Die Auferweckung Drusianas und des Calimachus

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Die Auferweckung Drusianas und des Calimachus.

 
Personen.
            Calimachus, ein junger Epheser.
            Seine Freunde.
            Andronikus, ein vornehmer Epheser.
            Drusiana, seine Gemahlin.
            Der Apostel Johannes.
            Fortunatus, Diener des Andronikus.
            Gott.
 
Erster Akt.
 
Erster Auftritt.
Ein Saal im Hause des Andronikus.
Calimachus.  Seine Freunde.  Gäste des Andronikus.
 
            Calimachus.  Ich hätt’ euch gern auf kurze Zeit für mich, o Freunde.
            Freunde.  So lang’ du willst, steht unsre Unterhaltung dir zu Diensten.
            Calimachus.  Wenn ihr es nicht für ungut nehmt – ich sähe gern, daß wir inzwischen von der Gesellschaft hier ein wenig uns entfernten.
            Freunde.  Was dir angemessen scheint, thun wir ungesäumt.

            Calimachus.  So laßt uns in jene Ecke gehn, damit wir nicht durch irgendwen in dem, was ich euch sagen muß, gestört werden.
 

 
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            Freunde.  Wie es dir gefällt.  (Gehen beiseite.)
            Calimachus.  Ich trage, ach wie lange schon!  an einem schweren, schweren Schmerze.  Durch euren Rat hoff’ ich von ihm mich endlich zu befrein.
            Freunde.  Schütt’ uns dein Herz nur aus!  Die Freundesliebe fordert ja, daß wir einander tragen helfen, was immer einem unter uns das launische Schicksal auferlegt.
            Calimachus.  Wie glücklich wäre ich, wolltet ihr mein Unglück mitleidend mit mir teilen!
            Freunde.  Wohlan denn, was bedrückt dich?  Auf unser Wort, wenn es die Sache heischt, dann soll an unserm Beistand es gewiß nicht fehlen.  Und andernfalls, je nun, wir können dann vielleicht dich hindern, eine Thorheit zu begehen.
            Calimachus.  Ich liebe.
            Freunde.  Was denn?
            Calimachus.  Das Schönste, das Holdseligste!
            Freunde.  Das gilt von keinem Geschöpf allein, so wenig wie’s von allen gilt.  Deshalb vermögen wir daraus das Häuflein von Atomen, dem deine Liebe zugewandt, nicht zu erkennen.
            Calimachus.  Weib ist sein Name.
            Freund.  Weib?  Du liebst sie alle?  Liebst ihr ganz Geschlecht?
            Calimachus.  Doch alle nicht mit gleicher Kraft, nur eine schafft mir meinen Liebeskummer.
            Freunde.  Was über einen Gegenstand du aussagst, wird nur verstanden, wenn du Bezug nimmst auf den Gegenstand.  Willst du, wir sollen die Schönheit erkennen, mußt du uns vor allem das Wesen nennen.
            Calimachus.  Drusiana.
            Freunde.  Die Gattin des Andronikus dort, des Grafen?
            Calimachus.  Sie selbst.
            Freunde.  Aber Freund, wo denkst du hin!  Drusiana ist getauft?

            Calimachus.  Was kümmert das mich?  Wenn ich nur ihre Liebe mir erringe!
 

 
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            Freunde.  Dur wirst es nicht.
            Calimachus.  Was seid ihr so verzagt?
            Freunde.  Weil Unausführbares du anstrebst.
            Calimachus.  Bin ich etwa der erste, der solch ein Wagestück unternimmt?  Schon manchem gelang es ganz gut, das macht mir Mut.
            Freunde.  So bedenke doch, Bruder, die dein Herz entzündet, ist von Johannes, dem Apostel selbst, gewonnen für des Nazareners Lehre.  Sie hat ihr Leben gänzlich Gott geweiht, selbst von dem Bette des Andronikus, der doch auch ein frommer Christ, hat sie sich längst geschieden, geschweige, daß sie deiner Brunst sich hingiebt!
            Calimachus.  Ich suchte Trost bei euch, doch ihr, die letzte Hoffnung raubt ihr mir!
            Freunde.  Wer heuchelt, betrügt; wer schmeichelt, verkauft die Wahrheit.
            Calimachus.  Da euer Beistand mir entzogen, geh graden Wegs ich zu ihr selber hin und mache mit süßem Liebeswort sie mir gewogen.
            Freunde.  Denk’ nur an uns, es wird dir nicht gelingen.
            Calimachus.  Und stellte sich das Schicksal selbst mir in den Weg!
            Freunde.  Wir werden sehn.
 
