Über die Vernunft (Essay)

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This text was digitized and graciously donated to Sophie by Dr. Albrecht Classen, University of Arizona. This particular work has been extracted from Classen's Frauen in der deutschen Literaturtgeschichte; the full text is available on this site.

Sowohl im Geist als auch im Willen macht sich die Vernunft als die Musik der Seele bemerkbar, die jedes Werk von Gott oder dem Menschen bekannt macht.  Die Musik trägt Worte hoch, wie der Wind den Adler hebt, so daß er fliegen kann.  Die Seele äußert die Musik der Vernunft, indem sie hört und die Menschheit versteht, damit ihre Macht begriffen und jede Tat zu ihrer Perfektion gebracht werden kann.  Der Körper ist der Tabernakel und die Stütze all der Kräfte der Seele, denn die Seele wohnt im Körper und arbeitet mit ihm, und der Körper arbeit mit ihr zusammen, ob für einen guten oder einen bösen Zweck.
 
Am Ende von Scivias befinden sich einige liturgische Lieder, die Hildegard in ihren Visionen von den Himmelbewohnern gehört haben will.
 
                             1. Lieder auf die Heilige Maria
 
Oh du glänzender Juwel, erhaben erfüllt mit der Sonne!
Die Sonne wirkt in dir wie ein Brunnen aus dem Herzen des Vaters;
Allein mit seinem Wort erzeugte er die Welt,
Die Urmaterie, die Eva in Unordnung brachte.
Er formte das Wort in dir, du Mensch,
Und deswegen bist du der Juwel, der am hellsten glänzt,
Durch den das Wort die Gesamtheit aller Tugenden ausatmete,
Genau wie er einst aus der Urmaterie alle Geschöpfe erzeugte.
Oh du süßer grüner Ast, der aus dem Stamm Jesses blüht!
Oh du glorreiches Ding, das Gott auf seiner schönsten Tochter stehend
sich anschaut wie der Adler, der in die Sonne blickt!
Der größte Vater suchte nach der Reinheit einer Jungfrau
und bestimmte, daß Sein Wort ihren Körper aufnehmen sollte.
Der Geist der Jungfrau wurde durch Sein Mysterium erleuchtet,
Und aus Ihrer Jungfräulichkeit entsprang die glorreiche Blume.

 
Rheinansicht mit Blick auf Rüdesheim und Eibingen, Stahlstich von ca. 1845


Hildegard von Bingen pflegte eine intensive Korrespondenz und leistete damit auch einen Beitrag zur epistolaren Literatur.  Hier erscheint ihr Brief an den berühmten Zisterzienser–Abt Bernard von Clairvaux von 1146–1147.
 
Oh ehrwürdiger Vater Bernard, ich bringe mein Anliegen zu dir, denn du, am höchsten durch Gott geehrt, versetzt die menschliche Torheit dieser Welt in Angst, und durch deinen intensiven Eifer und deine brennende Liebe für den Sohn Gottes versammelst du Menschen im Heer Christi, um unter der Fahne des Kreuzes gegen die heidnische Wildheit zu kämpfen.  Ich flehe dich im Namen des lebendigen Gottes an, mein Anliegen zu beachten.
Vater, ich bin sehr durch eine Vision beunruhigt, die mir durch eine göttliche Offenbarung erschienen ist, eine Vision, die ich nicht mit meinen körperlichen Augen, sondern nur durch meinen Geist gesehen habe.  Ich, die ganz elend, ja noch mehr als elend wegen meines weiblichen Geschlechts bin, habe seit meiner frühesten Kindheit große Wunder gesehen, die zu beschreiben meine Zunge keine Kraft hat, aber die zu glauben mich der Geist Gottes gelehrt hat, auf daß ich zu glauben vermag.  Treuer und sanfter Vater, antworte in deiner Freundlichkeit, deiner unwürdigen Dienerin, die noch niemals, seit ihrer frühesten Kindheit, eine Stunde frei von Angst gelebt hat.  In deiner Frömmigkeit und Weisheit betrachte deinen Geist, wie du durch den Heiligen Geist gelehrt worden bist, und bringe aus deinem Herzen Trost für deine Dienerin.
Durch diese Vision, die mein Herz und meine Seele wie eine brennende Flamme berüht und mich die bedeutungsvolle Tiefe zu verstehen lehrt, habe ich ein inneres Verständnis der Psalmen, des Evangeliums und anderer Teile der Bibel gewonnen. Wirklich, ich genoß überhaupt keine formale Ausbildung, denn ich vermag nur auf der untersten Stufe zu lesen, und sicherlich ohne tief in die Materie einzudringen.  Ich bitte dich aber, mir in dieser Angelegenheit deine Meinung zu sagen, denn ich bin ungelehrt und ungeübt in äußeren Dingen, dafür nur innerlich gelehrt, nämlich in meinem Geist.  Dies erklärt meine zögernde, unsichere Rede.


