Die gelbe Schlange (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Ich war ein Mädchen auch im Traum.

Und meine Brüste lagen, helle Inseln, 
Auf jeder eine kleine braune Stadt 
Mit spitzem Turm 
Und rot geheimer Ströme unterirdnem Rinseln.

Wann werden weiße Quellen aus den Steinen brechen?

Die Schlange zuckte 
Ungesehn durch Kraut. 
Ach, alle Moose, die sie grüßte, 
Verrotteten. 
Ihr Leib ließ eine Wüste. 
Baumgrün vergilbte vor der gelben Haut.

Die gelbe Schlange kam. 
Sie zog sich über Meer 
Und sank in Grund, 
Wo seltsam bunt und schwer 
Tierblumen an verfallnen Schiffen saugen
Mit zähnelosem Mund.

Sie schlich 
In meine roten Grottenflüsse ein.
Sie lächelte. 
Die kleine Stadt ward krank,
Zermürbte, wich.
Ihr stolzer Wartturm sank 
Tief in ein Weiches ein.

Die Insel, einmal glücklich schön 
Mit Hügelkuppe und mit sanfter Bucht 
Um vieler Wellen blitzendes Getön,
Hing müd in See.

Wie überreife, halbvermulschte Frucht.

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main