Die Ablehnung des Frauenstimmrechtes in Frankreich (Essay 1922)

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Frankreich ist das Geburtsland des Feminismus. Er entstammt dem heißen Boden der großen Revolution. Ein Kind des französischen Volkes, Marie Gouze, Fleischerstochter aus Montauban, bekannt unter ihrem stolzen Pseudonym Olympe de Gouges, hat in ihrer Declaration des droits de la femme als erste ihres Geschlechtes die Grundsätze der Gleichberechtigung formuliert. Am häufigsten zitiert wurde der Artikel 10 der berühmten Deklaration: "La femme a le droit de monter sur l'echafaud: elle doit avoir également celui de monter à la tribune." Olympe propagierte unbewußt, denn sie kannte sie kaum, die lichtvollen Lehren des großen Anwaltes der Frauen Condorcet. Frauenklubs, Sociétés des deux sexes, weibliche Abordnungen, die vor den Schranken der Volksvertretung erschienen, kamen damals auf. Aus Frankreich holte die reizvolle Engländerin Mary Wollstonecraft die Inspiration zu ihrem Buch "Vindication of the rights of women". Aber Frankreich, die Wiege der Freiheit, war zugleich das gelobte Land romanischer Ritterlichkeit, die dem weiblichen Geschlecht Weihrauch streut, ihm zeremonielle Vorrechte einräumt und trotzdem – nach einem Wort der Olympe de Gouges aus der Vorrede zu ihrem Drama "Le Philosophe corrigé" – der Frau nur "niedrige Mittel" läßt, um aus der Armut aufzusteigen. Schon der Berg im Nationalkonvent war antifeministisch. Die neuen Bestrebungen der Frauen erschienen den Jakobinern im Herbst 1793 verwandt und verbunden teils mit dem aufkeimenden Sozialismus, teils mit dem gleichverhabten "Moderantismus", der Richtung der Gemäßigten. Darum wurden sie unterdrückt. Die nötigen Argumente lieferten das Wohl des Staates und die Ritterlichkeit. Der Einfluß Condorcets, der gewarnt hatte: "Niemals darf das Wohl des Staates in Widerspruch gebracht werden mit dem Recht", wirkte längst nicht mehr. Die Sperrung der "staatsgefährlichen" Frauenklubs wurde verhängt, keine weibliche Deputation vom Konvent mehr zugelassen. Der gefürchtete Chaumette wird rührselig, als er die Ausschliebung der Frauen vom politischen Leben verlangt. Er läßt die Natur selbst sprechen, wie Sokrates die Gesetze, und legt ihr die Worte in den Mund: "Seid Frauen! Die zarte Sorgfalt für die Kinder, die Einzelheiten der Hauswirtschaft, die süßen Sorgen der Mutterschaft, das ist eure Arbeit. Aber eure emzige Beschäftigung verdient eine Belohung. Ihr sollt sie haben. Ihr werdet die Göttinnen des häuslichen Heiligtums sein, ihr werdet über alles herrschen, was euch umgibt, durch den unbesiegbaren Zauber der Anmut und Tugend." Saint-Just wies dem schöneren Geschlecht die Aufgabe zu, ein Schmuck der Nationalfeste zu sein. Und dies zu einer Zeit, wo die Frauen der Konskribierten stundenlang vor den Bäckerladen standen, schwächliche Kinder an der Hand und auf dem Arm, wie es Anatole France in seinem Meisterwerk "Die Götter dürften" geschildert hat und wie es uns der Weltkrieg schaudernd selbst erleben ließ. Die scheinheiligen Argumente der französischen Schreckensmänner sind seither in so mancher Frauenrechtsdebatte, durch äußerliche Zutaten variiert, aufs neue erschienen. 

Als vor kurzem der franzözische Senat über die Einführung des allgemeinen Frauenstimmrechtes beschließen sollte, die in der Kammer bereits angenommen war, erklärte sich der Präsident der mit der Vorberatung betrauten Kommission im Sinne seines Referenten gegen das Gesetz, und zwar "im Interesse der Frauen". Ein anderes Mitgleid des französischen Oberhauses sprach von der Heiligkeit der Familie. Wohl sei die Mutter ihr geweihter Mittelpunkt, aber der Mann ihr Haupt. Dem Geiste des offiziellen Neu-Frankreich entsprechend meinte er, das Stimmrecht komme nur dem Bürger zu, der berufen ist, die Waffen zu tragen. Aber die Familie sei die Zelle der Nation, es wäre angemessen, sie zu festigen, indem man jedem Familienvater so viel Stimmen gibt, als er Kinder hat. Die Wirksamkeit dieser Maßnahme mag dahingestellt bleiben. Sie konnte im Senat nicht erörtert werden, denn dem Antrag der Komission wurde Folge gegeben, das Eingehen in die Spezialdebatte abgelehnt. Der Minister des Innern hatte sich auf die Erklärung beschränkt, er sei befugt, im Namen der Regierung festzustellen, daß sie der Spezialdebatte nicht entgegenstände. Eine solche Opposition wäre für den Regierungsvertreter allerdings schwer möglich gewesen, da ein kürzlich abgehaltener Ministerrat sich für die Erteilung des Stimmrechtes an Kriegerwitwen und Gemeindewählerinnen ausgesprochen hat. Die Majorität für die Ablehnung war bekanntlich nicht groß, sie betrug 156 Stimmen gegen 134, welche die Spezialdebatte verlangten. Allerdings zählen zu den letzteren auch alle Anhänger eines eingeschränkten Frauenstimmrechtes und die Befürworter des erwähnten vote familial, das heißt des politischen Privilegiums kinderreicher Väter. Mit diesem Votum des Senats ist das Gesetz, das der Französin volles Bürgerrecht erteilen sollte, vorläufig beiseite geschoben. Das negative Ergebnis der Abstimmung bedeutet einen neuen Sieg desselben Geistes, der sich einst im Konvent gegen die Frauenrechte geltend gemacht hat. Staatsräson und jene traditionelle "Ritterlichkeit," die, wie der Name bekennt, in feudalen Anschauungen wurzelt, haben sie verursacht. Der Kultus der Frau, dessen Reiz und Vorzüge nicht zu leugnen sind – danken wir ihm doch von der Epoche des Minnessangs bis weit in die Neuzeit manche leuchtende, duftige Kulturblüte – dieser Kultus ist durch die Geistesrichtung, die er schuf, heute noch ein Hemmnis für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Ritterlichkeit im herkömmlichen Sinne huldigt der Frau und läßt sie zugleich verkümmern. Nur allmählich vollzieht sich die völlige Verdrängung des mehr oder weniger fingierten Frauendienstes durch die vernünftige Achtung vor der Mutterschaft und der Selbständigkeit des weiblichen Individuums. Naturgemäß blieb der traditionelle Geist im Senat länger lebendig als in der Deputiertenkammer. Diese votierte für das Frauenstimmrecht, jener lehnte es ab – "im Interesse der Frauen".
     
