Act 5

Submitted by ssEditor on Thu, 2010-05-06 22:16

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Main Title: 

FÜNFTER AKT

Künstlerzimmer neben dem Konzertsaal. In der Mittelwand große Thüre mit angehängtem Plakat: ,,Chorgarderobe." Rechts Ausgangsthüre nach der Treppe. In der Mitte runder Tisch mit Rohrstühlen, die Polierung an den Füßen stark abgewetzt. Links ein Flügel mit Wachstuch bezogen, vorne das Fenster. Weiter zurück ein Kleiderständer, an welchem Sentas Mantel und Tuch hängen. Rechts in der Ecke ein eiserner Ofen mit großer Kohlenkiste. Rechts vorne ein altmodischer Stehspiegel. Es ist dämmriges Abendlicht, das Gas brennt niedrig geschraubt mit bläulichen Flämmchen.

KRON
(öffnet die Treppenthüre, ruft zurück). Nur langsam, Mina, noch heilige Zeit. (Er läßt offen, legt Partitur und Taktstock auf den Flügel, nimmt Hut und den lose über die Schultern gelegten Mantel ab, hängt beides auf. Er ist sehr sein zusammengerichtet, schwarzer Frack, weiße Krawatte, Lackstiefel.)

MINA
(kommt herein. Sie atmet schwer und setzt sich gleich am Tisch nieder. Sie trägt nur ein Spitzentuch über dem schwarzen, nach Möglichkeit modernisierten Seidenkleid. Das Häubchen ist neu, mit etwas Schmelz ausgenäht. Sie hält Handschuhe und eine große Tüte in der Hand.) Das dumme Herz – wenn ich ihm nur eine Ohrfeige geben könnte.

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KRON
(will sie im ersten Augenblick anfahren). So steigt man langsam die Treppen – (nimmt sich zusammen). Willst Du ein Wasser?

MINA
Bitt' Dich! Doch keine Umstände!

SENTA
(schaut zur Mittelthüre herein, man hört im Augenblicke des Öffnens ein Gewirr von Stimmen und Instrumenten). Seid Ihr's? Ich komme gleich, bis ich alle Noten verteilt habe.

MINA
(hält die Tüte in die Höhe). Senta, die Chorzuckerin für die Kinder.

SENTA
(streckt die Hand aus) Gescheit! Nur schnell her.

KRON
(hat die Tüte genommen und giebt sie ihr) Sind vom Orchester schon alle da? Die Pauke?

SENTA
Die Pauke mit der roten Nase? Hab' ich noch nicht gesehen.

KRON
Sag' mir gleich, wenn sie kommt, das Faultier.

SENTA
Ja . . . (schließt die Thüre).

(Diener mit Tritt kommt von der Treppe, steigt zwei Stufen auf den Tritt, dreht das Gas auf und geht nach der Chorgarderobe ab.)

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KRON
(geht gedankenvoll umher, biegt die Hände in einander, dirigiert ab und zu mit dem Zeigefinger vor sich hin).

MINA
Peter – wie ist Dir denn?

KRON
Wie soll mir sein – in Stimmung muß ich kommen. Bin mir etwas zu ruhig.

MINA
Wenn es nur so gut geht, wie in der General-probe.

KRON
(schüttelt energisch den Kopf) Paar Stellen noch zu lose im Rythmus. War nicht gut genug.

MINA
Ich war schon ganz zufrieden.

KRON
(will auffahren). Du? Was das beweist! (Wieder einlenkend). Es ist eine etwas überstürzte Geschichte. Die Leute hätten sich in mehr Proben zusammenspielen müssen, dann hätte ich sie auch noch mehr beim Wickel. Hinterher . . . der Stil, der große Stil! Bach und Palestrina müßten sich guten Abend sagen – dann!

MINA
(nach einer kleinen Pause, schüchtern). Peter – willst Du wirklich nach den einzelnen Sätzen keine Pausen machen? Es dauert doch ohnehin so kurz.

