Luise Westkirch

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Luise Westkirch

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Das Paradies meiner Kindheit.
 
            Meine erste Erinnerung ist ein Ball, ein Ball und eine Enttäuschung.  Das war in Amsterdam.  Mein Vater hatte dort eine Tuchhandlung und war eine angesehene Persönlichkeit in der Kolonie der deutschen Großkaufleute.  Eine der Familien gab einen Kinderball und ich – damals zwei und ein halbes Jahr alt – war geladen.  Ich weiß noch gut, wie meine Mutter mich auf den Tisch vor dem Spiegel hob, damit ich mich im Putz bewundere.  Ich sehe mich im gestickten weißen Kleidchen, mit kurzen blonden Löckchen, ein Korallenkettchen um den Hals.  Aber ich bin immer kritisch veranlagt gewesen: mein Spiegelbild gefiel mir nicht.  Im Ballsaal trat dann mein Schönheitsideal mir entgegen, ein neunjähriges Mädchen in einem Kleid aus rosa Wollmusselin mit

  

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dunkelblauen Augen und langen goldig schimmernden Locken.  Hingerissen, bestimmte ich, die junge Schöne solle mit mir tanzen.  Aber leider verstand sie den hohen Vorzug nicht zu würdigen.  Sie zog die Gesellschaft eines kleinen Kavaliers vor und wies mich ab.  Beschreiben kann ich mein Empfinden in diesem Augenblick nicht, die Verblüffung, den Schmerz des Verschmähtwerdens, die Kränkung meines noch gänzlich ungebrochenen Selbstgefühls, - beschreiben nicht, aber nachfühlen immer noch.  Ich habe vor Weh geschrien, geheult, gebrüllt, daß alles im Saal zusammenlief in der Annahme, mir sei leiblich ein Unfall zugestoßen, während doch nur meine Seele sich ihre erste Beule im Zusammenstoß mit der Welt holte.  Übrigens ein typisches Erlebnis.  Auch in späteren Jahren hab’ ich kein Glück mit den Menschen gehabt, denen ich beim ersten Sehen mein ganzes Herz entgegentrug.  An jenem Abend kamen bald andre Kinder mit besseren Herzen, wenn auch nicht mit solch schönen

  

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blonden Locken, nahmen mich bei der Hand, zogen mich tröstend in ihren Ringelreihen.  Aber Surrogat bleibt Surrogat.  Ich habe schon damals nicht viel für Surrogate übrig gehabt. 
Wir schieden dann bald von Amsterdam.  Mein Vater siedelte auf seine Besitzung in der bayrischen Pfalz über.  Das Paradies meiner Kindheit tat sich auf.  Das Haus, in der Umgebung das Schlößchen genannt, war ehemals Sommerresidenz der Dompröpste von Worms gewesen.  Aus seinen Fenstern sah man meilenweit ins Land über Weinberge und Kornbreiten auf viele Dörfer mit leuchtend roten Dächern und schlanken Kirchtürmen, man sah die stolze Form des Wormser Doms, man sah Frankenthal.  Die blauen Linien der Bergstraße schlossen das Bild ab.  Ausgedehnte Gärten und ein Park mit vielhundertjährigen Bäumen gehörten zum Haus.  Und jeder Baum war mir eine Person, die große Tanne, deren Stamm in Manneshöhe vier Menschen kaum umspannten, wie der bescheidenste Strauch.  Und jeder

  

