Dornröschen (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Sie schläft so tief, so märchentief
Hinter schimmernden Rosenhecken –
Doch weiß ich: ob ihr mein Herz auch rief,
Ich kann sie nicht mehr erwecken!

Zur Seite sank das süße Gesicht,
Und in goldenen Locken fallen
Die Haare darüber – so weich, so dicht,
Gesponnene Sonnenstrahlen.

So zart ist sie, so märchenzart –
Eine Knospe, erst halb erbrochen;
Doch macht ein Grau'n ihre Züge hart:
Sie hat sich zu tief gestochen!

Zu tief – ach, bis ins Herz hinein,
Eh' sie sank in den starren Schlummer –
Das gab dem Antlitz den blassen Schein,
Und ihrem Lächeln den Kummer.

's ist still um sie, so märchenstill –
Warum graut mir vor diesem Schweigen?
Ich kann ihr ja rufen, wann ich will,
Mich küssend über sie neigen.

Umsonst! Was pochst du, Herz so wild,
Und ersehnst was nie ich doch wage?
Dein Glück ward zum ruh'nden Märchenbild,
Und meine Liebe – zur Sage!

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main