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KRON
(merkend, worauf sie hinaus will, scharf)Nnnein.

MINA
Schau, der gute Herr Smith, der so viel Erfahrung hat, sagt auch, die Leute haben gar keine Zeit zum Applaudieren.

KRON
Am Schluß ist Zeit genug.

MINA
Da rennt aber alles in die Garderobe.

KRON
(steht mit dem Rücken gegen sie, blättert in der Partitur). Das Werk ist in einem Zug gedacht, eine aufwärts steigende Linie – die darf nicht gebrochen werden. Das muß sich auftürmen wie ein Dom.

MINA
Das versteht Dir kein Publikum.

KRON
(zuckt die Achseln) Nicht? – nicht!

MINA
Du mußt doch auch daran denken, daß es Herrn Smith darauf ankommt, für sein Orchester Erfolg zu haben, so ein junges Unternehmen –

KRON
(nachdrücklich) Ich habe ihm gesagt, klar und bündig, daß ich meine Kapellmeisterstelle nicht als definitiv

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betrachte, ehe die erste Aufführung vorüber ist. (Macht mit einem Bleistift einen Strich in die Partitur). Verdammte Pauke . . . Wenn ich finde, daß ich mir nicht genügt habe – aus. Geh ich.

MINA
(seufzt tief auf)

KRON
(wendet sich um, schaut sie an, geht zu ihr, rückt sich einen Stuhl ihr gerade gegenüber, setzt sich und nimmt ihre beiden Hände.) Also, was ist denn, Minerl? Der Schmidt – das hast Du doch in den vierzehn Tagen gesehen, gehört zu den Käuzen, die mehr nach ihrer subjektiven Sympathie gehen, als nach ihrem objektiven Kunstverstand. Und gerade deshalb darf man es nicht ausnützen, ich muß doppelt ehrlich gegen mich sein. Es kommt so darauf an, unter welcher Beleuchtung eine Leistung gesehen wird. Werde mir doch nicht einreden, daß er außer mir keinen Dirigenten findet. Bei dem Gehalt, das er bietet, und bei dem Musikerelend, das wir in Deutschland haben. Nur keine Selbstbespiegelung! Ist Dir das so schwer zu verstehen?

MINA
Sehr schwer . . . so gewissenhaft . . . über und nochmal über – ob man damit das Rechte thut und nicht bloß was Dummes –. Du wirst sehen, ich werde noch verrückt.

KRON
(springt im Zorn auf). Dazu hast Du ja gar nicht Verstand genug!

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SENTA
(kommt aus dem Chorzimmer. In sehr einfachem, aber geschmackvollem, weißem Battistkleid mit grünem Seidengürtel, in welchem ein paar Maiglöckchen stecken. Ein wenig blaß, an den unruhigen Bewegungen ihrer Hände merkt man die verhaltene Aufregung, aber im Wesen liebenswürdig und heiter.) Ist das nicht rührend, Papa? Das Fräulein Vogler hat Dir einen Wein mitgebracht, und alle sind sie lieb und sagen, Du sollst nur Mut haben, und unter den Herren ist eine Begeisterung, sag' ich Dir! Die Bässe freuen sich schon aufs Judex crederis, herausdonnern werden sie's, denk' Dir, der alte Herr Oberpostrat, der immer so schlimme Füße hat, ist auch gekommen. Heute muß er mitsingen und wenn er sich nachher drei Tage ins Bett legen soll. Mama, und die Kinder, zu drollig sind sie, um die Zuckerln haben sie sich zwar fürchterlich gerauft, aber hübsch sind manche, zum Anbeißen. Da kriegt man solche Lust auf Kinder. (Stellt Flasche und Glas auf den Tisch, sieht ihre Eltern an.) O! Habt Ihr Euch gezankt? Aber solche Kindsköpfe! Könnt Ihr nicht das bisl warten bis morgen früh? Das kommt davon, weil ich Euch nicht streng genug erzogen habe. Schämt Euch!

