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Maria von Wolkenstein an ihren Bruder Friedrich Wolkenstein, 11. April 1455:
 
Ausschnitt aus dem Original:
 
Iesus Maria.
Mein williges gebet hincz got mit ganczen trewen und mein swesterliche rew wiss alzit.  Mein herczen lieber pruder.  Daz es dir wol ging an deim gesund und in allen sachen, daz hort ich alzit gern und wr mir ein grose frewd etc.  Auch lass ich dich wissen, daz es mir von gotz gnaden auch wol gat an meinen gesund.  Aber snst get es mir und allen frawen nicht wol von wegen dezcardinal und pissoff von Brichsen.
 
 
Übersetzung:
 
Jesus Maria.
 
Mein williges Gebet zu Gott mit ganzer Treue und meine schwesterliche Treue für dich alle Zeit.  Mein herzlich lieber Bruder.  Möge es dir wohl gehen in deiner Gesundheit und in allen Sachen, das hörte ich gerne zu jeder Zeit und wäre mir eine große Freude etc.  Auch lasse ich dich wissen, daß ich von Gottes Gnaden ebenfalls gesund bin.  Aber sonst geht es mir und allen Frauen nicht gut wegen des Kardinals und Bischofs von Brixen.  Mein herzlich lieber Bruder, ich und alle Frauen beklagen uns bei dir wegen der großen ungerechten Gewalt, die der Bischof gegen uns ausübt.  Er will uns Getreide und Einkünfte nehmen und sagt, das Kloster gehöre ihm, und er hat uns das Fleisch verboten “an der Bank” [?].  So oft er predigt, kritisiert er uns scharf und vergleicht uns auf der Kanzel mit Pilatus.  Das hat er am heiligen Weih–Pfingsttag gemacht [3. April],  und am heiligen Karfreitag [4. April] durften wir die Eucharistie nicht genießen.  Und wenn er nicht predigt, müssen es seine Pfaffen tun.  Und zur heiligen Zeit hat er alle Leute, arm und reich, [aus der Kirche] vertrieben und hat die nicht absolvieren wollen, die mit uns geredet haben oder die zu uns kommen etc.
Auch hat der Bischof gesagt, er kümmere sich nicht um die Wolkensteiner oder andere Landesherren, und wenn man ihm eine Burg angreifen wolle, so würde unser Kloster das erste sein, das er angreifen würde.  Mein herzlich lieber Bruder, im Namen aller Frauen klage ich bei dir, daß du dir diese Not zu Herzen gehen läßt und bitte dich in deiner brüderlichen Treue ganz freundlich, und alle Frauen bitten dich auch ganz treulich, daß du zusammen mit anderen unseren Freunden herkommst, wie dir unser lieber Bruder Oswald sicherlich raten wird etc.  Damit empfehle ich dich dem allmächtigen Gott und mich in deine brüderliche Treue.  Gegeben zu Brixen am Freitag vor Quasimodo MCCCCLV etc.
 
        Schwester Maria Wolkensteinerin
                                                    deine treue Schwester in Gott allzeit
 

 
 
2. Maria von Wolkenstein, Klara von Niederthor, Agnes von Rasen und Ursula Slikenpfeil an die Brüder Oswald, Leo und Friedrich von Wolkenstein, August 6, 1455, Brixen.
 
Den edlen und festen Herren, Herrn Oswald und Leo und Friedrich von Wolkenstein, meinen herzlich lieben Brüdern.
 
Jesus Maria.

 


