Auff Ihren Abscheid auss Greiffswald, Gesang (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.

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Weil dann der Unholdt gäntzlich mir
Zum Greiffswald nicht will lenger leiden,
So bleibt dennoch mein Hertz alhier,
Undt wirdt sich nimmer von euch scheiden!

Wohin gedenckstu dann mein Sinn?
Ist doch Europa gantz voll Kriegen,
Es ist ja warlich kein Gewinn,
Von einem stets zum andern fliegen.

Zu Fretow wehr es gut genug,
Da Phebus mit den Töchtern[1] sitzet,
Drüm wirt auch Fretow in das Buch
Der greisen Ewigkeit geschnitzet.

Da wehr ich fro undt ausser leit,
Da wolt ich lesen, tichten, schreiben,
Undt so den Nachrest meiner Zeit
Mit ohnverfälschter Trew vertreiben.

Itzt aber wil die Kriegerey
Zu Fretow keinen Menschen dulden,
Kein Ort ist von den Straffen frey,
Die ich undt du, undt der vorschulden[2].

Ich sag und klage für undt für,
Das manche lange Nacht verflossen,
Seit das ich auß der Frewden Thür
Bin gantz und gahr hinauß gestoßen.

Was klag ich aber, weiß ich doch
Das meiner Augen heisse Zähren
Nicht lindern dieses schwere Joch,
Noch meinem Elend mögen wehren.

Dan Trauren machet nur Verdruß;
Laß alle rauhen Winde wehen,
Laß sterben, wer da sterben muß,
Was wündscht man viel den Todt zusehen?

Dem Menschen ist gesetzt ein Ziel,
Das kan er auch nicht überschreiten,
Drüm ruff nur nicht den Todt zu viel,
Er schleicht dir nach zu allen seiten.

Was Odem bläst wirt nun geplagt,
Kein Mensche fült itzund genügen;
Man hört nicht mehr das einer fragt:
Wo mag der Weg nach Fretow liegen?

Nun gute Nacht, mein Vaterlandt!
Da weylandt große Lust zu schawen,
Ich muß mich nun Neptunus Handt,
Undt Thetis[3] saltzen Schoß vertrawen.

Gehab dich wol, du werte Schar
Der Schwieger- und der Schwägerinnen!
Wer wirt nun mit euch übers Jahr
Ins Dannenholtz spatzieren künnen?

Wans euch nun geht, wie ihr begehret,
Wen euwer Weinen wirt zu Lachen,
So denckt dan auch eins ohn beschwert;
Was mag doch unsre Lybis[4] machen.
 


[1] Phoebus = Apollo, Gott der Dichtkunst; Töchter = Musen
[2] verschulden
[3] griechische Meernymphe
[4] Spitzname für Sibyl
Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main