Das unter Gluth und Flammen ächzende Erfurt. Den 21.ten Oct. 1736 (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Das unter Gluth und Flammen ächzende Erfurt. Den 21.ten Oct. 1736[1]

O! Was erhebt sich vor ein Sturm!
Wie braußt der Wind in unsern Gassen!
Dort wankt ein hochgespitzter Thurm,
Den hunderttausend Wirbel fassen.
Hier kracht ein schwach und mürbes Haus;
Sein Grimm bricht Kalch und Ziegel aus;
Er pfeift durch Gärten und Gebäude.
Entstünd ein Feuer ohngefehr,
Wo nähmen wir jetzt Rettung her;
Wie schlecht wär unsre Sabbaths-Freude!
O weh uns! kaum gedenk ich dran,
So hör ich Feuer! Feuer! schreyen.
Die Funken steigen Himmel an,
Und scheinen uns den Tod zu dräuen.
Die ganze Stadt erschrickt und bebt,
Und was in unsern Mauren lebt,
Erzittert, läuft und eilt zum Retten.
Der stark und ungeheure Wind
Treibt Gluth und Flammen so geschwind,
Als ob sie güldne Flügel hätten.
Dort trägt mit Seufzen, Ach und Weh
Ein armes Weib ein Bündel Betten,
Und hält es zitternd in die Höh,
Um dieß noch vor der Gluth zu retten.
Hier läuft ein hochbetagter Mann,
Trägt, was er sonst kaum heben kan,
Und suchts in Sicherheit zu bringen.
Da führt und schleift man Kaufmanns-Guth,
Man eilt es möchte sonst die Gluth
Die Waaren allesamt verschlingen.
Reißt Frauenzimmer! reißt die Pracht
Von Achseln, Haupt und Schlaf herunter!
Kommt gebt auf eure Freunde acht,
Und seyd zum Räumen frisch und munter.
Was denkt ihr jetzt ans Feyer- Kleid,
Jetzt da das Feuer Funken speyt,
Und seinen rothen Rachen weiset.
Auf! säumet nicht! helft, wo ihr könnt,
So lang die Gluth euch Zeit vergönnt,
Damit man eure Großmuth preiset.
Das ungeheure Element
Sucht seine Flügel auszubreiten.
Es raßt und tobt, und frißt behend,
Und lodert schon auf allen Seiten,
Der Sturm bläßt heftig in die Gluth,
Und mehret dadurch ihre Wuth,
Und unterhält die tollen Flammen.
Hier sind, wie ist mir doch so bang,
Zu unsers Erfurts Untergang
Zwey Feinde unzertrennt beysammen.
Jetzt steigt ein Regenbogen auf;
O! wäre dieß ein Gnaden-Zeichen!
Vieleicht sieht Gottes Auge drauf,
Und läßt sein Vater-Herz erweichen.
Doch nein! der Sturm bläßt immer mehr;
Er heult und brüllt und wüthet sehr,
Und blendet durch den Rauch die Augen.
Man weiß fast nicht wohin man sieht;
Der heise Dampf, der seitwerts zieht,
Beißt schmerzlicher als scharfe Laugen.
Vor Schrecken kreyset dort ein Weib,
Und muß ihr Kind in Thränen baden.
Hier trägt man einen siechen Leib,
Damit ihm nicht die Flammen schaden.
Wenn jetzt die arme Geren-Stadt[2]
Den Höchsten nicht zum Helfer hat,
So muß sie gänzlich untergehen.
Wofern er nicht dem Wind gebeut,
Dem Feuer wehrt, dem Funken dräut,
So bleibt kein einzig Wohnhaus stehen.
Der Himmel zeigt uns noch einmahl
Den buntgefärbten Regenbogen.
Allein er mindert nicht die Quaal.
Die Gluth kömmt stärker hergezogen.
Der Rauch benimmt der Sonnen-Blick,
Die Luft wird dampfigt, schwarz und dick,
Dort fliegen angeflammte Kohlen;
Sie drehen sich mit Ungestümm,
O Jammer! ihr erhitzter Grimm
Entzündet auch die stärcksten Bohlen.
Hier stürzt ein lodernd Dach herab;
Dort knackt und prasselt ein Gebäude,
Und findet bald ein rothes Grab
Zu des Besitzers gröbstem Leide.
Die Gluth verschont kein steinern Haus,
Sie brennt die schönsten Zimmer aus;
Die stärcksten Mauren müssen springen.
So plötzlich kan die schnelle Gluth
Haus, Bücher, Früchte, Hab und Guth,
Eh man es noch vermeint, verschlingen.
Man sieht, wie sich die Spritzen drehn,
Wie scharf sie mit den Flammen fechten;
Sie geben zischend zu verstehn,
Wie gern sie uns erretten möchten.
Allein umsonst! mir fällt der Muth;
Kein Wasser tilgt die wilde Gluth.
O! könnt man sie mit Thränen zwingen!
Ich weiß, sie wär schon längst gestillt,
Denn was aus unsern Augen quillt,
Wär stark genug sie zu verdringen.
Der Abend kömmt betrübt herbey;
Die Sonne geht ganz traurig unter,
Allein das Feuer herrscht noch frey;
Das matte Volk bleibt gleichfals munter.
Das Stücke wiederhohlt den Knall;
O mehr als fürchterlicher Schall!
O strenges Nacht-Lied, so wir hören.
Ach Schreckens-voller Morgen-Gruß,
Der uns zugleich erinnern muß
Die Augen nach dem Brand zu kehren.
Kommt! schaut die Aschen-Hauffen an,
Die gleich den Ziegel-Oefen rauchen.
Man sieht, so weit man sehen kan,
Die Gluth verdeckt und dampfend schmauchen.
O heises Grabmaal einer Stadt,
Die Gott so scharf gezüchtget hat!
Hier überfällt mich Furcht und Grauen.
O soll ich dich mein Ger-Athen
In solchem Jammer-Stande sehn!
Und deine Bürger weinend schauen.
Sucht eure Stätte nur noch nicht,
Nein, sondern sucht zuerst die Gassen,
Der Schutt betrüget das Gesicht;
Sie werden sich kaum finden lassen.
Hier ist ja lauter Wüsteney;
Der Berge sind so vielerley;
Wer will euch eure Wohnung zeigen?
Man geht jetzt nicht durch Strassen hin;
Man muß mit tiefgebeugtem Sinn
Nur über Feuer-Hügel steigen.
Der Höchste schlug; er wird sich auch
Der elend- und betrübten Armen
nach seinem väterlichen Brauch,
Nach seiner Huld und Gnad erbarmen.
Wer aber davon hört und spricht,
Verdamme ja und richte nicht,
Und untersuche sein Gewissen.
Denn so ihr jetzt nicht Busse thut,
So werdet ihr durch Sturm und Gluth
Auf gleiche Art verderben müssen.
 
 


[1]Das Gedicht umfaßt im Original 30 Strophen
[2] Erfurt an der Gera
Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main