  Um so leichter wird er dann verzeihen, zumal ich nicht mit böser Absicht, sondern auf Euern Befehl hin das Gewebe dieses Textes gesponnen und das Werklein begonnen habe.  Warum macht mir das Urteil fremder Leute Sorge?  Habe ich gefehlt, so unterstehe ich Euerm Tadel allein.  Warum sollte ich den Vorwürfen nicht entgehen können?  Mich in Schweigen zu üben, ist allein meine Pflicht, damit ich nicht, wenn ich eine Darstellung verbreite, die so schlecht ist, daß man sie niemanden zeigen darf, den Tadel aller verdiente mit Recht.  Euch und Eurem Vertrauten, dem Erzbischof Wilhelm, dem Ihr diesen unbeholfenen Versuch zeigen wollt, sei er zu eigen.  Euer beider Urteil gebe ich ihn anheim, einerlei, wie er ausgefallen sei.
 
 
                                               1. Prolog
 
Mächtiger Herr und Kaiser, gekröntes Haupt unseres Reiches,
Otto, vom ewigen König zur Herrschaft berufen,
regiert Ihr ruhmreich im Glanze von Krone und Zepter,
Ihr übertrefft alle früheren Kaiser an frommer Gesinnung,


Euch verehren die Völker überall rings auf der ganzen Erde,            5
und das Römische Weltreich beschenkt Euch mit vielerlei Gaben!
Mögt Ihr dies kleine Geschenk, mein Gedicht, nicht verschmähen,
möge dies Lob, der Euch zustehende Tribut, Euch gefallen,
den Euch die Geringste aus jener Schar darbringt, die in Gandersheim lebt,
die die fromme Absicht Eurer Vorfahren dort zusammenbrachte    10
und die seither Euch jederzeit Verehrung. entgegenbringt.
Möglich, daß manche den Ruhmesglanz Eurer Taten bereits geschildert                                                                          haben,        
viele werden ihn noch in Zukunft beschreiben,
doch hat mir keiner zu dieser Arbeit ein Vorbild geliefert,
auch boten mir früher verfaßte Bücher keine Belehrung.                15
Mich hat allein meine Ehrfurcht dazu gebracht, ein Werk
in Angriff zu nehmen, vor dem ich Angst hatte.
Freilich, ich fürchte, indem ich ein Gedicht von Euren Taten schuf,
ich vielleicht unbedacht Falsches sagte und das Wahre verfehlte;
nicht Vermessenheit hat mich etwa verleitet,                                   20
freiwillig habe ich niemals die reine Wahrheit verfälscht.
Alles sei genau so verlaufen, wie ich es hier melde,
so versicherten sie, die mir den Stoff zu der Niederschrift brachten.
Möge daher nicht des Kaisers erhabene Güte verschmähen,
was bescheidener Sinn und tiefe Ergebenheit bringen.                    25
Wenn Euch in Zukunft noch zahlreiche Schriften lobpreisen,
die, nach der meinen verfaßt, Euch auch gefallen werden,
möge dies Büchlein dann nicht das Geringste im Rang sein,
ist es doch als erstes und ganz ohne Vorbild entstanden.
Habt Ihr auch jetzt die Würde des Römischen Kaisers inne,            30
mögt Ihr gnädig erlauben, daß ich Euch noch “König” nenne,
denn ich beschreibe zunächst nur die Taten des Königs,
bis dann in richtiger Ordnung und würdiger Sprache
eine Beschreibung der zweiten Krönung folge—der Krönung zum Kaiser.
 



FRAGEN ZUM TEXT:
 
Welche Beziehung besteht zwischen Hrotsvitha und dem Kaiser?
 
Welche öffentliche Funktion gewinnt sie durch dieses Loblied?
 
Wie beurteilt sich Hrotsvitha selbst als Chronistin?
 
Welche Topoi (feste Redeformeln) setzt sie ein, um die poetische Qualität ihres Gedichts ins beste Licht zu rücken?
 
Was sagt Hrotsvitha über ihre Quellen aus?

Bibliographic Information
Editor: 
Dr. Albrecht Classen