Am sechsten Sonntag nach Pfingsten (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Ev.: Vom Fischfang Petri. Luk. 5, 1-11

Die ganze Nacht hab ich gefischt 
Nach einer Perl in meines Herzens Grund
Und nichts gefangen.
Wer hat mein Wesen so gemischt, 
Daß Will gen Wille steht zu aller Stund 
In meiner Brust wie Tauben gegen Schlangen?

Durch gebrochner Seelen Klagen 
Nimmer sich beirren läßt;"

"Dessen Wille gleich dem Pfeile
Rastlos fliegt zum Ziele fort, 
Ob er auch in seiner Eile 
Ein befreundet Herz durchbohrt!"

"Kluger Mann, der zum Beleid'gen 
Solche Opfer sich erkürt, 
Die zu rächen, zu vertheid'gen 
Sich kein Mensch auf Erden rührt!"

"Kluger Mann, der alte Bande,
Wenn sie lästig werden, bricht!" – 
Sag! fühlst du die ew'ge Schande, 
Die aus solchem Lobe spricht?
 
Du, der gesprochen: Fürcht dich nicht! 
So laß mich denn vertraun auf deine Hand 
Und nicht ermüden. 
Ja, auf dein Wort, mein Hoffnungslicht, 

Will werfen ich das Netz. – Ach, steigt ans Land
Die Perle endlich dann und bringt mir Frieden?

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main