Anna Christie, Die Männerfeindin (Essay, 1925)

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This review by Lilly Klaudy appeared in the 13 February 1925 issue of the Neue Freie Presse. A link to a transcription by Katie Pope is below.

[“Anna Christie”] oder: [“Die Männerfeindin.”]
(Pressevorführung.)
         Diesem Filmwerk läuft ein glänzender Ruf voran. Es hat den Pulizer-Preis für 1922 gewonnen und war der große “Schlager” der Kinosaison in London und Newyork. Dort, in der Metropole der ganz großen Erfolge, hatte zunächst das Volksstück “Anna Christie”, ein Werk des amerikanischen Dramatikers Eugene O’Neill, seine Urausführung auf dem Theater erlebt. Später brachte Reinhardt es in deutscher Übersetzung nach Wien, wo man sich der Figur der Titelheldin und der des Christoph Christophersen in der Darstellung von Maria Fein und Homolka noch sehr wohl erinnert: Und nun präsentiert das Schauspiel sich verfilmt und trägt die Geschichte der armen Schifferstochter und ihres Schicksals in die breiten Massen.
     Schlicht, ohne sonderliches Pathos erzählt es von dem einsamen sorgenwollen Leben der Schiffersfrauen an fremder Rüste, die freudlos ihre Zeit damit verbringen, zu warten immer zu warten auf den Gasten, der irgendwo auf fernen Meeren kreuzt, den Seinen entfremdet, der See verfallen. Kinder wachsen auf, die ihren Vater nicht kennen, die in die Fremde irren, dort haltlos straucheln und - fallen. Anna Christie ist eine davon. Da gibt es keinen Vaterarm, der Stütze böte, denn Christoph Christophersen gehört ja der See, der “verfluchten See”. In Träumen umschmeichelt ihn dann und wann ein liebes Bild: seine Tochter, die, während der in den Schenken unzähliger Hafenstädte unzählige Gläser Bronntwein gekippt hat, im Lauf der Jahre zu einem schönen kreuzbraven Mädchen herangewachsen sein muss. “Zu einem anständigen Mädchen l” sagt er voll Stolz. Dann kommt das Wiedersehen. Zu einer üblen Schenke treffen Vater und Tochter zusammen. Schminke liegt auf Anna Christies Wangen. Die Matrosen blinzeln einander zu und lachen: “Das ausständige Mädchen - oh lala!” Christoph Christophersen fühlt den tiefen, brennenden Schmerz der Enttäuschung. Indes der nimmt die hilflose dennoch zu sich, denn erstens ist er doch ihr Vater und dann wohl auch nicht ohne Schuld an ihrem schlimmen Los. Und eines auch Tages tritt dem Mädchen die Liebe entgegen, die wahre, uneigennützige, von der Anna Christie nicht wußte, dass es sie überhaupt gibt. Schon will sie ihr Glück mit beiden Händen fassen, da sagen plötzlich zwei Stimmen auf einmal: Nein! Du darfst nicht! Die eine ist die des Vaters, der nicht will, dass auch die Tochter einem Seemann verfalle, wie einst ihre Mutter selig, die andere die ihres eigenen Gewissens, das düster an die Vergangenheit gemahnt. Ein langer Kampf, ein schwerer Kampf - in dem die liebe jedoch das letzte Wort behält….
     Dieses Geschehen, in schönen Bildern vorgeführt, verfehlt seine Wirkung nicht, zumal sämtliche Darsteller - es find dieselben, die das Stück in Newyork auf der Bühne spielten - dem Charakter ihrer Rolle durchaus gerecht werden. Blanche Sweet ist eine zarte, rührende Anna, William Russel ein Liebhaber von imposanter Körperlichkeit, George Marion ein überzeugender Christoph Christophersen. Für die sehr gelungene Photographie zeichnet Henry Scharp. Thomas H. Ince als Regisseur hat Vortreffliches geleistet.
      Das Stück präsentiert sich so, dass es jedem etwas sagt und es jedem, auch dem naivsten Zuschauer ermöglicht, sich in das Wesen der handelnden Personen einzufühlen. Nein Zweifel, dass zu den zahlreichen Erfolgen, die der Film “Die Männerfeindin” auf seinem Weg von einer Hemisphäre zur andern bereits errungen hat, sich als bald auch noch die Eroberung des Wiener Kinopublikums gefallen wird.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
13 February 1925
Publication Place: 
Vienna, Austria
Press: 
Neue Freie Presse
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