Des Adlers Horst - Oper in 3 Akten (Drama, Opera, 1832)

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 [1]
Des Adler’s Horst.
Romantisch – komische Oper in 3 Akten
 
Von
 
Karl von Holtei.
In Musik gesetzt von Franz Gläser.
 
Der verehrten Frau
Johanna Schopenhauer
in aufrichtiger Dankbarkeit
gewidmet
vom
Verfasser.
 
Eduard Bloch.
Theater-Buchhändler in Berlin.
Brüderstraße 2.
 
[2]
Personen.
 
Vater Renner,Baudenwirth.
Veronica, seine Frau.
Anton,beider Sohn.
Marie,ihre Pflegetochter.
Rose.
Richard,herrschaftlicher Förster.
Cassian,
Lazarus,         Pascher.
Chor von Landleuten.
Pascher.
 
Das Stück spielt im schlesischen Gebirge.
 
[3]
Erster Akt
 
Scene: Wiesenschlucht, auf hohem Gebirge; den Hintergrund füllen hohe Felsen, die weit über die Suffiten <<The underside of a structural component, such as a beam, arch, staircase, or cornice>> hinauszusteigen scheinen. An den Fuß derselben lehnt sich ein hölzernes Haus (im Hochgebirge: Baude genannt), welches die ganze Breite des Theaters einnehmen kann. Diese Baude <<mountain hut, mountain inn>>hat einen großen Mittel Eingang, der gewöhnlich offen bleibt und durch welchen man nach innen in den geräumigen Hausflur sehen kann. Der Flügel des Gebäudes (dem Schauspieler) rechts führt zur Wohnung der Baudenleute; der links birgt die Stallungen. Die Kulissen müssen mehr Felsen, als Bäume seyn.
 
 
Erster Auftritt.
(Wenn der Vorhang aufgegangen, sieht man Rose von der linken Seite der Bühne auftreten, mit der Pantomime der Besorgniß, als ob sie sich verspätet haben könnte. Sie eilt nach dem Hause, um sich zu überzeugen: ob noch Alles schläft. Dann, beruhigt, öffnet sie leise die Hausthür und beschäftigt sich nun im Flur, theils mit der Ordnung ihres Anzugs, ihrer Haare etc., theils mit ihren Arbeiten, als Magd. Sie geht, kommt, mit Gefäßen u. s. w., die sie nach dem Stall trägt, bringt Heu vom Boden, und unterbricht durch diese Beschäftigung die nachfolgenden Strophen, die sie immer außerhalb der Baude singt:)
 
                        Die Sonne,
                        Sie krönt in reinem Glanz,
                        Die Berge mit dem heil’gen Kranz
                        Der neuen Morgenwonne;
                        Ja, Alles freut sich der Sonne!
 
4
 
                        Die Sonne,
                        Mir weckt sie tiefen Gram,
                        Mein Angesicht erglüht in Schaam;
                        Mir bringt sie Schmerz, nicht Wonne; -
                        Ach weinend flieh’ ich die Sonne!
 
                        Die Sonne; -
                        Ihr Himmelsfeuer rinnt
                        Auch Segnend auf mein armes Kind;
                        Sie giebt ihm Lebenswonne,
                        In Demuth preis’ ich die Sonne!
 
(Sie kehrt nun zum dritten Male aus dem Hause zurück.)
 
Recitativ.
                        Weh’ mir!
                        Keiner Hoffnung Blüte,
                        Keines Lichtes Schimmer
                        Fällt in meine Nacht. –
                        Düster und bang der Zukunft Weite,
                        Angst, Noth, - Verzweiflung
                        Tod – und Grab!
 
(Unterdessen sind die Baudenleute: Renner, Veronica, Marie, Anton, aus dem Wohnzimmer getreten und haben sich im Hausflur zusammengestellt. Sie falten die Hände und beginnen das nachfolgende Gebet, in welches Rose, von den frommen Klängen ergriffen, wie wider ihren Willen mit einstimmt.)
 
            Der Morgen strahlt, es schwand die Nacht,
            Hab’ Dank, o Herr, für Deine Macht:
            Du nahmst der Nacht ihr Graun und Pein,
            Drum wollen wir den Tag Dir weihn.
 
                                    Alle (gehen an ihre Geschäfte.)
 
                                    Rose (allein).
                        Und sey das Herz auch ganz verlassen
                        Von allem Trost, von allem Glück;
                        Man kann das Leben doch nicht hassen,
                        Erhebt man himmelauf den Blick.
                        Da säuselt aus der blauen Ferne
                        Ein Hauch herab; die Sorge ruht; -
                        Des Tages Licht, der Schein der Sterne,
                        Erfüllt mit Frömmigkeit und Muth!
 
5
 
                        Dort unten, wo die Wälder steh’n,
                        Wo ihn hohen Wipfel weh’n,
                        Dort unten, in der Tannen Grün,
                        Da wird er zieh’n;
                       
                        Im düstren Walde, wild, allein;
                        Er schweift umher; gedenkt er mein?
                        O rausche, Wald, empor und sprich:
                        Vergaß er mich?
 
                                    Verrathen, verlassen,
                                    In Jammer und Noth,
                                    Wohl sollt’ ich ihn hassen,                                                                 
                                    Wie Pflicht mir gebot;
                       
                                    Ach hätte der Schmerz          
                                    Gebrochen mein Herz;                       
                                    Verrathen – und doch
                                    Lieb’ ich ihn noch!
 
                        O rausche, Wald, empor und sprich:
                        Vergaß er mich?
 
Zweiter Auftritt.
Ueber dem Dache der Baude, auf schmalem Felsensteige, welcher quer über führt, erscheint Cassian.
 
            Rose (blickt erschreckt und staunend zu ihm hinauf).
 
                                    Cassian. (Lied.)
                        Mit grünem Laub’zu kränzen
                        Das Leben, wie den Hut,       
                        Durchschweifen wir die Gränzen,
                        In Frohsinn, Lust und Muth;
                        Wir haben keine Sorgen,
                        Wir fürchten keine Macht;
                        Der Abend ist uns Morgen,
                        Der Tag ist unsre Nacht!
            (Erblickt sie.) Ha, Marie, grüß’ Dich Gott, ich komm’ gleich! Die Luft ist doch rein? (Er verschwindet oben.)
 
            Rose. Ein Fremder? Ein Jäger, wie es scheint!?
 
                                    (Sie eilt in die Baude.)
 
6
 
            Cassian (tritt auf die Bühne, aus der Seite.)
Zweite Strophe.
                        Was drunten auf der Erde
                        Die Menschen engt und drückt,
                        Uns macht es nie Beschwerde,
                        Nur weil uns Freiheit schmückt.
                        Ja, frei ist unser Wandel,
                        Und wer uns „ Diebe“ nennt,
                        Der zeigt, daß er den Handel
                        Und seinen Werth nicht kennt.
 
            Wo ist sie denn geblieben? – Ich glaube gar, sie hat vor mir eine Retirade angetreten? – Marie, was fällt Dir ein? - - Sieh’ da, ein neues Gesicht, aber auch nicht übel; ganz nach meinem Geschmack. – Was der alte Vater Renner doch immer für saubre Mädchen in seine Dienste nimmt; wundert mich auch, daß seine Veronica ihm dagegen keinen Einspruch thut. – (Nach dem Hintergrunde) Mein Schatz, warum läufst Du vor mir? Ich bin ein alter Freund vom Hause! – Nu, versteck’ Dich nicht, komm’ nur heraus, daß man Dich bei gehörigem Lichte betrachten kann.
                        (Er zieht sie, trotz ihres Widerstrebens vor.)
 
            Rose. Die Arbeit –
 
            Cassian. Wird Dir nicht davon laufen, wie Du vor mir. Seit wann lebst Du denn auf einem so hohen Fuß, 2000 Ellen über der Erde? Ich hab’ ja noch gar nicht das Vergnügen gehabt, Dich hier zu sehen.
 
            Rose. Nur seit zwei Tagen!
 
            Cassian. Also noch ein Fremdling auf den Bergen! – Und wo kommst Du denn her, mein Engel?
 
            Rose (sehr verlegen). Drüben aus dem Böhmischen.
 
            Cassian. Warum so verlegen; ’s ist ja kein Unglück und keine Sünde. – In meinem Leben ist mir ein so furchtsames Ding noch nicht vorgekommen.
            Mädel, das geht hier oben nicht an. Hier sind immer viel Leute: bald komme ich und meines Gleichen; bald kommen Dorfleute von unten ’rauf, um Heu zu machen für den
 
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Winter; bald kommen gar Fußreisende aus den Städten, die sich verwundern wollen, daß der liebe Gott die Berge höher gemacht hat, als die Thäler und die gar nicht fertig werden können, die Schönheit der Natur und den Wohlgeschmack der Forellen als Beweise der Allmacht anzuführen. Aber alle, die kommen, mein Kind, sind hinter einem solchen Berg-Wiesen-Blümlein her, wie Du bist. Und das erste was man thut, wenn man in der Baude <<a herdmens hut>> ankommt, ist, eine Umarmung und einen Kuß einzufordern. –(Er umarmt sie, obgleich sie sich weigert).
 
 Dritter Auftritt.
Vorige. Anton.
 
            Anton (der ihn wegschleudert). Fort, was untersteht Er sich – ach, seyd Ihr’s, Cassian? – Guten Morgen.
 
            Cassian. Du hast eine verhenkerte <<troublesome>> Manier, guten Morgen zu sagen, Kuhhirt! Glaubst Du denn, daß ich meine Schultern nicht mehr brauche? Auf denen muß ich noch viel Kaffee und Zucker hinüber paschen, eh Ihr wieder einschneit hier oben.
 
            Anton. So lass’ unsere Leute zufrieden! Was hast Du für ein Recht an Rose?
 
            Cassian (für sich). Aha, pfeift die Schalmei aus dem Tone?(Laut). Hör mal, Anton, hast Du die Dirne in Dienst genommen oder Dein Vater?
 
            Anton. Ich?
 
            Cassian. Ja, zum Teufel, Du oder er? Mach’ doch nicht ein solches Schafsgesicht, Junge. Ich denke, wenn sie Dein Vater genommen hat, so verlangt er nichts von ihr, als daß sie Kuh und Ziegen füttert, melkt, die Milch besorgt und ihren Dienst thut. Das übrige ist nachher ihre Sache und Ihr habt Euch um nichts zu scheeren <<complain about>>, am allerwenigsten bei Gästen, die soviel Geld hier sitzen lassen, wie ich und meine Kameraden.
 
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(Terzett <<trio>> nachher Quartett.)
 
Anton.
            Sie ist so zart, so sanft, so lieblich,
            Ich schütze sie vor jedem Leid.
 
Rose(indem sie gehen will).
            Ich dank’ Euch.
 
Cassian (sie haltend).
                                    Bleib! Das ist nicht üblich;
            Und Anton ist nicht wohl gescheidt.
            Wir wollen noch ein Bischen Kosen!
 
(Er hält sie fest und plaudert leise mit ihr).
           
Anton (für sich).
            Ach, wie mich seine Kühnheit kränkt!
            Ich wär’ wie gern, allein mit Rosen,
            Und früge, was sie von mir denkt?
 
            Ja, seh’ ich sie, erglüh’n die Wangen;
            Sie hat ein lieblich Angesicht.
            Oft möcht’ ich zärtlich sie umfangen,
            Und schau’ sie an – und wag’ es nicht!
 
Rose.
            Ich fühl’ es wohl, mir glüh’n die Wangen,
            Verlegen ist mein Angesicht.
            Ach, wär’ ich ihnen doch entgangen!
            Ich möchte flieh’n und wag’ es nicht!
Cassian
            Es glühet Zorn auf seinen Wangen;                            Zusammen
            Er liebt sie, jener junge Wicht?
            Was kümmert’s mich? Bin ich gegangen,
            Dann mag er sprechen, eher nicht!
Anton.
            Ja, seh’ ich sie, erglüh’n die Wangen;
            Sie hat ein lieblich Angesicht.
            Oft möcht’ ich zärtlich sie umfangen,
            Und schau’ sie an, - und wag’ es nicht.
 
Cassian.
            Mein holder Hirtenknabe,
            Hier weiß ich keinen Rath;
            Ich halte, was ich habe,
            Denn sieh’, ich war Soldat!
 
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            Nicht oft, ich muß gestehen,
            Blüh’n Rosen, dieser gleich!-
            Doch morgen werd’ ich gehen,
            Dann kommt die Reih’ an Euch!
 
Rose (sich losmachend).
            Ihr seyd zu frech, nicht will ich’s leiden!
 
Cassian.
            O süßes Kind-
 
Rose.
                                                Zurück von mir!
 
Anton.
            Nun ist’s genug!
 
Cassian (lachend).
                                                Ja, von uns beiden
            Erwählen mußt Du einen Dir.
 
Anton.
            Gleich räumt den Platz!
 
Cassian(sich breit hinstellend).
                                                            Du siehst, ich fliege!
 
Rose (zu Anton).
            Seyd still!-
 
Anton.
                                    Jetzt reißt mir die Geduld!
 
Cassian.
                        Geh’ Bürschchen, weide Deine Ziege!
 
Anton(auf ihn losstürzend).
                        Du willst mich höhnen?
 
Cassian.
Deine Schuld!
(Sie wollen eben handgemein werden, als)
 
Vierter Auftritt.
Veronica(heraustritt). Vorige.
 
Veronica.
                        Was muß ich seh’n?!
                        Ihr wollt Euch schlagen?
 
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Cassian(loslassend).
            Hat nichts zu sagen;
            's wär’ gleich gescheh’n.
 
Rose(für sich).
            Ich möchte sprechen,
            Und weiß nicht was?
 
Veronica (die Hände zusammenschlagend).
            Den Hals Euch brechen?
 
