Der kranke Aar (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Am dürren Baum, im fetten Wiesengras
Ein Stier behaglich wiederkäut' den Fraß; 
Auf niederm Ast ein wunder Adler saß, 
Ein kranker Aar mit gebrochnen Schwingen.

"Steig auf, mein Vogel, in die blaue Luft, 
Ich schau dir nach aus meinem Kräuterduft." –
"Weh, weh, umsonst die Sonne ruft 
Den kranken Aar mit gebrochnen Schwingen!"

"O Vogel, warst so stolz und freventlich 
Und wolltest keine Fessel ewiglich!" – 
"Weh, weh, zu viele über mich, 
Und Adler all – brachen mir die Schwingen!"

"So flattre in dein Nest, vom Aste fort, 
Dein Ächzen schier die Kräuter mir verdorrt." – 
"Weh, weh, kein Nest hab ich hinfort, 
Verbannter Aar mit gebrochnen Schwingen!"

"O Vogel, wärst du eine Henne doch, 
Dein Nestchen hättest du im Ofenloch." –
"Weh, weh, viel lieber ein Adler noch, 
Viel lieber ein Aar mit gebrochnen Schwingen!"

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main