MINA
Wenn's nur gut vorüber wäre.

SENTA
(die Hände auf den Rücken gelegt.) Der Papa wird es gut machen, weil er mein Papa ist. Wenn man

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so eine Tochter hat! Wie hab' ich Dir den Chor wieder zusammengetrommelt? Acht und fünfzig Tenöre! Das ist eine Armee, und ich bin der Feldwebel. Laßt Euch nur vom Onkel Claus erzählen, was ich für ein sweetheart bin. Der hat Verständnis für mich! Papa, laß dich anschauen, ob Du ordentlich bist. Nun? Wirst Du mir gleich einen idealen Ausdruck im Gesicht haben? Geh' ein bischen weiter weg, damit ich Dich objektive betrachten kann.

KRON
Mach' keinen Narren aus mir, sei so gut.

SENTA
Mach' mir das Kompliment vor, Du machst mir gleich das Kompliment vor – und die Brille setzt Du erst wieder auf, wenn Du Dich nach dem Kompliment wieder umgedreht hast.

KRON
Ich habe sie gar nicht mit. Ich dirigier' auswendig.

SENTA
Dann legst Du auch die Partitur nicht auf?

KRON
Daß es recht wie Effekthascherei aussieht?

MINA
Aber wie soll denn ein Mensch wissen, was Du kannst, Du bist zum verzweifeln!

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KRON
Nicht so gesteigert, nicht so viel Pathos!

SENTA
(zu ihrer Mutter) Hassen könnt' ich ihn, weil er so dumm ist!

RICHARD
(reißt die Treppenthüre auf). Der Onkel kommt! (Er trägt einen neuen dunkelblauen Anzug). Ich bin mit ihm hergefahren und der Doktor. Im Zweispänner. Er geht nur langsam die Treppe wegen dem Asthma. Papa, an der Kasse stehen die Leute ganz schwarz es wird furchtbar voll.

KRON
Die liebe Neugierde!

RICHARD
(vergnügt) Vielleicht bricht die Galerie ein!

KRON
Dann wäre die amerikanische Reklame fertig.

RICHARD
Mama, der Onkel hat schon ein Souper bestellt im Hotel für nach dem Konzert. Ich weiß, was es giebt. Rheinlachs, Mama, und zuletzt Gefrorenes. Ich hab' ihm sagen müssen, was Du gern ißt. Haselnuß und Ananas.

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MINA
Vorausbestellt – jetzt geht's schief. Ich soll zu keinem Gefrorenen kommen.

KRON
Richard, schau' Dich um, ob die Musiker alle da sind, die Pauke, kennst Du ihn?

RICHARD
(in die Chorgarderobe abgehend). Ich werde doch meine Leute kennen!

(Smith und Loewenfeld, jeder in schwarzem Gehrock)

SMITH
Nu wären wir ja mittenmang. Gutes Befinden, ladies and gentlemen?

KRON
Meine Frau knautscht natürlich.

SMITH
(Mina die Hände schüttelnd). I wo! Sternenbanner hoch. Schickt der Himmel noch das schönste Konzertwetter, es regnet Bindfaden. Schauen Sie mal die Krawatte an. Frisch geschneiter Schnee. Ist die deutsche Hausfrau zufrieden?

MINA
(über und über errötend) Die Senta erzählt Ihnen auch alles –

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SMITH
Noch lange nicht genug. (Zu Senta, die sich mit Loewenfeld freundlich begrüßt hat). Wie sie mich jetzt wieder vernachlässigt. Natürlich nur Blicke für den feuergefährlichen Jüngling. (Zu Loewenfeld) Bitte wegzuhorchen!

LOEWENFELD
(lacht und geht nach dem Ständer, wo er Hut und Überzieher aufhängt, spricht mit Kron.)

