Das Leiden der heiligen Jungfrauen Fides, Spes und Caritas

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Das Leiden der heiligen Jungfrauen Fides, Spes und Caritas.
(Sapientia.)

 
Personen.
            Antiochus, Präsekt von Rom .
            Kaiser Hadrian.
            Sapientia.
            Fides
            Spes                ihre Töchter.
            Caritas
            Römische Mütter.
            Soldaten.
 
Erster Akt.
 
Erster Auftritt.
Kaiserlicher Palast zu Rom.
Hadrian.  Antiochus.
 
            Antiochus.  Es ziemet deiner Hoheit, o Kaiser Hadrian, daß deine Wünsche der Erfolg stets kröne, und daß dein Reich in Glück und Frieden blühe, daß jedes Wirrsal von ihm fern sei.  Von diesem Wunsche ganz erfüllt, hab’ ich, was immer auch den Staat bedrohte und was, nach meiner Meinung, vielleicht die Ruhe deiner Seele stören könnte, so schnell als möglich auszurotten mich bestrebt und völlig zu vertilgen.

            Hadrian.  Und daran hast du klug gehandelt, denn unser Wohlbefinden ist eng mit deinem Glück verknüpft.  Du
 

 
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weißt, daß wir von Tag zu Tag dich mit den höchsten Würden überhäusen.
            Antiochus.  Ich weiß es, Herr, und freu’ mich deiner Güte; darum, sobald ich höre, daß sich irgend etwas regt, was deiner Herrschaft schädlich werden könnte, so mache ich es ungesäumt dir kund, und das Geringste nicht bleibt dir verborgen.
            Hadrian.  Du thust sehr wohl daran.  Wenn du verbergen wolltest, was nicht verborgen werden darf, so würdest du dich ja des Hochverrates schuldig machen.
            Antiochus.  Die Klage ward schon mehrfach gegen mich erhoben, doch Schaden brachte sie mir nicht.
            Hadrian.  Ich erinnere mich.  Doch nun berichte, wenn du etwas Neues weißt.
            Antiochus.  Ein fremdes Weib hat unlängst unser Rom betreten; begleitet ist sie von drei Kindern, ihres eignen Leibes Frucht.
            Hadrian.  Welchen Geschlechtes sind die Kinder?
            Antiochus.  Weiblichen, allesamt.
            Hadrian.  Glaubst du denn, daß dem Staate die Ankunft dieser kleinen Mädchen schade?
            Antiochus.  Nur allzusehr?
            Hadrian.  Wodurch?
            Antiochus.  Sie werden uns den Frieden rauben.
            Hadrian.  Wieso?
            Antiochus.  Was kann die Eintracht bürgerlichen Friedens gründlicher zerstören, als Glaubenszwietracht?
            Hadrian.  Wahrhaftig, etwas Schlimmres giebt es nicht und Unheilvolleres!  Die ganze Römerwelt bezeugt es, denn aller Orten ist sie von frischvergossnem Christenblut besudelt.
            Antiochus.  Das Weib, von welchem ich dir sprach, ermahnt unser Volk, den Göttern seiner Väter zu entsagen und sich dem Christenglauben hinzugeben.
            Hadrian.  Hat sie Erfolg mit ihrem Mahnen?

            Antiochus.  Mehr als zuviel!  Schon wollen unsre Frauen
 

 
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nichts mehr von uns wissen, wahrhaftig, sie verachten uns!  Sie weigern sich sogar, am selben Tisch mit uns zu essen, geschweige denn, das Bett  mit uns zu teilen!
            Hadrian.  In der That, hier scheint Gefahr zu drohn.
            Antiochus.  Deiner Weisheit ziemt es, ihr vorzubeugen.
            Hadrian.  Du hast recht.  Ruf mir das Weib herbei.  In unsrer Gegenwart sei dann erörtert, ob sie nachgeben will, ob nicht.
            Antiochus.  Du willst, daß ich sie rufe?
            Hadrian.  Gewiß, so sagte ich!
 
Zweiter Auftritt.
Haus der Sapientia.
Sapientia.  Antiochus.
 
            Antiochus.  Wie nennest du dich, Fremde?
            Sapientia.  Sapientia.
            Antiochus.  Der Kaiser Hadrian befiehlt, daß du dich seinen Blicken im Palast darbietest.
            Sapientia.  Ich habe keine Furcht mit meinen lieben Töchtern nach der kaiserlichen Pfalz zu gehn und schrecke nicht davor zurück, des Kaisers drohend Antlitz vor mir zu sehn.
            Antiochus.  Allezeit ist dies verdammte Christenvolk bereit, den Fürsten bis aufs äußerste zu trotzen!
            Sapientia.  Der Herr der Welten, welcher nie in einem Kampfe unterlag, läßt auch die Seinen nie vom Feinde überwunden werden.
            Antiochus.  Halt’ deinen Mund und folg’ mir zum Palaste.
            Sapientia.  So geh voran, den Weg uns zeigend, wir werden dir so schnell als möglich folgen.
 
Dritter Auftritt.
Kaiserlicher Palast.
Kaiser Hadrian.  Antiochus.  Sapientiamit ihren Töchtern.  Soldaten.
 

            Antiochus(zu Sapientia.)  Den du dort auf dem Throne siehst, ist unser kaiserlicher Herr.  Darum erwäge wohl, was zu sprechen du gedenkst.
 