Auch die Staatsräson dürfte an der denkwürdigen Abstimmung im Senat teil haben. Der sozialistische Senator Flaissières sprach knapp vor Schluß der Generaldebatte in warmen Worten für das Frauenrecht. Er betonte die Hoffnung, daß weibliche Abgeordnete das blutige Gespenst des Krieges fernhalten werden. Diese Begründung hat vielleicht manches Senatsmitglied in seinem Widerstand gegen das Gesetz bestärkt. Was den Jüngern Robespierres der Moderantismus war, das ist der Pazifismus von heute den Anhängern nationalistischer Kriegsbereitschaft. Die Gewähr für den Frieden, die der Senator Flaissieres im Frauenstimmrecht erblickt, bedeutet wohl vielen seiner Amtsgenossen eine Gefahr. Sie fürchten die Verweichlichung, die Abneigung gegen das Stahlbad des Krieges, den "Humanitätsdusel". Dieses in Deutschland geprägte Wort könnte in entsprechender Uebersetzung auch in Frankreich Verwendung finden. Die Bezeichnung ist neu, der Begriff alt. Camille Desmoulins fiel als Opfer seines Humanitätsdusels. Daß die erwähnte Besorgnis das Urteil der Senatoren beeinflußte, geht daraus hervor, daß im Laufe der Generaldebatte mit Nachdruck hervorgehoben wurde, mindestens sei der Zeitpunkt für die beabsichtigte Reform schlecht gewählt. Seit Fahren droht Europa in Blut, Hab und Not zu ersticken, und noch immer glauben so viele, das einzige Heilmittel, Menschlichkeit, bringe Gefahr.
     
Ob der Einzug weiblicher Abgeordneter in die französische Volksvertretung gegenwärtig wirklich eine Abschwächung des Siegerübermutes gebracht hätte, läßt sich wohl kaum mit Bestimmtheit annehmen. Die weiblichen Deputierten sind in Fraktionen geteilt wie die Männer. Chauvinismus, Kriegsverherrlichung gab und gibt es auch in ihren Reihen. Gewiß, eine weibliche Elite aller Nationen wirkt für die Völkerverständigung, innerhalb und auberhalb des Rahmens politischer Parteien. Aber zumal in Frankreich das vom Krieg so schwer heimgesucht worden ist wie kein anderer der Siegerstaaten, dürfte jetzt auch eine große Zahl von Frauen scharf nationalistisch gesinnt sein. Trotzdem ist die Verweigerung des Frauenstimmrechtes durch den Senat, seine Ablehnung, in die Spezialdebatte einzugehen, und auf diese Weise Amendements, Kompromißvorschläge möglich zu machen, als ein trauriges Symptom der Reaktion zu beklagen.
     
Die Abstimmung ging unter lebhafter Bewegung vor sich. Maria Vérone, die auch in Wien bekannte Juristin, rief nach der Verkündigung des Ergebnisses aus einer Loge in den Saal: "Vive la République quand même!" Sie wurde sofort veranlaßt, das Haus zu verlassen. Drauben warteten viele ihrer Gesinnungsgenossinnen. Die heimkehrenden Senatoren bekamen Aeußerungen des Unwillens zu hören, Rufe der Sehnsucht nach dem vorenthaltenen Recht. Kein Zweifel, es wird in absehbarer Zeit gewährt werden müssen. Wenn seine Ausübung auch ein- oder das anderemal eine Stärkung der Reaktion bedeuten sollte, es dient letzten Endes doch dem Fortschritt, "Vive le vote des femmes quand même!" könnte Maria Vérone dann rufen – es lebe das Frauenstimmrecht trotz alledem.

Berta Pauli

Bibliographic Information
Publication Date: 
4 December 1922
Publication Place: 
Austria
Number of Pages: 
1 page(s)