Das Leiden der heiligen Jungfrauen Agape, Chionia, Irene

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Das Leiden der heiligen Jungfrauen Agape, Chionia, Irene.
(Dulcitius.)

 
Personen.
 
            Kaiser Diokletian.
            Agape
            Chionia       Schwestern.
            Irene
            Dulcitius, Landpfleger von Thessalonich.
            Seine Gemahlin.
            Soldaten.
            Sisinnius, Landgraf.
            Thürhüter des kaiserlichen Palastes.
 
Erster Akt.
 
Erster Auftritt.
Saal im kaiserlichen Palaste zu Thessalonich.
Diokletian.  Agape.  Chionia.  Irene.  Gefolge des Kaisers.
 
            Diokletian.  Da ihr, o Jungfraun, hochadligem Geschlecht entstammt und eure Schönheit wie die Sonne leuchtet, so stünd’ es euch vor allem andern zu in unsrer kaiserlichen Pfalz durch Hymens Bande an einen edlen Mann vermählt zu werden.  Auch sind wir wohlgeneigt, dies Glück euch zu vergönnen, nur müßt den Nazarener ihr verleugnen und unsren alten Göttern Opfer spenden.

            Agape.  O Herr, entschlagt euch dieser Sorgen und wollt,
 

 
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uns zu vermählen, euch nimmermehr bemühn.  Freudig bekannt soll Christi Name werden, und keine Macht der Erden wird uns je dazu bringen, ihn zu verleugnen, unser frommes, reines Herz so schändlich zu beschmutzen.
            Diokletian.  Wo soll das nur hinaus mit eurer Thorheit!
            Agape.  Thorheit?  Was findest du für Thorheit denn an uns?
            Diokletian.  Das fragst du noch?  Wahrhaftig, sie ist groß genug und klar zu Tage liegt sie auch!
            Agape.  Inwiefern?
            Diokletian.  Es soll wohl keine Thorheit sein, daß ihr der alten Götter euch selbst beraubt und dieser albernen neuen Lehr, dem Christentruge glaubt?
            Agape.  Verleumder!  Wie darfst du den allmächt’gen Gott so schänden?  Nimm dich in acht, daß nicht Verachtung, Untergang...
            Diokletian.  Nun wessen denn?
            Agape.  Deiner selbst und des Reiches, das dir unterthan!
            Diokletian.  Sie ist verrückt!  Fort mit ihr!
(Agape wird von den Soldaten abgeführt.)
            Chionia.  Ihr irrt euch, Herr, die Schwester mein ist nicht von Sinnen, nur eure Thorheit hat sie scharf und recht gegeißelt.
            Diokletian.  Die ist ja noch besess’ner!  Schafft sie mir gleichfalls aus den Augen!  (Geschieht.)  Und nun führt mir Irene vor, laßt sehn, ob die wird etwas taugen.
            Irene (für sich).  Die dritte widersteht dir auch.  Du sollst erfahren, daß nie und nimmer ich mich deinen Wünschen füge!
            Diokletian.  Irene, die jüngste bist du und die letzte deiner Schwestern, nun sollst du mir die erste werden.
            Irene.  Zeigt mir, ich bitt’ euch, Herr, auf welche Weise.

            Diokletian.  Komm, beuge deinen Nacken unsern Göttern.  Dann wirst du deinen Schwestern ein Vorbild der Bekehrung sein und von großem Leide sie befrein.
 

 
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            Irene.  Wer Gottes Wetter auf sich herabbeschwören will, der neige sich vor euren Götzen!  Ich will mein Haupt, mit heil’gem Öle reich gesalbt, nicht schänden, indem vor Bildern ich die Kniee beuge.
            Diokletian.  Die Götter zu verehren bringt Ehre nur und Schande wahrlich nicht.
            Irene.  Wo giebt es eine Schmach, die schändlicher, wo eine Schande, die himmelschreiender, denn Sklaven zu ver[keh]ren, gleich als ob sie Götter wären?
            Diokletian.  Niemand will dich überreden, Sklaven anzu[..]ten.  Die Götter deines Herrn und Kaisers sollst du ehren.
            Irene.  Als ob das Bildnis, für Geld vom Künstler zubereitet, so gut nicht jedermanns Sklave sei, denn ein erkauster Knecht!
            Diokletian.  Den frechen Mund soll Marter dir und Tod gar bald verstopfen!
            Irene.  Um Christi willen Leid und Qualen zu erdulden, das ist mein höchster Wunsch, mein einzig Sehnen.
            Diokletian.  Verstockte Dirnen alle drei!  Da unserm kaiserlichen Willen sie zuwiderhandeln, so werft in Banden sie und Ketten!  Des düstern Kerkers Grausen herberge sie, bis Dulcitius, unser Landpfleger, nach Form und Recht ihr Urteil spreche.
 
