Die Puppe (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Liebe Puppe, 
Wohlfrisierte kleine Puppe,
Wie hast du es leicht! 
Du wendest das Köpfchen 
Nach rechts und nach links,
Du lächelst, du schmollst, 
Du weinst, du lächelst, 
Und wenn man dich aufzieht 
Am Knopf des Gefühlchens, 
Des einzigen kleinen 
Dir eignen Gefühlchens: 
Der Liebe zu dir, 
Zu dir, kleine Puppe, 
So tänzelst du zierlich 
Und neigst dich dankend 
Dem Schwarm deiner Freunde, 
Und äugst unter seidnen 
Gebogenen Wimpern, 
Ob du ihn nicht siehst, 
Den schmerzlich ersehnten,
Ergebenen Diener, 
Der an dem Knöpfchen 
Des einen Gefühlchens 
Dich liebevoll aufzieht 
Bis an dein Ende, 
Dein Puppenende.... 
Wir aber, entartet 
Und vielfach geschmäht,
Wir andern, wir Ernsten,
Wir Dunklen, wir Schweren, 
Wir Trägerinnen 
Geheimen Wissen 
Wir Deuterinnen 
Uralter Runen, 
Wir keuchen und brechen
Fast unter der Last 
Des gnädigen Schicksals,
Das sie uns gab, 
Unsre sehende Seele, 
Von der du nichts weißt. – 
O liebe Puppe, 
Wohlfrisierte kleine Puppe, 
Wie hast du es leicht!

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main