O, ihr herzlich lieben Brüder und treuesten Freunde und ihr meine liebsten Brüder.  Wir lassen euch wissen, nachdem mein lieber Bruder Leo von uns weggegangen ist, danach kamen die Bürger alle hierher und ermahnten uns und waren überzeugt, daß wir den Brief des heiligen Vaters, des Papstes akzeptiert und gelobt hätten, uns danach zu richten.  Dies leugneten wir nicht.  Da begehrten sie von uns, daß wir dem Kardinal gehorchen sollten, denn wir hätten versprochen, uns nach dem brieflichen Abkommen zu richten.  Da sagten wir den Bürgern, wir hätten versprochen, dem Brief zu folgen gemäß den Regeln unseres Ordens.  Dies wäre ihm aber nicht genug.  Damals hatten wir uns nicht an unsere Freunde wenden wollen.  Danach, am Mittag vor Vincola Petri [30. Juli] kam der Niedertorer und blieb bei uns bis zum Sonntag [3. August], als ihr uns die Briefe schicktet [und mitteiltet], daß wir weder ab- noch zusagen sollten.  Danach haben wir uns gerichtet.  Da las der Niedertorer die Antwort.  Darauf fragte der Guardian von Nürnberg, wer die “Freunde” seien.  Da sagte der zuvor genannte Ritter, es seien die Wolkensteiner und die Rasners mit anderen ihrer Freunde.  Darauf sagte der vorgenannte Niedertorer: “Dann bin ich auch einer von ihnen und will mich nicht von anderen Freundschaften trennen,” und sagte noch anderes, das wir vergessen haben und was wir nicht aufschreiben wollen.  Danach nahm der Guardian vier von uns und sagte, er wolle nicht von uns vier geärgert werden.  Wir aber wollten uns nicht voneinander trennen und sagten, es binde der päpstliche Brief sowohl die adligen als auch die unadligen Leute, und wir wollten weder zustimmen noch dagegen sprechen und ließen es bei der Antwort bleiben, wie ihr uns geschrieben habt.  Danach am 4. August forderte uns der Guardian auf, an das Klausurgitter zu kommen und fragte uns, ob wir immer noch gehorsam sein wollten.  Da bestanden wir alle auf einer Antwort und sagten weder “ja” noch “nein”. In der Zwischenzeit kamen die Diener des Bischofs herein—wir waren [noch nicht einmal] in der Kirche sicher—und sprangen durch die Fenster und Türen herein, mit Schwertern und Armbrüsten bewaffnet, als wären wir die Übeltäter, und brachen unsere Tore auf.  Ein Knecht stieß eine von uns hin, die andere her, und da war ich die erste an den Glockensträngen. Sie hatten uns aber die Glocken festgemacht, so daß wir nicht läuten konnten.  Danach forderten sie eine nach der anderen aus der Kirche und ließen uns nicht zusammenbleiben, rissen statt dessen unsere lieben getreuen Schwestern aus unseren Händen und führten sie durch die Toren hinaus in das Bruderkloster.  Dies hatte er [der Bischof] deswegen tun lassen, weil er sie zwingen will, ihm zu gehorchen.  Noch sind sie fest und treu im heiligen Orden und stehen uns bei und wollen uns nicht verlassen.  Denoch fällt es ihnen sehr schwer, es könnte einen Stein erbarmen, und keine blieb bei der anderen.  Die Teyserin ist im Palast und der Bischof hat nach ihr gesandt.   Sie sind alle ganz verzagt und rufen euch an und wir mit ihnen, daß ihr ihnen und uns zu Hilfe kommt, denn wir legen alle unsere Hoffnung auf euch, daß ihr das nicht unterlaßt.  Denn wenn es noch länger dauert, müssen wir sterben, weil wir weder essen noch trinken, weder schlafen noch wachen können aus tief im Herzen empfundenen Leides wegen unserer treuen Schwestern und wegen der großen Schmach und Sünde, die uns getroffen haben und immer noch belasten.  Deshalb kommt uns rasch zu Hilfe mit all unseren anderen Freunden und befreit uns genauso, wie ihr wollt, daß euch Gott befreit und erlöst am Jüngsten Tag.  Daher kommt uns schnell zu Hilfe, andernfalls könnten die Schwestern wahnsinnig werden, denn jede von ihnen befindet sich in Einzelhaft.  Darum, herzlich geliebte Herren und Brüder, wendet euren Ernst an diese Sache, denn es heißt, wenn das ungerächt bleibt, so käme ein großer Schaden davon, weil so viele Landeskinder im Kloster waren und ihr uns doch alle versprochen habt, ihr würdet uns nicht im Stich lassen.  Darauf haben wir uns verlassen und trösten uns damit.  Ihr müßt auch wissen, daß der Guardian sagt, er wolle dem Papst über uns vier schreiben.  Daher helft uns, denn die anderen Schwestern haben sich auf uns verlassen.  Wenn uns nicht geholfen würde, würden wir härter geprüft werden als niemand anders, und dann wird es uns nicht mehr geben.   Wenn wir vier von unserer Schar getrennt sein werden, sind die anderen alle verloren etc.  Damit empfehlen wir euch Gott und uns in seiner Treue.   Seid uns wegen unseres Briefes nicht böse, denn er ist in


 großer Eile geschrieben und mit heißen Tränen übergossen etc.  Gegeben zu Brixen am Mittag vor Sankt Laurenzen Tag MCCC und in dem LV Jahr.
 