Cassian.
            Es war nur Spas!
 
Veronica.
            Es war nur Spas?
 
Cassian. Anton. Rose.
            Es war nur im Scherzen,
            Es ging nicht von Herzen,
            Es war nur ein Spas.
 
Anton. Cassian.(Leise.)
            Doch find’ ich Dich wieder,
            Dann wahr’ Deine Glieder,
            Ich denke Dir das.
 
Alle vier.
            Es war nur im Scherzen;
            Es ging nicht von Herzen,
            Es war nur ein Spas!
 
Veronica.
            Bald wird die Sonne glühen,
            Der Morgen nur war kalt;
            Geh’ Sohn, schau’ nach den Kühen
            Und treib’ sie bis zum Wald!
            Nun Toni, tummle Dich,
            ’s giebt viel zu schaffen heute!
            Schon hörst Du das Geläute:
                        Was stehst Du träumend, sprich?!
 
Anton.
                        Die Kühe brauchen den Hüter nicht,
            Sie haben ja rufende Glocken;
            Es wird kein fremder, streifender Wicht,
            Die treuen Thiere verlocken.
            Wo anders thät’ ein Wächter gut,
 
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            Wo anders brauchte man Glocken;-
            Es will so mancher, aus sichrer Hut,
            Die schuldlosen Lämmlein verlocken.
 
Veronica.
Nun wird’s bald, Junge, frisch auf und fort;
Hinaus, hinaus zum Wald’!
Von Deinem Gejammer versteh’ ich kein Wort.
Hinaus, hinaus zum Wald!
 
Cassian. Anton. etc.
Es war nur im Scherzen etc.
 
Anton (geht rechts ab).
 
Rose (ins Haus).
 
Es bleiben: Veronica. Cassian.
 
Cassian.Das Bübchen säße lieber bei dem schmucken Röschen, als daß er’s Vieh zu Walde treibt. Mir scheint immer, sie hat ihm einen Dorn ins Herz gestoßen.
 
Veronica.Hat sich was zu Dornen und zu Herzen! Das hätt’ mir eben noch gefehlt, daß eine so verdächtige Person meinen Jungen aus seinem Gleise brächte! Sie muß mir auch wieder fort; mit meinem Willen ist sie ohnehin nicht aufgenommen worden.
 
Cassian. Das wundert mich wirklich. Ich denke, Muttterchen, ohne Euren Willen geschieht hier oben nichts.
 
Veronica.Ei, das hat sich mein Alter durchgesetzt und erbrummt; er muß auch was Besondres an dem Mädel finden.
 
Cassian.Ich auch, Frau Vronel, ich auch; drum kann ich ihn nicht tadeln.
 
Veronica.So seyd ihr Männer nun; kaum daß ihr ein erträgliches Gesichtchen aus einem hübschen Leichnam erblickt-
 
Cassian.Mehr, als erträglich; weit mehr-
 
Veronica.Meinetwegen!- So schließt ihr auch schon auf den Kern. Diese Rose ist da hergekommen wie der Wind, von dem niemand weiß, von wannen er ausging und wohin er fährt. Meinem Alten hat sie breit und lang
 
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von ihrem Unglück erzählt und ihn gerührt. Ja, Unglück! Jeder Mensch ist seines Glückes Schmidt und wie man’s treibt, so geht’s. Hätte sie unten nicht dumme Streiche gemacht, brauchte sie jetzt oben nicht ihre Zuflucht zu suchen. Und wer weiß, was wir noch an ihr erleben.
 
            Cassian. Nein, jetzt ohne Spas, Frau Wirthin, sie sieht bieder, sittsam und fein aus.
 
            Veronica. Leugn’ ich’s denn? Aber bekennen muß sie, was sie auf dem Herzen hat, (den Männern nicht, sondern mir;) und will sie das nicht, kann sie wieder wandern. Ich hab’ ohnedies bemerkt—
 
Fünfter Auftritt.
Vorige. Renner.
 
            Renner. Was hast Du bemerkt?—Guten Tag, Cassian; hat Euch der böse Feind auch schon wieder einmal hier?!—Was hast Du bemerkt?—Sind Deine Arbeiten gemacht, daß Du Zeit zu Bemerkungen hast? Wenn ich wie Du wär’, ging ich hinein und stellte mich zu Marien und gestaltete schöne, fette, saftige Kräuterkäse. Es sollen zwei Schock nach Schmiedeberg hinunter und nichts ist fertig, und nichts ist vorräthig, und die Kammern sind leer, und kein Käse und nichts in keiner Sache. Gott’s Rübezahl und Schneegruben, Zacken-, Kochel- und Elb-Fall, muß ich an Alles denken? Zu Allem ermahnen? Bin ich deshalb der alte Vater Renner, daß ich den ganzen Tag rennen soll und mich plagen! Vitriol und Schreiberau, noch einmal; ist denn ganz der Teufel los in meiner alten Baude hier? Anton ist in Rose verliebt, Marie in den Anton, der Förster unten aus dem Thale in Marien, Du in mich, ich wieder in die Rose und so geht Alles drunter und drüber und das Rindvieh rennt im Stall herum und lacht mich aus? Potz Schneekoppe und Krumhübel, ich will drunter fahren!—
            Seht, Herr Cassian, wie sie mich anglotzt! Ich hab’ ihr nur einmal zeigen wollen, wie sich’s ausnimmt, wenn Eins
 
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            ohne vernünftigen Grund zankt und lärmt. Denn auf solche Art kanzelt sie uns ab und niemand weiß, eh’ die Sonne untergegangen ist, ob er nicht eine Strafpredigt auf den Pelz bekommt.
 
            Veronica. Hab’ Du mich nur zum Narren! Ich laß’ mir mein Maul doch nicht zubinden und stopfen.
 
            Renner. Ne, Vronel, das thust Du nicht. Das sagt Dir auch niemand nicht nach. Du benützest die Gaben der Natur mit Dank gegen den Schöpfer, stellest Dein Licht niemals unter den Scheffel und setzest Dein Mundwerk niemals unter ein Schloß.
 
            Veronica. Soll ich schweigen, kann ich schweigen, wenn ich sehe, daß mein Mann hergelaufene Frauenzimmer auf- und annimmt, rein auf’s Gerathewohl?
 
            Renner. Soll ich sie auf’s Gerath übel annehmen? Bis jetzt ist es sehr gut gerathen, denn das Mädel ist fleißig, anstellig und bescheiden.
 
            Cassian. Das scheint mir auch!
 
            Veronica. Ach, er —!
 
            Renner. Daß sie hergelaufen ist! Ja mein Himmel, zu Pferde kommen die Viehmägde freilich nicht und in einem Sessel, wie die Badegäste von Warmbrunn, lassen sie sich auch nicht in’s Riesengebirge tragen.
            Und überhaupt, was machst Du denn für Ansprüche an einen Dienstboten. Soll sie ihren Stammbaum aufzählen können, wie wenn sie in ein adliches Stift einträte? Was geht’s Dich an, wo sie herkommt, wenn Du nur weißt, wo Du mit ihr hinkommst? Willst Du vielleicht die Bürgermeister-Tochter aus Hirschberg in Dienst nehmen? Nun vollends in unsern Dienst! Sag’ Er selber, Herr Cassian, Er kennt das Wesen hier oben auch, ist das wohl ein Pläsir, für so’n armes, junges Ding. Kein Tanzboden, kein Sonntagsvergnügen meilenweit in die Runde. Ein hölzernes Haus, Berge, Felsen, Bäume, Gras und blauen Himmel, zwanzig Ziegen, dreißig Stück Hornvieh und meine Familie! Das ist ihr ganzer Umgang!
 
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            Sey froh daß Du ein so saubres reinliches Mädel gefunden hast. Und trag’ mir ja nicht das alte Weibergeträtsch aus den Spinnstuben und das Geklatsch aus den Dörfern unten, in unsere Berge herauf. Hier hat das alles ein Ende. Wir sind abgeschnitten von dem ganzen Wesen und Unwesen. Hier oben, wo sich die Grenzen scheiden und wo wir keine Rechenschaft zu geben haben von unsern Thaten, als dem dort oben und dem da drinenn (auf’s herz) hier muß auch nicht gefragt werden, was ein hübsches Kind unten weggetrieben hat. Wenn ich nu’ den Herrn Cassian fragen wollte, was er und seine Kameraden des Nachts in ihren Hucken hier herüber und hinüber tragen? Meinst Du, daß er wieder zu uns einkehrte und uns in Nahrung setzte? Quargspitzen! In die Schlingelbaude wird er gehen, oder in die Hampelsbaude und mir den Rücken kehren. Thu’ Du was Recht ist, fordre von den andern was ihre verfluchte Schuldigkeit ist, und im übrigen laß’ Dich unbekümmert, was sie mit sich selbst auszumachen haben.
 
            Veronica. Nun hört Ihr doch, wer von uns am meisten redet?
 
            Renner. Das ist alle Jahre einmal, daß mir’s so von der Zunge geht. Ich mußte ein Mal reinen Tisch machen, weil sich in den letzten Tagen zu viel angesammelt hatte. Nun ist’s gut, nun hab’ ich Luft, nun kannst Du parliren.
 
            Cassian. Ja, Frau Vronel, der Vater Renner hat recht. Leben und leben lassen, das ist nu mein Wahlspruch ganz besonders. Ich hab’ mir lassen im Kriege manche Kugel um die Nase geh’n, und einige sind mir gar in’s Lebendige gegangen. – Was war mein Lohn? Sie wollten mich auf die Letzt als Grenzwächter anstellen. Ho ho, dacht’ ich, sollst du gegen die armen Teufel zu Felde zieh’n, die sich’s so sauer werden lassen? Willst’s lieber einmal auf der andern Seite versuchen; umgekehrt wird ein Schuh draus—und nun—
 
            Veronica. Ja wir wissen wohl.
 
            Renner. Nein, ich weiß nicht, ich will nichts wissen! Meinetwegen seyd ein Grenzverächter, oder ein Grenzwächter
 
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—mich schiert’s nicht! Ihr bezahlt Eure Streu und Eure Milch und Euren Käse; —ich bezahl’ Euch Euren Kaffee und Zucker. —
 
            Cassian. Und manchmal langt der Cassian ein Fläschchen Ungarwein heraus. –
 
            Renner (lächelnd). Ja, das ist wahr; manchmal langt der Cassian ein Fläschchen Ungarwein heraus— (Pause) aber — — nur manchmal.
 
            Cassian. (leise zu ihm). Heut’ Abend! –Wir bleiben den Tag über hier und ruhen. Die Nacht geht’s weiter. –Die andern liegen noch im Knieholz. –
 
            Veronica. Gut daß Ihr da seyd. Heut’ kommen die Heuleute von Langenthal herauf und beginnen die Ernte. Da giebt’s heut zu Nacht ein Tänzchen—
 
            Renner. Und über vier Wochen wieder eins. Vier Wochen gerade dauert’s, bis sie das Bischen saure Gras zusammengestoppelt haben.
 
            Cassian. Das muß hernach für den ganzen Winter reichen?
 
            Veronica. Für den ganzen Winter!
 
            Cassian. Da schneit ihr ein —
 
            Renner. Bis über den Schornstein!
 
            Cassian. Ein schönes Leben! —
 
            Renner. Gewohnheit!
 
            Veronica. Gewohnheit, Herr Cassian!
 
Terzett.
 
Renner.
                        Und wenn der Schnee hernieder fällt,
                        Wir sehn ihn ruhig kommen!
                        „Adje, Du weite, große Welt!“
                        Der Tag wird uns genommen.
                        Da sitzen wir in steter Nacht
                        Und haben auf den Viehstand Acht.
Veronica.
                        Hoch auf dem Boden liegt das Heu,
                        Der Span am Heerd brennt helle;
 
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                        Die hohen Berge schicken treu
                        In’s Haus die frische Quelle,
                        Den Käse speisen wir als Brot, —
                        Was hat es da mit uns für Noth?
 
Cassian.
                        Das ist doch schier, als wäre man
                        Lebendig schon begraben.
                        Zwar weiß ich wohl, nicht jeder kann,
                        Wie ich, stets Freiheit haben, —
                        Doch in so tiefer Winterruh
                        Würd’ ich ja selber eine Kuh!
 
Renner. Veronica.
                        Wir warten ruhig auf den Mai, —
                        Dann wird die Aussicht wieder frei!
 
Cassian.
                                    Noch weht ja Sommerwind
                                    Auf grünen Pfaden;
                                    Und weil wir freundlich sind
                                    Zum Tanz’ geladen,
                                    Weil man noch wandern kann,
                                    Ohne Beschwer’,
                                    Laßt mich die andern dann
                                    Holen hierher.
 
Renner. Veronica.
                                    Weil man noch wandern kann,
                                    Ohne Beschwer’,
                                    Mag er die andern dann
                                    Holen hierher!
 
                                                Klingen der Hirten
                                                Lust’geSchalmei’n <<an archaic wind instrument played by shepherds>>,
                                                Will ich bewirthen,
                                                Alle mit Wein!
 
                                    Hier auf den Bergeshöh’n,
                                    Kann man sich rascher dreh’n;
                                    Tief in das Land hinein
                                    Leuchtet der Freude Schein,
                                    Klingen der Hirten
                                    Lust’ge Schalmei’n!
 
17
Renner. Veronica.
                                                Klingen der Hirten
                                                Lust’ge Schalmei’n,
                                                Will er bewirthen
                                                Alle mit Wein!
 
Cassian.
                                    Ihr auch prüft Euren Schritt,
                                    Machet ein Tänzchen mit —
 
Renner.
                                    Wir prüfen auch den Schritt?
 