Zweiter Auftritt.
Vor dem Gefängnis der Schwestern.
Dulcitiusmit Gefolge. Soldaten.  Die drei Schwestern.
 
            Dulcitius.  Führt schnell mir die Gefangenen vor, Soldaten!
            Soldaten (holen die Schwestern herbei).  Da bringen wir, die du gerufen.
            Dulcitius (zu seinem Gefolge).  Der Tausend!  Wie hübsch sind nicht die Mägdlein, wie nett und zierlich!

            Gefolge.  Nicht wahr?  Ganz tadellos ist ihre Schönheit.
 

 
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            Dulcitius.  Sie haben mir das Herz im Sturm erobert.
            Gefolge.  Das glauben wir dir gern.
            Dulcitius.  Wie brenne ich darauf, meiner Liebe dienstbar sie zu machen!
            Gefolge.  Es fragt sich bloß, ob dir das auch gelingt.
            Dulcitius.  Warum nicht?
            Gefolge.  Sie hängen gar zu fest an ihrem Glauben.
            Dulcitius.  Was meint ihr?  Ob ich sie mit süßen Worten ködre?
            Gefolge.  Da lachen sie dich höchstens aus.
            Dulcitius.  Wenn nun mit harten Strafen ich sie schreckte.
            Gefolge.  Das wird sie wenig kümmern.
            Dulcitius.  Was aber soll ich thun?
            Gefolge.  Du mußt es dir genau erst überlegen.
            Dulcitius.  Soldaten, bringt die Gefangenen in Gewahrsam und zwar in das Gemach des Küchenhauses, wo nebenan die Köche ihr Gerät bewahren!
            Gefolge.  Was sollen sie denn dort?
            Dulcitius.  Damit ich öfter sie besuchen kann.
            Soldaten.  Wir thun, wie du befohlen, Herr.
 
Dritter Auftritt.
Vor dem Gefängnis.
Dulcitius.  Soldaten.
 
            Dulcitius.  Was mögen wohl die Nacht durch unsre Gefangnen thun?
            Soldaten.  Fromme Lieder singen sie.
            Dulcitius.  Laßt uns hin zu ihnen!
            Soldaten.  Von weitem schon hört man der holden Stimmen Klang.
            Dulcitius.  Wacht mit den Fackeln vor der Thür, indes ich zu den Mägdlein gehe, an ihrer heißersehnten Liebe mich zu laben.

            Soldaten.  Geh nur hinein!  Wir werden deiner harren.
 

 
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Vierter Auftritt.
Gefängnis.
Agape.  Chionia.  Irene.
 
            Agape.  Was ist das nur für Lärm an unsrer Thür?
            Irene.  Dulcitius, der Unselige, tritt ein.
            Chionia.  Gott sei uns gnädig!
            Agape.  Amen.
(Dulcitius verfehlt die rechte Thür und tritt in das Gemach, wo die Köche ihr Gerät bewahren.)
            Chionia.  Was mag er bei den Töpfen nur, den Kesseln und den Pfannen wollen?
            Irene.  Ich will doch einmal sehn.  (Sie blickt durch eine Spalte der Scheidewand in das Nebenzimmer.)  O kommt, ich bitte euch, guckt schnell hier durch die Ritze!
            Agape.  Was giebt es denn?
            Irene.  Seht nur, der Tropf!  Wahrhaftig, er ist übergeschnappt!  Er meint, wir hielten ihn in unsern Armen.
            Agape.  Was thut er denn?
            Irene.  Jetzt nimmt die Töpfe er auf seinen geilen Schoß und läßt sie da erwarmen, jetzt schließt er gar den großen Kessel brünstig an die Brust, den rußigen Pfannen spendet er Kuß über Kuß!
            Chionia.  Ich kann das Lachen kaum noch unterdrücken.
            Irene.  O pfui!  Wie schmutzig seine Hände sind!  Und das Gesicht, die Kleider wie besudelt!  Wahrhaftig, der Schwärze nach ist einem Mohren er zum Verwechseln ähnlich.
            Agape.  Das geschieht ihm recht.  Der Teufel ist ja einmal seiner schwarzen Seele Herr, da mag denn auch sein Leib die gleiche Farbe tragen.

