Roswithas Vorrede zu ihren Dramen.

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Roswithas Vorrede zu ihren Dramen.

Viele unter uns Christen – und mein Gewissen zählt mich selber zu diesen – geben, des Zaubers der gebildeteren Sprache wegen, der Eitelkeit heidnischer Bücher den Vorzug vor unseren heiligen Schriften, die doch solchen Segen stiften. Mancher, der festhält an Gottes Wort, auch alles andere Heidnische verachtet, liest dennoch gern und eifrig des Terenz dichterische Gebilde; doch während der Sprache Anmut sein Wohlgefallen weckt, wird das Herz ihm vom gottlosen Inhalt befleckt. Drum hat sich Gandersheims heller Mund nicht geweigert, jenes Dichters Schreibart nachzuahmen, und wenn andere ihn ehren durch das Lesen seiner Dramen, so will ich in der Art, wie er das Lieben leichtfertiger Dirnen beschrieben, von der preiswerten Keuschheit gottseliger Jungfrauen singen, soweit das meiner schwachen Kraft mag gelingen.

Freilich ergriff mich oft Scheu vor meiner Arbeit, brennendes Rot übergoß mein Gesicht, denn ich mußt’ ja im Geiste gestalten, mit dem Griffel festhalten verbuhlter Knaben abscheuliche Thorheit und ihr unerquicklich Geschwätz, vor dem wir uns sonst die Ohren zuhalten. Des Stoffes Art zwang mich, dies alles nachzubilden und hätt’ ich, durch mein Erröten bewogen, es nicht gethan, so wär’ meinem Vorsatz ich untreu worden, hätt’ auch die Unschuld so hoch nicht gepreist, als es sich möglich erweist. Denn der Rhum unseres Helfers vom Himmel hoch und der triumphierenden Tugend Sieg muß um so strahlender scheinen und preiswerter, je lockender das verliebte Gegirre klingt, je verführerischer in das Herz es dringt. Das aber trifft ganz

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besonders zu, wo Weibesschwachheit siegt und Manneskraft mit Schimpf und Schande unterliegt.

Des weitern zweifle ich nicht daran, daß der und jener gelehrte Mann mir vorwirft, allzu niedrig sei und allzu dürftig die Sprache mein; gar wenig hab’ sie von des Dichters Geist, den nachzuahmen ich mir vorgenommen. Gern stimm’ ich diesen Richtern bei. Doch weise ich sie darauf hin, daß billig man deswegen mich nicht tadeln sollte, grade als ob mit jenen Dichtern ich wetteifern wollte, die durch ihr erhabenes Können und Wissen mich Schwache hoch überragen müssen. Reicht doch meine Eitelkeit nicht einmal soweit, daß ihren letzten Schülern ich mich gleichzustellen wagte. Was ich austreb’ ist dies allein: Gott schenkte meines Herzens Demut die Gabe des Gesanges; und nun, unwürdig wie ich bin, will dennoch ich dem Geber seine Gabe wieder weih’n. Darum erstick ich alle Eigenliebe und Furcht vor Tadel soll mich nicht abschrecken, ohn’ Aufhör Christi Lieb’, so lang’ er selbst mir das Vermögen giebt, an seiner Heil’gen Wunderthaten laut zu preisen.

Gefällt dem oder jenem die Demut mein, wird es mich freu’n; doch sollte auch niemand mir Beifall zollen, sei’s meiner niedren Stellung wegen, sei’s weil zu ungelenk die fehlerhafte Sprache, hab’ doch ich selbst an meinem Werke Freude. Denn während meine früh’ren Büchlein im Heldenwersmaß sind gekleidet, giebt dieses in dramat’scher Schreibart meiner Mühen geringe Frucht; doch hab’ ich gesucht, den verderblichen Zauber der Heiden enthaltsam zu meiden.

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Brief der Verfasserin an einige gelehrte Gönner dieses Büchleins

Euch, den Hochgelehrten, in allem Guten wohl Bewährten, die Ihr nicht anderer Erfolge neidet, sondern, wie es wahren Weisen ziemt, mit frohen Wünschen begeleitet, euch entbietet Roswitha, das unwissende Mädchen, zu allem Guten ungeschickt, viel zeitliches Glück und ewige Freude.