Veronica.
                                    Machen ein Tänzchen mit? —
 
Alle drei(tanzen).
                                    Hier auf den Bergeshöh’n,
                                    Kann man sich rascher dreh’n;
                                    Tief in das Land hinein
                                    Leuchtet der Freude Schein,
                                    Klingen der Hirten
                                    Lust’ge Schalmei’n!
 
                                                                        Cassian (ab).             
 
Es bleiben: Veronica. Renner.
 
Renner.Ein muntrer Pursch, der Cassian!
 
Veronica.Ja, ein recht insinuanter<<ingratiating>>Mensch, das ist wahr. Wenn er nur nicht ein Pascher <<smuggler>> wäre.
 
Renner.Das ist, wie wenn Du verlangtest, die Forelle soll kein Raubfisch seyn. — Sieht ihr das einer wohl an, wenn sie so demüthig gesotten auf dem Tische steht, als wollte sie sagen: es wird mir eine besondre Ehre seyn, von Ihnen vertilgt zu werden! —
 
Veronica.Die Pascher sind doch eigentlich Mörder, denn wenn sie angegriffen werden, —
 
Renner.So beißen sie! — Ja, man will das behaupten. Ich hab’s noch nicht gesehen, ich weiß nichts davon, und was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß.
 
Veronica.So denkst Du auch von Rosen?
 
Renner.Ganz eben so.
 
18
Veronica.Aber Alter, es geht ja nicht. Laß doch nur ein einzig Mal vernünftig mit Dir reden.
 
Renner.Nicht möglich; wir Beide sind ja allein! wer sollte da —
 
Veronica.Mach’ keine Flausen. Sieh’ Rennerle, der Anton ist wahrhaftig in das Weibsbildverschammerirt <<fallen in love>>.
 
Renner.Ich merk’s wohl.
 
Veronica.Na, hast Du nicht selber gewünscht, er sollte unser Pflegekind, die Marie, einmal nehmen.
 
Renner.Wohl hab’ ich’s gewünscht. Aber wenn er nun auf der Rose besteht — das Heirathen ist doch eine Sache, die jeder mit sich selber abmachen muß.
 
Veronica.Ne, das geb’ ich nicht zu. Mein Sohn und ein solches Geschöpf —
 
Renner. Dein Sohn! Was ist denn besonders an Deinem Herrn Sohne? Daß er von früh bis Abend wie ein Thau über die Gräser streift und mit seiner dünnen Stimme herzbrechende Lieder singt —? Er ist so dumm, wie man’s nur von einem Hirtenjungen verlangen kann. Und was hat er ihr denn zu bieten? Unser Bischen Geld? Das macht’s Kraut nicht fett hier oben, denn er mag viel oder wenig haben, ihr Leben bleibt sich immer gleich; auf Maskenbälle und Faschingjubel können sie einmal nicht gehen und wenn er wirklich ganze Berge von Gold hätte, ist er im Stande ihr Wurst und Sauerkraut zu schaffen? Von großen feinen Genüssen ist einmal nicht die Rede — — Du behauptest vielleicht, die jungen Eheleute würden mit den Einwohnern von Dresden in einem Range stehen, weil unsere Baude an der Elbe liegt, wie Dresden. Das ist wahr und kann nicht in Abrede gestellt werden. Unsre Wohnung ist die Altstadt, der Kuhstall ist die Neustadt, die Elbe fließt wirklich mitten durch, aber sie ist noch sehr jung. Ein mäßiger Karpfen könnte nicht drin umdrehen. Und was ist ihr erstes Geschäft? Sie muß unser Butterrad treiben. Mein lieber Himmel, solch’ ein Strom vor den Leuten — und in so dürftigen Verhältnissen, unter
 
19
vier Augen. — Sieh, Schätzin, das kannst Du auf Anton beziehen! In Deinen Augen ist er ein Kavalier, in meinen Augen ist er ein unbezweifelter Schafskopf, der Gott danken müßte, wenn eine Rose ihn möchte!
 
Veronica.Ihn möchte! Ha ha ha! Alle zehn Finger wird sie nach ihm ausstrecken!
 
Renner.Dann desto besser.
 
Veronica.Ich geb’s nur unter einer Bedingung zu.
 
Renner.Die weiß ich schon, noch ehe sie zu Tage kommt. Marie soll Deinen Günstling heirathen, den finstern, wilden Förstersmann, den Richard. —
 
Veronica.Nicht anders!
 
Renner.Ich will Dir was sagen: wenn ich mich überzeuge, daß er sie wirklich gern hat, so geb’ ich nach und bezwinge meinen Argwohn und meinen Widerwillen. Aber ich wette, sobald er erfährt, daß sie nicht unser Kind ist und daß sie nicht zu gleichen Theilen mit Anton erben soll. —
 
Veronica.Warum denn nicht?
 
Renner.Sey nicht dumm, Vronel! — Sobald ich ihm das sage, (das Thun und Lassen steht immer in meinem Willen!) — so springt er ab und macht links um.
 
Veronica.Denkst Du?
 
Renner.Ja dieses sind meine Gedanken. Aber wenn man den Fuchs nennt, so kommt er — geschlichen. Da ist Dein Förster in eigenhändiger Person.
 
Veronica(erfreut). Wahrhaftig!
 
Renner.Nun giebt’s lebendige Unterhaltung. Auf jedes Tausend Worte von ihr, erwiedert er gerade eine Silbe. Denn so maulfaul habe ich keinen Menschen nicht gesehen.
 
Sechster Auftritt.
Vorige. Richard.
 
Veronica(ihm entgegen). Grüß Gott, Herr Förster!
 
Richard.Glück auf, Mutterchen! Guten Morgen,Vater Renner!
 
20
Renner.Auch so viel! Bon schur!
 
Veronica.Woher so früh des Weges?
 
Richard.Ich hab’ mich schon verspätet, denn eigentlich sollt’ ich ohne Aufenthalt zum Adler-Horst hinauf. Nur weil ich hier einen Augenblick einsprechen wollte —
 
Veronica(ängstlich). Oben, auf die Felsspitzen?
 
Richard. Ja, es ist die höchste Zeit. Die jungen Adler sind gewiß schon reif und sitzen um den Horst — wenn ich’s nicht schon gar versäumt habe. Denn sind sie einmal ausgeflogen, so lassen sie sich nicht mehr belauern.
 
Veronica.Der Anton sagte gestern, er hätte sie ziehen sehen.
 
Renner.Was haben denn die jungen Herren angestellt?
 
Richard.Ei, die jungen nichts. Aber die alten sind zu räuberisch. Im Herrngarten haben sie das schönste Dammwild geholt. —
 
Veronica.So stark sind sie?
 
Richard.Ein Mensch hätte gewiß zu schaffen, daß er’s mit einem aufnähme. —
 
Renner.Und da wollt Ihr nun hinauf. —
 
Richard.Ich will den Horst beschleichen.
 
Renner.Man sieht, nichts für ungut, Herr Förster, daß Ihr aus plattem Lande in’s Gebirge gezogen seyd. Die Felsenkuppen sind kein Kieferwald, wo man von allen Seiten freien Spielraum hat. Da oben sieht’s gefährlich aus. Ihr kommt auf dem steilen Felsenpfade, wenn Ihr nicht schwindlich seyd, freilich noch gut genug in die Höhe. Aber auf einmal steht Ihr auf einzelnen Steinklumpen — und hier — (nehmt einmal an, Ihr steht hier auf einem Steine) — und da geht nun der Abgrund an. Der ist ein Bischen tief, Herr Förster, und ein Bischen steil, den hat noch niemand besucht — und einer der’s probirte, (‘s war ein Wegweiser und Führer aus Schreiberau) der soll heute noch wieder kommen und Antwort bringen, wie ers gefunden hat. Ueber den Abgrund hinüber sind nun die Zacken, wo gewöhnlich die großen Bergadler horsten.
 
21            
 
            Richard. Kann man denn nicht von dieser Seite (auf den Hintergrund zeigend) and den Fels-Sacken gerade hinauf.
 
            Renner. Ob man kann, das weiß ich nicht. Als Junge hab’ ich’s einmal versucht, wie ich aber ein Paar hundert Schritt geklettert war und bei jedem Griff eine Hand voll Stein losbröckelte, und immer wieder hinabrutschte, da ließ ich’s seyn. Hätt’ ich mich nicht in den Baumwurzeln gefangen, so wär’ ich als Brei unten angelangt. Das ist nun zwar 40 Jahre her und länger, in der Zeit hat sich meine Figur ein wenig geändert, aber ich meine, da oben wird sich nicht viel verändert haben.
 
            Richard. Gleichviel. Kann ich nur über den Abgrund hinüberschauen und erblick’ ich die jungen Adler nur noch am Horste, - meine Büchse trägt weit; ich will sie wohl erreichen.
 
            Renner. Aber Ihr könnt die Beute nicht mitbringen –’s ist nur um’s Schußgeld. –
           
Richard.Und dass man sie nicht an’s Scheunthor nageln kann.
 
            Renner. Als Exempel für die andern, verstehe! Nun das ist mit den Raub-Vögeln wie mit den Raub-Menschen. Sie werden Jahr aus Jahr ein aufgehängt und lassen’s doch nicht. Viel Glück, Herr Förster, ich geh’ hinein!
                                                                                                            (ab).
 
            Richard. Viel Unglück! müßt Ihr dem Jäger wünschen, daß Alles Hals und Beine bricht!
           
Renner(im Gehen). Auch das! – Nur Ihr nicht etwa!                                  
                                                                                                            (Ab ins Haus.)
 
            Veronica. Verweilt noch ein Bischen. Ich schicke Marien mit einem Frühstück, wenn’s der Alte nicht merkt.
                                                                                                            (Ab ins Haus.)
 
Richard(allein).
Recitativ.
 
                        O, daß der Felsen starre Kluft
                        Schon über meinem Haupt sich wölbte!
                        Wo meschenleer und einsam Alles schweigt,
                        Wo Wolkenströme selbst den Stein zerissen,
 
22
 
                        Daß grausenhaft gestaltet er sich zeigt,
                        So ähnlich dem belasteten Gewissen!
 
Arioso.
 
                                    Als ich an ihrer Seite ging,
                                    An ihren treuen Blicken hing,
                                    Da schlug mein Herz so froh, so rein,
                                    Da war ich reich, denn sie war mein.
 
                                    Nun bin ich arm; nun ist die Brust
                                    Sich finstrer Untreu schwer bewußt;
                                    Vom eitlen Stolze nur verführt,
                                    Sah ich ihr Elend ungerührt.
 
                                    Ich suchte weit von ihr das Glück,
                                    Und ach mit ihr stieß ich’s zurück;
                                    Kein liebend Wesen mehr ist mein,
                                    Nun ist sie fern – ich steh’ allein!
 
                        Wo sie geht, auf düstern Wegen
                        Sieht sie des Verführers Bild;
                        Ach ihn floh des Himmels Segen
                        Und der Fluch verfolgt ihn wild.
                        Sie, die Edle, die ihn schonte,
                        Starb vielleicht an ihrem Schmerz?
                        Und ich Undankbarerer lohnte
                        Mit Verrath das treuste Herz. –
 
                                    Mich dünkt, ich erblicke
                                    Die Jammergestalt -- --
                                    Dort unten im Wald –
                                    Sie erlag dem Geschicke –
                                    Unser Kind – ha – weh’ mir!! –
                                    Eine Leiche bei ihr -- --
                                    Und die flatternden Haare –
                                    Und ihr blutend Gesicht –
                                    Einen Sarg – eine Bahre –
                                    Und der Rache Gericht.
           
                                                Dies Streben, die Beben,
                                                In Qual, in Noth:
                                                Zu feig’ zum Leben,
                                                Zu feig zum Tod’!
 
(Er wendet sich zum Gehen.)
 
23
 
Siebenter Auftritt.
Marie (mit einem Teller, tritt aus der Baude). Richard.
(Dann Rose.)
 
            Marie (für sich). Er ist allein!
           
            Richard (für sich). Jetzt gilt es Kraft, sich zu beherrschen.
           
            Marie. Die Mutter schickt mich—
           
            Richard. (gezwungen zärtlich). Aus eignem Antriebe käme Marie nicht?
 
            Marie. (den Teller wegsetzend). Soll ich’s denn leugnen? – Ihr werbt um mich, Förster, sagt die Mutter. –
 
            Richard. Und Du verschmähst mich?
 
             Marie. Ich will ehrlich seyn! Will Euch Alles sagen, was mich drückt. Denn wie ich neulich unten zur Kirche war, hat mir die Frau Gevatterin gesagt, daß man sich mit einem Gerüchte trägt. –
 
            Richard (erschreckt, halb für sich). Wie? man weiß –
 
            Marie. Ja, so was redet sich aus einem Dorf in’s andere. – Daß Ihr schon – (leise) verheiratet wäret, daß Ihr aber die arme junge Frau in einem entfernten Dorfe verlassen und hier unten im Thale neuen Dienst genommen hättet, weil Eure vorige Herrschaft Euch verhöhnt, daß sie so arm wäre. –Nun seht, Richard, hier oben hab’ ich keinen Laut davon verrathen, denn ich wollte Euch kein Aergerniß machen. Aber, mit uns könnt es doch nichts werden, auch wenn Ihr unschuldig wäret; denn erstens bin ich nicht Renners Tochter, bin nur sein Pflegekind, habe nichts zu ererben als eine kleine Ausstattung – und zweitens -- ach, Ihr müsst mich nicht so anstarren, -- zweitens – Richard, -- --
 
Terzett.
 
Marie.
                                    Seit der Kindheit Tagen
                                    Hab’ ich ihn geseh’n,
                                    Mir bei Scherz und Klagen
                                    Stets zur Seite steh’n.
 
24
 
                                    Bruder hieß er freilich,
                                    Doch er war’s ja nicht,
                                    Und so ist’s verzeihlich,
                                    Wenn die Liebe spricht.
 