 
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            Sapientia.  Dies hindert Christi Wort.  Er hat versprochen, so hohe Weisheit unserm Mund zu schenken, daß niemand uns besiegen kann.
            Hadrian.  Tritt näher, o Antiochus.
            Antiochus (an den Thron herangehend).  Hier bin ich, Herr.
            Hadrian.  Sind dieses dort die Leute, die du des Christenglaubens angeklagt?
            Antiochus.  Sie sind es.
            Hadrian.  Ich bin erstaunt ob ihrer Schönheit und auch ihr edler Anstand nimmt mich wunder.
            Antiochus.  Hör’ auf, o Herr, sie zu bewundern und zwinge sie, die Götter anzubeten.
            Hadrian.  Was meinst du?  Wenn ich die Fremden nun zuerst mit milden Worten mahnte, sie möchten doch von ihrem Glauben lassen?
            Antiochus.  Das dünkt mich ein vortrefflicher Gedanke!  Denn Weibesschwachheit kann Schmeicheleien felten widerstehn.  (Sapientia und ihre Töchter werden vorgeführt.)
            Hadrian.  Du edle Frau, ich mahne dich in aller Ruh und Freundlichkeit, daß du zum Dienst der Götter dich bequemest.  Du könntest dadurch meine Freundschaft dir erwerben.
            Sapientia.  Deinen Wünschen kann ich nicht genügen.  Dem Dienst der Götter beuge ich mich nicht, nach deiner Freundschaft trag’ ich kein Verlangen.
            Hadrian.  Noch halt’ ich meinen Zorn in Schranken und hege gegen dich auch keinen Haß im Busen, nein, ich ermahne dich um deinet- und um deiner Töchter willen in wahrhaft väterlicher Liebe.
            Sapientia (leise zu ihren Töchtern).  O liebe Kinder, öffnet nicht den Schmeichelworten dieser Satansschlange euer Ohr und Herz; verachtet sie mit mir.
            Töchter.  Wir hören kaum auf ihn, und was er spricht, verachten wir im Herzen tief.

            Hadrian.  Was sprecht ihr denn und murmelt unter euch?
 

 
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            Sapientia.  Nur wenig Worte, Herr, die ich an meine Töchter richtete.
            Hadrian.  Man sieht es wohl, daβ du von edler Herkunft bist, doch möchte ich von dir ausführlicher berichtet werden, welches dein Vaterland, dein Namen und Geschlecht.
            Sapientia.  Zwar soll der Mensch nicht stelz sein auf sein edles Blut, doch mag ich dir nicht widerstreiten, daß ich ein Reis aus edlem Stamme bin.
            Hadrian.  Ich glaub’ es gern.   
            Sapientia.  Meine Ahnen gehörten zu Italiens besten Männern.  Mein Name ist Sapientia.
            Hadrian.  Die edle Abkunft strahlt in deinem Antlitz und Weisheit atmen deine Worte.
            Sapientia.  Umsonst ist all’ dein Schmeicheln, durch süße Worte werden wir nicht schwankend.
            Hadrian.  Berichte mir, was dich hieher geführt, warum du unsre Unterthanen aufgesucht.
            Sapientia.  In keiner andern Absicht als die Wahrheit zu ergründen, den Glauben, welchen ihr bekämpft, voll zu begreifen und meine Töchter Christum zu verloben.
            Hadrian.  Nenne mir die Namen dieser Kleinen.
            Sapientia.  Fides heißt die erste, die zweite Spes, die dritte Caritas.
            Hadrian.  Und wie viel Lebensjahre haben sie vollendet?
            Sapientia (zu ihren Töchtern).  Wollt ihr, o Kinder, daß ich den kaiserlichen Thoren durch ein Gespräch ermüde, der Arithmetika entnommen?
            Töchter.  Thue das, liebe Mutter.  Wir wollen gern auf deine Worte hören. <<Das jetzt folgende „arithmetische Gespräch“ erfordet zu seinem Verständnis die vorherige Lektüre der im Anhange gegebenen diesbezülglichen Darlegung.>>

            Sapientia.  O Kaiser, wenn du das Alter dieser Kleinen kennen willst, so wisse, daß Caritas an Jahren eine Zahl vollendet, die vielfach-grade und in sich verkleinert ist; Spes
 

 
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aber eine Zahl, die auch in sich verkleinert, doch gradeungerade von uns geheißen wird; und Fides endlich eine Zahl ungrade-grade und in sich vermehrt.
            Hadrian.  Aus dieser Antwort kann ich nicht entnehmen, wornach ich dich gefragt.
            Sapientia.  Kein Wunder, denn der Mantel meiner Worte verbirgt nicht eine, sondern viele Zahlen.
            Hadrian.  Erkläre dich doch deutlicher!  Wie kann ich anders, was du sprichst, verstehn?
            Sapientia.  Nun wohl.  Hier, meine Caritas, hat der Olympiaden zwei vollendet; dort, Spes, zwei Lustren, und Fides endlich drei Olympiaden.
            Hadrian.  Doch warum nennst du denn die Acht – denn soviel Jahre zählen doch zwei Olympiaden – und dann die Zehn – zwei Lustren sind ja zehen Jahre – warum, frag’ ich, nennst du „in sich verkleinert“ diese?  Und von der Zwölf – drei Olympiaden ergeben soviel Jahre – versicherst du hinwieder, sie sei „in sich vermehrt?“

            Sapientia.  Man nennt die Zahl „in sich verkleinert“, deren Teile addiert eine geringre Summe geben, als wie die Zahl Einheiten zählt.  So ist es mit der Acht.  Nimmt man von ihr die Hälfte, so ergiebt sich vier, der vierte Teil ist zwei, der achte eins.  Zählt man die Teile all’ zusammen, ergiebt sich sieben.  Ganz ähnlich ist es mit der Zehn.  Zur Hälfte hat sie fünf, zum Fünftel zwei, zum Zehntel endlich eins.  Fügt man die Teile hier zusammen, ergiebt sich acht.  Im Gegensatz dazu heißt jede Zahle „in sich vermehrt“, wenn ihre Teile, addiert, mehr geben denn die Zahl.  So ist es mit der Zwölf.  Nimmt man von ihr die Hälfte, ergiebt sich sechs, der dritte Teil ist vier, der vierte Teil ist drei, der sechste zwei, der zwölfte endlich eins, zusammen macht dies sechzehn.  Damit ich aber das hauptsächlichste nicht übergehe, so wisse, daß es auch „vollkommne“ Zahlen giebt, die zwischen jenen beiden die rechte Mitte halten.  Die Summe deren Teile ist grade gleich der Zahl, vermindert
 

