Amerikanische Ideologien - Friedensfreunde

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Friedensfreunde

Mit der gleichen Berechtigung, mit der manche Amerikaner die Deutschen als Militaristen ansehen, kann man die amerikanische Bewegung für einen dauernden Weltfrieden, für Einrichtungen zur friedlichen Schlichtung von Streitigkeiten zwischen den Nationen, für Abrüstung als Heuchelei bezeichnen. Die Zahl der Amerikaner, die den Eintritt Amerikas in den Weltkrieg herbeiführten, ist wahrscheinlich genau so groß wie die der Deutschen, die bewußt auf einen Krieg abzielten, während das Volk seiner angestammten Neigung nachging, friedlich zu schaffen.

In keinem anderen Lande der Welt hat die Friedensbewegung (nicht mit Friedenssehnsucht zu verwechseln) eine solche Ausdehnung gewonnen wie in den Vereinigten Staaten. Es bestehen etwa 70 nationale Organisationen, die nur für diese eine Aufgabe in irgendeiner Form wirken. In den Kreisen, die ihnen anhängen, sind – das soll man nicht vergessen und nicht unterschätzen – die besten Freunde des neuen Deutschland zu finden.

Wie ist dieser Enthusiasmus für eine friedliche Weltordnung in einem Land zu erklären, das doch im Grunde kaum unter dem Krieg gelitten hat, das von seinen Schrecken nicht einmal berührt wurde.

Man kann die Idealogien, denen, man in Amerika auf den verschiedensten Lebensgebieten begegnet, nur begreifen, wenn man sich den Anteil klarmacht, den

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die Puritaner an der ursprünglichen Besiedlung des Landes hatten. Es waren in erster Linie die religiös Bedrückten, religiöse Fanatiker, denen erst später die politisch und ökonomisch Bedrängten folgten, die amerikanische Sitte und Traditionen schufen. Die ersten Gemeinden in den Neu-Englandstaaten waren kirchliche Gemeinden, ehe sie zu bürgerlichen Kommunalverbänden wurden, und in den Neu-Englandstaaten war Voraussetzung für die Erwerbung des Vollbürgerrechts im Staate der Besitz des Vollbürgerrechts in der Kirchengemeinde.

Der Geist des Puritanertums drückt noch in weitem Maß dem sozialen Leben und der Kultur der Vereinigten Staaten den Stempel auf. Auf ihn geht der idealistische, der weltbeglückende Zug, der soziale Reformeifer zurück, der so dicht neben materialistischen Zügen wuchert. Er ist ein organischer Bestandteil der amerikanischen Volksseele.

Er ist auch die Quelle, aus der die Friedensbewegung dort immer neu gespeist wird; sich immer in neue Ströme ergießt. Sie fließt aus dem Verlangen der wahrhaft Religiösen, Lehre und Leben in Einklang zu bringen. Es ist kein Zufall, daß während des Kriegs gerade die Quäker an erster Stelle unter den Kriegsdienstverweigerern standen. Sie sind auch jetzt die Führer und Mahner, die die anderen Kirchengemeinden nach sich ziehen. Die amerikanischen Kirchen sind zu einem Verständnis dafür erwacht, daß Christentum

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und Friedenswille unlösbar miteinander verknüpft sind und daß die Kirche durch die Kompromisse, die ihre Vertreter während des Krieges eingingen, unendlich viel Boden verloren hat. Heut ist der Verband der evangelischen Kirchen unter den eifrigsten Förderern aller internationalen Versöhnungsarbeit, und er hat die großen religiösen Vereine, wie den Verein Christlicher Junger Männer und die kirchlichen Frauenvereine, mit sich gezogen.

Von dieser religiösen Inspiration sind auch die Friedensgesellschaften in starkem Maße erfüllt. Aber hart daneben wohnt eben auch wieder eine ganz rationale Erwägung. Der Durchschnittsamerikaner hat für eine tiefere Begründung von Kriegen, wie sie für manche Kreise in den alten Ländern überzeugungskräftig ist, gar kein Verständnis. Der Begriff des wachsenden Volkes, des Expansionsstrebens fehlt ihm bei der Weite und verhältnismäßig geringen Bevölkerung des eigenen Landes. Und kann er ihn fassen, so erscheint ihm die Auswanderung dafür als das gegebene Ventil. Sind doch seine Väter auch irgendwann einmal ausgewandert, und er hat die neue Heimat lieben gelernt und kann die aus innerer nationaler Gebundenheit entstehenden Hemmungen nicht nachfühlen.

Dazu kommt aber noch ein anderes. Bei aller Vaterlandsliebe – und diese ist im Amerikaner sehr stark entwickelt – kann er doch die nationalen Gegensätze,

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die in Europa sich in jahrhundertelanger Geschichte entwickelt haben, nicht begreifen. Sein eigenes Volk mit all seinem lebendigen Gemeinsinn ist doch schließlich aus Angehörigen und Abkömmlingen all der Nationen zusammengesetzt, die sich in Europa bekämpfen. Dicht nebeneinander leben in den Vereinigten Staaten friedlich Engländer und Iren, Franzosen und Deutsche, Skandinavier, Griechen und Russen; sogar Weiße und Gelbe und Schwarze und Rote, obwohl die Behandlung der anderen Rassen ein dunkles Kapitel ist. Vielleicht wird es ihm deshalb so schwer, die europäischen Konflikte zu verstehen. Nachdem es in Amerika gelungen ist, all diese Nationen im „Schmelztiegel“ zu einer Einheit zusammenzufassen, empfindet er den europäischen Konflikten gegenüber hauptsächlich Ungeduld, Ärgernis. Für die eigene Expansionsluft hat man zudem im letzten Jahrzehnt das Mittel der ökonomischen Durchdringung und Beherrschung von Mittel- und Südamerika gefunden, das dem Namen nach nicht als Gewaltpolitik in Erscheinung tritt. So wird für viele Amerikaner die Frage eines Weltfriedens, einer Völkerverständigung zu einer Angelegenheit des Willens, der Technik. In dem Sinne müssen auch die Ideen Wilsons als durchaus aufrichtig gewertet werden. Sie sind eben ein Gemisch von dem religiösen Geist der Pioniere und ihrer praktischen Gesinnung; von ihrem Glauben, die Welt durch Ideen zu gestalten, das „verheißene