Richard.
                                    Auch der letzte Schimmer
                                    Wird mir nun geraubt!?
                                    Und erblüh’n soll nimmer
                                    Freude, diesem Haupt?
                                    Wenn Dein Herz sich fester
                                    Jenem schon verband,
                                    Nun, so nimm als Schwester
                                    Meine Bruderhand.
 
Beide.
 
 
 
 
 
 
 
 
 


Rose(die schon während des Duetts lauschend im Flure gestanden und ihren Blicken kaum getraut hat, stürzt nun, sich selbst vergessend, zwischen Beide).
                        Vertrau’ im nicht!
 
Richard(fast zusammenstürzend).
                                      Ha, Rose!
 
Maria(erschreckt).
                                                Großer Gott!
 
Richard.
             Du – hier – kein Traum?
 
Rose.
                                    Sein Schwur ist Trug und Spott! –
 
Marie.
            Sieist’s!? – gewiß die Beiden hatten
            Ein unauflöslich Band gewebt!
            Die Unglückseel’ge sucht den Gatten –
            Ihr Auge glüht – ha wie sie bebt!
Richard.
            Sie ist’s! – Sie lebt, wenn nicht ihr Schatten
            Mir strafend vor die Seele schwebt?

 
 
Zusammen

 


25
 
            Sie rufet zürnend nach dem Gatten, --
            Mein Athem stockt, -- mein Herz erbebt!
Rose.
            Er ist’s! – Ein tödtliches Ermatten
            Besiegt mich nun – die Kraft entschwebt –
            Vor meinem Auge ziehen Schatten, --
            Um mich ist Nacht – mein Herz erbebt!
 
Anton(hinter der Scene).
                        Juchhe, halloh, juchhei!
                        Herbei, herauf, herbei!
                        In’s Heu! in’s Heu!
                        Sie kommen mit den Sensen an,
                        Hier Mann und Weib, da Weib und Mann!
                        Juchhe, halloh, juchhei,
                        Herbei,
                        In’s Heu!
 
Richard, Marie (horchen auf).
 
Marie.
                        Anton’s Stimme, sie ruft empor,
                        Sie meldet der Dorfbewohner Chor, --
 
Anton (hinter der Scene).
                        Juchhe, halloh, juchhei!
 
Rose(wie aus einem Traume erwachend).
                        Und ich? – und er?—(sie schaut um sich).
                                                            Nur fort, hinein!
                        Mit meiner Schande,
                        Mit meinem Grame
                        Allein, allein!                                                       (ab in’s Haus.)
 
Richard (will ihr folgen).
                                    Verweile!
 
Marie(hält ihn).
                                                            Nein!!
                                    Was wollt Ihr thun?
 
Richard.
                                    Ich kann nicht ruh’n:
                                    Ich muß sie seh’n!
                                    O, komme mit. –
 
Marie.
                                    Nicht einen Schritt --
 
26
Richard.
                                                Und hilf mir fleh'n!
                                                Zu ihren Füßen,
                                                Die Schuld zu büßen!
 
Marie.
                                                Nur jetzo nicht!
                                                Die Eltern müssen,
                                                Es noch nicht wissen;
                                                Geduld, Geduld!
 
Richard
                                                Zu ihren Füßen
                                                Nur büß' ich die Schuld.
 
Marie.
                                                O mäßigt Euch und gehet,
                                                Jetzt gäb' es Lärm und Streit! –
                                                Ja, Richard, geht; – Ihr sehet,
                                                Die Dörfer sind nicht weit.
                       
                                    Ich will ja reden, Bester,
                                                Mit Rosen ganz allein.
                                                Will mich, als eine Schwester,
                                                Dem Glück des Bruders weih'n

Zusammen
 

Richard.
                                                Ach, ihr Entschluß steht fester!
                                                Ich sah's, zu meiner Pein.
                                                Beklag' den Bruder, Schwester! –
                                                Sie wird mir nie verzeih'n!
                                                                                    (er geht.)
 
(In der Kulisse begegnet ihm Anton, den er flüchtig grüßt.)
 

Achter Auftritt

Anton. Marie.
 
            Anton. Was fehlt denn dem Förstersmann? Der ist ja ganz verstört. – Und Du schaust mir auch anders aus, wie sonst. – Was hat’s denn gegeben, Mariechen?
 
Marie. Ei nun –
 
            Anton. Ei nun?
 
            Marie. Ihr wißt ja –
 
27
            Anton. Wenn ich’s wüßte, thät’ ich nicht fragen –
 
            Marie. Er freite um mich!
 
            Anton. Freite um Dich? Davon hat mir ja kein Mensch ein Sterbenswörtchen gesagt. Nicht Vater, nicht Mutter. Geh’n solche Dinge hinter meinem Rücken vor –?
 
            Marie. Und nun – (aber, Ihr versprecht mir, zu schweigen? –)
 
            Anton. Freilich!
 
            Marie. Gelobt mir’s!
 
            Anton. Hand darauf – –
 
            Marie. Nun hatt’ ich erfahren, daß er an einem Frauenzimmer schlecht gehandelt hat, die seinetwegen unglücklich geworden ist; – da hab’ ich ihm einen Korb gegeben.
 
            Anton. Und das soll ich verschweigen –?
 
            Marie. Nein, das nicht. Wohl aber, (leise) daß sie seine Frau ist und daß er sie hier gefunden!?
 
            Anton. Rose?
 
            Marie. Seht wie Ihr zusammenfahrt? – Ihr liebt sie wohl recht, die Rose? –
 
            Anton. Ich – nein – sie – weil sie doch fremd war – Warum willst Du denn fort? (sie haltend).
 
            Marie. (trocknet sich die Augen und macht sich los). Na, ich will’s drinnen sagen, daß die Heumäher kommen.
                                                                                    (Ab.)
 
            Anton. (allein, nachdem er ihr lange nachgesehen). Deshalb war die Rose so traurig? – Deshalb wollte sie nichts von unser Einem wissen!? – –
            ‘s ist nur gut, daß der wilde Jäger nicht die arme Marie erschnappt hat, um die würde mir’s recht leid thun. Ich bin ihr so gut – und überhaupt, ich hab’ gar nicht daran gedacht, daß die jemals heirathen könnte; daß jemand auf den Gedanken kommen könnte, sie hier wegzuführen; ich hab’ geglaubt, wir müßten so ewig, wie jetzt, zusammenbleiben. –
            Und was mir da einfällt – sie sieht mich so traurig an, seitdem Rose hier ist. Sollte sie gar –
 
28
Romanze.
                                    Die Arme weint; was muß ihr fehlen?
                                    Was mag die fromme Seele quälen?
                                    So freundlich sonst, und wie betrübt, –
                                    Ob sie nun doch den Förster liebt? –
                                    O nein, sie ist der Lüge Feind!
                                    Die Arme weint.
 
                                    Die Arme weint und mein Betragen,
                                    Gab ihr wohl gar den Grund zu klagen;
                                    Sie ist mir hold, sie war mir gut,
                                    Und mich verlockte Uebermuth.
                                    Sie hat’s mit mir so treu gemeint –
                                    Die Arme weint!
 
                                    Die Arme weint; ich will sie finden,
                                    Ich will mit ihr mich neu verbinden,
                                    Will sagen: Dich verlass’ ich nie;
                                    Ich bleibe Dein, sey mein Marie!
                                    Wir sind nun wieder fest vereint –
                                    Die Arme weint!
                                                                                    (Ab, in’s haus.)
 
Chor der Landleute (hinter der Scene).
                        “Immer höher, immer weiter,
                        Oben wird die Aussicht heiter;
                        Fest von Steinen ist die Leiter,
                        Steigt hinan im frohen Lauf’!
                        Schleift die Sensen, schwenkt die Hüte; –
                        Seht, die Wiesen steh’n in Blüte, –
                        Preis’t des Himmels Vatergüte;
                        Thalbewohner, nur hinauf!”
 
Neunter Auftritt.
Aus der Baude kommen: Renner. Veronica. Marie, vonAntongeführt. Nachdem sie eine Weile in die Kulisse rechts gesehen, tritt der Chor ein.
 
Chor.
                                                Es begrüßen wieder heute,
                                                Euch die wohlbekannten Leute! –
                                                Als worauf sich jeder freute,
                                                Hier zu Eurem Erntefest.
 
29
                                    Wo auf blumenreichen Wiesen,
                                    Gräser sprießen, Bächlein fließen;
                                    Und der Himmel sey gepriesen,
                                    Der das Heu Euch wachsen läßt.
 
Renner.
                                    Seyd willkommen wieder heute –
 
Veronica.
                                    All’ ihr wohlbekannten Leute –
 
Renner.
                                    Als worauf sich jeder freute –
 
Renner. Veronica.
                                    Hier zu unserm Erntefest.
 
Anton. Marie.
                                    Wo auf blumenreichen Wiesen
                                    Gräser sprießen, Bächlein fließen.
 
Renner. Veronica. Anton. Marie.
                                    Und der Himmel sey gepriesen
                                    Der das Heu uns wachsen läßt.
 
Alle vier und Chor.
                                    Wo auf blumenreichen Wiesen
                                    Gräser sprießen, Bächlein fließen;
                                    Und der Himmel sey gepriesen,
                                    Der das Heu uns (Euch) wachsen läßt.
 
Renner.Na, grüß Euch Gott, Alle beisammen; da wollen wir denn nun wieder unsre Vierwochen halten; ich wollte, es wären Sechs wochen, denn mir gefält’s hier oben wenn Alles wibelt und kribelt, als ob die Baude ein Ameishaufen wäre. – Schau, schau, Lorenzel, Du bist dick geworden! (Er geht herum und begrüßt die Einzelnen.)
 
Veronica, Marie, Anton, (desgleichen).
 
            Veronica (links zeigend). Heut fangen wir ganz in der Nähe an und haben nur ein kleines Stück Wiese zu mähen. Es ist schon spät am Tage und müd’ werdet Ihr auch seyn. Aber morgen find wir eher auf, als die Sonne, und da soll’s frisch geh’n.
 
            Alle. Ja, da soll’s frisch geh’n.
 
30
            Renner. Und heut’ zur Nacht wird das erste Tänzchen gemacht. Da soll’s auch frisch geh’n.
 
            Die Mädchen. Ja, da soll’s noch frischer geh’n!
 
Zehnter Auftritt.
Vorige. Oben erscheinen: Cassian, Lazarus, und andere Pascher.
 
            Cassian. Hub hu! Hub hu!
 
            Renner.Was für ein Vogel singt denn da? Ach, ‘s ist der tolle Cassian!
 
            Cassian. Hat Euch das Gewitter schon oben, Ihr Grasmücken? he?
 
            Alle. Ja, wir sind da!
 
Finale.
Cassian. Lazarus (oben).
                                    Wir kommen mit Wein,
                                    Werden gleich bei Euch seyn!
                                                                                    (Verschwinden oben.)
Chor (unten).
                                    Kommen mit Wein,
                                    Werden gleich bei uns seyn!
Veronica.
                                    Ei seht, wer rief denn die?
                                    ‘s ist ja noch viel zu früh!
                                    Erst an die Arbeit,
                                    Dann zu der Lust.
Renner.
                                    Laß’ nur, Veronica;
                                    Es sind Bekannte ja!
                                    Auch vor der Arbeit
                                    Schmecket die Lust.
 
Cassian. Lazarus. Pascher(erscheinen auf der Bühne).
 
Cassian. Lazarus (zu den Bauermädchen gewendet).
                        Munter, munter! seht das Kränzchen
                        Junger Blumen aus dem Thal?!
                        Mädel, macht ihr wohl ein Tänzchen
                        Auf den Bergen!? sprecht einmal!
 
31
Die Mädchen.
Wir tanzen gern
Mit schmucken Herrn -
 
                                                              Veronica.
                        Das will ich wohl glauben-
 
Die Mädchen.
Doch der Brodtherr muß es erlauben!
 
Veronica.
Erst an die Arbeit,
Dann zu der Lust!
 
Renner.
Auch vor der Arbeit
Schmecket die Lust!
 
Cassian.
Frau Vronel, seyd gescheut:
Bedenkt, die armen Leut’,
Sie kommen schon so weit,
Und dann, die Hitze heut’,-
 
Veronica.
Ach, macht mir nichts weiß;
Ist’s ihnen zu heiß
Zur Arbeit;-wie fein!
Zum Tanzen wird’s wohl kühler seyn?
 
Lazarus.
Das Eine thun, das Andere nicht lassen!
 
Cassian.
Ich will nur gleich die Frau Mutter umfassen.
 
(Veronicasträubt sich erst, läßt sich’s aber dann lächelnd gefallen.)
 
Lazarus.
Burschen, nun steckt die Schalmeien in’s Maul!
 
Alle(stellen sich paarweise) Anton mit Marie.
 
Cassian.
Spielt und wir tanzen.
 
Alle.
Da sind wir nicht faul!
(Die Musikaten intoniren.)
 
 
32
Tanz
 
Chor.
Auch vor der Arbeit,
Schmecket die Lust,
Schwenkt jeder sein Liebchen
Und Brust klopft an Brust.
 
Anton.
                                                Wo mag wohl Rose jetzt
Weinen und klagen?
Dürft’ ich sie rufen,
Dürft’ ich es wagen?
 
Chor.
                                                Heissa, lustig, dreht Euch herum!
 
Renner.
Recitativ.
                                    Halt! Halt!
Denkt, daß ich auch auf der Welt bin:
Der alte Renner hat keine Tänzerin!
 
(Er geht nach der Baude und bringt Rosen heraus, die sich bie Schürze vor’s Gesicht zu halten sucht.)
 
