Brief derselben an einige gelehrte Gönner dieses Buches (Auszug) (Essay)

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

This text was digitized and graciously donated to Sophie by Dr. Albrecht Classen, University of Arizona. This particular work has been extracted from Classen's Frauen in der deutschen Literaturtgeschichte; the full text is available on this site.

Ich weiß sehr wohl, daß Gott mir einen klugen Geist verliehen hat, doch ist er, seitdem der Eifer meiner Lehrerinnen aufhörte, untrainiert geblieben und durch meine eigene Trägheit und Untätigkeit erschlafft und vernachlässigt.  So habe ich, um die Gottesgabe nicht durch meine Nachlässigkeit verkommen zu lassen,—wann ich nur immer einen Faden oder einige Flocken von einem Läppchen, aus dem Gewand der Philosophie gerissen, herausholen konnte, sie dem schon erwähnten kleinen Werk einzufügen versucht, damit der Unwert meiner eigenen Unwissenheit durch den Einschluß von edlerem Material in günstigerem Licht erscheine, und der Spender des in mir wirkenden Geistes um so viel höher gebührend gepriesen werde, als die weibliche Geisteskraft für beschränkter angesehen  wird.
 
 
 FRAGEN ZUM TEXT:
 
Hrotsvitha verwendet bewußt einen Demutstopos. Was besagt dies hinsichtlich ihrer wahren Selbsteinschätzung und der Bedeutung ihrer Werke?
 
Welche poetischen Bilder benutzt Hrotsvitha, um trotz aller Selbstbescheidenheit klar vor Augen zu führen, daß sie einen philosophischen Text verfaßt hat?
 

Bibliographic Information
Editor: 
Dr. Albrecht Classen