 
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nicht und nicht vermehrt, wie es z. B. Mit der Sechs der Fall ist.  Die Teile dieser sind drei und zwei und eins, sie setzen, wie man sieht, dieselbe Sechs zusammen.  Aus gleichem Grunde heißen noch vollkommen die Zahlen 28, 496 und 8128.
            Hadrian.  Und was ist’s mit den übrigen?
            Sapientia.  Sie alle sind entweder in sich verkleinert oder in sich vermehrt.
            Hadrian.  Und welche Zahlen heißen vielfach-grade?
            Sapientia.  Alle, die sich in zwei einander gleiche Zahlen teilen lassen, so zwar, daß diese letzteren man wieder in zwei gleiche spalen kann, und diese dann aufs neue in zwei gleiche und so fort, bis man zur unteilbaren Eins gelangt.  So ist es mit der Acht, der Sechzehn und allen Zahlen, welche aus diesen durch Verdoppelung entstehn.
            Hadrian.  Und welche Zahlen heiβen grade-ungrade?
            Sapientia.  Alle, die in zwei gleiche Teile zu zerlegen sind, doch dergestalt, daß diese Teile sodann nicht weiter sich halbieren lassen.  So ist es mit der Zehn und allen Zahlen, die aus ungraden durch Verdoppelung entstehen.  Offenbar ist diese Zahlenart von der vorigen verschieden, weil bie jenen einzig und allein das „kleine Ende“ unteilbar ist, wogegen bei den letzteren wieder einzig und allein das „große Ende“ teilbar ist.  Bei jenen sind auch alle Teile vielfach grade, die Anzahl wie der Wert; bei diesen aber ist der Wert des Teiles ungrade, sobald die Zahl der Teile grade ist, und ist der Teil grade, so ist der Teile Anzahl ungrade.
            Hadrian.  Was du mit „Ende“ meinst, ist mir nicht klar, so wenig wie ich auch verstehe, was „Zahl“ und „Wert“ der Teile sagen will.

            Sapientia.  Sobald man irgendwelche Zahlen „in Ketten“ schreibt, nennt man das erste Glied das kleine Ende, das letzte aber „großes Ende“, und führt man eine Division aus, so lernet man die „Zahl“ der Teile kennen, doch wenn
 

 
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man zählt wieviel Einheiten in jedem dieser Teile stecken, erkundet man den Wert des Teiles.
            Hadrian.  Nun endlich, was ist ungrade-grade?
            Sapientia.  So heißen alle Zahlen, die mehr als einmal sich halbieren lassen, just wie’s der Fall ist mit den vielfach-graden.  Sie können zweimal, nicht selten auch dreiund mehremal halbieret werden, und doch gelangen niemals sie zur unteilbaren Einheit.
            Hadrian.  O welche schweren Fragen, fast unentwirrbar, aus dieser Kleinen Lebensalter sich erhoben haben!
            Sapientia.  Hierin preist sich des Schöpfers hohe Weisheit selbst, des Weltengründers unergründliche Allwissenheit.  Nicht nur, daß er im Anfang aus Nichts die Welt geschaffen und sie in Zahl, Maß und Gewicht so herrlich eingerichtet, nein, auch in der Art und Weise, wie sich die Zeiten aneinanderreihen, selbst in der Menschen Lebensalter wollt’ er uns Mittel leihen, der Wissenschaften Wunder zu erforschen.
            Hadrian.  Ich hörte deine Tifteleien geduldig an und lange gnug, nun aber hoffe ich, daß du gehorsam bist und klug.
            Sapientia.  Worinnen denn?
            Hadrian.  Verehre unsre Götter.
            Sapientia.  O spare deine Reden!  Sie anzubeten, wirst du mich niemals willig machen.
            Hadrian.  Wenn du dich sträubst, ist Folterqual dein Los.
            Sapientia.  Den Körper kannst du wohl mit Martern quälen, doch niemals wird es dir gelingen, die Seele zur Nachgiebigkeit zu zwingen.
            Antiochus.  O Herr, der Tag ist fast zu Ende, schon bricht die Nacht herein, ich bitte dich, stell’ heut das Disputieren ein, denn es ist hohe Zeit, daß wir zu Tafel uns begeben.

            Hadrian.  So bringe jene man in das Gefängnis nahe dem Palaste.  Drei Tage gönn’ ich ihnen Frist, um zu erwägen, was ihnen dienlich ist.
 

 
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            Antiochus.  Soldaten!  Hütet mir die Fremden wohl!  Gebt ihnen nicht etwa Gelegenheit zu fliehen!
 
Vierter Auftritt.
Gefängnis.
Sapientia.  IhreTöchter.
 
            Sapientia.  O liebe Töchter, meine teuren Kinder, betrübt euch nicht ob unsrer schweren Not und dieser Kerkerhaft.  Wahrt euch die Kraft, des Kaisers Zorn und seine Strafen zu verachten.
            Fides.  Wenn unsre Körper auch vor Qualen zittern und erbeben, so strebt doch allezeit die Seele, sich zum Himmel zu erheben.
            Sapientia.  Besiegt die Schwachheit des zarten Alters durch eures Geistes reife Kraft.
            Fides.  Steh du uns nur mit Bitten und Gebeten bei, damit wir siegen können.
            Sapientia.  Daß ihr im Glauben treu verharret, erbitt’ ich unaufhörlich und erfleh ich von dem Herrn, im Glauben, den ich euch ohn’ Unterlaß, bei euren Kindesspielen selbst, ins Herz geträufelt habe.
            Caritas.  Was wir an deiner Brust schon in der Wiege eingesogen, wie könnten wir es je vergessen!
            Sapientia.  Mit meiner Muttermilch hab’ ich so reichlich euch genährt, so sorgsam euch erquickt!  Und alles das, um euch dem himmlischen, ja keinem irdischen Gemahle zu vertrauen, damit durch euch den kösltichsten der Namen, des Himmelskönigs Schwieger, ich gewinne.
            Fides.  Wir sind bereit um unsres himmlischen Gemahles Liebe willen, den Tod zu leiden.
            Sapientia.  O wie erquickt mich dieser euer Geist!  So könnte es des Nektars Süße nicht.