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Vogel, jedes Käferchen war mir ein Wunder.  Ich habe stundenlang am Bassin des Springbrunnens gestanden und mit den langen Stangen, die zum Aufdrehen der Hähne dienten, die Bienen herausgefischt, die beim Trinken ins Wasser geglitten waren.  Aber wenn ich auch, die Ohrwürmer ausgenommen, jedes Geschöpf liebte, meine leidenschaftlichste Bewunderung galt dem graziösen und eigenwilligen Katzengeschlecht.  Als ich einmal in Worms in einer Menagerie eine Tigerin mit drei sechs Wochen alten Jungen sah, bestürmte ich meinen Vater mir die drei Kätzchen zu kaufen.  Und es kränkte mich tief, daß er, der mir sonst gütig jeden Wunsch erfüllte, sich weigerte.  Die Erwerbung wäre um so passender gewesen, als es damals für mich feststand, daß der Beruf der Tierbändigerin der einzig richtige für mich sei.  Ich war schon bedeutend älter, als mir die ersten Zweifel kamen, ob ich nicht doch lieber Missionär werden sollte mit der Aussicht auf den Tod am Marterpfahl und die Märtyrerkrone. 

  

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Ich bin beides nicht geworden.  Die schönsten Träume gehen ja nicht in Erfüllung.  Die Vorliebe aber für die Katzen ist mir geblieben, wenn ich mich auch bescheidentlich an die kleinen halte.  Während ich schreibe, liegt Nina, eine der reizendsten des Angorastammes, neben mir und blinzelt mich schnurrend mit ihren Bernsteinaugen an.
            Manchmal nahm mein Vater mich mit auf weite Streifereinen durch das Land.  Es war meine höchste Freude und auch diese Passion ist mir geblieben.  Einmal besuchten wir einen verlassenen Fuchsbau.  Der Weg war hoch mit Disteln und Brennesseln bewachsen, - für mich, die ich nach der damaligen Kindermode die Beinchen nackt trug, ein wahrer Marterweg.  Aber ich schluckte meine Tränen hinunter und verbiß den Schmerz, damit nur ja mein Vater mich nicht ein andermal zu Hause lassen sollte.
            Eigentlich bin ich ein sogenanntes Angstkind gewesen, infolge einer schweren Hirnentzündung,

  

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die ich bei unsrer Übersiedelung nach Deutschland durchgemacht hatte.  Aus Furcht vor etwa noch später auftretenden verhängnisvollen Folgen hatte der Arzt jede Gemütsaufregung für mich verboten, jede größere geistige Anstrengung, jede Erschütterung des Kopfes durch Fall oder Stoß.  Das hindert nicht, daß ich bei kühnen Kletterpartien recht häufig auf die Nase gefallen bin, mich oftmals gewaltig aufgeregt habe, und um mich zu beschäftigen wurde ich auch ungewöhnlich früh unterrichtet.  Lesen lehrte mich meine Großmutter, die bei uns wohnte, noch nach der alten Buchstabiermethode.  Es kostete mich einige Tränen, bis ich begriff, daß d-a da hießund nicht dea.  Aber ich war doch noch nicht fünf Jahre alt, als ich schon glückselig mit einem Buch stundenlang in einem Winkel sitzen konnte.  Außer meinen Märchenbüchern interessierte mich besonders eine biblische Geschichte.  Die Gesangbuchverse unter jedem Abschnitt konnte ich auswendig.  Ihr Klang berauschte mich.  Ich sprach sie laut vor mich hin,

  

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während ich mit aufgelösten Haaren einsam im Park herumwandelte und vor Rührung weinte.
            Das Schreiben sollte mir der Lehrer der Dorfschule beibringen.  Er war ein älterer etwas heftiger Herr, der schalt und mit den Füßen trampelte, wenn meine fünfjährigen Finger die Haarstriche, die ich stundenlang üben mußte, ihm nicht zu Dank zogen.  Einmal vergaß er sich so weit, mir einen Klaps auf die Hand zu geben – nur einen leichten Klaps.  Aber die Wirkung war groß.  Wie eine Feder schnellte ich in meiner Empörung auf und rannte: „Mutter!  Mutter!“ schreiend aus der Stube, er voll Schrecken hinterher.  Aber ich war flinker.  Treppauf, treppab durch alle Stuben und Säle – wir hatten einige zwanzig –, ging die Jagd, ich schreiend voran, der alte Herr, mich flehentlich beschwörend, hinterdrein.  Unten in der Speisekammer fanden wir endlich meine Mutter in Beratung mit der Köchin.  Sie, die immer Gütige, Verständige, sprach mich zufrieden,