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Land“ schon hier und jetzt zu finden; das Leben innerhalb der Welt am göttlichen Willen rational zu orientieren.

Nun kommt zu alledem noch die Enttäuschung an dem Ergebnis des Weltkrieges den Friedensgesellschaften zugute. Das amerikanische Volk hat das Gefühl, betrogen worden zu sein. Es glaubt nicht mehr, daß Amerika in den Krieg ging, um den Kriegen schlechthin ein Ende zu machen. Es hat begriffen, daß gewichtige materielle Interessen für den Eintritt in den Krieg wirkten; daß Kriege überhaupt in heutiger Zeit um Rohstoffe oder um Absatzgebiete ausgefochten werden; und es hat noch mehr begriffen, nämlich, daß Kriege mehr kosten für Sieger und Besiegte, als sie auch nur einem der Beteiligten einbringen können. Besonders die Frauen sind durch solche Erkenntnisse in großen Scharen zu Pazifisten geworden. Sie sagen, Petroleum und nicht Patriotismus ist die treibende Kraft für den Kriegsgeist. Es ist nicht der angeborene Instinkt einer Kulturform gegen die andere, sondern eine Angelegenheit von Petroleum, Stahl und Kohle. Und da die Frauen sich wenig für Stahl und Kohle interessieren – und für Petroleum auch nur, soweit sie es für ihr Automobil benötigen – hat die Idee des Krieges nichts Begeisterndes, nichts Glorreiches. Mit zäher Energie versuchen sie, diese Überzeugung der Bevölkerung einzuhämmern. Sie wollen die Jugend so erziehen, daß sie sich nicht von

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Worten einfangen läßt. „Für sein Vaterland sterben“, „alles einsetzen“, „das Opfer des Lebens bringen“. – Wollt ihr euch für Petroleum ganz einsetzen, oder das Leben für Kohle und Stahle zum Opfer bringen? - - so fragen sie.

Wohl nirgends findet die Friedensbewegung ein solches Maß öffentlicher Erörterung wie in den Vereinigten Staaten. Das liegt teils daran, daß in Amerika überhaupt mehr öffentlich geredet, geschrieben, Propaganda gemacht wird als anderswo. Aber zum Teil auch daran, daß weite Kreise der Nation sich ihrer Rolle schämen, sich der Tatsache schämen, daß sie als Nation, den Krieg, aber nicht den Frieden entschieden haben. Es ist dieses moralische Verantwortungsbewußtsein, das die Friedensbewegung so anwachsen läßt; das den Eintritt in den Völkerbund und die Beteiligung am internationalen Gerichtshof zu den meisterörterten Gegenständen macht.

Bezeichnend für dieses Interesse ist es, daß ein Bürger – von Beruf Verleger –kürzlich einen Preis von 50000Dollar für die beste Arbeit aussetzte, die einen praktischen Plan zur Beteiligung Amerikas an der Herbeiführung und Bewahrung des Weltfriedens enthalten würde. Noch bezeichnender, daß 22 165 Arbeiten eingingen, teils von Personen aller Lebenskreise, teils von Universitäten und Vereinen als Ergebnis gemeinsamer Stellungnahme. Und schließlich, daß, nachdem der Preis dem Plan Nr. 1469 (des

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Dr. Levermore) zuerteilt wurde, die gesamte Bevölkerung der Vereinigten Staaten aufgeordert wurde, durch Stimmabgabe ihre Billigung oder Mißbilligung des Plans auszudrücken, und daß viele Millionen Menschen sich an dieser schriftlichen Abstimmung beteiligten. Es ist nicht zu viel gesagt, daß eine solche in die Breite gehende Erörterung dieser Ideen und Aufgaben in keinem anderen Lande der Welt möglich ist.

Das alles bedeutet nicht, daß in den Vereinigten Staaten die Stimmung zugunsten Deutschlands umgeschlagen ist. Es ist noch immer schwer, für die Sache Deutschlands auch nur Gehör zu finden, und je weiter man nach Westen gelangt, je mehr Tausende von Meilen die Menschen von Europa trennen, desto stärker sind noch die Vorurteile, desto langsamer das Abreagieren von der Hetze und Verlogenheit der Kriegspropaganda.

Es wird langer, mühsamer Arbeit bedürfen, um dem amerikanischen Volk die Wahrheit nahezubringen, daß die Masse des deutschen Volks heut wie ehedem nur danach trachtet, in Frieden schaffen zu können. Soll aber eine Annäherung zwischen den beiden Nationen herbeigeführt werden, die so vieles in Blut, Temperament und in praktischem Können und idealem Wollen verbindet, so wird Deutschlands beste Stütze bei den amerikanischen Friedensfreunden zu finden sein.

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