            Spes.  Schick uns sogleich doch vor den Richterstuhl, dann wirst du bald erfahren, wie große Kühnheit die Liebe zu dem Herrn uns eingeflößt.
 

 
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            Sapientia.  So wünsche ich, daß euch der reinen Jungfraun Siegeskrone werde.  Zum ew’gen Ruhm mög’ euch das Martyrtum gereichen!
            Fides.  Wir reichen uns getreu die Hände und treten so vor unsern Richter hin.  Der Kaiser soll sich über uns verwundern!
            Sapientia.  Geduldet euch bis zu der Stunde, da man uns ruft.
            Fides.  Wie mißfällt uns doch dieses Zögern!  Allein das Warten läßt sich nicht umgehn.
 
Zweiter Akt.
 
Erster Auftritt.
Richtplatz.
Hadrianauf dem Richterstuhle.  Neben ihm Antiochusund Soldaten.  Abseits Sapientiamit ihren Töchtern.
 
            Hadrian.  Antiochus, führ’ mir jetzt die gefangnen Frauen aus Italien vor.
            Antiochus.  Hierher, Sapientia!  Mit deinen Töchtern tritt vor den Kaiser hin!
            Sapientia.  Kommt  mir mir, liebe Töchter.  Seid standhaft und harrt einmütig aus im Glauben, damit die Siegespalme euer eigen werde.
            Spes.  Kommt, liebe Schwestern.  Er selbst wird uns geleiten, um dessen Liebe willen wir dem Tod entgegengehn.
(Sie treten vor Hadrian hin.)
            Hadrian.  Drei Tage Frist hat unsre Gnade euch gegönnt.  Habt ihr sie anders wohl genützt, so werdet meinen Worten ihr Gehorsam leisten.

            Sapientia.  Fühwahr, die Frist war uns von hohem Nutzen.  Sie hat in dem Entschlusse uns gefestet, dir den Gehorsam zu verweigern.
 

 
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            Antiochus.  O Herr, warum läßt du dich nur herab, ein einzig Wort mit diesem Starrkopf noch zu wechseln?  Sie hat es darauf abgesehn mit ihrem unverschämten Hochmut dich zu ärgern.
            Hadrian.  So meinst du wohl, ich soll sie ungestraft entlassen?
            Antiochus.  Nie und nimmer!
            Hadrian. Was aber sonst?
            Antiochus.  Die Mägdlein fordere zur Umkehr auf, und wenn sie widerstreben, so schone ihrer Kindheit nicht, nein, laß die Dirnen töten.  Der Kinder Leichenfeier wird für das widerspenstige Weib die allerhärtste Strafe sein.
            Hadrian.  Ich werde deinem Rate folgen.
            Antiochus.  Vielleicht, daß du zuletzt sie noch gefügig machst.
            Hadrian.  O Fides, richte deinen Blick dort auf das hehre Bild Dianas,unsrer großen Göttin, und woll’ der Heiligen Trankopfer spenden, dann wird sie sich voll Güte zu dir wenden.
            Fides (leise zu ihren Schwestern).  Welch’ eine Thorheit, dies Gebot des Kaisers!  Was könnt’ ich andres dafür haben, als Verachtung?
            Hadrian.  Was murmelst du mit lächerlicher Miene, und wessen spottest du mit kecker Stirn?
            Fides.  Ich spotte über deine Einfalt, und über deine Thorheit mache ich mich lustig.
            Hadrian.  Wie?  Über meine Thorheit?
            Fides.  Gewiß.
            Antiochus.  Über des Kaisers Thorheit?
            Fides.  Über des Kaisers!
            Antiochus.  Ihr Götter!  Welch’ Verbrechen!
            Fides.  Was ließe sich so Einfältiges sonst noch denken und was so Thörichtes, als daß der Kaiser uns ermahnt, den Weltenschöpfer zu verachten und Metallen Ehrfurcht darzubringen?

            Antiochus.  Fides, du bist wahnsinning.
 

 
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            Fides.  Das lügst du, o Antiochus!
            Antiochus.  Wie?  Das wäre nicht der höchste Grad des Wahnsinns, wenn du es wagst, den Herrn der Welt ganz offen einen Thor zu nennen?
            Fides.  Das habe ich gesagt, ich sage es noch und werd’ es sagen, so lange ich am Leben bin.
            Antiochus.  Zu leben hast du nur noch kurze Zeit, gar schnell wird dich der Tod verschlingen.
            Fides.  Wenn ich in Christo nur verscheide!
            Hadrian.  Zwölf Centurionen mögen ihr abwechselnd das Fleisch vom Leibe peitschen!
            Antiochus.  Gerechte Strafe!
            Hadrian.  Ihr tapfern Centurionen, kommt herbei!  Rächt mich an ihr, die mich so frech verhöhnte.
            Antiochus.  Das ist nur billig.
(Die Centurionen ergreifen Fides und peitschen sie.)
            Hadrian.  Antiochus, frag’ jetzt das Mädchen, ob sie sich fügen will.
            Antiochus.  Willst du noch immer, Fides, unsern Herrn und Kaiser durch deiner Drohungen gewohnte Flut entehren?
            Fides.  Warum jetzt weniger?
            Antiochus.  Weil dich die Peitsche daran hindert.
            Fides.  Wie könnten Peitschen mich zum Schweigen zwingen!  Sie thun mir ja durchaus nicht weh.
            Antiochus.  Unseliger Trotz!  Starrköpfige Frechheit!
            Hadrian.  Fast unterliegt ihr Leib den Martern, und dennoch ist ihr Geist des Hochmuts voll.
            Fides.  Dein Wähnen, o Hadrian, daß ich den Martern fast erliege, ist eitel Irrtum.  Nicht ich, die schwachen Henker sind mit ihrer Kraft zu Ende.  Sieh, wie vor Mattigkeit der Schweiß von ihren Gliedern rinnt.
            Hadrian.  Befiehl, Antiochus, daß man den Busen ihr abschneide.  Vielleicht, daß wir durch Scham sie zwingen.

            Antiochus.  O wenn doch irgendwo ein Mittel aufzufinden wäre, um diesen Trotz zu brechen!
 