Ich kann nicht eure preiswürdige Herablassung genug bewundern, noch wird es jemals mir gelingen, für all die Lieb’ und Güte, die ihr so reichlich gegen mich bewiesen habt, ein würdiges Entgelt an Dank euch darzubringen. Obgleich ihr die Philosophie so tief ergriffen habt, als sei ihr Studium euer tägliches Brot gewesen, obgleich in aller Wissenschaft ihr mich unendlich überragt, so habt ihr doch mein Büchlein gern gelesen und habt das Werkchen eines schwachen Weibes selbst euerer Bewunderung für wert gehalten. Die Gnade, welche in mir wirkt, und ihren Spender habt ihr mit brüderlicher Liebe laut gepriesen. Ihr habt gemeint, es wohne in mir etwas von dem Geist der Künste, dieweil in Wahrheit deren schwierige Gespinste bei weitem meine schwachen Mädchenkräfte überschreiten. Daher auch wagte ich bislang mein ungelenk Geschreibsel nur wenigen, mir eng Befreundeten zu zeigen; beinahe hätt’ ich aufgehört an Werken dieser Art mich ferner zu versuchen, denn da nur wenige erblickten, was ich schuf, wer hätte Neigung und Beruf gehabt, mir alles Fehlerhafte darzulegen, mich zu ermuntern, ich möge weiter dieser Schreibart pflegen? Doch da man aller Orten meint, daß wahr sei,

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was der Zeugen drei bekunden, so habe ich in eurem Urteil Selbstvertraun und neue Kraft gefunden; und da der Herr mir das Vermögen hat verliehen, will ich in meinem Dichten nicht ermüden und mich auch gern der Prüfung irgendwelcher Weisen unterziehen.

Inzwischen streiten sich in meiner Brust der Furcht und Freude widerstrebende Gefühle. Daß meinen Gott ich loben soll, durch dessen Gnade ich einzig bin, das was ich bin, erfreuet mich im tiefsten Herzen, doch daß ich eine Größ’re scheinen könnte, als ich in Wahrheit bin, das schafft mir Furcht und Schmerzen; denn nur zu gut ist mir bekannt, daß es ein Unrecht sei, die von dem Herrn empfangne Gabe zu verbergen, ein Unrecht aber auch, zu thun, als ob man etwas nicht Empfangnes empfangen habe. Ich leugne nicht, daß durch des Schöpfers gnadenreiches Wirken die freien Künste mir zu eigen wurden, da ich ein Wesen bin, begabt mit Fähigkeit und Fleiß; doch andrerseits muß ich bekennen, daß aus mir selbst, durch meine eigne Kraft ich gar nichts weiß. Vom Himmel ward mir wohl Scharfsinn und Geist verliehen, doch ohne meiner Lehrer Mühen hätt’ ich die Gaben nimmermehr gehegt, sie wären ungepflegt in meines Geistes träger Ruh verkommen. Damit nun die Geschenke Gottes nicht aus eigner Schuld in mir verdürben, hab’ ich gar eifrig mich bemüht mit Flocken vom Gewande der Philosophie mein kleines Büchlein auszuschmücken. Wo es mir immer glücken wollte, einen losen Faden ihres Kleides zu erhaschen, hab’ ich solch köstlichen Geschmeides mich gern bedient. Vielleicht, daß meines Wissens Niedrigkeit durch das Geleit so edlen Stoffes an Wert gewonnen hat. Dann dürfen wir der Gabe Spender im Himmel droben mit um so größrem Rechte loben, als ja zumeist der Frauen Geist für strenges Wissen unzulänglich heißt. In dieser Absicht einzig und allein hab’ meine Spiele ich geschrieben und dies ausschließlich ist der Grund für all’ mein Mühen. O glaubet nicht, daß ich mich brüste, von Dingen etwas zu verstehen,

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die meinem Geist unbekannt; ich weiß zu gut, daß, hätte es allein an mir gelegen, ich nichts und gar nichts wüßte.

Da ich auf eure Bitten nun und ganz allein um eurer Freundschaft willen mich, wie ein schwankes Rohr, bewegen ließ, dies Büchlein, das in jener Absicht ich verfaßte, jedoch ob seines zu geringen Wertes bislang verborgen hielt und lieber nicht ans Licht gezogen hätte – da ich es einmal eurer Prüfung übergab, so möchte es wohl angemessen sein, daß ihr mit nicht geringrer Sorgfalt es verbessertet, als ob es sich um eines eurer eignen Werke handle. Und wenn ihr nach der Kunst Gesetzen das Büchlein umgewandelt habt, so schickt es mir, ich bitte euch, zurück, daß ich aus eurer Meisterschaft erlernen mag, worinnen ich am meisten fehlte.

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