Die Töne (Poem)

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
------------------

Ihr tiefen Seelen, die im Stoff gefangen,
Nach Lebensodem, nach Befreiung ringt;
Wer löset eure Bande dem Verlangen,
Das gern melodisch aus der Stummheit dringt?
Wer Töne öffnet eurer Kerker Riegel? 
Und wer entfesselt eure Aetherflügel?

Einst, da Gewalt den Widerstand berühret,
Zersprang der Töne alte Kerkernacht; 
Im weiten Raume hier und da verirret 
Entflohen sie, der Stummheit nun erwacht,
Und sie durchwandelten den blauen Bogen 
Und jauchzten in den Sturm der wilden Wogen.

Sie schlüpften flüsternd durch der Bäume Wipfel 
Und hauchten aus der Nachtigallen Brust,
Mit muthigen Strömen stürzten sie vom Gipfel 
Der Felsen sich in wilder Freiheitslust. 
Sie rauschten an der Menschen Ohr vorüber, 
Er zog sie in sein innerstes hinüber. 

Und da er unterm Herzen sie getragen, 
Heist er sie wandlen auf der Lüfte Pfad 
Und allen den verwandten Seelen sagen, 
Wie liebend sie sein Geist gepfleget hat.
Harmonisch schweben sie aus ihrer Wiege
Und wandlen fort und tragen Menschenzüge.

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main