Renner(steht mit Rosen mitten unter den andern. Plötzlich wird sie erkannt. Gemurmel im
 
Chor.
                                    „Rose!“ „Rose!“
                                    „Die Entwichene!“
                                    „Die Beschimpfte!“
                                    „Die Entehrte!“
                                    „Geht, das freche Gesicht!“
                                    „Nein, mit der da tanzen wir nicht!“
 
                                                Alle ( ziehen sich weit von ihr zurück).
 
Rose(steht vernichtet, ganz allein, nur) Renner (in ihrer Nähe).
            Veronica. Marie. Renner. Anton.
Herr Gott, in deine Hände!-
                                    Welch schrecklicher Verdacht!
                                    Was nimmt das für ein Ende,                          
                                    Wer hätte das gedacht!?
                        Cassian. Lazarus. Pascher.
                                    Wer da die Ursach fände-
                                    Sie steht wohl in der Acht?                               Zusammen
                                                                        
33
                                    Wer hätte solch ein Ende
                                    Von unserm Tanz gedacht?
Chor(zu Renner, der Rosen tröstend anfassen wollte).                        
                                    Befleckt nicht Eure Hände:
                                    Es drückt sie ein Verdacht!!—
                                    Wer hätte solch ein Ende,
                                    Von unserm Tanz gedacht!?
 
Alle.
                                                Mich fasset ein Bangen:
                                                Welch Loos ihr noch droht?
 - Es sind ihre Wangen
                                                So bleich wie der Tod!
                                                Mich fasset ein Bangen:
                                                Welch Loos ihr noch droht?
Rose.
                                                Welch fürchterlich Bangen!                   Zusammen
                                                O wär’ ich doch todt!
                                                O wär’ ich entgangen
                                                Der Schande, der Noth!
                                                Welch fürchterlich Bangen,
                                                O wär’ ich doch todt!
                                                (Sie stürzt ab, in die Seite rechts.)
 
Alles(bricht auf).
 
Der Vorhang fällt
 
 
Zweiter Akt.
Scene: wie im ersten Akt.
 
 
Erster Auftritt.
 
Renner. Veronica.
 
Veronica(rückkehrend, von links, von den Heuleuten). Und nun mag daraus werden, was will. Sie muß fort und heute noch.
           
34
            Renner. Ja, ja, ja! Wenn sich nur die Hälfte von Allem bestätigt, was Du lieber doppelt glauben möchtest, so soll sie fort. Aber eh’ wir sie fortschicken können, müssen wir sie wieder haben. Denn gehört muß auch sie werden, zu ihrer Vertheidigung!
 
Veronica. Vertheidigung! Muß ich doch lachen! Sie läuft davon, sobald sie die Leute aus Langenthal<<a city in the swiss Canton of Berne in Switzerland>> erblickt - und Du rechnest noch auf ihre Vertheidigung! Nun, wir werden ja hören. Antonwird sie gleich zurückbringen.
 
Renner. Geschickt haben wir ihn, sie zu holen; aber, ob er sie bringen wird;-
 
Veronica. Warum sollt’ er denn nicht?
 
Renner. Wenn er sie nun nicht findet? Wenn sie sich ein Leides gethan hat.-
 
Veronica. Sie wird doch nicht-
 
Renner. Sieh’st Du, nun erschrickst Du. Und doch bist Du auf dem besten Wege, sie dahin zu bringen. Zu einer Unglücklichen muß man mild und gütig reden.
 
Veronica. Ja, besonders zu dieser, die Euch allen die Köpfe verrückt hat. Ihr wart in sie verliebt, Du, und Anton, und die Pascher.-
 
Renner. Wieder ein Vorzug, den sie vor Dir hat. Bei Dir würde uns das nicht begegnen, wenn Du noch so unglücklich wärest.
 
Veronica. Ihr Unglück ist’s nicht allein, denn möchte nun schon geschehen seyn was da wollte, danach würd’ ich nicht mehr fragen. - Aber sie hat sich ja nicht gebessert; sie ist ja so leichtsinning wie sie war. Denn daß Du’s nur weißt- (ich hab’ vorhin schon darauf angespielt,) die war diese Nacht auβer dem Hause; sie ist erst mit Sonnenaufgang zurückgekommen.
 
Renner. Wenn ihr drinnen zu warm war hat sie vieleicht im Freien geschlafen; was ist denn dabei? Oder willst Du ihr etwa nachsagen, daß sie hier in der Gegend einen Anbeter hat? Es müßte der alte Rübezahl selber seyn, sonst
 
 
35
 wüßt’ ich nicht, wo einer außer der Baude herkommen sollte. In der Baude weiß ich einen, - mich selber nicht einmal mitgerechnet.
 
            Veronica. Ich sag’ ihr nichts nach. Aber die Langenthaler Heu-Leute sagen ihr nach, daß sie die Frau eines wilden Mannes gewesen, der sie böslich verlassen und sich in der Nähe von Langenthal niedergelassen hatte; - sie ist ihm heimlich gefolgt, - man ist auf sie und ihren Zustand aufmerksam geworden; - dann hat sie erfahren, daß ihr Mann wo anders auf die Freierei geht und da soll sie in der Desperation –
 
            Renner. Ja doch, ich weiß; daß man so niederträchtig ist, sie eines Kindermordes zu zeihen. - -
 
            Veronica. Wer weiß was dran ist. Vor allen Dingen aber, daß der Mann, um den sich’s handelt, heute hier war - -
 
            Renner. Richard!
 
            Veronica. Gerathen!
 
            Renner. Hab’ ich mir’s nicht eingebildet!? Und dem hast Du unsere Pflegetochter, unsere gute, sanfte Mariean den Hals werfen wollen!
 
            Veronica. Und Du unsern ehrlichen, fleißigen Antonwohl nicht der hergelaufnen, verworfnen Rose.
 
            Renner. Verworfen her, verworfen hin. Ich habe nichts Schlechtes von ihr gesehen; wenn ihr Mann ein Schurke ist, was kann sie dafür; sie hat ein treues, edles Gesicht, sie hat eine sanfte Stimme, die von Herzen kommt und zu Herzen geht; sie ist -
 
            Veronica. Sie ist – sie hat – sie wird – sie soll – mach’ mir nicht so viel Gewäsch von ihr. Ich kann’s nicht leiden daß Du sie lobst.
 
            Renner (der in die Kulisse geblickt hat). Dem Himmel sey Dank, Antonbringt sie!
 
            Veronica (spöttisch). Ei, ich dachte, sie hätte sich ein Leides gethan.
 
            Renner. Du bist ein alter Satan!
 
36
            Veronica. Was, ich ein Satan? Das ist zu viel! Das ist unerhört! Das ist noch nicht da gewesen! Mich, Dein eigenes Eheweib nennst Du einen Satan, um dieses frechen Weibsbildes willen die – welche - - ich kann nicht reden – der Zorn erstickt mir die Worte, - aber den Satan will ich Dir gedenken.               (ab in die Baude.)
 
            Renner. Anders war sie nicht fort zu bringen, - und fort mußte sie, wenn ich vernünftig mit dem Mädel spreche soll. -
 
Zweiter Auftritt.
Anton, der Rose hereinführt. Renner.
 
            Anton. Komm nur; 's ist ja niemand hier, als der Vater.
 
            Renner (ihr entgegen). Niemand als ich. - Geh hinein Anton, ich will mit Rosen allein plaudern.
 
Anton(geht langsam ins Haus).
 
Renner. Rose.
(Lange Pause.)
 
            Renner. (faßt Rosen bei der Hand und betrachtet sie fest, aber freundlich). Rose wo ist Dein Kind?
 
            Rose(schrickt zusammen und verbirgt ihr Angesicht).
 
            Renner. Du brauchst nicht zu fürchten, nichts zu verschweigen. Ich mein's gut mit Dir. Ich will nur ein offnes Geständniß.
 
Romanze.
 
Rose.
                        Wo der Wiese grünes Band
                        Zwischen Klippen liegt,
                        In dem Schutz der Felsenwand,
                        Hab ich's eingewiegt.
                        Milde Sommerlüfte
                        Süße Blumendüfte,
                        Haben's angefacht; -
                        Und im Schooß der Klüfte
                        Hat es hold gelacht.
 
37
 
                        Jeden flücht'gen Augenblick
                        Nützte Mutterlust;
                        Eilte hin und welch ein Glück:
                        Nahm's an meine Brust.
                        Milde Sommerlüfte
                        Süße Blumendüfte,
                        Wehten diese Nacht; -
                        In dem Steingeklüfte
                        Hab' ich es bewacht.
 
            Renner. Also es lebt, es ist da, Du liebst es, Du fühlst die Pflichten der Mutter; nun, Gott sey Dank! So hab’ ich mich nicht geirrt in Dir und kann meiner alten Vronel ein gehöriges Schnippchen schlagen; was ich denn auch nicht unterlassen will, sobald meine Finger Gelegenheit finden, mit ihrer langen Nase in Berührung zu kommen.
            Nun aber, jetzt darf keine Zeit verloren werden mit Redensarten. Niemand soll Dich, armes, betrognes Weib, mehr in Angst und Verlegenheit setzen. Was ich kann, werd’ ich redlich und gern für Dich thun. Am alten Vater Renner wirst Du einen Mann kennen lernen, der hier sein reines, vollwichtiges Herz mit gehörigem Herzblute sitzen hat und keinen Stein, oder verschimmelte Koppen-Käse wie so mancher reiche Bauden-Wirth.
            Ich will Dir helfen mit Rath und That. Du mußt aber auch rein heraus mit mir, kein Blatt vor Deinen Mund nehmen. Versprichst du mir –
 
            Rose (ihm die Hände küssend). Alles, alles – mein Retter! Mein Wohlthäter!
 
            Renner. Wie stehst Du mit Richard?
 
            Rose. Ihr wißt - - -
 
            Renner. Das hörst Du ja! Wie stehst Du mit ihm?
 
Rose.
Recitativ.
            Ich bin sein Weib – doch kaum verbunden
            Gereute ihn des Herzens Wahl.
            Ach er entfloh, und ließ mich meiner Qual
            Bang' folgt' ich ihm und hatt' ihn bald gefunden.
 
38
 
            Versteckt in seiner Nähe weilt' ich nun,
            Vernahm: er werb' um eine Andere. - -
            Verfolgung, Neugier, Neid, vertrieb mich -
            Entfliehend sucht' ich Schutz -
            Für mich – ach, für mein Kind!
            Ich bin zu stolz, ihn zu verrathen;
 
Arioso.
                        Schwer verklagt, im fremden Kreise,
                        Ohne Freundes milde Hand,
                        Trat die elternlose Waise
                        An der Hoffnung Grabesrand.
                       
                        Da entsagt' ich ihm und wandte
                        In die Berge meinen Lauf; -
                        Die Entehrte, die Verbannte,
                        Nehmt Ihr wie ein Vater auf.
 
                        Er verließ mich; doch ich hege
                        Keinen Haß; hab' ihm verzieh'n,
                        Geh' in Demuth meine Wege,
                        Und im Kinde lieb' ich ihn.
 
            Renner. Er soll meine Schwelle nicht mehr betreten. Aber es ist besser für uns alle, daß auch Du geh'st. Wir werden Alle gewinnen, Du selbst am meisten. Ich geb' Dir ein paar Zeilen mit an meinen Vetter, der wohnt drüben im Kaiserlichen, in Johannisberg. Dem will ich Dich als eine weitläuftige Anverwandte rekommandiren, als eine Wittwe. Und daß Du nicht von seiner Gnade allein abhängst, will ich Dich mit Gelde versorgen. Da sey brav und fleißig, das andere wird sich finden. Dich wird der Himmel nicht verlassen; denn der Himmel ist kein wüster Jägersmann, der die im Elend läßt, die mit ganzem Herzen an ihm hängen. Und wenn ich Dich ein Mal nach Jahren drüben besuche, find' ich Dich wohl als eines rechtschaffenen Mannes stille Ehefrau, der Dein Kind für das seinige angenommen, denn Euer Bündniß muß gelöst werden; das wird mit der Zeit Alles zu machen seyn. Sind meine Augen denn auch schon viel schwächer geworden, so will ich mir ja gern eine Brille aufsetzen, um zu sehen, ob Jahre nicht den Gram aus Deinem treuherzigen Angesicht
 
39
 
weggewischt haben, wie ich jetzt die paar Thränen aus meinem Auge wegwische.
            Na weine nicht mit. Und jetzt gehst Du hinein und verhältst Dich fein ruhig. Wenn die Heuleute Mittag machen und im Gebüsche liegen, gehen wir unbemerkt nach Deinem Kinde – unterdeß' hast Du Dein Bündel geschnürt – und ich führ’ Dich auf den Fußweg. Mit dem Passe werden sie's bei einem Frauenzimmer nicht so genau nehmen.
 
            Rose. Aber eh' ich gehe – ich habe noch etwas auf dem Herzen.
 
            Renner. Das wäre?
 
            Rose. Drinn, im Hause, hinterlaß' ich –
 
            Renner (für sich). Da kommt doch nicht gar noch ein kleines Kind zum Vorschein?
 
            Rose. Mein Hierseyn hat das Glück Eurer Marie gestört –
 
            Renner. Ach, ich verstehe! Dafür kannst Du nicht, Rose. Warum sind wir Männer so leicht zu fangen! Ich darf meinen Jungen nicht strafen, war ich doch selber in Dich verliebt. - Ja, schäm' Dich nur, ich schäme mich gar nicht und wenn ich ledig wäre –
 
            Rose (ihn unterbrechend). Treibt mich nicht fort, ehe nicht Anton wieder mit Marien versöhnt ist.
 
            Renner. Fort mußt Du –
 
            Rose. So laßt mich sie jetzt hier zu Euch führen, damit Ihr den neuen Bund segnet. (Schnell ins Haus.)
 