Zweiter Auftritt.
Drusianas Gemach.
Calimachus.  Drusiana.  Später Andronikus.
 
            Calimachus.  Drusiana, du meines Herzens höchste Wonne, vergönne mir ein einzig Wort.
            Drusiana.  Was könntest du, Calimachus, mit mir zu reden haben?  Fürwahr, das soll mich wundern!
            Calimachus.  Wundern?
            Drusiana.  Nur allzusehr.

            Calimachus.  Nun wohl!  Zuerst laß mich von meiner Liebe sprechen.
 

 
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            Drusiana.  Von deiner Liebe?  Was soll das heißen?
            Calimachus.  Daß ich vor allen andern Frauen dich, Drusiana, tief im Herzen trage!
            Drusiana.  Seit wann sind wir einander denn verwandt?  Uns knüpft kein fleischlich, knüpft kein geistig Band, was giebt das Recht dir, mich zu lieben?
            Calimachus.  Deine Schönheit?
            Drusiana.  Meine Schönheit?
            Calimachus.  Was sonst?
            Drusiana.  Was hast mit meiner Schönheit du zu schaffen?
            Calimachus.  Beim Zeus, gar wenig nur bisher, doch, hoffe ich, in Zukunft mehr!
            Drusiana.  Fort, fort, abscheulicher Verführer!  Fürwahr, es giebt kein Wort, daß deinem Schandsinn würdig, und schamrot müßt’ ich vor mir selber werden, wollt’ ich noch eine einz’ge Silbe mit dir wechseln – o du, der bis zum Halse vollgestopft mit Satans Trug!
            Calimachus.  Drusiana, liebe Drusiana, verschmähe nicht ein Herz, das bis zur letzten Faser voll Liebe an dir hängt, o neige du in Liebe dich zu mir!
            Drusiana.  Was kümmert deine Wollust mich?  Mir ekelt, denk’ ich deiner Geilheit!  Nicht eine Spur von Liebe hegt mein Herz für dich.
            Calimachus.  Noch bin ich taub, o Drusiana, für alles, was mich bewegen könnte, dir zu zürnen; noch will ich denken, daß dir die Scham verbiete zu gestehen, was du bei meinem Liebesflehen im Herzen dein empfindest.
            Drusiana.  Nichts andres als unsägliche Entrüstung.
            Calimachus.  Noch immer hoffe ich, daß sich dein Sinn zu meinen Gunsten wende.
            Drusiana.  Nie und nimmermehr!  Bei Gott!
            Calimachus.  Ich geb’ es doch nicht auf!

            Drusiana.  Unsinniger!  Was nährst in deinem Herzen du für Wahngedanken?  Warum betrügst du dich mit eitlem Schein?  Wie nur in aller Welt, durch welche Wahnsinnsthat
 

 
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denkst du deinem leichtfert’gen Sinn gefügig mich zu machen?  Mich, die wie lange schon vom Lager des vertrauten Gatten sich geschieden?
            Calimachus.  Nun denn, bei allen Göttern sei’s geschworen und meinethalben bei den Menschen auch!  Giebst du nicht nach, so will ich keinen Tag mir Ruhe gönnen, bis endlich du umgarnt.  Und müßt’ ich zu Trug oder Hinterlist greifen, ich raste nicht, bis du mein Eigen!  (Ab.)
            Drusiana.  O über mich!  Du großer Gott, was frommt jetzt mein Gelübde, rein und keusch zu leben, da dieses Leibes Moderschönheit dem Armen sein Verderben schuf?  O neige, Herr Jesu Christ, dich meiner Not!  O weiche in meinem Schmerz  nicht von mir, großer Gott!  Was wird aus mir, wie zu handeln wäre meine Pflicht?  Ich weiß es nicht.  Verkündet laut mein Mund, was mir geschehn, so streu’ der Bürgerzwietracht unheilvolle Saat ich aus, und hülle ich in Schweigen mich, wie, o Gott, soll deine Tochter dann der Höllenkunst des Satans heil entrinnen?  O Christe, verleihe mir, daß schnell zu dir ich mich darf flüchten; gieb, daß ich sterbe, damit der zarte Jüngling nicht verderbe!
(Sie sinkt zu Boden und stirbt.)
            Andronikus (der unbemerkt eingetreten.)  Weh, welch ein Unglück!  So schnell sank Drusianas Lebenskraft dahin?  Zum heiligen Johannes will ich eilen, wenn einer, so kann er mir Hilfe spenden!
 
