Aus dem Briefwechsel mit Gleim (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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DEN 22. JUNY 1761. MORGENS 7 UHR
Freund, zeichne diesen Tag mit einem größern Strich!
Er war doch ganz für dich und mich, 
Wir wandelten im Hayn und hörten Vögel singen
In dicken Fichten, wo der Mann das Weibchen hascht. 
Gut wars, daß über uns nicht Edens Aepfel hingen, 
Indem wir Hand in Hand durch das Gebüsche gingen, 
Da hätten du und ich genascht 
Und im Entzücken nicht die Folgen von den Bissen
Nur einen Augenblick bedacht: 
So hat es Eva einst gemacht,
So machens heute noch Verliebte, die sich küssen – 
Bald werd ich nichts zu schwatzen wissen,
Als ewig von dem Kuß. Und meiner Mutter Mann, 
Durch den ich ward, ist Schuld daran, 
Daß ich so gern von Küssen sing und sage, 
Denn er verküßte sich des Lebens schwere Plage. 
Allein ich wende mich nun wieder zu dem Tage, 
Von dem ich reden will, schreib ihn mit goldnem Strich!
Er war doch ganz für dich und mich...
(unvollendet)

DEN 5. DEZEMBER 1790
Den dämmerungsgrauen Rock und auch den Denkdukaten, 
Den goldnen Friedrich Wilhelmskopf 
Mit kleinen Locken und mit kurzem steifem Zopf: 
Die beyde wolltest du entrathen, 
Um das Vergnügen, hier zu sein 
Beim Feste meiner ersten Stunden? 
Dies schmeychelt dich nun wieder ein: 
In meinem Herzen; neu verbunden 
Werd ich mit deinem Herzen nun. 
Denn so ward mir noch nie geschrieben, 
Selbst damals nicht, da all mein Thun 
Und Denken nur darin bestanden, dich zu lieben, 
Du Zauberer Glyphästion. 
Wie kalt, wie reisgebündelttrocken, 
In welchem allgemeinen Thon 
Schriebst du der Sappho, die erschrocken 
Bestürzt, betrübt gewesen ist 
Und doch bey all dem Leiddurchdringen
Das kalte Brieflein noch geküßt,
Doch warm blieb, Liebe dir zu singen – 
Die Zeiten aber sind vorbey. 
Schon mancher Herbst und mancher May
Sind unterdessen schon vergrünet und verblühet, 
Seitdem die Freundschaftsflamme neu
Zum ersten Mal für dich geglühet.
Erleben wir den Veilchenmond, 
Dann hab ich volle dreyßig Lenze
In königlicher Stadt gewohnt. 
Am vierundzwanzigsten des Veilchenmonds bekränze 
Ich sicherlich mein altes Haupt 
So festlich schier, als wie am zweyten – 
Da kam dein erster Brief, da hab ich mir erlaubt 
Ein Lied von goldnen Zeiten.

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main