            Renner (allein). Ist doch lange nicht so viel hier oben auf den Bergen vorgegangen, als heute, an dem einen Tage, auf einmal. Als ob man mitten drin in der großen Welt lebte: Geheimniß, Liebe, Haß, Verläumdung, Entsagung, Großmuth, Klatscherei, Zank, der Teufel und seine Frau Mama. - Bei all' dem will ich frei Athem holen, wenn ich sie glücklich weggebracht habe. Ein hübsches Mädchen an sich ist schon gefährliche Hausgenossenschaft. Und unter solchen Umständen, mehr als gefährlich. - Hagel, das hätt' ich nicht
 
40
erwartet, daß ich zwei Hausleute aufnähme, als ich die eine aufnahm. - Freilich einen Hausmann kann man den kleinen „Drei-Käse-hoch“ nicht nennen, denn er logirt draußen. Aber was nicht ist könnte werden und ich möchte das Gesicht gesehen haben, wenn der Knirps einmal über kurz oder lang angekommen wäre (er macht den Gang ganz kleiner Kinder nach) zu meiner Vronel und hätte gerufen; Papa?? so mit einer fragenden Endung, als ob er ihn suchte – Donnerwetter, das Gesicht möcht' ich gesehen haben! - Aha, da bringt sie ihn; erst vorher hat er sie gebracht.
 
Dritter Auftritt.
Renner. Rose. Marie. Anton.
 
Quartett.
Marie. Anton.
                                    Ihr ließ't uns rufen?
 
Renner.
                                                Ja!
 
Anton.
                                    Nun gut, jetzt sind wir da:
                                    Was habt Ihr uns zu sagen?
 
Renner.
                                    Da mußt du Rosen fragen.
 
Anton.
                                    Wie, Rosen?
 
Marie.
                                                Rosen?
 
Anton. Marie.
                                                            Wie?
 
Renner.
                                    Ja, frag' sie nur, Marie!
 
Rose.
                                    Weil ich vom Gebirge scheide,
                                    Heute schon -
 
41
Anton.
Wer hieß Dich geh’n?
 
Rose.
Will ich noch vorher Euch Beide
Wieder fest vereinigt seh’n.
(zu Marien.)
Ich war Schuld an Deinen Thränen; --
Aber Anton ist Dir treu.
Darum stille nun Dein Sehnen,
Seine Lieb’ ist wieder neu.
 
Marie.
                                    Ich soll nun aus Deinen Händen
                                    Nehmen das verlorne Glück! –
                                    Und Du willst Dich von uns wenden,
                                    Und Du kehrst uns nicht zurück?
 
Anton.
                                    Ach wie gern, aus Rosa’s Händen,
                                    Nehm’ ich neu errungnes Glück!
                                                (zu Marien.)
                                    Will zu Dir, Marie, mich wenden,
                                    Bring’ ein Herz voll Reu’ zurück.
 
Anton. Marie.

Zusammen.

                                    Ich soll nun ausetc.
                                    Ach wie gern aus etc.
 
Rose.
                                                Ihr seyd vereint!
                                                Des Himmels Segen,
                                                Wird auf Euch ruh’n.
 
Anton. Marie.
                                                Er sey mit Dir auf allen Wegen!
 
Rose.
                                                Ich scheide nun!
 
Renner.
                                                Ihr seyd vereint.
 
Anton. Marie.
                                                Wir sind vereint!
                                                Des Himmels Segen
                                                Wird auf uns ruh’n.
 
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Renner(zu Rose).
                                                Er sey mit Dir auf allen Wegen!
                                                So scheide nun!
 
Anton. Marie.
                                                Sie scheidet nun.
 
Rose.
                                                Und wenn ihr Glück und Frieden
                                                Genießet, froh vereint; --
                                                Gedenkt der Armen, die geschieden
                                                Von jeder Freude, einsam weint.
                                                Gedenket mein!
 
Marie. Anton. Renner.
                                                Wir denken Dein!

 
 

 


                                                Ja wenn wir Glück und Frieden
                                                Genießen, froh vereint,

Zusammen.

                                                Wir denken Dein, die abgeschieden
                                                Von jeder Freude, einsam weint.
                                                Wir denken Dein!
Rose.
                                                Und wenn ihr etc.
 
Rose, Anton, Marie (gehn in die Baude).
 
Renner (allein). Wenn das nicht ein braves Weib ist, das verdient, künftig wieder unter die Haube zu kommen, und zwar unter eine hübschere, bequemere und angenehmere Haube, so will ich keinen Schluck Ungar mehr über mein Herz bringen. Hat sie nicht die Beiden hier ordentlich kopulirt und eingesegnet, wie wenn sie den schwarzen Rock angehabt hätte?
Und solch ein armes Ding muß nun verachtet und geringschätzt durch die Welt kriechen, weil ein schlechter Kerl sie betrogen hat, während hundert andre ihre Nasen so hoch tragen, die wahrhaftig werth wären, gar keine Nase zu besitzen! O du liebe Zeit!
 
43
Vierter Auftritt.
Renner, Cassian, Lazarus(kommen von links, von den Heumähern zurück).
 
Cassian. Spektakel über Spektakel, Vater Renner. Was die Leute von dem Mädel erzählen –
 
Renner (ihm den Mund zuhaltend). Das will ich nicht wissen!
 
Lazarus.Aber ’s ist erstaunlich –
 
Renner (ihm auch den Mund zuhaltend). Behaltet’s für Euch! –
            Seyd Ihr nicht gerade wie die Weiber?  die einem aufdringen wollen, was man nicht begehrt – dagegen mit Eurem Weine, wovon heute schon am frühen Morgen die Rede war, seyd Ihr sehr zurückhaltend.
 
Lazarus.’s ist auch wahr, Cassian; unsern alten Wirth müßten wir doch ein Wenig anfeuchten.
 
Cassian. So geh’ hinauf –
 
Lazarus. Ne, hinunter; ich hab’ die Flaschen schon in den Keller gebracht.
(Ab in’s Haus.)
 
Renner. Cassian.
 
Cassian. Was macht Ihr denn nun mit dem Mädel?
 
Renner. ’s ist kein Mädel; sie ist eine Frau. Ich schick’ sie halt fort.
 
Cassian.Ihr könnt sie mir mitgeben.
 
Renner. Da wär’ sie freilich gut aufgehoben. Du und Deine Kameraden, Ihr würdet ihrer Sittsamkeit gute Beispiele zeigen.
 
Cassian.Ein Schelm thut mehr wie er kann. Und der Förster Richard ist ihr –
 
Renner. Der Förster Richard ist ein Mörder, ein Schurke, ein Heuchler, ein Verräther, ein Ehebrecher, ein schlechter Mensch –
 
Cassian. Aber ein guter Schütze.
 
44
Renner. Er soll mir nur noch einmal kommen; ich will ihn hier von meiner Pacht herunter bringen und zwar auf dem nächsten Fußsteige, ohne allen Umweg. Aber ob er nicht vielleicht mit dem Kopfe eher im Thale anlangt, als mit den Beinen, das muß sich erst hernach zeigen.
 
Cassian.Ihr könntet nicht aufgebrachter seyn, wenn Rose Euer Kind wäre.
 
Renner. Hat er nicht auch Marien gewollt? Und hätte meine dumme Alte nicht nachgegeben, wenn’s dazu gekommen wäre. Und hätte der Kerl nicht nachher zwei Weiber gehabt? --Ei, lieber würf’ ich das Mädel ja in die Teiche, oder in die Schneegruben.
 
Fünfter Auftritt.
Renner. Cassian. Lazarus(mit drei Flaschen).
 
Terzett.
Lazarus.
                                                Die Flaschen zur Hand!
                                                Nun prüft mit Verstand!
                                                Der Wein gab keinen Einfuhrzoll,
                                                Doch ist er gut, die Flaschen voll,
                                                Der Pfropf ist fest –
                                                Schaut zu, ob er sich öffnen läßt!
 
Renner(hat ein Messer mit einem Korkzieher).
 
(Pause.)
 
Renner (parland << sung in a style suggestive of speech>>). Habe die Ehre zu melden, daß der meinige bereits offenherzig geworden ist.
 
Cassian.
                                    Was wollt ihr trinken?
                                    Dürft mir nur winken.
                                    Wollt ihr sauern Rheinwein?
 
Beide.
                                    Nein! Nein!
 
Cassian.
                                    Wollt ihr Burgunder?
 
45
Beide.
                                    Das ist ja Plunder!
 
Cassian.
                                    Wollt ihr Moselwein?
 
Beide.
                                    Nein! Nein!
 
Cassian.
                                    Wollt ihr Neckarwein?
 
Beide.
                                    Nein! Nein!
 
Cassian.
                                    Wollt ihr Würzburger Wein?
 
Beide.
                                    Nein! Nein!
 
Cassian.
                                    Wollt ihr etwa Grüneberger?
 
Beide.
                                    Ei, das wird ja immer ärger.
 
Cassian.
                                    Wollt ihr Sekt und Muskateller?
 
Beide.
                                    Unerschöpflich ist kein Keller.
 
Cassian.
                                    Pedrochimenes, Portwein, Lünel?
 
Beide.
                                    Immer noch nicht der wahre Quell!
 
Cassian.
                                    Madeira!
 
Beide.
Nein!
 
Cassian.
                                    Mallaga?
 
Beide.
Nein!
 
46
Cassian.
                        Was, zum Henker, soll es denn seyn?
                       
Renner.
                        Ihr wißt es ja.
                       
Lazarus.
                        Wir halten ihn ja.
                       
Cassian.
                        Soll’s Ungar seyn?
 
Beide.
                        Ja, ja,
                        Ungar allein!
                       
Lazarus.
                                    Wo sich in goldnem Scheine
                                    Die volle Traube hebt;
                                    Wo in dem edlen Weine
                                    Die Glut des Feuers bebt;
                                    Wo Leiblichkeit und Kraft
                                    Vereinigt wirkt und schafft. –
 
                                    Nicht in Reußen,
                                    Nicht in Preußen,
                                    Nicht in Oestreich oder Spanien,
                                    Nicht in Frankreich und Romanien,
                                    Nicht in Cypern, nicht in Sachsen,
                                    Nein in Ungarn muß er wachsen.
                       
Renner. Cassian. Lazarus.
                                    Nicht in Reußen etc.
                       
Cassian.
                                    Na, so wird’s recht seyn,
                                    Das hier ist Ungarwein!
                       
Renner. Lazarus.
                                    Ja, so wird’s recht seyn,
                                    Das hier ist Ungarwein!
 
Alle drei.
                                    Lasset strömen sein Feuer
                                    In’s tiefe Grab!
                                    Im Riesengebirge ist er nicht theuer;
                                    Senkt ihn hinab!
 
(Sie trinken lange.)
 
47
Lazarus.
                                    Gegrüßet sey, o Gast,
                                    Der du betreten hast
                                    Des Mundes off’ne Pforte!
                       
Renner.
            (Wird gesprochen.) Sagt einmal: geliebter Schleichhändler, Pascher und Cassian:
            (gesungen) was ist’s für eine Sorte?
                       
Lazarus.
                                    ‘s doch nicht Tokaier?
                       
Renner.
                                    Das wär’ der Geier!
                       
Lazarus.
                                    Tolnaër?
                       
Cassian.
                                                Nein!
                       
Lazarus.

Zwischen jeder Frage trinken sie.

                                    Neßmihler?
                       
Cassian.
                                                Nein!
                       
Renner.
                                    Erlauer?
                       
Cassian.
                                                Nein!
                       
Renner.
                                    Eisenburger?
                       
Cassian.
                                                Nein!
                        Merk’ auf Du versammelte Mannschaft,
                        Es ist der Ungarweine Muster,
                        Wächst in der Oedenburger Gespannschaft,
                        Und ist –
                       
Renner. Lazarus.
                                    Und ist?
                       
Cassian.
                                                Aechter, wahrhaftiger Ruster.
 
48
Alle drei.
                                    Aechter, wahrhaftiger Ruster.
                                               
(Sie trinken.)
                       
Renner.
                                    Meine Flasch’ ist leer.
                       
Lazarus.
Ja hinunter mußt’ er.
                        Doch kaum ist er drunten, will er hinauf,
                        Nimmt nach dem Kopfe seinen Lauf,
                        Glänzet im Auge, rauschet im Ohr,
                        Hebt all Sinne hoch empor!
                                   
Cassian.
            Schon taumeln die Berge in fröhlichem Reigen,
            Sie dreh’n sich und tanzen und sinken und steigen,
            Wir sind keine Berge, doch dreh’n wir uns mit!
            Wie stark ist der Fuß und wie leicht unser Schritt!
                                    La la la etc.
                                   
Alle drei (wiederholen).
            Schon taumeln die Berge etc.
           
            Renner. Also, Ruster heißt dieses Säftlein?
           
            CassianRuster Ausbruch, noch dazu.
           
            Renner. Ausbruch! Der Einbruch, den dieser Ausbruch in das feuersich’re Gewölbe meines inwendigen Menschen unternommen hat, gefällt mir ein wenig, und ich will ihn deshalb weder beim Stadt- noch beim Landgerichte verklagen.
           
            Lazarus. Wir haben ihm Abbruch gethan, dem guten Ausbruch.
           
            Renner. Ja, ja, mein liebes Lazarüschen, das haben wir. Und wäre nur zu wünschen, daß der würdige Mann länger vorgehalten hätte. –
           
            Cassian. Ich bin kreuzfidel. –
           
            Renner. Auch ich kann mich einiger Lustigkeit rühmen.   -- Aber was wollen die Kinder?
 
49
Sechster Auftritt.
Vorige. Anton. Marie.
           
            Anton. Ach Vater!
           
            Marie. Ach Vater!
           
