Am Turme (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Ich steh auf hohem Balkone am Turm, 
Umstrichen vom schreienden Stare, 
Und laß gleich einer Mänade den Sturm 
Mir wühlen im flatternden Haare; 
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen, 
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand 
Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh ich am Strand, so frisch 
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch 
Und glänzende Flocken schnellen. 
O, springen möcht ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute, 
Und jagen durch den korallenen Wald 
Das Walroß, die lustige Beute!

Und drüben seh ich ein Wimpel wehn
So keck wie eine Standarte, 
Seh auf und nieder den Kiel sich drehn 
Von meiner luftigen Warte; 
O, sitzen möcht ich im kämpfenden Schiff, 
Das Steuerruder ergreifen 
Und zischend über das brandende Riff 
Wie eine Seemöwe streifen.

Wär ich ein Jäger auf freier Flur, 
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär ich ein Mann doch mindestens nur, 
So würde der Himmel mir raten; 
Nun muß ich sitzen so fein und klar, 
Gleich einem artigen Kinde, 
Und darf nur heimlich lösen mein Haar 
Und lassen es flattern im Winde!

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main