Wenn ich von deiner frommen Weisheit hören werde, wird mich das trösten.  Denn mit der einzigen Ausnahme eines bestimmten Mönchs, in dessen vorbildhaftes Leben ich vollkommen vertraue, habe ich nicht gewagt, irgendjemandem von diesen Dingen zu berichten, denn es gibt überall so viel Häresie in den Ländern, wie ich gehört habe.  In der Tat, ich habe alle meine Geheimnisse diesem Mann anvertraut, und er hat mich getröstet, denn dies sind große und furchterregende Angelegenheiten.
Nun, Vater, wegen der Liebe zu Gott suche ich Trost von dir, um sicher sein zu können.  Wirklich, vor mehr als zwei Jahren sah ich dich in einer Vision, wie einen Mann, der gerade in die Sonne schaut, mutig und ohne Furcht.  Ich weinte, denn ich selbst bin so furchsam und ängstlich.  Gütiger und sanfter Vater, ich bin deinem Schutz unterstellt, so daß du mir durch Briefe offenbaren kannst, ob ich offen über diese Dinge sprechen oder Stillschweigen wahren soll.  Ich empfinde große Angst wegen dieser Vision und bin unsicher, was ich darüber sagen soll, was ich gesehen und gehört habe.  In der Zwischenzeit bin ich, weil ich wegen dieser Vision still geblieben bin, niedergedrückt gewesen und bin durch meine Krankheit ans Bett gefesselt und kann mich nicht erheben.
Aus diesem Grund weine ich voll Trauer vor dir.  Meine Natur ist unfest, denn ich bin in der Weinpresse gefangen, dem Baum, der in Adam verwurzelt ist durch die Täuschung des Teufels, wodurch er in diese jämmerliche Welt vertrieben wurde. Nun aber erhebe ich mich trotzdem und laufe zu dir.  Und ich sage dir: Du bist nicht unfest, sondern hebst stets den Baum hoch, ein Sieger im Geiste, der nicht nur sich selbst zur Erlösung erhebt, sondern auch die ganze Welt.  Du bist in der Tat der Adler, der direkt in die Sonne schaut.



Daher flehe ich um deine Hilfe im Namen der Gelassenheit des Vaters und Seines wunderbaren Wortes, und im Namen der süßen Feuchtigkeit der Reue, des Geistes der Wahrheit, und im Namen des heiligen Tones, den jede Kreatur reflektiert, und im Namen desselben Wortes, das die Welt erzeugte, und im Namen der Geistigkeit des Vaters, der das Wort mit süßer Fruchtbarkeit in den Schoß der Jungfrau sandte, von wo Er das Fleisch aufnahm wie Honig in der Honigwabe umgeben wird.  Möge der Ton, die Kraft des Vaters, in dein Herz sinken und deinen Geist erheben, auf daß du schnell auf meine Worte antworten, d.h. dich natürlich um all diese von Gott gekommenen Dinge kümmern kannst, d.h. um die Person selbst oder das Mysterium, während du durch das Tor deiner Seele wanderst, auf daß du alle diese Dinge in Gott verstehen wirst.   Möge es dir gut ergehen, sei stark im Geist und ein mächtiger Krieger für Gott.
Amen.

Bibliographic Information
Editor: 
Dr. Albrecht Classen