            Anton. Die Mutter – sie heult, als ob sie der Bock stieße –
           
            Renner. Und ich lache, als ob mich die Ziege bisse – Warum weint sie?
           
            Marie. Sie sagt, Ihr hättet sie Satan genannt.
           
            Renner. Das ist wahr! Das hab’ ich gethan. Und nicht ganz ohne Gründe.
           
            Cassian. Die Courage hätt’ ich ihm nicht zugetraut.
           
            Lazarus. Und noch eh’ er den Wein getrunken, hat er’s gethan.
           
            Anton. Hernach sagt sie, unsere Verlobung wäre ungültig, denn sie wüßte nicht’s davon.
           
            Renner. Sie soll nur herauskommen, da will ich’s ihr selber erzählen.
           
            Marie. O sie kommt schon!
 
            Renner. Wirklich?
 
Siebenter Auftritt.
Vorige. Veronica.
 
Sechstet.
           
Veronica.
                        Ist’s möglich, Mann; -- so umgewandelt
                        Hat Dich ein hergelauf’nes Weib?
                        So ungerecht werd’ ich behandelt?!
           
Renner
                        Ich geh’ davon!
           
Anton. Marie.
                                    O bleibt doch!
           
Veronica(faßt ihn bei’m Rockzipfel).
                                                            Bleib!
 
50
Cassian. Lazarus (lachend).
                        Das ist sein Muth!!
           
Renner.
                                                            Ha, wenn ihr meinet:
                        Ich fürchte mich –
           
Veronica
                                                            Du hast sogar
                        Die Beiden ohne mich vereinet?
           
Renner.
                        Ja, Schatz, die Beiden sind ein Paar.
           
Lazarus. Cassian.
                        Was? Hör’ ich recht? Verlobung war?
           
Anton. Marie.
                        Wir sind verlobt, wir sind ein Paar.
           
Renner.
                        Drum schmeckte mir der Wein so gut.
           
Veronica.
                        Der Wein? Ach, daher kommt sein Muth!
           
Cassian. Lazarus.
                        Wir haben Brautpaar’s Wohl getrunken.       
           
Renner.
                        Das ist ein Wein, der Ungarwein!
           
Cassian. Lazarus.
                        Aus Leib und Seele schlägt er Funken
                        Und zeigt die Welt im Sonnenschein!
Anton. Marie.
                        Die Liebe machet wonnetrunken

Zusammen

                        Und zeigt die Welt im Sonnenschein!
Veronica.
                        Ich glaube gar er ist betrunken?
                        Sonst würd’ er nicht so lustig seyn.
Renner.
                        Ich habe Lust und Glück getrunken!
                        Das ist ein Wein, der Ungarwein!
 
51
 
 
Renner.
                        Alte, geh’, komm’ her;
                        Wollen uns versöhnen.
 
Veronica.
                        Dachte was mir wär’!
                        Geh’ zu Deiner Schönen!
 
Cassian. Lazarus. Marie. Anton.
                        Er will sich ja versöhnen.
 
Veronica(weinend).
                        Sollte man es denken?
                        Mußte mich’s nicht kränken?
                        „Satan“ hat er mich genannt.
 
Cassian. Lazarus. Marie. Anton.
                        Satan hat er sie genannt?
 
Renner.
                        Vronel, gieb mir Deine Hand.
 
Cassian.
                        Das müßt Ihr ihm nicht übel deuten;
                        Der Satan gilt bei allen Leuten
                        Für sehr verständig, fein und schlau, –
                        So kennt er seine Ehefrau.
 
Veronica.
                        Ihr seyd ein Narr.
 
Renner. Anton. Marie. Cassian. Lazarus.
                                                Sey (seyd) wieder gut.
 
Veronica.
                        Laßt mich in Ruh.
 
Renner. Anton. Marie. Cassian. Lazarus.
                                                Gieb Deinen (gebt Euren) Segen.
 
Veronica.
                        Ich will nicht!
 
Renner. Anton. Marie. Cassian. Lazarus.
                                                Laß’ Dich, (laßt Euch) doch bewegen.
 
Veronica.
                        Man hat doch auch sein Bischen Blut
                        Das stürmt und kocht; der Zorn will Rache.
 
 
52
 
 
Anton. Marie. Cassian Lazarus.
                        Wer wird sich rächen!?
 
Renner.
                                                Komm’ und lache!
                        Und hab’ ich „Satan“ Dich geheißen,
                        Ich will des Bessern mich befleißen;
                        Sieh’ hier mich knie’n; Du sollst allein
                        Mein lieber alter Engel seyn!

 
 

 


Marie. Anton. Cassian. Lazarus.
                        Und hat er „Satan“ Euch geheißen,

Zusammen

                        Er wird des Bessern sich befleißen;
                        Da seht ihn knie’n; Ihr sollt allein
                        Sein lieber alter Engel seyn.
Renner.
                        Und hab’ ich etc.
 
Veronica.
                        Dein Engel?
 
Renner.
                                                Ja!
 
Veronica.
                                                            Ihr habt’s vernommen!
 
Marie. Anton. Cassian. Lazarus.
                        Ja, wir sind Zeugen vor Gericht.
 
Veronica.
                        Er hat den Schimpf zurückgenommen!
 
Die andern fünf.
                        Ein Engel! und kein Satan nicht!
 
Alle sechs.
                                                Ja, ja, ja, ja!
                                                So ist es recht:
                                                Friede geschlossen
                                                Nach dem Gefecht.
                                                Lust im Gemüthe,
                                                Ruhe im Haus’,
                                    Gleicht sich in Güte
                                    Alles bald aus.
 
Anton. Marie.
                        Nun segnet uns Zwei!
 
 
53
 
 
Veronica.
                        Es sey denn, es sey.
                        Ich segne sie – ich segne Dich;
                        Lebet wie Euer Vater und ich.
 
Die andern fünf.
                        Sie segnet Dich – sie segnet sie –
                        Lebet wie Euer Vater und sie.
 
Alle sechs.
                                    Ja, ja, ja, ja;
                                                So ist es recht:
                                                Friede geschlossen etc.
 
(Wie oben.)
 
Alle sechs(gehen in die Baude und verlieren sich in die innern Gemächer).
 
(Das Theater bleibt einige Minuten leer.)
 
(Von der Seite, wo die Heumäher sind, schwebt ein mächtiger Adler auf die Bühne, der in seinen Fängen ein wohl eingehülltes kleines Kind hält und steigt empor, so dass er bald verschwindet.)
(Musik.)
 
Achter Auftritt.
Chor. Dann die Uebrigen.
 
Finale.
 
Chor(hinter der Scene).
                                    „Der Adler!“
                                    „Er hat ein Kind geraubt!“
                                    „Dort aus den Felsen!“
                                    „Er steigt!“
                                    „Er steigt immer höher hinauf!“
 
Chor(tritt auf).
                                    „Wessen ist das Kind?“
(Vor der Baude.)
                                    He, Vater Renner!
                                    Ist er im Haus??
                                    He, Vater Renner,
                                    Heraus, heraus!
 
Renner. Veronica(kommen heraus).
 
 
54
 
Renner.
                                    Was giebt’s?
 
Veronica.
                                                Was ist gescheh’n?
 
Chor.
                                    Der Adler, ihr könnt ihn noch seh’n.
 
Renner. Veronica.
                        Was hält er in seinen Krallen?
 
Marie. Anton. Lazarus. Cassian. Die andern Pascher(treten heraus).
                        Welches Angstgeschrei laßt ihr erschallen?
 
Chor(hinaufweisend).
                        Der Adler –
 
Die Andern.
                                                Uns blendet der Sonne Schein!
 
Chor.
                        Er raubt ein Kind!
 
Rose(im Heraustreten).
                                                Gott des Erbarmens,
                        Das Kind ist mein!
(Sie sinkt zusammen.)
 
Alle.
                        Dein? Dein?
 
Marie. Renner(um sie beschäftigt).
                        O sie sinket – habt Erbarmen –
                        Helft der Armen!
 
Chor.
                        Das kann keiner wagen,
                        Sein Leben ist Keinem feil!
 
Cassian.
                        Ich will mein’s in die Schanze schlagen.
 
Lazarus.
                        Und auch ich!
 
Beide.
                                                Uns ist es feil!
 
 
55
 
Anton.
Vergeb’ne Müh! – hier könnt ihr nicht hinauf,
Denn diese Felsen sind zu steil.
Von jenseits hält die tiefe Schlucht Euch auf!
Und noch kein Mensch drang durch die hohen Forsten
Bis zu den Spitzen, wo die Adler horsten.
 
Veronica.
            Auch wagt ihr Alles ohne Noth,
            Das arme Kind ist längst ja todt;
            Ihr käm’t zu spät, sollt’ es Euch wirklich glücken!
 
Cassian.
                        So lang’ das Kind mit hellen Blicken
                        Dem hohen Thier’ entgegen schaut,
                        Geschieht ihm nichts. Und darauf baut:
                        Eh’ nicht des Kleinen Auge bricht,
                        Berührt ihn auch der Adler nicht.
 
Rose(die unterdessen zu sich kam).
                        So will ich’s wagen!
 
Alle.
                                                Du geh’st zum Tod’!
 
Rose.
                        Was ist an mir gelegen,
                        Wenn meinem Kind’ Verderben droht? –
 
                                    Laßt mich fort! auf meinen Wegen,
                                    Ob im Thal, auf Felsenstegen,
                                    Ueberall blickt Tod entgegen,
                                    Und ich fürcht’ ihn nicht, den Tod!
           
                                    Soll des Himmels Rache walten,
                                    Trifft sie mich an jedem Ort; –
                                    Will ein Gott das Kind erhalten,
                                    Wird er auch der Mutter Hort.
 
                                    Ihm gehorcht ein Heer von Blitzen,
                                    Ihm der Engel ew’ge Schaar;
                                    Er kann tödten – kann beschützen –
                                    Ich verlache die Gefahr!
 
Empor – empor! Ich fühle Kraft und Muth!
Und wenn die Felsenspitze ragte
Bis zu den Wolken hoch, ich wagte
Den Weg hinauf! Müßt’ ich mit meinem Blut’,
 
56
Mich an die Steine heften;
Ich bin so reich an Kräften,
Ich bin so reich an Muth!
Dort, in des Bergesnebel Flor,
Dort ist mein Kind—empor—empor!
(Sie stürtzt ab.)
 
Alle(stehen erstaunt und erschreckt).
 
(Pause.)
 
(Bald erscheint Rose auf dem Fußsteige, über der Baude, auf dem im ersten Akte die Pascher gekommen sind. Anstatt aber rechts in die Kulisse zu biegen, klimmt sie den Felsen steil hinauf. Sobald sie in die Suffiten verschwunden ist, werfen sich
Alleauf die Knie.)
                                                Ach reich’ aus blauen Höh’n,
                                                Ihr unsichtbar die Hand;
                                                Lasse sie sicher geh’n
                                                Auch an des Abgrund’s Rand.
                                                Die Mutter, treu gesinnt,
                                                Erhalte Gott, mit ihrem Kind!
 
Cassian(springt zuerst auf).
                        Ist’s nicht Schimpf und Schmach? Wir liegen,
                        Männer, betend auf den Knie’n?
                        Auf, zum Abgrund laßt uns fliegen!
 
Alle Männer(aufspringend.)
                        Ja, fürwahr, wir wollen zieh’n!
 
Anton.
                        Drauf und dran! Es gehen Pfade
            Bis in jene Schlucht hinein.
 
Cassian. Lazarus.
            Aber dann?
 
Anton.
Des Himmels Gnade
            Giebt uns wohl ein Mittel ein!—
            Seht, bald, in der Engel Geleite
            Hat sie jenen Zacken erreicht.
            Und wir nah’n von der andern Seite— —
 
Cassian(ungeduldig mit dem Fuße stampfend).
            Aber dann?—
 
 
57
Anton(sinnend).
Es ist freilich nicht leicht.
 
Cassian.
                        Sey es leicht, sey es schwer, ich will’s wagen,
                        Auf den Armen herunter sie tragen,
                        Denn nicht macht sie, mit schwindelndem Blick,
                        Diesen Weg mehr lebendig zurück—
                        Doch wie können wir rettend ihr nah’n?
 
Anton.
                        Ueber’n Abgrund erbau’n wir die Bahn.
                        Ja versehet Euch Alle mit Beilen,
 
Cassian.
                        Und hinauf zu der Kluft laßt uns eilen,
 
Anton.
                        Hauen Stämme darnieder und legen—
 
Cassian.
                        Ueber’n Abgrund sie kühn ihr entgegen.
 
Anton.
                        Mag die flüchtige Brücke auch schwanken—
 
Cassian.
                        Ist sie drüben, sie wird es uns danken.
 
Alle.
                        Ja versehet Euch etc.
(Die Weiber singen: ihr statt wir etc.)
 
Anton.
                        Es erwachet der Muth, der uns schlief!
 
Alle.
                        Es erwachet der Muth, der uns schlief! –
 
Cassian.
                        Stangen, Haken, Leitern, Stricke!
                        Und wir bau’n ihr eine Brücke,
                        Sey die Kluft auch noch so tief!
 
Alle.
                        Stangen, Haken, Leitern, Stricke
                        Und wir (sie) bau’n ihr eine Brücke,
                        Sey die Kluft auch noch so tief!
 
Alle Männer(rechts ab).
 
 
58
Die Weiber(knieen nieder).
                                    Ach, reich’ aus blauen Höh’n,
                                    Ihr unsichtbar die Hand;
                                    Lasse sie sicher geh’n,
                                    Auch an des Abgrunds Rand.—
 
Männerchor(hinter der Scene).
                                    Stangen, Haken etc.
 
Weiberchor.
                                    Die Mutter, treu gesinnt,
                                    Erhalte Gott, mit ihrem Kind!
 