            Irene.  Paßt auf, er wendet sich zum Gehen.  Jetzt laßt uns sehen, was wohl die Krieger, welche vor der Thüre auf ihn warten, anstellen werden, wenn er heraustritt.
 

 
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Fünfter Auftritt.
Vor dem Gefängnis.
Dulcitius.  Soldaten.
 
            Soldaten.  Was kommt dort für ein Teufelskind?  Nein, das ist ja der Teufel selber!  Fort!  Laßt uns fliehn!
            Dulcitius.  Soldaten, warum lauft ihr weg!  Halt, wartet!  Bringt mit den Fackeln mich zu Bett!
            Soldaten (durcheinander).  Der Stimme nach ist’s unser Herr.  – Das Aussehn aber ist des Teufels!  - Der Kuckuck mag hier warten!  Ich mach’, daß ich davon komm!  - Flieht, flieht!  Das Gespenst will uns den Hals umdrehen! –
(Sie laufen davon.)
            Dulcitius.  Da möchte man sich ja zu Schanden ärgern!  Sogleich gehe ich zur kaiserlichen Pfalz und melde, was geschehen, bei den Obern.
 
Sechster Auftritt.
Vor dem kaiserlichen Palaste.
Dulcitius.  Thürhüter.  Später Dulcitius’ Gemahlin.
 
            Dulcitius.  Thürhüter, führt mich in den Palast, ich hab’ dem Kaiser Wichtiges zu melden!
            Thürhüter.  Was will das schmutzige Scheusal hier?  Hinaus mit deinen zerfetzten Rußlumpen!  Laßt ihn die Fäuste fühlen!  Die Treppe mit ihm hinunter!  Daß nicht der Kerl sich etwa einfallen läßt, noch einen einzigen Schritt vorwärts zu thun!  (Sie treiben ihn vom Thore weg.)

            Dulcitius.  Verdammt!  Was soll das alles heißen?  Bin ich nicht angethan mit Prachtgewändern und glänz’ und glitz’re ich nicht am ganzen Leib?  Doch wem ich vor die Augen komme, der spielt mir mit, als ob ich das scheußlichste Untier wäre.  Zu meiner Gattin will ich eilen, vielleicht, daß ich von ihr erfahre, was gegen mich man hat
 

 
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ins Werk gesetzt.  Doch ist mir recht?  Dort kommt sie ja zusamt dem ganzen Hause!  Was?  Aufgelöst des Haares Strähnen?  Und aller Augen voller Thränen?
(Dulcitius’ Gemahlin und ihre Dienerinnen treten auf.)
            Gattin.  Ach Herr, Dulcitius, mein Gemahl!  Welch’ Unglück hat dich heimgesucht!  Der Geist ist dir verwirrt, den Christen bist du zum Gespött geworden!
            Dulcitius.  Jetzt geht mir ein Licht auf!  Das Christenvolk hat mich durch Zaubertrug geäfft!
            Gattin.  Ach, mehr als dies hat mich betrübt und tief erschüttert, daß du nicht einsahst, was du ausgestanden.
            Dulcitius.  Nun Gnad’ euch Gott, ihr unverschämten Dirnen!  Vorführen laß ich euch, die Kleider öffentlich vom Leibe reißen, daß ihr vor allem Volk rackend steht!  Wie du mir, so ich dir!  Ihr sollt erfahren, daß ich auch Scherz verstehe!
 