 
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            Hadrian.  Geduld, es wird uns schon gelingen!
(Fides wird von den Soldaten in der anbefohlnen Weise verstümmelt.)
            Fides (zu Hadrian).  Die keusche Brust hast du mir wohl verwundet,  mich selber aber hast du nicht verletzt.  Da sieh, anstatt des Blutes Quelle entströmet Milch dem Busen mein.
            Hadrian.  So mag sie braten!  Frisch, Soldaten, werft das Mädchen auf den Rost und zündet unter diesem ein tüchtig Feuer an, daß ihr die Glut den Garaus mache.
            Antiochus.  So jämmerlich zu enden hat reichlich sie verdient!  Wie konnte sie sich nur erdreisten, deinem Befehl zu widerstreben!
(Fides wird von den Soldaten auf den Rost geworfen.)
            Fides (zu Hadrian).  Was immer du bereitest, mich zu quälen, schafft mir bloß Wohlbehagen.  Sieh, wie bequem ich auf dem Roste ruhe!  Als wär’s auf einem treuen Schifflein.
            Hadrian.  Setzt auf den brennenden Scheiterhaufen eine Pfanne mit Wachs und Pech und zwingt die widerspenstige Dirne dann in den glühenden Qualm hinein.
            Fides.  Ich geh freiwillig in das Feuer.
            Hadrian.  Nun meinethalben. (Sie thut es.)
            Fides.  Wo bleibt denn jetzt dein Drohen?  Sieh da, wie in dem Feuersqualm ich spiele!  Ohne zu verletzen umguakeln mich die Flammen, statt Feuersglut fühl’ ich des Morgenthaues Kühle?
            Hadrian.  Was bleibt uns jetzt noch, o Antiochus?  Was ist zu thun?
            Antiochus.  Vor allem Sorge tragen, daß sie nicht entwische.
            Hadrian.  Ich werde sie enthaupten lassen.
            Antiochus.  Recht so!  Auf andre Weise ist sie nicht zu fassen. 
            Fides.  Jetzt endlich winkt die höchste Freude, jetzt darf ich in dem Herrn frohlocken!

            Sapientia.  O Christe, du unbesiegter Überwinder Satans, gieb meiner Tochter, meiner Fides Kraft, den Tod zu leiden.
 

 
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            Fides.  O vielgeliebte Mutter, nun sage deinem Kind das letzte Lebewohl.  Woll’ deiner Erstgebornen einen Kuß noch spenden, doch aller Kummer bleibe deinem Herzen fern.  Du weißt es ja, dem Himmelslohne eil’ ich entgegen.
            Sapientia.  O Tochter, Tochter!  Ich weine nicht und traure nicht.  Das Lebewohl ruf ich dir jauchzend zu.  Komm, lasse mich den Mund dir küssen und die Augen.  Sieh, wie ich unter Thränen fröhlich bin.  Nun aber will ich Gott anflehen, daß deines Namens heiliges Geheimnis du unverletzt bewahrest bis zum Ende.
            Fides.  Ihr lieben Schwestern, aus demselben Schoß wie ich geboren, o spendet mir den Kuß des Friedens.  Rüstet euch zum Kampfe und besteht ihn wohl!
            Spes.  Hilf du uns nur mit reichlichem Gebete, auf daß wir würdig werden, deiner Spur zu folgen.
            Fides.  Gehorcht dem Mahnen unsrer heiligen Mutter, die uns gelehrt, das Gegenwärtige gering zu achten, damit die Ewigkeit wir uns verdienen.
            Caritas.  Gern wollen wir dem mütterlichen Mahnen gehorsam sein, auf daß wir uns dereinst der ewigen Glückseligkeit erfreun.
            Fides.  Nun, Henker, zögre länger nicht!  Komm, töte mich, erfülle deine Pflicht.  (Fides wird enthauptet.)
            Sapientia.  Ich bette meiner toten Tochter Haupt in meinen Schoß und presse meine Lippen auf die ihren und küsse sie, ach, wie viel Mal! und preise dich o Christe, der du dem schwachen Kind so herrlichen Sieg verliehen hast.
            Hadrian.  O Spes, zum wenigsten hör’ du nun auf mein Mahnen; ich rate dir als wie ein zweiter Vater.
            Spes.  Wozu denn mahnst du mich, und was willst du mir raten?
            Hadrian.  Hüte dich, dem Trotze deiner Schwester nachzuahmen, damit nicht unter gleichen Martern auch dich der Tod ereile.

            Spes.  O möchte mich der Herr für würdig halten, der
 

 
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Schwester mein im Leiden nachzueifern, damit ich sie an Ruhm und Lohn erreiche.
            Hadrian.  Laß ab von deines Herzens Härtigkeit!  Komm, wirf dich nieder vor Dianas heiligem Bilde und bring’ der Göttin Weihrauchspenden dar.  Ich will dich pflegen wie mein eignes Kind, mit Ehren will ich dich und reicher Liebe überhäufen!
            Spes.  Ich mag dich nicht zu meinem Vater und trag’ nach deinen Gaben kein Verlangen.  Nein, nein!  Ich unterwerf mich nicht!  Wenn du es glaubst, so täuscht dich eitle Hoffnung.
            Hadrian.  Hüte deine Zunge, Mädchen!  Ich möchte sonst erzürnen!
            Spes.  Erzürne immer zu!  Das macht mir wenig Sorge.
            Antiochus.  Erhabner Kaiser!  Ich kann mich vor Erstaunen nicht mehr lassen, daß du die Lästerreden dieser Dirne duldest.  Ich berste fast vor Wut, wenn ich so höre, wie sie dich frech und unverschämt beschimpft.
            Hadrian.  Bislang hielt ich es ihrer Jugend noch zu gute, doch ferner schon’ ich ihrer nicht.  Die wohlverdiente Strafe werde ihr zu teil.
            Antiochus.  Endlich!
            Hadrian.  Liktoren, kommt herbei!  Peitscht mir die widerspenstige Dirne mit nassen Stricken bis zu Tode!
(Die Soldaten führen den Befehl aus.)
            Antiochus.  So ist es recht!  Mag sie die Härte deines Zornes fühlen, da deiner Liebe Milde ihr so wenig dünkte.
            Spes (vom Schmerze überwältigt).  O gönnet mir doch diese Liebe!  Verfahret milder doch mit mir!
            Antiochus.  Sapientia, was hast du vor dich hinzumurmeln?  Was stehst du neben der entseelten Hülle deiner Tochter und hebst gen Himmel deine Arme?