Der Vorhang fällt.

 

Dritter Akt.
 
Scene: Die Spitzen der Felsen. Im Vorgrund, zur rechten und linken Seite des Souffleurkastens erheben sich kleinere abgerißne Felsstücke, unmittelbar an diesen beginnt der Felsabgrund, der den Vordertheil der Bühne vom Hintertheile     trennt, und quer über das ganze Theater geht. Hinten erheben sich nun zwei isolirt stehende Felsspitzen. Auf der einen, dem Schauspieler links, ist, am Fuße eines alten, im Felsen wurzelnden Stammes, des Adlers Horst, in welchem (dem Publikum unsichtbar) das geraubte Kind liegt, vom Adler gleichsam bewacht.  Die Kulissen bestehen unten aus zerrissenen Felsstücken, weiter oben aus Luft.
            Der Eintritt auf die Bühne kann also nur von unten auf statt finden, als ob auf der Seite des Orchesters der besteigbare Pfad läge, von dem in den ersten Akten die Rede war.
            Wenn der Vorhang aufgezogen ist, ziehen zerstreute Gewitterwolken hoch über die Felsen, so daß sie den Adler und seinen Horst zum öfteren verhüllen.
(Donner.)
 
 
59
Erster Auftritt.
Auf einem der vorn liegenden Felsstücke erscheint Richard.
 
Recitativ.
                        Und immer finst’rer steigen Wolken auf;
                        Als ob sie wüßten, daß in diesen Felsen
                        Mein gramerfülltes Herz das Dunkel sucht!—
 
                                    Wolken, Wolken,
                                    Ihr Gewänder
                                    Jener Riesen, die von Stein,
                                    Fühllos starren in die Länder,
                                    Wolken, Wolken,
                                    Hüllt mich ein!
                       
                                    Wolken, Wolken,
                                    Auch mein Leben
                                    Ist erstarrt, wie Fels und Stein;
                                    Mögt ihr kalten Gram umgeben;
                                    Wolken, hüllet mich auch ein.
 
Recitativ.
            Doch die Felsen steh’n fest in Sturm und Wetter; —
            Ich aber schwanke,
            Ein bebender, schwacher Mensch;
            Unschlüssig—muthlost—freudenleer.
 
                                    Rollender Donner erhebt
                                    Fern seine dräuende Stimme;
                                    Herz in dem Busen erbebt,
                                    Bangt vor des Ewigen Grimme.
 
                                    Mir ist das Leben zur Last,
                                    Hab’ ich sein Ziel doch verloren,
                                    Weil mich die Theure nun haßt—
                                    Wär ich, ach, nimmer geboren!
 
                                    Wolken, Wolken,
                                    Auch mein Leben
                                    Ist erstarrt, wie Fels und Stein;
                                    Mögt ihr kalten Gram umgeben,
                                    Wolken hüllet mich auch ein.
 
(Er steigt von einem Stein zum andern und verliert sich in der Seite.)
 
(Donner.)
 
60
 
(An der Felsenspitze rechts klimmt von unten empor)
 
Rose.
(An einem Vorsprung, der zackig ist, hält sie an.)
 
            Die Kräfte – schwinden – mir!
            So nah dem Ziele, soll ich’s nicht erreichen!?
            Allmächtiger, zu dir, zu dir
            Ruf’ ich empor; sey du mit mir,
            Gieb mir ein Gnadenzeichen!
            Ich kann nicht weiter – stürzt’ ich gleich hinab — —
            Die Hand erlahmt – du Abgrund, sey mein Grab. —
 
(Sie sinkt und wird von den Zacken gehalten.)
 
(Aus der Tiefe vernimmt man fernund düster den Gesang der Weiber, womit der erste Akt schloß.)
 
Rose(sich ermunternd).
            Aus der Tiefe mächtig klingt
            Frommer Sang der Frauen
            Und in meine Seele dringt
            Göttliches Vertrauen;
            Neuer Muth und neue Kraft
            Wollen mich beleben,
            Daß ich, frisch emporgerafft,
            Kann zum Gipfel streben.
            Tönet Klänge,
            Steigt Gesänge
            Steiget auf zu Gottes Thron;
            Seine Kraft durchdringt mich schon. —
 
(Sie steigt vollends hinauf.)
 
(Donner.)
 
Ich bin am Ziele! — Ew’ger! habe Dank!
— Wo ist der Horst? — hier nicht? — o, wehe mir —
Den falschen Felsen hab’ ich nun erklommen —?
— Dort drüben scheint des Adlers Schreckgestalt
Die Fittiche zu schwingen! — heil’ger Gott,
Treibst Du mit Mutterliebe Spott?
Dortliegt mein Kind! — und ich, von ihm getrennt —
Auf steiler Spitze — schwindelnd — ach, wer nennt
Die Qualen, die in meinem Busen toben?
 
            Du, den die Engel preisen und loben,
            Du, den der leidende Mensch verkennt,
            Vater der Gnade bewahre mir
 
61
 
            Nun das Vertrau’n, das Vertrau’n zu Dir!
            Trenne der Wolken, der Nebel Schleier,
            Zeige Dich mir in himmlischer Feier,
            Rettend und groß wie mein Geist Dich geträumt! —
            Kein Wunder naht,
(Pause.)
            Die Hülfe säumt —
            Und ich allein, auf diesem engen Raum,
            Umgeben von der Tiefe Schauder nur; —
            Ist es denn wirklich? — beb’ ich denn im Traum? —
            O welcher Schwindel — auf des Wahnsinns Spur —
 
                        Hu, der kalte Wind —
                        Die Nebel bilden Gestalten —
                        Und der Adler zerfleischt mein Kind —
                        Alles schwankt— wer wird mich halten —
                        Kein rettender Arm — keine Hand —
                        Ist das deiner Treue Pfand —
                        Geliebter — Richard! o Richard! — eile
                        Zum Brautbett — nicht weile! —
(Sinkt in Ohnmacht.)
 
Zweiter Auftritt.
Rose. Richard(wo er abgegangen).
 
Richard.
                        Die Felsen hallen meinen Namen;
                        Ein lieber, süßer Ton erklang;
                        Aus welches Engels Munde kamen
                        Die holden Worte; der Gesang?
(Pause.)
                        Nur Täuschung war’s? —
(Die Wolken ziehn vorüber.)
                        Des Sturms Getose
                        Scheint zu verklingen; ja, die Luft
                        Wird wieder heiter! — Rose, Rose,
                        Wie Deine Stimme klang der Ton!—
 
Rose(erwachend).
                                                            Wer ruft?
(Sie richtet sich empor.)
 
62
 
Richard.
            Geister der Berge, wollt ihr mich necken?
            Du, Rose —
 
Rose.
            Ja, mein eifriges Gebet,
            Besiegte schon der Hölle Schrecken:

Zusammen.

            Der Gatte ist’s, der jenseit steht!
Richard.
            Nein, das sind nicht der Hölle Schrecken,
            Die Gattin ist’s, die jenseit steht.
 
Richard.
            Durch welche Zaubermacht gelangtest
            Du auf die Felsenspitze, sprich;
            Und wie geschah’s, daß Du nicht bangtest?
 
Rose.
            Die Mutterliebe führte mich.
            Denn unser Kind —
 
Richard(zitternd).
            Denn unser Kind? —
 
Rose.
            Ein Adler hat es mir geraubt.
 
Richard.
            Das Kind — der Adler — Räthsel sind
            Die Worte mir.
Rose.
            Ach, dicht umlaubt
            Liegt es im Horst, da, drüben —
 
Richard(außer sich).
            Ist es todt?
 
Rose.
            Ich seh’ die Wangen, weiß und roth,
            Ich seh’ der Locken gold’nen Kranz,
            Ich seh’ des Auges hellen Glanz.
            Er hat ihm nicht den Tod gegeben, —

Zusammen.

            Er starrt es an — ach welche Pein!
Richard.
            Bei unsers Kindes theurem Leben:
            Sprich, Rose, willst Du mir verzeih’n?
 
63
 
Rose.
            Kannst Richard Du mein Kind erretten?
 
Richard.
            Der Abgrund trennt mich ja von Euch —
 
Beide.
            Das sind des Fluches glüh’nde Ketten
            Und beide drücken sie uns gleich.
 
Rose.
            So nimm Dein Feuerrohr und wage
            Den Meisterschuß —
 
Richard.
            Mir bebt die Faust,
            Mein Blick ist unstät — weh’, ich zage
            Und meine ganze Seele graus’t:
            Träf’ ich das Kind — ich kann nicht schießen!
 
Rose.
            So soll das Blut des Kindes fließen?
            Ich soll es leiden, sterben seh’n!?
 
Richard.
            Es sey denn, weil es muß!
            Ich wage den Schuß.
(Legt an.)
 
Rose.
            Nein; nun nicht! — Wie, wenn es glückt,
            Wird jenem Ort das Kind entrückt?? —
 
Richard.
            Dann steig’ ich hier hinab;
            Den Weg, den Du genommen
            Will ich zurücke kommen, —
 
Rose.
            Es drohet Dir das Grab.
 
Richard.
            Was Du gewagt, sollt’ ich nicht wagen?
 
Rose.
            Hab’ ich am Herzen nicht das Kind getragen?
            Fühlt denn der Vater je,
            Der Mutter Lust and Weh?
 
64
 
Richard.
                                                Doch wenn mir’s gelingt,
                                                Wenn meine Hände,
                                                Die köstliche Beute,
                                                Das Kind, erreichen,
                                                Wenn ich’s Dir bringe;
                                                Zu Deinen Füßen,
                                                In Deine Arme
                                                Das Kind Dir lege,
                                                Wirst Du dem Vater,
                                                Wirst Du dem Gatten
                                                Theure, verzeih’n?
 
Rose.
                                                Dann bin ich Dein!
 
(Er will hinab, wo er herauf stieg.)
 
(Blitz, Schlag.)
 
(Der Stamm am Horste des Adlers wird vom Blitz gespalten. Die eine Hälfte bleibt stehen. Die andre fällt brennend zur Seite und baut, so fallend, einen Steg von der Felsenspitze wo Rose steht, zur andern, wo des Adlers Horst ist.)
 
Richard (nach einer Weile des Schrecks).
                                    Welch ungeheurer Schlag!
 
Rose.
                                                                                    Michtraf er nicht.
                                    Doch sieh’, der Himmel selber spricht
                                    Mit Feuerzeichen, uns zum Glücke:
                                    Der Baum wird eine Brücke—
 
Richard.
                                    Betritt sie nicht—
 
Rose.
                                                                        Gott, der sie mir gebaut,
                                    Er will auch, daß man ihm vertraut!
 
(Sie eilt hinüber).
 
(Als sie den Horst erreicht hat, erhebt sich drohend der Adler, schwingt die Flügel, etc.)
 
Rose (schaudert zurück).
                        Welch’ Scheusal – weh’, er droht mir Tod!
                        Er ist zu furchtbar – welche Noth!
 
65
 
Richard (zur Büchse greifend).
                        Nun sey’s gewagt.
 
(Er schießt.)
 
(Der Adler sinkt rückwärts vom Felsen, daß man ihn nicht mehr sieht.)
 
Rose.
                        Triumph! Der Räuber stürzt zusammen
                        Und aus dem Grabe aus den Flammen
                        Hab’ ich mein Kind gerettet!
 
Richard.
                                                                        Gott, es lebt!
 
Rose (zu ihm gebeugt).
                        Und seine kleinen Hände hebt
                        Es zu mir auf!
 
Richard.
                                                Wär’ ich doch jetzt bei Dir!
 
Rose.
                        Wir sind vereint! Dein Bild war stets bei mir!
 
Chor der Männer (von unten herauf).
                                    Haken, Stangen, Leitern, etc.
 
(Wie im zweiten Akt.)
 
Richard.
                                                Welch Geräusch?
 
Rose.
                                                Immer näher!
 
Richard.
                                                Viele Stimmen!
 
Beide.
                                                Welch Geschrei!?
                                                Herbei! herauf!
 
Chor.
                                                Wir sind’s!
 
Beide.
                                    Herbei!
                                    Sie nah’n; die Helfer,
                                    Mit kühner Lust!
 
66
 
Chor.
                                    Wo bist Du? Rose?
 
Rose.
                                                                        Mein Herz sprengt die Brust!!
 
Richard (hinabrufend).
                        Ja, Freunde, herauf nur; sie lebt und das Kind!
 
Chor (von unten, doch näher).
                        Hinauf; hinauf nur, muthig, geschwind.
 
Letzter Auftritt.
(Auf allen Felsstücken im Vorgrunde erscheinen Leute mit Brettern, Stricken, Aexten u.s.w.) Chor. Renner. Anton. Cassian. Lazarus u.s.w.
 
(Musik.)
 
(Es wird ein schwankender Steg über die Felsenkluft gelegt.)
 
(Richard ist der Erste, der hinüber eilt. Andere folgen ihm. Sie klimmen zu Rosen empor.)
 
Richard undRose (stehen allein ganz oben, vereinigt, bei dem Kinde, welches im Horst liegt.)
 
Alle Andre (gruppirt).
 
Chor.
                        Durch Berg und Fels, zum Lob’ der Schönen,
                        Der Guten, klinge Jubelschall,
                        Soll auch den Donner übertönen
                        Und jauchzend ruft der Wiederhall:
 
Gesang der Frauen (von unten).
                                    Die Mutter, treu gesinnt
                                    Beschütze Gott, mit ihrem Kind!
 
Alle.
                                    Die Mutter, treu gesinnt,
                                    Beschützte Gott mit ihrem Kind!
                        Durch Berg und Fels, zum Lob’ der etc. etc.
 
Der Vorhang fällt.

Bibliographic Information
Editor: 
Karl von Holtei, Franz Gläser
Number of Pages: 
66 page(s)