Am sechsten Sonntag nach Pfingsten (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Am Sechsten Sonntag Nach Pfingsten
Ev.: Vom Fischfang Petri.  Luk. 5, 1-11
 
Die ganze Nacht hab ich gefischt
Nach einer Perl in meines Herzens Grund
Und nichts gefangen.
Wer hat mein Wesen so gemischt,
Daß Will gen Wille steht zu aller Stund
In meiner Brust wie Tauben gegen Schlangen?
 
Daß ich dir folgen möchte, ach,
Es ist doch wahr, ich darf es sonder Trug
Mir selber sagen!
Was schleicht mir denn gespenstig nach
Und hält wie an den Fittichen den Flug,
Der, auch, zu dir, zu dir mich sollte tragen?
           
Herr, geh von mir, ich bin ein arm
Und gar zu sündig Wesen; laß mich los,
Ach, laß mich liegen!
Weiß ich, wovon mein Busen warm?
Ob Sehnens Glut, ob nicht die Drangsal bloß
So heiß und zitternd läßt die Pulse fliegen?
 
Wenn sich auch die Sünde selber schlägt,
Wenn aus der Not nach Rettung Sehnen keimt,
Ist das die Reue?
Hast du den Richter doch gelegt
In unser Blut, das gen die Sünde schäumt,
Daß es vom wüsten Schlamme sich befreie.
 
Dies Winden, jedem zuerkannt,
Wo irgend noch ein Lebendsodem steigt,
Wird es mir frommen?
Ja, als verlöscht der Sonne Brand,
So hat Ägypten sich vor dir gebeugt,
Und seine Sünde ward ihm nicht genommen.
                       
Und has Gewissens Stachel du
Mir auch vielleicht geschärts als andern mehr:
Ich werd es büßen,
Dringt nicht der rechte Stich hinzu,
Der Freiheit gibt dem warmen, reinen Meer,
Daraus die echten Reuetränen fließen.
 
O eine echte Perle nur
Aus meiner Augen übersteintem Quell,
Sie wär ein Segen!
Du Meister jeglicher Natur,
Brich ein, du Retter, lös die Ströme hell!
Ich kann ja ohne dich mich nimmer regen.
 
Du, der gesprochen: Fürcht dich nicht!
So laß mich denn vertraun auf deine Hand
Und nicht ermüden.
Ja, auf dein Wort, mein Hoffnungslicht,
Will werfen ich das Netz. — Ach, steigt ans Land
Die Perle endlich dann und bringt mir Frieden?

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main