Die Katze (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Die Katze, die einer fand, in der Baugrube saß sie und schrie.
Die erste Nacht, und die zweite, die dritte Nacht. 
Das erste Mal ging er vorüber, dachte an nichts 
Trug das Geschrei in den Ohren, fuhr auf aus dem Schlaf. 
Das zweite Mal beugte er sich in die verschneite Grube
Lockte vergeblich den Schatten, der dort umherschlich. 
Das dritte Mal sprang er hinunter, holte das Tier.
Nannte es Katze, weil ihm kein Name einfiel. 
Und die Katze war bei ihm sieben Tage lang.
Ihr Pelz war gesträubt, ließ sich nicht glätten.
Wenn er heimkam, abends, sprang sie ihm auf die Brust, ohrfeigte ihn.
Der Nerv ihres linken Auges zuckte beständig. 
Sie sprang auf den Vorhang im Korridor, krallte sich fest 
Schwang hin und her, daß die eisernen Ringe klirrten.
Alle Blumen, die er heimbrachte, fraß sie auf.
Sie stürzte die Vasen vom Tisch, zerfetzte die Blütenblätter. 
Sie schlief nicht des Nachts, saß am Fuß seines Bettes 
Sah ihn mit glühenden Augen an. 
Nach einer Woche waren seine Gardinen zerfetzt 
Seine Küche lag voll von Abfall. Er tat nichts mehr
Las nicht mehr, spielte nicht mehr Klavier 
Der Nerv seines linken Auges zuckte beständig. 
Er hatte ihr eine Kugel aus Silberpapier gemacht 
Die sie lange geringschätzte. Aber am siebenten Tag 
Legte sie sich auf die Lauer, schoß hervor 
Jagte die silberne Kugel. Am siebenten Tag 
Sprang sie auf seinen Schoß, ließ sich streicheln und schnurrte.
Da kam er sich vor wie einer, der große Macht hat. 
Er wiegte sie, bürstete sie, band ihr ein Band um den Hals. 
Doch in der Nacht entsprang sie, drei Stockwerke tief 
Und lief, nicht weit, nur dorthin, wo er sie
Gefunden hatte. Wo die Weidenschatten 
Im Mondlicht wehten. An der alten Stelle 
Flog sie von Stein zu Stein im rauhen Felle
Und schrie.

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main