Ida Boy-Ed

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Ida Boy-Ed

 

 
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            Das beherrschende Gefühl meiner Kindheit war Furcht! Die Seelen furchtsamer Kinder sind immer mit Leiden beladen, von denen sich Menschen ohne Phantasie keine Vorstellung machen können. Welches Ungeheuer ist allein die Dunkelheit. Aus ihr schleichen die furchtbarsten Gefahren, Entsetzlichkeiten, Übernatürlichkeiten auf das Kind zu, um es zu verfolgen, zu vernichten! In meinem Bette liegend, konnte ich, von Angst gelähmt, auf ein grauenvolles Phänomen hinstarren, das ein Totenhaupt über einem Knochenbündel schien – und es war vielleicht ein Kleidunsstück, das durch eine Spalte im Fensterladen von einem Mondstrahl getroffen wurde. Wenn es hieß durch einen dunklen Korridor gehen, griffen unsichtbare Hände nach meinem Rücken, meinen Beinen. Ich verbarg nachts meine Hände unter der Bettdecke, aus Furcht, daß
  

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Diebe oder Mörder, die im Zimmer verborgen sein könnten, mich an den Händen erfassen würden. – Die Erziehung, wenigstens die, welche man an mich wandte, suchte dieser Furcht durch Strenge und Verspottung zu begegnen und vergrößerte dadurch das Unglück, denn solche Furcht ist ein Unglück für ein Kindergemüt.

            Außer dieser Todfeindin, die mir die Dunkelheit war, hatte ich noch eine andre. Nämlich die große Familie der Spinnen. Der Ekel gegen diese war und ist noch so stark in mir, daß ich Erbrechen bekommen kann, falls mir ein besonders großes Tier dieser Art zu nahe kommt. Wilhelm Bölsche sagte einmal, als er die Weisheit der Natur rühmte, die Gepräge und Größe der Wesen so wohl gegeneinander abzuwägen versteht: wenn die Spinne die Größe des Löwen hätte, würden wir vor Schreck erstarren! Meine Spielgefährtinnen nun fanden ihr besonderes Vergnügen daran, Spinnen zu sammeln und,
  

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sie an Stecken hängen lassend, mich damit zu verfolgen.
            Diese beiden Gräßlichkeiten nahmen alles in Anspruch, was an Feigheit und Grauen in mir war, so daß für andre Dinge nichts übrig blieb und ich allen andern Erscheinungen und Anforderungen mit einem an Gleichgültigkeit grenzenden Mut gegenüberstand. Wir, meine Schwester und ich, liefen auf drei Finger breitem Eisengeländer, haushoch über brausenden Schleufen, wir schifften auf Eisschollen über tiefe Gräben, wir saßen auf ungesattelten Pferden, handelten mit Maikäfern und gingen mit allen möglichen Insekten freundlich um. Kein Gewitter konnte uns tobend genug sein, und wenn drohendes Hochwasser nicht so arg wurde, daß es in die Stuben kam, wurden wir enttäuscht. Wir lebten eben in der Natur, an der Marsch, das Wasser sprach zu uns und unsrer Phantasie.

            Der Überreichtum dieses Stückchens Welt beunruhigte meine Gedanken, die fortwährend
  

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höchst wichtig beschäftigt waren. Nie konnte ich aber in der Schule Sammlung für mir langweilige Dinge aufbringen. Man verstand auch gewiß nicht, mich zu fasseln. – Ich konnte noch nicht orthographisch richtig schreiben – das habe ich überhaupt erstaunlich spät gelernt – als ich schon Geschichten verfaßte. – Ich nähte aus Schreibpapier kleine Bücher, handgroß kaum, malte auch Bilder hinein, die die Vorgänge illustrierten und verlieh diese Werke dann gegen eine Gebühr von 3-4 Stecknadeln. (Stecknadeln waren überhaupt unsre Münzen, auch beim Maikäferhandel und wenn wir von Kameraden Pflanzen für unser Beet erstanden.) In einem dieser Bücher war die kleine Heldin ein schlechtbehandeltes Kind, und die böse Mutter starb nachmals an Gewissensbissen. Im Bilde ihres Todeskampfes hatte ich ihr ein grünes Kleid gemalt. Meine großen Geschwister bekamen das Werk in die Hände und das Necken nahm kein Ende. Noch nach Jahren hieß es in der
  

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Familie, wenn jemand ein grünes Kleid trug: hast du Gewissensbisse?
            Kinder necken, und noch dazu phantasievolle, träumerische, heißt sie mißhandeln. –

            Einen Tag im Jahre gab es, wo wir gänzlich grundlos und sinnlos wie betrunken von Glück waren. Und das war am ersten Mai! Der Klang des Wortes glaube ich, tat es uns an. Ein Wahn war in uns, als stehe etwas Schönes sofort bevor. In der Erinnerung ist mir, was ja unter gar keinen Umständen der Fall gewesen sein kann, als habe in meiner Kindheit immer am 1. Mai die Sonne geschienen. Wir liefen aufs Feld hinaus; die Brachkoppeln waren lila und gelb von Stiefmütterchen, auf den Roggenfeldern stand die junge Saat grellgrün. Fern blauten im feuchten Dämmer die schmalen, durch Entwässerungsgräben getrennten Felder der Marsch. Und ganz drüben, hinterm Deich wußte man die Elbe, und sie floß in den Ozean – wie war alles weit, fern, groß, unbestimmt – und
  

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vielleicht berauschte das die Phantasie, und vielleicht waren wir deshalb glücklich und ahnten nicht warum.
            In meinem dreizehnten Lebensjahre übersiedelte mein Vater nach Lübeck. Ich kam in die Stadt, und obgleich wir dort ein riesiges, uraltes Patrizierhaus mit geheimnisvoll geräumigen Böden hatten, obgleich wie die Trave vorbeifloß und durch Schiffverkehr und Hochwasser auch viel Anregung gab – die Kindheit war für mich doch zu Ende, als ich nicht merh in Garten und Feld leben durfte.

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