Der Mann mit den drei Frauen (Essay, 1924)

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This article by Lilly Klaudy appeared in the Neue Freie Presse on 25 December 1924. Ian McArthur kindly transcribed it for us, along with an unattributed article that appeared beforehand, possibly penned by Klaudy. (Its title was "Der Berg des Schicksals").

[“Der Berg des Schicksals”]
             Ein Drama aus der Natur. Manuskript, Regie, Photographie (im Freien): Arndald Fanch. Photographische Mitarbeiter im Fels: die beiden Tiroler Kletterer Schneeberger und Dettel. Dekorationen: Leopold Blonder. Berg und Sportfilm G. m. b. H., Freiburg im Breisgau. (Preisseverfführung.) – Diesem Film gegenüber ist es beinahe unmöglich ,der Versuchung zu widerstehen, einem schwärmenden Gymnasiasten gleich in Superlativen zu schwelgen, Dieser “Berg des Schicksals” bedeutet jedenfalls in seiner Art eine Höchstleistung, von der es kaum vorstellbar ist, dass sie noch überboten werden könnte. Was es da an halsbrecherischen Szenen zu sehen gibt, reizt in schier unerträglicher Weise an den Nerven selbst des blasiertesten Zuschauers. Nach dem ersten Akt meint man, der Autor und die Darsteller hätten ungeschickterweise den Höhepunkt der Spannung an den Anfang gehetzt, und kann es dann gar nicht lassen, dass in jeden weiteren Akt ein noch höherer Höhepunkt erreicht wird, bis einem schließlich im sechsten Akt buchstäblich der Puls stoßt. Dieses obstinate Spiel mit dem Tode wäre fast abstoßend zu nennen wenn es nicht in so herrliche, so überirdisch erhabene Bilder aus der Gipfelweltder Dolomiten hineingestellt wäre. Höchste Bewunderung verdienen die Protagonisten dieses Films: der berühmte Olympiasieger Hanns Schneider, der Tiroler Meisterkletterer Ingenieur Luis Trenker und die nicht weniger meisterlich kletternde, aber auch sonst ausgezeichnet spielende bildhübsche Bertha Stern v. Walther. Desgleichen die zwei “unbekannten Kletterer” des Films W. Schar Schmidt und G. Göslen. Frieda Richard, als die Mutter, beziehungsweise Großmutter der beiden Helden, zu loben, wäre fast balanciert. Wo diese genial Darstellerin auftritt, da gibt es immer ein schauspielerisches Erlebnis besonderer Art. Auch Ena Morena als die Frau, beziehungsweise Mutter der Helden, ist ganz vorzüglich. Gustav Oberg wirkt, zumal in den späteren Akten, geradezu wie eine E. T. A. Hofmannsche Figur. Die Photographie ist von seltener Schärfe und Klarheit. Wie es übrigens der Operator zuwege gebracht hat (und sei es auch mit Unterstützung der Berufskletterer Schneeberger und Dettel), die unerhörten Vorgänge zu kurbeln, ist uns schlechthin unvorstellbar. Die Innendekorationen Leopold Blonders bezeugen seines Stilgefühl. Dieser, trotz aller “Sensationen” (nebstbei bemerkt): auch der kleinste Trick ist hier ausgeschaltet) durchaus künstlerische Film, wird seinen Weg über die ganze bewohnte Erde nehmen, dessen sind wir gewiss.
            [“Der Mann mit den drei Frauen.”] Sechs Akte mit Georg Walsh und Helen Chadwick in den Hauptrollen. Goldwyn-Film, Newyork. Um gleich beim Ende anzufangen: Die Moral dieser Geschichte ließe sich ungefähr so formulieren : Auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt es Grenzen, über die ein Filmheld recht bedauerlich kontrastieren, so zwar, dass man beispielsweise in Newyork rechtsgültig geschieden und wiederverheiratet sein, etwas südlicher, in South Carolina, dagegen, ebenso rechtmäßig als Bigamist verhaftet und eingelacht werden kann. Se non e vero e ben trovato. Vielleicht ist die Gefahr in Wahrheit nicht gar so brennend, wie sie auf der Leinwand dargestellt erscheint, jedenfalls aber liesert sie eine sichere Unterlage für eine anstregnungsreiche Verwicklungskomödie. Gespielt wird gut. In einem reizenden kleinen Mädel, dem Töchterchen der Heldin, verrät sich bei aller Kindlichkeit ausgebrochene schauspielerische Begabung. Sehr schöne Aufnahmen eines Geisers im Yellowstone National Park verdienen besonders erwähnt zu werden.
           L--y K--y
       

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
23 January 1925
Publication Place: 
Vienna, Austria
Press: 
Neue Freie Presse
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