Zweiter Akt.
 
Erster Auftritt.
Im Hause des Apostels Johannes.
Johannes.  Andronikus.
 

            Johannes.  Warum bist du so sehr betrübt, Andronikus?  Was füllt die Augen dir mit Thränen?
 

 
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            Andronikus.  O Herr, welch Unglück!  Ich wollt’, ich wär’ gestorben!
            Johannes.  Was ist dir widerfahren?
            Andronikus.  Drusiana, deine Jüngerin...
            Johannes.  Hat sie das Zeitliche gesegnet?
            Andronikus.  Du sprichst es aus.  O Gott!
            Johannes.  Mein Sohn, ob solcher Thränen zu vergießen, die, wie wir glauben, ew’ge Friedensruh genießen, das ist nicht wohlgethan.
            Andronikus.  Ach sieh, ich zweifle nicht, daß Seligkiet ihr Teil, daß fleckenlos ihr Fleisch dereinst wird auferstehn, du hast es ja gesagt, du, unser aller Heil!  Und doch möcht’ ich vor Leid vergehen, daß unter meinen Augen sie von Gott sich selbst den Tod erflehte.
            Johannes.  Weißt du, warum sie also that?
            Andronikus.  Ich weiß es, ja; doch wolle den Bericht mir noch gestunden, erst mag mein krankes Herz gesunden.
            Johannes.  So laß uns jetzt von hinnen und mit aller Liebe ihr den letzten Dienst erweisen.
            Andronikus.  Ins Grabgewölbe, aus Marmor würdig aufgeführt, da bringen wir vorerst ihr Ird’sches hin.  Fortunat, mein Schaffner, mag Sorge tragen für des Leichnams Schutz.
            Johannes.  Wohl ziemt es sich, daß wir mit allen Ehren sie begraben, und Gott mög’ ihre Seele dann mit süßer Ruhe laben.
 
Zweiter Auftritt.
In Andronikus’ Haus.
Calimachus.  Fortunatus.
 
            Calimachus.  Wie soll das enden, Fortunat?  Auch Drusianas Tod hat meines Herzens heiße Flammen nicht gelöscht.
            Fortunatus.  Fürwahr, mich jammert deiner.

            Calimachus.  Ich sterbe, wenn mir von dir nicht Hilfe kommt.
 

 
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            Fortunatus.  Wie stünde dies in meiner Macht?
            Calimachus.  O daß mein Blick nur noch ein einzig Mal auf der Heißgeliebten ruhen könnte!
            Fortunatus.  Nach meinem Urteil ist sie so schön im Tode wie zuvor.  Kein langes Siechtum hat sie aufgezehrt, ein leichtes Fieber raffte sie dahin.  Gewiß hast dur davon gehört.
            Calimachus.  O glücklich, hätte ich es nie!
            Fortunatus.  Wenn du dich mit Geschenken mir gefällig zeigst, so führe ich dich zu ihr hin und überlaß sie deinem Sinn.
            Calimachus.  Hier, nimm, was gegenwärtig ich zu Händen habe und warte noch viel größrer Gabe.
            Fortunatus.  So laß uns schnell zu ihr.
            Calimachus.  Ja, eilen wir!
 
Dritter Auftritt.
Im Grabgewölbe.
Die Vorigen.
 
