Die jüdischen Mädchen (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Die jüdischen Mädchen einer kleinen polnischen Ortschaft 
stürzten sich, nachdem sie von den eingefallenen Russen 
vergewaltigt worden waren, ins Wasser.

Mit dem Gesicht gegen die Mauer 
Liegt die kleine Channe in Krampf und Schauer.
Mitten in der Stube auf dem Boden sitzt Esther. 
Sie sieht nicht mehr auf die kleine Schwester.
Ein Tuch ist vor das Fenster gehängt, 
Und zwischen Tuch und Holzrand zwängt
Sich vom blauen Himmel ein Streifen. 
Auf den starrt Esther mit dunklen, reifen 
Augen, mit Augen fragend und groß. 
Ihre Hände lösen sich im Schoß.
Ihre Blicke bleiben in den Streifen stehen.
Sie sinnt, hat sie dies helle Blau schon gesehen? 
Als sie draußen ging mit ihren Schwestern, 
Vor tausend Jahren oder gestern?
Es ist anders, es ist so neu. 
Sie sieht es mit Augen schauernd und scheu. – 
Die Türe geht auf. Gehüllt in dichte Falten 
Kommen zwei Mädchen, die sich an Händen halten
Sie treten vor Esther und blicken scheu zur Erde
Und klagen mit stummer Gebärde. 
Und Esther nickt. – Und andre Mädchen kommen herein, 
Manche mit Schluchzen und Schrein, 
Manche schäumend vor Haß und Zorn, 
Manche starr wie im Traum verlorn.
Eine dunkle, blitzäugige schreit: 
"Wir schleichen ihnen nach. Sie sind nicht weit. 
Wir werfen Bomben auf ihre Schienen, 
Legen in ihre Quartiere Minen. 
Ich werde Gift mischen in ihre Speisen. 
Ich will sehn, wie ihre Blicke brechen und vereisen." 
Sie wirft sich hin und schlägt mit den Fäusten die Dielen. 
Esther beugt sich nieder, ihre Stirn zu kühlen. 
Die Anderen stehen wartend um sie her.
Sie sitzt auf dem Boden groß, ernst und schwer.
Mit dem Gesicht gegen die Mauer
Zuckt die kleine Channe in Krampf und Schauer.
Esther sieht in den Streifen Licht
Und spricht:
"Aber man hat uns genommen, 
Als wären wir eine tote Erdmasse, 
Durch die fremder Wille sich reißt eine Gasse, 
Eine Gasse, drin zu wühlen und zu treten –
Und läßt sie dann liegen. – Da hilft kein Beten." 
Esther schweigt fragend. Aber alle sind still. 
Alle horchen, was Esther will. 
Nur eine zitternde Stimme sagt: "Ich bin ganz leer.
"Esther, ich habe keine Seele mehr." 
Esther lächelt weh mit hellem Gesicht 
Und spricht: 
Die Seele, die wir von Gott in uns tragen, 
Können Menschen nicht zertreten und zerschlagen.
Aber sie will sich vor Scham verstecken, 
Denn ihre Hülle hat häßliche Flecken.
Ich weiß nicht, warum das ist und kam.
Aber unsre Seele versteckt sich voll Scham. 
Wir wollen nicht, daß unsre Seelen sich verstecken.
Unsre Seelen sollen sich stolz hochrecken.
Wir wollen nicht, daß sie weinend am Boden liegen.
Unsre Seelen sollen jauchzen und auffliegen. 
Wer hilft unsren Seelen von ihrem Weh?
Wir müssen reinwaschen die Hüllen draußen im See."
Esther nimmt von der Bank das zuckende Kind 
Und drückt es an sich fest und lind. 
An ihre Wange preßt sie das kleine Gesicht, 
Aber anschauen kann sie es nicht. – 
Und als sie kamen ans dunkle Wasser,
Da wurde Manche noch stiller und blasser. 
Esther sieht Klein-Channe ins Gesicht.
Es ist, als ob etwas in ihr zerbricht.
Und Esther spricht: 
"Vater, wir bitten Dich, laß unser Leben 
Weiter über dem Wasser hier schweben. 
Mir ist so angst, daß wir ganz vergehn,
Und Klein-Channe kann Sonne und Wald nie mehr sehn.
Wir sind so jung, und wir sterben nicht gern.
Und Du bist so hoch und bist so fern.
Wenn Du kannst, nimm uns in Dich hinein!
Mach uns leicht und hell! Sieh, wir waschen uns rein."

Und dann sind sie ins Wasser gegangen. 
Mit den Armen hielten sie sich umfangen.

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main