Ballade von der kastrierten Puppe (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.

1
in Bayern wo die Dörfer 
alt und finster sind 
lebt ein Dorfschullehrer
mit Frau und Kind 
er belehrt die Jungen 
und die Mädchen all
über Fleiß und gute Sitten
und über den Sündenfall    
doch eines Tages schickte 
Tante Lucie aus Paris
der Bettina eine Puppe 
die Hildebrand hieß 
der Hildebrand konnte 
lachen und weinen 
und hatte ein Schwänzchen 
zwischen den Beinen  
was habe ich denn gemacht 
meine liebe Mutter?  
ich träume jede Nacht:
du kämst mit einem Messer
und hättest mich umgebracht!


Bettina springt herum
und tanzt einen Ringelreihen 
sie läuft zu ihrem Vater
um die Puppe zu zeigen 
"was eine Jungenpuppe 
in meinem sauberen Haus?
das Ding fliegt gar bald 
zu den Fenstern hinaus!
weh dir ich seh dich 
mit Hildebrand spielen
und dich mit dem Bengel 
auf der Straße rumsielen! 
wie konnte Tante Lucie 
sich dazu erdreisten?
ich als Lehrer kann 
mir sowas nicht leisten."  
was habe ich denn gemacht . . .


doch während der Herr Lehrer 
als zuverlässiger Christ
am nächsten Sonntagmorgen
in der Dorfkirche ist–
die Mutter schläft noch
und taub ist ihr Ohr –
sucht Betti ihren Hildebrand
aus dem Kleiderschrank hervor
zufällig wohnt ein Puppen- 
doktor im Hause nebenan 
dessen kinderlose Frau
gar nicht anders kann 
als alles was geschieht 
emsig zu belauschen 
und jedes Ereignis 
gehörig aufzubauschen
was habe ich denn gemacht . . .


Frau Doktor gewöhnt 
sich zu verstecken 
stand eine Weile 
hinter den Rosenhecken 
und als sie Bettina
und Hildebrand schaut
überzieht sie sich ganz 
und gar mit Gänsehaut    
"Betti pfui schäm dich!
mit deiner Zunge
zu küssen zu schlecken 
den Puppenjunge!"
Bettina erschrocken 
stopft den Hildebrand
ins Blumenbeet und 
tief in den Sand
was habe ich denn gemacht . . .


Frau Doktor klagt und zetert: 
"Betti du bist ja entartet!
ach deine arme Mutter 
die gerade ein Baby erwartet!"
und der Herr Lehrer packte 
das schuldlose Puppenkind 
und eilte mit ihm hinüber
zum Puppendoktor geschwind
Herr Doktor dieser Rüpel
der bringt mich noch ins Grab 
schneiden Sie ihm doch bitte
sofort dieses Ding da ab!"
und zu Betti: "was heulst du
wie eine kleine Wilde? 
aus deinem Hildebrand 
wird eben eine Hilde!"
was habe ich denn gemacht . . .
 
hat den Teufel im Leibe"

der Vater kann Kinder- 
schmerz nicht ermessen 
er selber hatte Hilde-
brand längst vergessen 
"warum lachst du nicht 
und singst keine Lieder
für deine Mutter? 
sie kommt bald nieder!"
was habe ich denn gemacht . . .

wer huscht durch Nachbars 
Blumenbeete und Hecken
um die öde Puppenpraxis
bei Nacht zu entdecken?
wer klebt mit der Nase 
am staubigen Werkstattfenster
und begutachtet dort 
die blassen Puppengespenster?    
Bettina bewundert 
voller Entzücken 
die Augen die Stimmchen
und die Perücken 
Nähzeug und Zangen 
kleine Messer Pinzetten
"ach wenn wir doch auch 
solche Werkstatt hätten!"  
was habe ich denn gemacht . . .  
wirf schnell die Zange
und die Messerchen weg!" 
trotzdem hat Bettina alles 
in ihrem Zimmer versteckt
was habe ich denn gemacht . . .


die Mutter sagt "Bettina
uns leuchtet neues Licht
jeder von uns beiden 
hat nun seine Pflicht
du trägst deine Hilde 
stolz und sicher im Arm 
und ich halte den Christian 
in seinem Bette satt und warm"

doch kaum ist die Mutter 
ein paar Schritte gegangen 
sieht man Bettinas Hände
nach Christians Decke langen
"ich werde dir gleich helfen 
du verdammtes Luder! 
was machst du da eigentlich
mit deinem kleinen Bruder?"
was habe ich denn gemacht . . .
 
die Mutter hört es nicht."

Bettina tanzt und jubelt 
ist lustig wie eine Biene
"Mutter ich habs geschafft
aus Christian ward Christine!"
die Mutter eilt ans Bettchen 
das Blut tropft ihr in den Schuh
der Christian ist gestorben
seine liebe Seele hat Ruh
was habe ich denn gemacht
meine liebe Mutter?
ich träume jede Nacht:
du kämst mit einem Messer
und hättest mich umgebracht

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main