            Fortunatus.  Da liegt Drusiana.  Nicht bleich und leichenfarben ist ihr Antlitz, die Glieder selber voll und rund wie ehemals.  Nun thu’ mit ihr, was dir gefällt.  (Er entfernt sich.)
            Calimachus.  O Drusiana, Drusiana!  Wie betete mein Herz dich an, mit welcher felsenfesten Liebe umfing dich meiner Seele letzte Regung!  Du aber triebst mit hartem Wort mich von dir fort, mein Werben hast du schnöde abgewiesen.  Und jetzt?  Was immer meine Willkür über dich verhängt, du mußt es dulden, und jede Vergewaltigung...
            Fortunatus (von einer Schlange verfolgt hereinstürzend).  Zu Hilfe, o!  Ein schrecklich Schlangenungetüm will mich verschlingen!

            Calimachus.  O über mich!  Was hast du, Fortunat, aus mir gemacht!  Ihr Götter, welche Frevelthat hätt’ ich beinah vollbracht!  Fahr’ hin, dir bringt die Schlange den Tod und mich, mich tötet Gewissensnot!
 

 
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Dritter Akt.
 
Erster Auftritt.
Vor dem Grabgewölbe.
Johannes.  Andronikus.  Gott.
 
            Johannes.  Laß uns, Andronikus, zu Drusianas Grab und ihr unsterblich Teil Gott im Gebete anempfehlen.
            Andronikus.  O heil’ger Mann, wie wohl steht es dir an, daß keines deiner Schäflein du vergißt!
(Sie treten in die Vorhalle des Grabgewölbes ein.)
            Johannes.  O!  Was geschieht?  Sieh an!  (Das Gewölbe öffnet sich und Christus erscheint.)  Der unsichtbare Gott darniederwallt in eines Jünglings Wohlgestalt!
            Andronikus.  Ich erzitt’re!
            Johannes.  O Herr, daß deinen Knechten du an diesem Orte zu offenbaren dich geruhst, was ist der Grund?
            Gott.  Ich that mich euren Blicken kund, daß Drusiana auferwecket werde, dazu der nahe ihrem Grabe liegt.  Auf daß in diesen mein Name sei gepriesen.  (Verschwindet.)
            Andronikus.  Sieh, schon nahm der Himmel seinen Herrscher wieder auf.
            Johannes.  Ich fasse nicht, was alles dies bedeute.
            Andronikus.  O komm, beflügeln wir den Fuß!  Vielleicht, daß wir an Drusianas Sarg erfahren, was uns noch unverständlich blieb.
 
Zweiter Auftritt.
Inneres Grabgewölbe.
Johannes.  Andronikus.  Drusiana.  Calimachus.  Fortunatus.
 

            Johannes.  In Christi Namen!  Was für ein Wunder beut sich meinen Augen dar?  Die Gruft erbrochen, Drusianas Körper seiner Hüllen ledig und neben ihr zwei Leichen von Schlangenwindungen umflochten!
 

 
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            Andronikus.  Was das bedeutet, kann ich mir wohl sagen.  Als Drusiana unter uns noch wandelte, da drängte mit unkeuschem Liebeswerben sich Calimachus an sie heran.  Das schuf ihr solches Herzeleid, solch schwere Not, daß ihren zarten Leib ein glühend Fieber überfiel, und sie den Tod einlud, zu ihr herabzukommen.
            Johannes.  Dazu hat sie der Keuschheitsdrang bewogen.
            Andronikus.  Als Drusiana aber heimgegangen und dem Verruchten zur Marter seiner unglücksel’gen Liebe die Qual noch kam, daß sein verbrecherisch Begehren gestillt nun könne niemals werden, verlöschte fast sein Lebenslicht, doch seine Liebe nicht, nur um so höher schlugen ihre Flammen auf.
            Johannes.  Welch’ Elend!
            Andronikus.  Ich zweifle nicht, daß Fortunatus er bestochen, den ungetreuen Diener mein, er möge ihn behilflich sein, ein Verbrechen auszuführen.
            Johannes.  O Sünd’ und Schande sondergleichen!
            Andronikus.  Und daß die Schandthat ungeschehen bleibe, hat beide, wie du siehst, der Tod verschlungen.
            Johannes.  Mit Unrecht wahrlich nicht!
            Andronikus.  Doch wunderbar will es mich dünken, daß Gott die Auferstehung dessen uns verhieß, der dieses Frevels Vater ist, und jenes nicht, der ihm nur beigestimmt.  Wohl weil Calimachus vor Liebesqual kaum seiner Sinne mächtig war und seiner Sünde sich nicht voll bewußt; dagegen fehlte Fortunat aus Bosheit und aus böser Lust.
            Johannes.  Gott, unser aller Thaten prüfend, hebt auch die letzte Hülle.  Gutes und Böses lohnt nach Verdienst sein allgerechter Wille.  Kein Sterblicher vermag sein Urteil zu ergründen, denn himmelhoch wie Gottes Richtersitz thront seine Weisheit über Menschenwitz.