            Sapientia.  Ich flehe zum Allmächtigen, daß, wie er Fides Kraft geschenkt, die Martern zu ertragen, er Spes die gleiche Kraft verleihe.
 

 
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            Spes.  O Mutter, Mutter!  Wie schnell und kräftig wirkt doch dein Gebet!  Der Herr hat dich erhört, ich fühle es.  Sieh, meine Quäler, atemlos vor Wut, erheben aufs neue ihre Arme und peitschen mich.  Allein, da du jetzt betest, fühl’ ich keine Schmerzen mehr.
            Hadrian.  Wenn dir die Geißeln nicht wehe thun, so giebt es schärfere Strafen noch.  Wir werden dich schon zwingen!
            Spes.  Was du für Todesqualen nur ersinnen magst, komm, lade sie mir auf!  Je grausamer du bist, je mehr wird deine Niederlage dich beschämen.
            Hadrian.  Hängt sie auf, in die freie Luft, und zerfleischt sie dann mit Eisenhaken.  Reißt ihr die Eingeweide aus dem Leibe!  Wenn die Knochen erst zu Tage liegen, wird sie schon sterben, Glied für Glied.
            Antiochus.  Das heißt ein Kaiserwort!  Die Strafe ist der Schuld so ziemlich angemessen.
            Spes.  Des Fuchses Arglist spricht aus deinem Munde, Antiochus, und wie ein Währwolf schmeichelst du und trügst.
            Antiochus.  Sei still, du Unglückskind!  Mit deinem Schwatzen wird es bald zu Ende sein.
            Spes.  Nicht wie du meinst, wird alles sich ereignen.  Noch harret dein und deines Fürsten die ärgste Täuschung.
(Die Soldaten führen Hadrians Befehl aus.)
            Hadrian.  Was ist das für ein köstlicher Duft?  O, wie so lieblich dieser herrliche Geruch!
            Spes.  Die Fetzen Fleisches, welche ihr aus meinem Körper habt herausgerissen und auf die Erde hingeworfen, sie geben diesen paradiesischen Geruch.  Nun mußt du übel oder wohl gestehen, daß du mit deinen Martern mich nicht verletzen kannst.
            Hadrian.  Antiochus, was bleibt uns jetzt noch übrig?  Was soll ich thun?
            Antiochus.  Zu neuen Qualen deine Zuflucht nehmen.

            Hadrian (zu den Soldaten).  Setzt einen Eisenkessel auf den brennenden Scheiterhaufen dort.  Füllt ihn mit Öl
 

 
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und Fett und Wachs und Pech und werft gefesselt sie hinein!
            Antiochus.  Schön.  Laßt sie uns der Macht Vulkans vertrauen, dann wird sie wohl vergeblich nach Flucht und Rettung schauen.
            Spes.  Wie das Feuer zu besprechen sei, und seine Wirkung und Natur zu ändern, ist Christo wohl bekannt.
(Hadrians Befehle werden ausgeführt.)
            Hadrian.  Was höre ich da rauschen, Antiochus?  Es klingt mir, als ob Wasserfluten alles überschwemmten.
            Antiochus.  O Herr, welch’ Unglück!
            Hadrian.  Was ist uns zugestoßen?
            Antiochus.  Die Kraft der Glut, aufwallend, hat den Kessel jäh zersprengt und die Diener arg verbrannt.  Nur jene Übelthäterin blieb unverletzt.
            Hadrian.  Wir sind besiegt.  Ich muß es eingestehen.
            Antiochus.  Besiegt; vollkommen!
            Hadrian.  So mag man sie enthaupten.
            Antiochus.  Auf andre Weise können wir ihr nicht das Leben rauben.
            Spes.  O liebe Caritas, du letzte meiner Schwestern.  Erzittre nicht vor des Tyrannen Wut und fürchte seine Strafen nicht.  Halt aus im Glauben und ahme deinen Schwestern nach, die dir zum Himmelssaal vorangegangen.
            Caritas.  Wie haß ich dieses Erdenleben, wie haßich diese irdische Behausung, weil ich, und sei es auch auf kurze Zeit, von euch getrennt bin.
            Spes.  Verbanne jeden Haß aus deinem Herzen und strebe einzig nach dem Himmelslohne.  Wir sind nicht lange von einander fern, gar bald wird uns der Himmel neu vereinen.
            Caritas.  O möge, möge es geschehen!

            Spes.  Mut! liebe Mutter.  Freue dich und laß mein Leiden nicht dein mütterliches Herz verwunden.  Statt Traurigkeit erfülle frohe Hoffnung deine Brust, da du für Christum nun mich sterben siehst.
 