Siebenter Auftritt.
Marktplatz zu Thessalonich.
Dulcitius, schlafend, auf dem Richterstuhl.  Soldatensind bemüht, die Schwestern zu entkleiden.
 

            Soldaten.  Vergebens ist hier aller Fleiß, umsonst fließt unser Schweiß!  Seht nur, wie Haut so fest haften die Kleider an den jungfräulichen Körpern.  Und der uns antrieb, ihnen das Gewand zu rauben, dort unser Hauptmann, sitzt und schläft so fest, daß nichts vermag, ihn zu erwecken.  Drum laßt uns hin zum Kaiser gehn und ihm berichten, was geschehn!
 

 
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Zweiter Akt.
 
Erster Auftritt.
Kaiserlicher Palast.
Diokletian.
 
            Diokletian.  Es kränkt mich gar zu tief, daß Dulcitius, der Landpfleger, so schmählich ist verspottet worden, beschimpft und von den Dirnen abgeführt.  Das Pack!  Es mag nur ja nicht denken, ich werde es ihm nunmehr schenken, daß unsre Götter sie und thren Dienst geschmäht.  Sisinnius, den Grafen, will ich senden; er mag Vergeltung üben.
 
Zweiter Auftritt.
Marktplatz.
Sisinniusmit Gefolge.  Soldaten.  Später Agape und Chionia.
 
            Sisinnius.  Soldaten, wo sind die Dirnen, die ich abstrafen soll?
            Soldaten.  Im Kerker schmachten sie.
            Sisinnius.  Führt sie mir vor!  Irene nur bleibt noch zurück.  (Soldaten ab.)
            Gefolge.  Warum soll sie der andern Los nicht teilen?
            Sisinnius.  Das Mädchen ist ja noch ein Kind.  Ich denke, sie bekehrt sich, wenn sie durch ihrer Schwestern Gegenwart nicht eingeschüchtert wird.
            Gefolge.  Das mag wohl sein.
            Soldaten (führen Agape und Chionia vor).  Hier stehen, die du herbefohlen.
            Sisinnius.  Jetzt, Agape, folg’ meinem Rat; Chionia, komme meinem Wunsche nach.
            Agape.  Was sollen wir denn thun?
            Sisinnius.  Auf, bringt den Göttern Opfer dar!

            Chionia.  Sind wir nicht ohne Unterlaß geschäftig, dem
 

 
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wahren Gotte, dem ew’gen Vater, seinem Sohn von Ewigkeit und dem heil’gen Geiste dieser beiden, Dankopfer zu bereiten?
            Sisinnius.  Das hat aufzuhören!  Sonst werd’ ich es mit Strafen euch verwehren!
            Agape.  Was kümmern deine Strafen uns?  Damit wirst du uns nimmer zwingen, deine Götzen anzubeten!
            Sisinnius.  Trotzköpfe, die ihr seid!  Laßt ab von eures Herzens Härtigkeit und opfert!  Wenn nicht, muß ich euch töten lassen, so lautet der Befehl des Kaisers Diokletian.
            Chionia.  Was dein Kaiser über unsern Tod verfügt, geziemt dir auszuführen, da, wie du stehst, wir sein Gebot verachten.  Willst du länger zögern oder schonen, so wird man es dir mit dem Tode lohnen, und das mit Recht.
            Sisinnius.  Mein Zögern hat ein Ende!  Frisch, Soldaten, das Lästerpack ergriffen und in die Flammenglut geschleudert.
            Soldaten.  Geschwind, daß wir die Scheiterhaufen rasch zu stande bringen!  Hinein jetzt mit den Dirnen in die Flammen!  Hei, wie die lodern!  Sie werden sich an ihnen das Schandmaul schon verbrennen.
(Agape und Chionia werden auf den Scheiterhaufen geführt.)
            Agape.  Allmächtiger Gott, dir ist es etwas Kleines, das Feuer seiner Macht vergessen lassen, dir, Herr, gehorchen auch der Flammen Gluten.  Doch, da ein länger Erdenwallen uns zuwider, so bitten wir: Schließ auf die Kammer unserer Seele, erlöf’ uns von des Körpers Last, daß unser Geist im Äther dann dich lobt und preist.
(Die Schwestern sterben.)