SENTA
Das macht alles das neue Kleid. Jetzt hast Du mir's geschenkt, jetzt schau' ich Dich nicht mehr an.

SMITH
(nimmt sie an der Hand, dreht sie herum) Krabbe! Fein, mien Dochter! Aber warum nicht reicher? Spitzen Stickerei? Hat's nicht gelangt?

SENTA
Dreimal! Der Richard hat noch einen Anzug davon bekommen.

SMITH
Betrügerin! Doktor, Sie lassen sie mir einsperren. Die Handschellen werden gleich angelegt. (Wickelt aus Rosaseidenpapier Kleeblatt, hält es ihr vor die Augen.) Vier Kleeblätter – es hat doch Glück gebracht, nicht? (Er schließt es ihr um den Arm.)

MINA
Ja, Senta, Du Stock, was sagst Du denn?

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SENTA
(blickt Smith nur an, drückt ihm fest die Hände.) Nichts! (Läuft in das Chorzimmer ab)

SMITH
(schaut ihr nach, dann zu Kron hinüber) Die ist mir lieber als Hektorn! Leihen Sie mir den Rechtsverdreher einen Momang. (Nimmt Loewenfeld beiseite). Eisenbahn, Doktor, Eisenbahn! Man los! Is sie nich lieb? Is sie nich hold? Jungens! Jungens! Wie kann man so ‘ne langweilige Tunte sein!

LOEWENFELD
Aber bester Herr Smith, heute Abend kann das Hauptverfahren unmöglich eröffnet werden, wie wollen Sie den Ausschluß der Öffentlichkeit –

SMITH
Ach wat! Feuer in die Grude, oder – oder ich verlob' mich mit dem Mädel. Freilich paßt dann mein Toast nicht. Merkte was?

RICHARD
(steckt den Kopf herein.) Die Pauke ist da.

KRON
(der mit Mina gesprochen hat, nimmt Partitur und Taktstock). So, dann geh' ich einstweilen zum Orchester, leben Sie wohl, Herr Smith. (Nimmt Mina an der Hand.) Nicht aufgeregt sein, nicht so rot.

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MINA
(schaut ihn an) Peter –

KRON
Was?

MINA
Nichts – es ist schon recht. (Streicht ihm mit der Hand das Haar aus der Stirne). Ich hätt' sie Dir am Ende doch kürzer schneiden sollen, sie genieren so, wenn sie hereinfallen – und –

KRON
Was denn, ich hab' Eile.

MINA
Du brauchst nicht an uns zu denken. (Sie geht mit ihm bis an die Thür des Chorzimmers.)

SMITH
(zu Loewenfeld) Nun werde ich gleich Ihr pacemaker sein. – (zu Mina) Liebe Mrs. Kron, wollen Sie sich behandschuhen. (Die Karten, die er aus der Brusttasche genommen hat, besehend.) Neunundsiebzig, achtzig. Mitten in der Mitt. Besser, wir gehen jetzt, drängeln is nich. (Zu Loewenfeld). Sie haben's nicht eilig, so'n Waisenjunge klemmt sich durch, wenn der berühmte Apfel schon nicht mehr zur Erde kann.

MINA
(ihre Handschuhe betrachtend) Mein Gott, jetzt hab' ich mir zwei linke mitgenommen.

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SMITH
Macht nichts, wir gehen. Gleich da durch. (giebt ihr den Arm, in das Chorzimmer abgehend). Trösten Sie sich mit dem schönen Klapphorn:

Zwei Knaben ritten einen Pony,
Der eine konnt' es nicht, doch Hony
Soit qui mal y pense,
Er hielt sich an des Pferdes Schwanz.

(Er hat die Thüre offen gelassen. Das Chorzimmer ist bereits leer, sie gehen durch die zweite Mittelthür mit der Aufschrift: Orchesterzimmer).