            Andronikus.  Wir können nicht einmal sein Urteil nach Gebühr bewundern, da wir der Menschen Thaten wohl, doch welche Gründe sie geleitet, selten nur erfahren.
 

 
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            Johannes.  Und nur der Thaten Lohn läßt uns hernach auf diese oft noch schließen.
            Andronikus.  Doch nun, o mein Johannes, willst du ans Werk nicht gehen und Calimachus erwecken?  Er wird uns sicherlich des Wirrsals Knoten lösen.
            Johannes.  Zuerst will ich durch Christi Namen das Schlangentier fortschrecken.
            Andronikus.  Ganz recht, daß ja ihn nicht von neuem der Schlange Biß verletze!
            Johannes (zur Schlange.)  Entfleuch, du greulich Tier!  Dein Opfer wird in Zukunft Christo dienen!
(Die Schlange entflieht.)
            Andronikus.  Sieh, das vernunftlose Geschöpf, für deine Worte ist sein Ohr nicht taub.  Es thut, was du befiehlst.
            Johannes.  Nicht mir gehorcht es, sondern Christo.
            Andronikus.  Daher entschwand es, eh noch deiner Worte Schall verklungen.
            Johannes.  O Gott, ohn’ Maß und Zeit, unfaßbar dem Verstand, des gnadenvolle Hand das Gute einzig leiht; der du in allem bist, was ist, Zwiefaches bindend, den Menschen schufst und dann, das eine teilend zu dir ihn rufst – gebeut, Allmächtiger, daß Calimachus aufstehe ein ganzer Mensch!  Hauch Lebensodem in den Busen sein, von neuem knüpfe das zerrißne Band, daß alle Welt darf Jubelpsalmen singen, dir, dem allein solch Wunder mag gelingen!
            Andronikus.  Amen. – (Calimachus wacht auf.)  O sieh, er atmet wieder, nur lähmt noch seine Glieder des Unfaßbaren Wucht.
            Johannes.  Calimachus!  In Christi Namen stehe auf und beichte, was geschehn!  Wie schwer auch dein Vergehn, bekenn’ es frei, nicht das Geringste wolle uns verschweigen.

            Calimachus (sich erhebend).  Ich mag und kann nicht leugnen.  Ein Frevel war es, der mich hergebracht.  Mein Leben verzehrte sich in Liebeskummer, und meines Herzens Glut vermocht ich nicht zu löschen.
 

 
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            Johannes.  Welcher Wahnsinn, welche Raserei berückte dich, die keusche Leiche zu entehren?
            Calimachus.  Mein eigner Lastersinn und Fortunati, des Sünders, böser Rat.
            Johannes.  Dreimal Unseliger!  Hast du ins Unglück dich so tief gestürzt, die Schandthat wirklich zu vollbringen?
            Calimachus.  Nein, nein! Am Willen fehlte es zwar nicht, doch zum Vollbringen hatt’ ich keine Macht!
            Johannes.  Und welches Hindernis, was stellte sich dir in den Weg?
            Calimachus.  Als ich von Drusianas Antlitz die Hülle entfernt und nun mit harten Worten die Verblichne schmähen wollte, da starb, von einer Schlange Biß vergiftet, der all, das Unheil angerichtet und zu dem Frevel mich gereizt, dort Fortunat.
            Andronikus.  Das war gerecht!
            Calimachus.  Doch mir erschien ein Jüngling, furchtbar anzuschaun, der hüllte den entblößten Körper voll Sorge wieder ein in sein Gewand.  Aus seinem Flammenantlitz sprühten glühnde Funken auf das Grab, und einer, zurückgeschleudert, sprang in mein Gesicht.  Zugleich rief mir wie Donnerrollen eine Stimme zu: „Stirb, o Calimachus, damit du lebest!“  Als dieses Wort verklungen, hatt’ ich ausgeatmet.
            Johannes.  Das war ein Werk der Himmelsgnade, die an der Sünder Untergang nicht Freude hat.
            Calimachus.  Du hörtest jetzt das Elend meines Falles, nun habe Mitleid mit mir Armen, o zögre nicht, dich meiner zu erbarmen.
            Johannes.  Sei ohne Sorge!
            Calimachus.  Denn sieh, mein Sinn ist wirr, die Brust voll Trauer, ich gräme mich und seufze und zermartre mir das Herz ob meiner Sündenschuld.