 
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            Sapientia.  Ich freue mich ja auch, mein liebes Kind.  Doch dann erst wird vollkommen meine Freude sein und mein Frohlocken, wenn auch dein Schwesterchen ob gleicher Schuld wie du den Tod erlitten hat, wenn sie zum Himmel mir vorausgeeilt, und ich selber als die letzte euch folgen kann.
            Spes.  Die ewige Dreieinigkeit wird dir auf alle Zeit sodann der Töchter volle Zahl zurückerstatten.
            Sapientia.  Jetzt stärke deinen Mut, o Tochter.  Der Henker, mit entblößtem Schwerte, tritt zu uns heran.
            Spes.  Voll Freuden übergeb’ ich mich dem Schwerte.  Du, Christe, nimm meine Seele auf, die, weil sie deinen Namen laut bekannte, ihr irdisch Haus verlassen muß.
(Spes wird hingerichtet.)
            Sapientia.  O Caritas, mein Stolz und meine Freude, du letzte Hoffnung meines Herzens, woll’ deine Mutter nicht betrüben, die nunmehr deines Kampfes, deines Endes harrt.  Verachte alle Schönheit dieser Erde, damit auch dir die ew’ge Freude werde, damit auch du den Weg zum Himmel findest, wo deine Schwestern beide der unbefleckten Keuschheit Krone schmückt!
            Caritas.  Hilf, Mutter, mir mit deinen heiligen Gebeten, damit mich Gott für würdig halte, an meiner Schwestern Freude teilzunehmen.
            Hadrian.  Ich hab’, o Caritas, genug an deiner Schwestern Lästerreden mich geärgert und grad genug an ihren ewigen Entschlüpfen.  Ich streite mich daher mit dir nicht lange erst herum; wenn du gehorsam meinen Wünschen bist, so will ich dich mit allem Guten überhäufen, doch trifft dich Böses, wenn du sie nicht erfüllst.
            Caritas.  Das Gute hab’ ich lieb, und alles Böse hasse ich von Herzen.

            Hadrian.  Das ist vortrefflich, liebes Kind, und macht mir große Freude.  Darum auch leg’ ich dir nur ein geringes Opfer auf, um meine Liebe zu gewinnen.
 

 
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            Caritas.  Nun?
            Hadrian.  Sprich einzig: Große Diana!  Dann will ich dich nicht zwingen, ihr zu opfern.
            Caritas.  Das sag’ ich nun und nimmermehr!
            Hadrian.  Warum denn nicht?
            Caritas.  Weil ich nicht lügen will.  Die gleichen Eltern haben mich gezeugt und meine lieben Schwestern, die gleichen Sakramente haben uns geweiht, die gleiche Glaubenstreue ist in uns stark geworden, und darum wisse, daß unser Wollen, unser Fühlen, unser Denken nur eines und dasselbe ist, und daß ich niemals mich in irgend einem Stücke von meinen Schwestern trennen werde.
            Hadrian.  Es ist doch allzuarg, daß ich von solchem kleinen Kinde mich muß verachten lassen!
            Caritas.  An Alter zwar bin ich noch zart, doch klug genug, um dich durch Scharfsinn zu verwirren.
            Hadrian.  Schaff’ sie mir aus den Augen, Antiochus!  Auf die Folterbank mit ihr!  Laß sie gehörig peitschen!
            Antiochus.  Ich fürchte, mit dem bloßen Peitschen richten wir nichts Sonderliches aus.
            Hadrian.  Wenn dies der Fall, so laß drei Tage und drei Nächte unaufhörlich einen Ofen glühen und wirf die Dirne flugs hinein, daß um sie her die Flammengluten sprühen!
            Caritas.  O welche Ohnmacht meines Richters!  Er verzagt, ein kleines Mägdlein von acht Jahren anders zu bezwingen, als durch des Feuers Kraft!
            Hadrian.  Geh, geh, Antiochus!  Thu’, wie ich dir befohlen!  Erfülle deine Pflicht!

            Caritas.  Er wird dir schon gehorchen und deiner Grausamkeit Genüge leisten.  Mir freilich wird er wenig schaden.  Die Geißeln können meinen Körper nicht zerfleischen und alle Feuersgluten nicht einmal das Haar mir und die Kleider schwärzen!
 

 
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            Hadrian.  Das wollen wir doch sehn.
            Caritas.  Jawohl!  Das wirst du sehn.
 
Zweiter Auftritt.
Kaiserlicher Palast.
Hadrian.  Antiochus.
 
            Hadrian.  Was ist dir widerfahren, o Antiochus?  Du kommst zu mir viel ernster als gewöhnlich.
            Antiochus.  Wenn du den Grund erst meiner Traurigkeit erfahren hast, so wirst du dich nicht weniger betrüben.
            Hadrian.  So sprich doch und verbirg mir nichts!
            Antiochus.  Jene Dirne, die zum Martern du mir übergabst, hab’ unter meinen Augen ich auspeitschen lassen, allein der Frechen ward nicht einmal die zarte Haut geritzt.  Drauf warf ich sie in einen Ofen, so glühend rot wie Feuersflammen, da...
            Hadrian.  Warum denn stockst du?  Erzähle, wie die Sache abgelaufen!
            Antiochus.  Die Flammen brachen aus dem Ofen jäh heraus.  Fünftausend deiner Männer haben sie verzehrt.
            Hadrian.  Was aber ist ihr widerfahren?
            Antiochus.  Der Caritas?
            Hadrian.  Jawohl.
            Antiochus.  Mitten in den flammenspeienden Dämpfen schritt sie tändelnd auf und ab und sang Loblieder ihrem Gotte.  Auch sagen welche, die genauer hingeschaut, drei blendenweiße Männer seien neben ihr gewandelt.
            Hadrian.  Ich mag das Mädchen nicht mehr sehn.  Wahrhaftig, muß ich nicht erröten, daß ich ihr keine Qual bereiten kann?
            Antiochus.  Es bliebt nichts übrig, als mit dem Schwerte sie zu töten.

            Hadrian.  Das möge allsogleich geschehn.
 

 
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Dritter Auftritt.
Richtplatz.
Antiochus.  Sapientia.  Caritas.  Henker.
 
            Antiochus.  Entblöße deinen starren Nacken, Caritas, und überliefre dich dem Schwert des Henkers.
            Caritas.  Jetzt widersetze ich mich deinen Wünschen nicht, und gern gehorch ich dem Befehle.
            Sapientia.   Nun, liebe Tochter, nun frohlocke! jetzt dürfen wir in Christo fröhlich sein.  Mich martert keine Sorge mehr, da deines Sieges ich versichert bin.
            Caritas.  Gieb, liebe Mutter, mir den letzten Kuß und bitte bei dem Herrn für meine Seele, die jetzt zu Christo eilt.
            Sapientia.  Der dich im Mutterleib genährt und dir vom Himmel nieder die Seele eingehaucht, er möge sie nun wieder zu sich nehmen.
            Caritas.  Dir Christe, Ruhm und Preis, daß du mich zu dir rufst und mit der Palme des Martyrtumes schmückst.
            Sapientia.  Leb’ wohl, mein liebes, süßes Kind.  Mögst du im Himmel mit Christo bald verbunden sein!  Gedenke dann der Mutter dein, die dich geboren, da sie schon Matrone war.  (Caritas wird hingerichtet.)
 