            Soldaten.  Welch’ neues Wunder, sinnverwirrend!  Seht an, die Seelen sind dem Leib entflohen und dennoch blieben alle Glieder unverletzt.  Die Haare nicht, nicht einmal die Gewänder hat die Feuersglut verzehrt, viel weniger ward der Jungfrauen Leib versehrt.
 

 
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Dritter Auftritt.
Sisinnius.  Soldaten.  Irene.
 
            Sisinnius.  Irene führt nun vor!
            Soldaten (bringen das Mädchen).  Da ist sie!
            Sisinnius.  Irene, laß dir der Schwestern Leichen zur Warnung gereichen, hüte dich, daß nicht auf gleiche Weise du zu Grunde gehst!
            Irene.  Ich wünsche nichts, als meinen Schwestern in den Tod zu folgen, mit ihnen die ew’ge Seligkeit froh zu genießen.
            Sisinnius.  So gieb doch nach, mein Kind, folg’ meinem Mahnen!
            Irene.  Zu einer Sünde wirst du mich nie und nimmer überreden.
            Sisinnius.  Dir winkt kein schneller Tod.  Ich werde deine Qual hinausziehn, Tag auf Tag mit neuem Leid dich überhäusen.
            Irene.  Je härter du mich quälst, je heller wird mein Ruhm erglänzen.
            Sisinnius.  Martern fürchtest du also nicht?  Gieb acht, du sollst mir doch das Zittern lernen!
            Irene.  Was du auch Widriges mir auferlegst, mit Christi Hilfe hoff’ ich ihm zu entrinnen.
            Sisinnius.  Ich lasse dich zur Hure machen und deinen Leib aufs scheußlichste entehren!
            Irene.  Den Körper mag Schmach über Schmach nur treffen, das ist noch zehnmal besser, als mit Götzendienst die Seele zu besudeln.
            Sisinnius.  Bist du den Huren gleich geworden, so giltst du in der Jungfraun Kreis für so besudelt, wie es ärger niemand weiß.

            Irene.  Die Schmach ist nur der Wollust Lohn, dein Zwang verschafft mir eine Ehrenkron’; denn wisse, der nur wird verdammt, des Herz der Sünde zugestimmt.
 

 
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            Sisinnius(zu den Soldaten).  Ich merk’ es, all’ mein Schonen ist vergebens, vergebens hege Mitleid ich mit ihrer Jugend.
            Soldaten.  Das wußten wir im voraus.  Nie wird sie sich, die Götter zu verehren, willig zeigen, auch nicht die Furcht kann ihren starren Sinn erweichen.
            Sisinnius.  Ich schone ihrer ferner nicht!
            Soldaten.  Recht so!
            Sisinnius.  Kein Erbarmen mehr!  Ergreift die Dirne!  Schleppt sie mit Schimpf und Schande in der Lüste Kammern!
            Irene.  Das wird ihnen nicht gelingen!
            Sisinnius.  Meinst du?  Wer soll sie denn zur Schonung zwingen?
            Irene.  Die Vorsehung dessen, der alle Welt regiert.
            Sisinnius.  Das möchte ich doch sehn!
            Irene.  Du wirst es, und eher als dir lieb ist.
            Sisinnius.  Soldaten, laßt durch der Dirne abgeschmackte Lügen euch nicht etwa ins Bockshorn jagen.
            Soldaten.  Fällt uns nicht ein!  Nur deinen Worten werden wir gehorsam sein.
(Irene wird von den Soldaten fortgeschleppt.)
 
Vierter Auftritt.
Sisinnius.  Sein Gefolge.  Soldaten.
 
            Sisinnius (zu seinem Gefolge).  Was sind das wohl für Männer, die so eilig auf uns zukommen?  Sie gleichen auf ein Haar den Söldnern, denen wir Irene ausgeliefert.  Beim Zeus, sie sind es selbst!  (Zu den Soldaten.)  Was kommt ihr denn so schnell zurück?  So atemlos?  Traf euch ein Mißgeschick?
            Soldaten.  Wir suchen dich, o Herr.
            Sisinnius.  Wo ist das Mädchen, das ihr fortgeschleppt?
            Soldaten.  Du fragst?  Sie steht schon auf des Berges Gipfel.
            Sisinnius.  Auf welchem Berg?