  

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brachte mich sogar an meinen Platz zurück.  Aber der Lehrer hatte bei mir für immer verspielt.  Ich haßte die Stunden, zu denen er kam.  Ich hob kaum noch den Kopf, antwortete nur ja und nein, saß starr und steif und lernte nichts.  Er kam auch mehr oft.  Der arme Mann wurde krank und starb.  Sein Nachfolger, wirklich ein Lehrer von Gottes Gnaden, begriff, daß eine volle Stunde lang unter den Augen des Lehrers Buchstaben malen für ein lebhaftes Kind Quälerei sei.  So fing er an mit mir zu plaudern, scheinbar absichtslos, von Reisen, die der oder jener gemacht hatte.  Er beschrieb die Fahrt, die Länder, in die er gekommen war, die Tiere, die dort lebten, die Pflanzen, die dort wuchsen.  Manchmal erzählte er auch die sagenhaften Anfänge der Weltgeschichte.  Das alles interessierte mich brennend.  Ich fragte eifrig, er antwortete.  Zuletzt sah er dann nach der Uhr und tat erschrocken.  „O weh! wir haben uns wieder verplaudert.  Deine Eltern wollen doch, daß ich dich schreiben lehre. Nun werden wir

  

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beide Schelte bekommen.“  Worauf ich dann eifrig beteuerte: „Nein, lieber Herr Maurer, du sollst gewiß keine Schelte bekommen.  Paß mal auf, wie ich mir jetzt Mühe gebe.“  Ich schrieb dann mit Feuereifer.  Nach wenigen Wochen konnte ich meinem Vater einen sauber gemalten Glückwunsch zum Geburtstag überreichen und hatte dazu, ohne es zu merken, eine Menge Geographie, Naturkunde und Geschichte gelernt.
            Da ich keine jungen Geschwister hatte, auch nicht einfach auf die Dorfstraße sollte, sahen sich meine Eltern früh nach passenden Spielgefährten für mich um.  Die Wahl fiel zunächst auf zwei Bauerntöchter, viel älter als ich.  Aber meiner hübschen Spielsachen wegen kamen sie gern.  Nur wollten sie auch etwas davon haben. Fern von Puppenhaus und Kramladen mit mir im Park herumzulaufen langweilte sie.  Darum suchten sie mich durch Schauergeschichten ins Haus zu graulen.  Ich war infolge jener Gehirnentzündung ein sehr aufgeregtes

  

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Kind, gequält von Angstzuständen und schweren Träumen.  Fast in jeder Nacht verfolgte mich ein reißendes Tier, das mich zuguterletzt auffraß, wonach ich dann vor Entsetzen weinend stundenlang wach lag.  Die beiden bereicherten meine ohnehin nicht arme Phantasie um einige Ungeheuer, von denen ich mich noch genau des „C-Tieres“ entsinne, eines Riesenschweins mit glatter Aalhaut, das auf den Hinterbeinen ging, in den Vorderpfoten ein großes Messer hielt und kleine Kinder, „sobald sie sich zu lange auf derselben Stelle verweilten“ abfing und schlachtete.
Nach diesem mißglückten Versuch bekam ich einen Knaben zum Gefährten, den Sohn unsrer Botenfrau. Diese Freundschaft dauerte drei Tage.  Am ersten warf er mir einen schweren Ball mit solcher Wucht an den Kopf, der beileibe nicht erschüttert werden sollte, daß meine ganze kleine Person sich wie ein Kreisel im Sand drehte. Am zweiten trat er mir mit dem Hacken ins Auge.  Zum Glück war’s ein kleiner

  