Dritter Akt.
 
Erster Auftritt.
Haus der Sapientia.
Sapientia.  Römische Mütter.
 
            Sapientia.  Nun kommt, ehrwürdige Mütter, und steht mir bei, die Leichen meiner Töchter zu begraben.

            Mütter.  Die zarten Körper wollen wir mit Spezereien
 

 
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reich bestreun und ihnen dann, wie es sich ziemt, die Leichenbräuche feiern.
            Sapientia.  Ihr seid so gut und edel!  Wie wunderbar beweist ihr doch die Christenliebe an mir und meinen teuren Toten.
            Mütter.  Was deine Schmerzen lindern kann, das wollen wir mit frommen Sinn erfüllen.
            Sapientia.  Ich glaub’ es euch.
            Mütter.  Und welchen Ort erwähltest du als Ruhestatt für deine Kinder?
            Sapientia.  Ich möchte sie drei Meilen vor dem Thor begraben, wenn anders euch der weite Weg nicht mißfällt.
            Mütter.  Das thut er nicht.  Wir folgen gerne dir zu dem Begräbnisort, den du erwähltest.
 
Zweiter Auftritt.
Feld vor Rom.
Die Vorigen.
 
            Sapientia.  Hier ist die Stätte.
            Mütter.  Siehe da!  Wie wohl geeignet, die Leichen zu bewahren!
            Sapientia.  O Erde, dir übergeb’ ich meine zarten Blumen.  Bewahre sie an deinem Busen und hüte sie getreu bis zu dem Tag der Auferstehung, da sie zu höherem Ruhme Gott erwecken möge!  Du, Christe, erfüll’ inzwischen ihre Seelen mit Glorienschein und ihrem modernden Gebein gieb Ruh und Frieden.
            Mütter.  Amen.  (Die Töchter werden begraben).
            Sapientia.  Ich danke euch für euren menschlich milden Sinn und für den Trost, mit welchem ihr bei meiner Lieben Tod mich überhäuftet.
            Mütter.  Willst du, daß wir mit dir noch länger hier verweilen?
            Sapientia.  Nein.

            Mütter.  Warum nicht?
 

 
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            Sapientia.  Ihr sollt um meinetwillen euch keine Mühsal auferlegen.  Es ist genug, daß ihr drei Nächte mit mir wachtet.  Geht nun in Frieden und kehret glücklich heim.
            Mütter.  Willst du nicht mit uns gehn?
            Sapientia.  Nein, nein.
            Mütter.  Was aber denkst du denn zu thun?
            Sapientia.  Ich will hier warten, ob nicht der Herr mir meinen Wunsch erfüllt und mir gewährt, was ich von ihm erbitte.
            Mütter.  Um was willst du ihn bitten und welches ist dein Wunsch?
            Sapientia.  Im Herrn zu sterben, nachdem ich mein Gebet vollendet habe.
            Mütter.  Dann wollen wir doch warten, bis wir auch dich dem Grabe anvertrauten.
            Sapientia.  Wie es euch gefällt.

            Adonay, Emmanuel, den vor der Zeit die Allmacht Gottes schuf und in der Zeit die jungfräuliche Mutter hat geboren, o Christus, du einer und doch aus zwei Naturen wunderbar gebildet, dessen Einheit der Person nicht gespalten wird durch die Zweiheit der Naturen, und dessen Zweiheit der Naturen nicht verwischt wird durch die Einheit der Person, dich lobe die fröhliche Glückseligkeit der Engel und dich der Sterne süßer Wettgesang!  Es preise dich der Menschen Kunst und Wissenschaft und jeglich Ding, das aus der Elemente Stoff gebildet ward, weil du, der mit dem Vater und dem heil’gen Geiste allein Gestalt ist ohne Stoff, dem Willen deines Vaters folgend und von dem heil’gen Geiste treulich unterstützt, es nicht verschmähtest, Mensch zu werden.  Du hast als wie ein Mensch gelitten, doch unbeschadet deiner göttlichen Natur, die keinem Leide unterworfen ist; du hast sogar, damit nicht einer deiner Gläubigen verdürbe und jeglichem, der treu, das ewige Leben werde, des Menschentodes bittren Kelch geleert und durch die Auferstehung die Schrecken sein zerstört.
 

 
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            Ich mahne dich, o du vollkommer Gott und wahrer Mensch, an dein Versprechen, du wollest jedem, der um deines Namens willen sein irdisch Gut verläßt und seiner Freunde und Verwandten Liebe, hundertfältig lohnen und ihn beschenken mit dem Siegespreis des ewigen Lebens.  Voll süßer Hoffnung, auf dein Versprechen bauend, hab’ ich gethan, was du befohlen und meine Kinder dir freiwillig hingeopfert.  Darum, du Frommer, zögre nicht, dein Versprechen einzulösen.  Befrei mich bald von meinen Erdenfesseln und gieb, daß ich mich an den Ehren meiner Töchter freue, der süßen Kinder, die ohne Zögern ich um deinetwillen zu Tode martern ließ.  Gieb, daß ich mich an ihrem Anblick weide, dieweil sie dir, o Lamm der Jungfrau, so treulich folgten.  Obwohl ich nicht, wie sie, den jungfräulichen Lobgesang anstimmen kann, so woll’ mich doch für würdig halten, mit ihnen deine Herrlichkeit durch alle Zeit zu preisen – o du, der nicht derselbe wie der Vater ist, und doch dasselbe, der mit dem Vater und dem heil’gen Geiste als ein einiger Herr das All regiert, als ein König den obern und den mittlern und den untern Weltenkreis beherrschend, von Jahrtausend zu Jahrtausend durch die unednliche Ewigkeit!  (Sie stirbt.)
            Mütter.  O Herr, nimm ihre Seele auf!  Amen.

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