            Johannes.  Ganz nach Verdienst.  Meinst du, dein Vergehen dulde leichte Buße?
 

 
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            Calimachus.  O wäre meiner Brust geheimste Kammer dir enthüllt, daß du erkenntest, wie mein Herz von bittrer Reue ganz erfüllt, gewiß, du würdest mit mir trauern!
            Johannes.  Mitfreuen will ich mich vielmehr!  Ich weiß, dein Kummer bringt dir Segen.
            Calimachus.  Abscheulich will mein frühres Leben mich bedünken, und Sinnenlust flößt mir jetzt Ekel ein.
            Johannes.  Mit Unrecht wahrlich nicht!
            Calimachus.  Was ich verbrach, reut micht so tief.
            Johannes.  Das ist nur billig.
            Calimachus.  Was ich gethan, entsetzt mich so, daß ich nicht fürder leben mag, wenn nicht, durch Christo neugeboren, in einen bessern Menschen ich verwandelt werde.
            Johannes.  Die Gnadensonne Gottes wird dir leuchten.
            Calimachus.  O zögre länger nicht!  Laß dich die Mühe nicht verdrießen, den Tiefgefallnen aufzurichten, den Trauernden mit Trost und Zuspruch zu erquicken, daß durch dein Mahnen, deine Lehre aus einem lasterhaften Heiden in einen tugendreinen Christen ich verwandelt werde, daß unter deiner Führung ich, den steilen Pfad des Heils erklimmend, gemäß der göttlichen Verheißung lebe.
            Johannes.  O preisen wir den ein’gen Gottessohn, ihn, der herabstieg von dem Himmelsthron, daß er ein Bruder unsrer Schwachheit werde, der dich, mein Sohn Calimachus, zum Leben führte, da du starbst, zum Tode, da du auferstandest.  Des Grabes düstrer Anblick sollte die Seele dein vom Untergang befrein.
            Andronikus.  Ein unerhört Ereignis, das niemals wir genug bewundern können.

            Johannes.  O Christe, Lösegeld der Welt, Entsühner unsres sündigen Geschlechts, wo find’ ich Dankesweisen, dich nach Gebühr zu preisen?  Ich beuge mich vor deiner milden Huld, deiner langmütigen Geduld, mit der die Sünder du nach Vaterart durch Liebe bald bezwingst, bald mit gerechter Strenge durch Züchtigung zur Buße bringst.
 