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Barfuß, sodaß das Auge nicht auslief, sondern nur zur Größe eines Kindeskopfs anschwoll.  Am dritten stieß er mich in das Becken des Springbrunnens, wo mir das Wasser über dem Kopf zusammenschlug.  Eine weitere Steigerung seiner Leistungen warteten meine Eltern nicht ab.  Sie gaben am vierten Tag meinen Freund mit Dank seiner Mutter zurück. 
Darnach wurden zwei kleine Nachbarinnen gebeten, mich zu besuchen.  Sie brachten noch eine dritte, eine Freundin von ihnen, mit.  Mit diesen dreien hab’ ich dann die Kinderspiele gespielt und wirklich glückselige Stunden verlebt.
Auch in die Handarbeitsschule der Dorfschule schickten mich meine Eltern dreimal in der Woche, damit ich Kinder kennen lernen, mit Kindern umgehn lernen sollte.  Zwei Stunden lang lag regelmäßig mein Strickzeug mir im Schoß und ich starrte, staunte, wunderte mich über das mir fremde Treiben.  Wenn um vier Uhr die Lehrerin, wie es festgesetzt war, mich heimschicken wollte, erwachte mein Ehrgeiz und

  

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ich bettelte inständig nur noch eine einzige Viertelstunde bleiben zu dürfen, um zu arbeiten.  Ich strickte dann sehr rasch, aber gar nicht schön.  Der Lehrer behauptete einmal, daß durch die ungleichen Maschen meines Strumpfes die Spatzen fliegen könnten.  Drei Jahre habe ich an diesem einzigen Strumpfpaar meines Lebens gestrickt – getragen habe ich es nie. 
            Als ich sechs Jahre alt war, bekam ich eine Erzieherin und in mein Lernen kam Ordnung und System. Mit meiner jungen Lehrerin verstand ich mich sehr gut.  Ich hatte meine Eltern, die ich liebte, ältere Geschwister, die mich verzogen, ich hatte meine Freundinnen, meine Tiere, die Bäume des Parks, die verständliche Sprache zu mir redeten.  Es steht nicht einer mehr von ihnen, aber ich kenne sie noch alle.  In der Erinnerung wandele ich die Wege, die ich damals gegangen bin.  Ich schwinge mich in der Schaukel auf dem Kastanienberg, sehe auf dem Nußberg die Sonne hinter dem breiten Kegel des Melibocus zur Ruhe sinken.

  

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Ich war so glückselig in jenen Jahren wie nur ein Kind sein kann.  Aber ich hatte noch nicht meinen achten Geburtstag gefeiert, da starb mein Vater.  Meine Mutter zog mit mir nach Mainz, in die engen Gassen einer Festung.  Das Paradies meiner Kindheit schloß sich hinter mir. 
            Ich bin in Mainz in die Schule gegangen, ich habe Freundschaften geschlossen, von denen einige heut’ noch dauern über Land und Meer und Zeit und Schicksalswechsel hinweg.  Ich habe als Neunjährige in dieser Stadt mein erstes Gedicht gedichtet: „An das Abendrot“, während ich Klavier übte, pflichtschuldig und sicher mehr schlecht als recht.  Auch meine erste schaurig schöne Ballade entstand dort, an einem Sonntag morgen, als ich in die gute Stube geschickt wurde, um Staub zu wischen.  Und Märchen und Geschichten in unzählbaren Mengen habe ich mir zusammengedacht in Schulstunden, die mich langweilten, die Hände auf dem Tisch still und artig dasitzend, eine

  

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Musterschülerin, die Lob bekam für ihre Bravheit, während doch all meine Gedanken meilenweit fern schweiften von der Lehrerin und ihrem wohldurchdachten Vortrag.  Ja, ich habe noch manche schöne und lichte Stunde verlebt in der engen, unfreundlichen Stadt, die mir immer verhaßt geblieben ist.  Aber das Paradies hat sich doch für mich geschlossen in dem Augenblick, da ich von dem „Schlößchen“ und seinen Gärten mit den sprechenden Bäumen Abschied nehmen mußte.  Dahinter begann das Leben auf der Erde.

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