Die Kommenden (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Ein Kinderplatz, mit Sand und Russ bedeckt, 
von kläglich blassen Sträuchern eingeheckt.

Da wächst es auf, das kommende Geschlecht, 
das einst – vielleicht! – der Mutter Thränen rächt.

Dort baut es ahnend sich ein hartes Ziel – 
Das Leben reicht ihm Steine überviel –

Und – es ist närrisch – ob dem Geisterbau 
des Himmels zärtlichstes Septemberblau.

Von jener breiten Kinderstirne spricht 
ein schwarzes Trotzen: Und ich weiche nicht.

Ich weiss schon längst, was in der Welt so Brauch,
und wie es Vater macht, so mach' ich's auch. 

Mein Hass den Fetten an die Gurgel springt,
bis einst auch mich der blutige Strom verschlingt.

Dies Mädchen – wie ihr keck die Zunge geht – 
sie sprach wohl nie ein Kindernachtgebet –

Noch trägt sie unbewusst ihr Lumpenkleid, 
wie lange noch, dann kommt auch ihre Zeit.

Dann schlingt sie schmutzige Bänder sich ins Haar 
und bietet lachend ihre Reize dar. 
 
Und ein paar Jahre roher Lust – dann hat
der Tod sie lieb auf sündiger Lagerstatt....
 
Wie dieser Knabenmund so schmerzlich ist!
Ach, wenn ihn niemand als der Hunger küsst!
 
Die Mutter wunsch, bis sie zum Tode krank,
und als sie starb, da sprach sie: Gott sei Dank!
 
Ein altes Weib erstand den Knaben sich,
doch sie ist arm und hart und wunderlich.
 
Für ein Stück Brot in Morgennebelstund
läuft er sich Tag für Tag die Füsse wund.
 
Und Tag für Tag saugt von den Lippen ihm
den Frühlingssegen seines Cherubim.
 
Sein Engel schläft – und Engel schlafen fest.
Kein Kinderjammer, der sie wachen lässt. – – –

Wie wildes, fruchtlos starres Binsenrohr,
wächst so Geschlecht hier für Geschlecht empor.

Und jeder Mai entlockt dasselbe Laub 
den magern Sträuchern – blass bedeckt mit Staub.

Weit, weit davon predigt die Sonnenpracht: 
Ich bin das Licht, das alle glücklich macht.
 

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main