 
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            Andronikus.  Ja, lobet unsres Gottes Liebe.
            Johannes.  Wer hätte je zu hoffen sich erkühnt, daß du, o Gott, Calimachus für würdig deiner Gnade hieltest?  Ihn, den der Tod wegraffte, als eben er auf argen Frevel sann?  Daß du zum Leben ihn aufwecken würdest und alle seine Schuld vergeben?  Du, Gott, alleine hast die Kraft, solch hohes Wunder zu vollbringen, drum sei in aller Ewigkeit dein Name hoch gebenedeit!
            Andronikus.  Wohlan nun, heiliger Johannes, zögre nicht, auch meinem Herzen Trost zu spenden.  Die Liebe zu Drusiana vergönnt nicht Ruhe meiner Brust, bis ich sie auferstanden sehe.  O eile!
            Johannes.  Drusiana!  Unser Herr mög’ dich erwecken!
(Das Leben kehrt ihr zurück.)
            Drusiana.  Dir Gott sei Ehr’ und Lob gebracht, der mich erlöst hat aus des Grabes Nacht.
            Calimachus.  Ja danke, Drusiana, dem Geber alles Heils!  In Freuden weckte er dich auf, die du am unheilvollsten Tag in düstrer Traurigkeit bestattet wurdest.
            Drusiana.  O heiliger, hochwürdigster Johannes, da du Calimachus erweckst, obschon er micht mit seiner sinnlichen Begier verfolgte, so ruf auch den zurück ins Leben, der meinen Leichnam preisgegeben.
            Calimachus.  Nimmermehr!  Wie könnte es, Apostel Christi, deiner würdig sein, diesen Missethäter und Verräter aus des Todes Banden zu befrein?  Der meinen Sinn berückt, mein Herz verführt, die Sinnenglut geschürt, bis ich der Schandthat endlich mich erfrechte!
            Johannes.  Und doch!  Du solltest Gottes Gnade ihm vergönnen.
            Calimachus.  Er trägt die Schuld an seines Nächsten Fall!  Wie könnt’ er deiner Gnade würdig sein?  Erweck’ ihn nicht!
            Johannes.  Also gebeut des Höchsten Wort: Der Mensch vergebe seinem Schuldner, auf daß ihm selbst vergeben werde.

            Andronikus.  So ist es billig und recht!
 

 
103
            Johannes.  Fand auch nicht Gottes und der Jungfrau Sohn, als er unschuldig, ohne Fehle und unbefleckt von fleischlicher Empfängnis zu uns herniederkam, die Menschen allesamt gebeugt unter der Sünde schweres Joch?
            Andronikus.  Wem wäre es unbekannt!
            Johannes.  Nicht einen einzigen Gerechten traf er an, nicht einen seines Mitleids Würdigen; und doch hat niemand er verachtet, niemandem seine Gunst entzogen.  Er gab sich für uns alle hin und setzte seine teure Seele ein, uns Sünder zu befrein.
            Andronikus.  Unschuldig mußte er ja sterben, denn niemand könnte sonst die Seligkeit erwerben.
            Johannes.  Mit seinem kostbaren Blute erkaufte uns der Herr, drum kann es nimmermehr ihm wohlgefallen, wenn einer unter uns zu Grunde geht.
            Andronikus.  Das ist gewißlich wahr.  O danket seiner Huld.
            Johannes.  Wie dürften andern wir mißgönnen Gottes Gnade, der wir, ohn’ all’ Verdienst, so reichlich uns erfreuen?
            Calimachus.  Ich bin zerknirscht.  Wie greift dein Mahnen doch ans Herz!
            Johannes.  Indes, damit es dir nicht scheint, als ob deinen Wünschen widerstrebe, will nicht ich selber Fortunat erwecken.  Drusiana mag das Werk vollenden, Gott wird dazu die Kraft ihr senden.
            Drusiana.  O göttlich Wesen, ganz allein von allem irdschen Staube rein, das du den Menschen nach deinem Bild geschaffen hast und dem Geschaffnen Lebensodem eingehaucht, o führ’ in Fortunatus Staub die Lebenskraft zurück, schaff’ aus ihm wiederum ein fühlend Wesen, daß die Erweckung unsrer drei der heiligen Dreieinigkeit zum Ruhm gereiche!

            Johannes.  Amen.
 

 
104
            Drusiana(ergreift des Toten Hand und richtet ihn auf).  Erwache Fortunatus!  Dir gebeut der Herr, des Todes Ketten zu zerreißen!
            Fortunatus.  Wer war es, der mich bei der Rechten nahm?  Wer rief, ich solle mich erheben?
            Johannes.  Drusiana.
            Fortunatus.  Drusiana hätte mich erweckt?
            Johannes.  Niemand anderes.
            Fortunatus.  Sie ward ja selbst vor wenig Tagen erst vom Tode plötzlich hingerafft.
            Johannes.  Doch lebt sie jetzt im Herrn.
            Fortunatus.  Und dort!  Was soll es heißen, daß Calimachus mit ernster Miene so bescheiden steht?  Tobt denn nicht mehr wie früher in ihm die Leidenschaft zu Drusiana?
            Johannes.  Er ist ein Christ geworden und seinen frühren Sinn hat gänzlich er verändert.
            Fortunatus.  Das glaub’ ich nun und nimmermehr!
            Johannes.  Und doch sprach ich die Wahrheit.
            Fortunatus.  Wenn dem so ist, wenn Drusiana mich erweckt, und Calimachus an Christum glaubt, dann mag fortleben wer da will, ich nicht!  Den Tod erwähl’ ich mir freiwillig.  Viel lieber gar nicht sein, als etwa sehen, wie Calimachus in eitel Frömmigkeit und Tugend nunmehr schwimmt!