Schwester Maria Wolkensteinerin
Schwester Clara Niederthorin
Schwester Agnes Räsnerin
Schwester Ursula Slikenpfeylin
 
 
3.  Maria von Wolkenstein, Clara von Niederthor und Ursula Slickenpfeil an Leo von Wolkenstein, Oktober–November 1455.
 
Leo von Wolkenstein, meinem herzlich geliebten Bruder.  Laß dir [nur] von demjenigen vorlesen, dem du gut traust.
 
Jesus Maria.



Unseren freundlichen Gruß mit dem Wunsch für alle Seligkeit, dies sei dir vorweg gesagt.  Mein herzlich geliebter Bruder, wir lassen dich wissen, daß wir absolut nicht im Kloster bleiben wollen.  Darum rufen wir dich an als einen getreuen Bruder, daß du mir hilfst, in ein anderes Kloster zu kommen.  Gott weiß es wohl, daß wir die Regeln halten wollen.  Da sind aber Zusätze und so viele Zutaten, mehr als anderswo ganze Regeln, und es gibt so viel Fasten und Sparen, daß einem ganz irr werden könnte [“gnuten und dez gnapenn alz vil es mocht ains pumlwiczic werden”], und wir sehen ansonsten keine geistliche Ordnung außer heimliches Tun und Schalk im Herzen, und wir wissen sehr wohl, daß, wenn du ihre Ordnung sehen würdest, sie dir nicht gefallen würde, weil sie stolz in der Welt auftreten und sind doch alle ein ganz großes Nichts.  Eine von ihnen [den Nonnen] kann mehr Schalkheit als sechs von uns.  Du sollst in Wahrheit wissen: wenn man ihnen das antäte, was man uns oft angetan hat, hätte man ihre “Geistlichkeit” wohl wahrgenommen, wenn sie sich nicht gewehrt hätten etc.  Auch lassen wir dich wissen, daß der lange Mönch von Nürnberg [Albert Büchelbach] den hiesigen zwei Mönchen und den fünf Frauen von Nürnberg verboten hat, den Meister Heinrich Wenger zu uns kommen zu lassen, wenn er sich hierher begibt, es sei denn, daß es ihm der Kardinal zuvor erlaubt hätte, zu uns zu kommen.  Selbst wenn er mit der Autorität des Generals käme, sollten sie nicht darauf achten.  Er verbot ihnen auch im Fall, daß der Priester von Österreich käme, ihn ins Kloster zu lassen.  Du sollst auch wissen, mein herzlich geliebter Bruder, daß der Mönch zu Weihnachten wieder kommt.  Und zu Ostern kommt dann der richtige Visitator [Johannes de Lare].  Dieser ist ein so harter, strenger Mann, daß selbst die Frauen von Nürnberg ihn fürchten und sagen, er sei so heftig und unbarmherzig, daß es erstaunlich wäre.  Der wird dann alles einrichten im Sinne des Bischofs und der Schwäbin [der früheren Äbtissin], obwohl es alles eine Schande ist.  Man wird auch alles verkaufen, was dem Kloster gehört, den Weingarten, die Wiesen und Äcker und was wir sonst besitzen etc.  Wisse auch, daß die Schwäbin und ihre Genossinnen weiterhin so viel Macht besitzen wie zuvor.  Dies schmerzt uns in unserem Herzen, da wir doch unser Leiden von ihnen haben und wir nichts sind, während sie und die Äbtissin und die anderen etwas sind und halten immer zusammen; und was die Schwäbin tun will, muß sein.  Wisse auch, daß sie hinten und vorne alles zumauern und alle Löcher schließen, selbst die, von denen wir nichts gewußt haben, und das Dach, von dem du gut weißt, wollen sie auch noch vernageln.  Nur haben sie jetzt nicht so viel Zeit.  Wisse auch, daß wir gerne noch mehr geschrieben hätten, aber die Nonnen sind immer bei uns, und so haben wir heimlich nach der Messe geschrieben.  Lieber Bruder, wenn der Wenger kommt, geh selbst zu ihm und achte sehr gut auf ihn auf.  Sende den Ulrich gleich zu uns am Sonntag oder Montag, darum bitte ich dich ganz inständig.  Auch bitten wir dich, daß du den Brief hierher mit einem besonderen Boten schickst.  Damit hüte uns alle Gott.
 
Maria Clara Ursula

Bibliographic Information
Editor: 
Dr. Albrecht Classen