            Soldaten.  Dem nächsten dort.
 

 
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            Sisinnius.  Tölpel seid ihr allesamt und Tröpfe!  Wahrhaftig, nicht eine Spur Verstand herbergen eure Köpfe!
            Soldaten.  Warum bist du nur so erzürnt?  Was schreist du uns so an und drohst mit zorn’gen Blicken?
            Sisinnius.  Daß euch der Styx verschlinge!
            Soldaten.  Was haben wir dir nur gethan?  Wo hättest jemals du ein Leid von uns erlitten?  Wann hätten dein Gebot wir überschritten?
            Sisinnius.  Hab’ ich euch nicht befohlen, daß ihr die Götterschänderin hin in die Lasterhöhlen schlepptet?
            Soldaten.  Das thatest du, und wir bemühten uns auch redlich, deinen Willen zu erfüllen.  Da kamen die beiden unbekannten Jünglinge und teilten uns mit, du habest sie entsandt, Irene auf des Berges Gipfel zu geleiten.
            Sisinnius.  Da weiß ich nichts davon.
            Soldaten.  Verflucht!  Das merken wir jetzt auch!
            Sisinnius.  Wie sahen denn die beiden aus?
            Soldaten.  Die Kleider glitzerten nur so, und ihre Mienen flößten solche Ehrfurcht ein...
            Sisinnius.  Daß ihr auch bieder ihnen folgtet!
            Soldaten.  Allerdings.
            Sisinnius.  Und was geschah denn dann?
            Soldaten.  Der eine  nahm Irene bei der Rechten, der andere bei der Linken und uns befahlen sie, zu dir zurückzukehren, damit der Sache Ausgang du erführest.
            Sisinnius.  Was ist zu thun?  Schafft mir mein Roß herbei!  Vielleicht vermögen wir die kecken Höhner noch zu fassen und schwerer Strafe sollen sie dann nicht entrinnen.
            Soldaten.  Auf!  Laßt uns allesamt von hinnen!
 
Fünfter Auftritt.
Irenesteht auf einem Hügel.  Sisinniusund seine Soldatenbemühen sich vergebens, denselben zu ersteigen.
 

            Sisinnius.  Wie ist mir nur?  Ich weiß nicht, was ich thue!  Von Christentrug muß ich doch ganz umsponnen sein.
 

 
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Ich lauf’ und laufe immerzu, rund um den Berg herum.  Den Pfad erblicken meine Augen, und doch ist mir der Aufstieg rein unmöglich, und auch die Rückkehr will mir nicht gelingen.
            Soldaten.  Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu, wir werden allesamt geäfft.  O diese Mattigkeit!  Herr, wenn du das verrückte Weib noch länger leben läßt, giebt sie dir selbst und uns dazu den Rest.
            Sisinnius.  Wer unter euch den Bogen tüchtig spannen kann, der lasse sausen seinen Pfeil und geb’ der Dirne ihren Teil.
            Soldaten.  Recht so!
(Sie schießen nach Irene und durchbohren sie mit Pfeilen.)
            Irene.  O Schmach und Schande über dich, Sisin!  Erröten mußt du, tief erröten und seufzen als der schmählich Überwundne.  Ein Kind, ein schwaches Mädchen vermochtest du nicht anders zu bezwingen, denn durch der Feldschlacht grause Siegeswaffen!
            Sisinnius.  Was kümmert Schmach und Schande mich?  Das alles trag’ ich leicht, da ich nur weiß, daß du dem Tode rettungslos verfallen!
            Irene.  Mir ist mein Tod die Quelle höchster Freuden, dir wird er Leid und Qualen bringen.  Ich empfange die Märtyrerpalme, empfange der Jungfrau Ehrenkron’, dich aber schleudert die Härte dein und Niedertracht bis auf der Hölle tiefsten Schacht.  Zum Brautgemach im blauen Himmelsdom führt mich der ewige Gott, dem Ehre sei und Herrlichkeit in Ewigkeit!

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