            Johannes.  O welche Niedertracht des Satans!  O welche Bosheit der verfluchten Schlange!  Ja, über Adams Tod da hat sie laut gejauchzt, doch der Gerechten Lohn preßt stets ihr Seufzer aus.  O Fortunat, unseligster der Menschen!  Voll Galle ist dein Herz und bittrem Höllengift, du gleichst dem argen Baum mit eitel bittren Früchten.  Bis auf die Wurzel seist du ausgerodet aus dem Haine der Gerechten!  Hinweg mit dir aus aller Gottesfürchtigen Gemeinschaft!  Dich schleudr’ ich auf der Hölle tiefsten Grund, dein Los sei ew’ge Feuersqual, kein kühler Tropfen netze jemals deinen Mund!  (Fortunatus stirbt zum zweitenmale.)
 

 
105
            Andronikus.  Da seht, die Schlangenbisse schwellen wieder an, ihr Gift reißt ihn aufs neue in den Tod.  Entflohen war die Seele ihm, eh noch dein Wort verklungen.
            Johannes.  Der Neid war es, nichts andres, was ihn hieß das Leben auszuschlagen!  Er konnt’ es nicht ertragen, daß andere den Weg des Heils gefunden, und so ward er ein Gast der Hölle.
            Andronikus.  Schrecklich!
            Johannes.  Was auch ist schrecklicher denn Neid?  Was frevelhafter als die Hoffart?
            Andronikus.  Entsetlzlich beides!
            Johannes.  Stets plagen sie des Menschen Herz zu zweit, wo eins, da ist das andre auch nicht weit.
            Andronikus.  Willst du nicht deutlicher das uns erklären?
            Johannes.  So hört!  Wer voller Hoffart ist, der trägt auch Neid im Herzen, wer Neid im Herzen trägt, ist auch von Hoffart voll.  Es widersteht ihm, andrer Lob zu hören, er hält es für Geringschätzung, wenn man Vollkommneres mit ihm vergleicht; verschmäht, den Würdigsten zu ehren und will doch selbst von aller Welt geehrt sein.
            Andronikus.  Das liegt klar zu tage.
            Johannes.  Und darum wollt’ es Fortunatus ganz unleidlich dünken, er solle in geringrer Achtung stehn als wir, in denen, wie er wohl erkannte, die Gottesgnade hell und hehr erstrahlte.
            Andronikus.  Jetzt endlich wird mir klar, daß er der Auferstehung durchaus nicht würdig war, und daß so schnell er wieder sterben mußte.
            Johannes.  Ja, reichlich hatte er zwiefachen Tod verdient.  Einmal, weil er den anvertrauten Leichnam mit Schimpf und Schande überhäufte und dann, weil unsre Auferweckten mit frevlem Hasse er verfolgt.
            Andronikus.  Unseliger Toter du!

            Johannes.  Nun laßt uns gehen.  Übermachen wir dem Teufel seinen Sohn!  Für uns soll dieser Tag, an dem
 

 
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            Calimachus so wunderbar bekehrt ward und Gott euch beide auferweckte, ein Freudentag sein.  Lobsinget unserm Gott, dem allgerechten Richter, der selbst die Weisheit ist, dem alles offenbar, was sein wird, ist und war, der unsre Nieren prüft, ein jedes weislich wägt, mit hohem Lohne lohnt, wer ihn im Herzen trägt, mit schwerer Strafe straft, wer sein Gebot verletzt!  Sein allein sei Ehre und Kraft, sein Tapferkeit und Sieg, sein Preis und Lob von Ewigkeit zu Ewigkeit!  Amen.

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