Antigone (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Singet die Feiergesänge den hohen olympischen Frauen,
Söhne der Musen! Besingt Here, die große, besingt
Artemis, mit Aphroditen der goldnen, Pallas Athenen,
Einer Sterblichen doch denk' ich vor allen im Lied!
Einer Heldin, die früh die Schatten begrüßte des Orkus,
Weil sie allmächtig ein Strahl himmlischer Liebe durchglüht.
Antigone, dein! Du treuste der Schwestern, die sorgend
Um des Entseeleten Ruh wählte den eigenen Tod.
Um dem geliebten Bruder zu öffnen der Seeligen Wohnung,
Gingst du freiwillig ihm nach in die kozytische Nacht.
Eh' dir noch Hymen die Fackel entzündet der fröhlichen Hochzeit,
Als Polynikes der Held im blutigen Kampfe besiegt war,
Eh' dir noch Eros den Kelch hatte der Freuden gereicht. –
Als Polynikes der Held im blutigen Kampfe besiegt war,
Und auf der Heimath Flur ruhte sein Leichnam entseelt,
Einsam und grablos; denn es hatte der Herrscher von Theben
Jedem gedrohet den Tod, der ihn bestatte zur Ruh,
Daß verschlossen ihm bliebe der Eingang seeliger Fluren,
Und er verbannt am Gestad irre des nächtlichen Stroms.
Furcht hielt Jeden zurück, das Gebot zu verletzen, das strenge,
Nur Antigone ging still den gefürchteten Pfad.
Sie, die Verbannte vom heimischen Grund, verließ ihre sichre
Freistatt, nicht das Gebot achtend des schrecklichen Manns;
Streng verborgen sich haltend am Tage, ging sie zur Nachtzeit,
Nur von der Fackel des sanft leuchtenden Mondes erhellt.
So nun gelangte sie hin, wo grablos ruhte der theure
Leichnam, selbst nun für ihn grub sie mit zärtlicher Hand
Mühvoll ein Grab, und vertraute die starrenden Glieder der Erde
Nur von der Fackel des sanft leuchtenden Mondes erhellt.
Also erfüllte sie fromm die heiligen Todtengebräuche;
Und zu der Seeligen Ruh ging Polynikes der Held. – –
Aber sie selbst erwartete still ihr strenges Verhängniß;
Klaglos litt sie die Schmach, ach, und den grausamen Tod.
Sie, die Blühende, frei verließ sie das blühende Leben,
Tauschte mit stygischer Nacht willig das rosige Licht. –
– O wie hat dich da unten der liebende Bruder empfangen,
Dein Polynikes? wie heiß war er sein dankender Kuß? –
Unglückselige, früh des entzückenden Lebens Beraubte!
Und doch Glückliche! Denn schön war dein liebender Tod.
Edelste, zarteste Liebe, die jeder Leidenschaft fremd ist,
Schwesterliebe, sie war's, die dich zur Heldin erhob,
Die dir den kindlichen Sinn mit hohen Gedanken entflammte
Und mit entsagender Kraft stählte die zärtliche Brust.
Mancher süße Gesang erhebt dich der Sänger von Hellas;
Sophokles göttliches Wort rief dich auf hohen Kothurn;
Aber auch jetzt noch vernimm, ists möglich, daß Töne zum Orkus
Dringen, vernimm ihn den Gruß eines verwandten Gemüths,
Das zu fassen vermag dein tiefes, unendliches Lieben,
Jenen allmächtigen Drang, der dich zum Tode beseelt.
Oft als Kind schon beweint' ich dein Loos, vertiefend mit Sehnsucht
In die Geschichte mich deiner verewigten That,
Deiner Lieb' und deines unsäglichen Leidens; ich weinte
Heiße Thränen, und heiß schlug dir entgegen mein Herz;.
Damals gelobt' ich, wenn einst mir Sprache verliehen die Musen,
Und des Gesanges Kraft schenkten die freundlichen mir,
Dich zu feiern im Lied vor allen olympischen Frauen,
Und den Sterblichen, die herrliche Tugend geschmückt.
Nimm das Thränenopfer und nimm das Opfer der Töne,
Fromme Heldin! und einst, wenn das Verhängniß mich ruft,
Wenn ich hinunter steig' in die Fluren der Schatten, dann lächle
Hold mir entgegen, und laß seelig mich wohnen bei dir!

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main