SENTA
(im Chorzimmer einem jungen Mädchen am Kleide etwas steckend). Jetzt hält es schon, gehen Sie nur hinaus, Sie wissen ja, rechts der Alt, nur schnell, es ist schon alles auf dem Podium. (Die Dame geht eiligst in das Orchesterzimmer ab.)

LOEWENFELD
(in der Thür stehend). Kann ich Ihnen gar nichts helfen, Fräulein Senta? Ich fühle mich wieder mal so überflüssig im Universum.

SENTA
(kommt herein) Danke, Herr Doktor, vielmals. Ich hätte mir auch noch Nadel und Fingerhut mitbringen sollen. Der reißt die Schleife und der platzt der Knopf ab. Vor lauter kleinen Sorgen kommt man nicht zum Denken an die großen. – Sieht man es mir sehr an, daß ich mich fürchte?

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LOEWENFELD
Ich habe mein schärfstes Glas auf und bemerke nichts.

SENTA
Nämlich die Mama weiß es gar nicht, heute früh ist eine anonyme Postkarte gekommen, daß sie den Papa auspfeifen werden – einen großen Skandal machen –

LOEWENFELD
Auf dem Papier!

SENTA
Ach, und der Papa ist so dumm.

LOEWENFELD
Die Riesen sind immer dümmer als die Zwerge.

SENTA
Wenn heut' Abend alles gut geht, bin ich ihn los.

LOEWENFELD
Wen meinen Sie, sind Sie los?

SENTA
Den Papa. Er hat seine Stellung, für den Chor wird ein Schreiber angestellt, hat Onkel Claus schon gesagt – ich habe keine Sorge mehr um ihn – und gar nicht mehr zu thun. Gar nichts mehr. Sogar seine Sorgen kann man lieb gewinnen. . .Ich möcht' Sie doch um was bitten. (Nimmt das Armband ab). Ich will das nicht tragen

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heute Abend – stecken Sie mir's ein. Man weiß doch nicht!

LOEWENFELD
(eine schwarze Brieftasche hervorziehend). Wegen dem vierblättrigen Glück? Mir thut es recht leid, daß ich es Ihnen nich schenken durfte.

SENTA
Von Ihnen hätte ich es nicht angenommen. Das ist ja eine neue Brieftasche?

LOEWENFELD
Die alte hab' ich fortgeworfen.

SENTA
Jetzt muß ich in den Saal.

LOEWENFELD
(hält sie fest). Jetzt müssen Sie hier bleiben. Fräulein Senta – ich hätt' Ihnen heute Abend so gerne was gesagt.

SENTA
(unbedacht hastig). Nein – sagen Sie mir's lieber nicht.

LOEWENFELD
(froh) Was?!

SENTA
(hält sich die Ohren zu) Nein, nein, nein!

LOEWENFELD
Das hilft Ihnen nichts, ich schrei' so laut, daß Sie mich durch zehn Händchen hören. Soll ich's

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nicht lieber leise sagen? (Er nimmt ihr eine Hand herunter und flüstert ihr etwas ins Ohr). – – Willst Du?

SENTA
Wollen – nicht –

LOEWENFELD
(sieht sie groß und traurig an). Nicht?

SENTA
(ihm überwältigt beide Hände entgegenstreckend.) Aber müssen – wenn Du mich so anschaust!

LOEWENFELD
(schließt sie in die Arme) Und mußt Du gern?

SENTA
Das war das Schreckliche, ich hab' immer nicht gewollt und hab' immer gemußt.

LOEWENFELD
Und hast Du gern gemußt – sag' doch?

SENTA
Dich lieber haben als meinen Papa? Gern auch noch? Nein! – Aber die Sünde! Ich weiß noch, gar nicht wie das Konzert ausgeht und verlob' mich! Denn jetzt bin ich doch verlobt, nicht?

LOEWENFELD
Jawohl, und ich wollt', ich wär' schon verheiratet.

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SENTA
(sieht Smith und Mina durch das Orchesterzimmer zurückkommen). O Gott, da ist ja schon was passiert. Die Mama ist kreidebleich.

SMITH
(entgegensprechend). Nichts, nicht, Kinnings, Fenster auf, Stuhl hin –

LOEWENFELD
(reißt das Fenster auf).

SENTA
(trägt einen Stuhl hin). Was ist der Mama –

SMITH
So'ne bannige Hitze, so'ne miserable Ventilation!

MINA
(hat sich ans Fenster gesetzt) Thut mir den einzigen Gefallen und kümmert Euch nicht um mich. Geht Ihr nur hinein, laßt mich ruhig hier sitzen. Ich kann's drin nich aushalten, ich merk's, das Licht und das Geschwirr, und grade die ganzen Kritiker hinter uns –

SMITH
(nimmt Loewenfeld bei Seite, während Senta sich mit ihrer Mutter beschäftigt). Allein lassen is nich, lieber Freund. Die Frau vergeht uns vor Bange. Ich muß die Aufführung hören, Sentachen auch, an Ihrem unmusikalischen Döskopp ist nichts verloren. Bleiben Sie hier, bringen Sie die Frau über die Zeit hinweg, zeigen Sie sich von der schönsten Photographierseite. (Zu Senta) Kommen Sie, Fräulein

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Maiglöckchen – und wo steckt denn der Lausbub' erster Güt mit Eichenlaub?

SENTA
Der wird schon im Saal herumzappeln, der setzt sich nicht.

SMITH
Den schicken wir als reitenden Kurier hin und her. (Mit Senta ab ins Chorzimmer, dessen Thüre er schließt)

LOEWENFELD
(nimmt sich einen Stuhl zu Mina). Regnet es nicht auf Sie herein?

MINA
Ach, die paar Tropfen thun meinem Gehirn wohl. (Mit einer Handbewegung an sich herab.) Und meiner Pariser Robe von vor der Sintflut . . .

(Kleine pause)

LOEWENFELD
Fräulein Senta ist heut' Abend ganz reizend.

MINA
Das neue Kleid. Sie hat ja nie was anzuziehen gehabt. Ist immer dahergekommen wie eine ausgewachsene Giraffe.

LOEWENFELD
Vor allem ist sie so viel feiner als die anderen jungen Damen.

MINA
Zu fein. Ich bin gar keine blinde Mutter. Jetzt ist sie schon so alt –

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LOEWENFELD
Alt? Zweiundzwanzig?

MINA
Vierundzwanzig, geschlagene vierundzwanzig.

LOEWENFELD
Das läßt sich auch noch ertragen. Besonders wenn man aussieht wie achtzehn.

MINA
Und doch hat sich noch nie jemand ernstlich für sie interessiert.

LOEWENFELD
Sind Sie das sicher?

MINA
Ganz sicher, das hätte ich doch sofort bemerkt. Ich begreif's auch. Das sanfte Wesen ist nicht jedermanns Geschmack. Mich gemahnt sie, wenn ich sie anschaue, an eine Mimose oder Hopfenstange –

LOEWENFELD
Oder an die Heiligenbilder, von denen man sagt, daß die Alten sie nur auf den Knien gemalt haben.

MINA
Wenn Sie nicht als guter Freund, sondern als junger Mann reden sollen – gefällt sie Ihnen?

LOEWENFELD
Gefallen?!

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MINA
Sehen Sie?

LOEWENFELD
Wenn aber mal einer käme – ein Zufall –

MINA
Setzen möcht' ich mich nicht auf den Zufall. Ich würde jedem abraten. Hat nichts, und ist als Hausfrau durchaus nicht perfekt. Weincrême macht sie immer zu fest.

LOEWENFELD
Das ist so was Weiches, was zittert? Mag ich überhaupt nicht.

MINA
Bei ihr zittert's eben nicht! Wenn ich mir mit meinem dämmerigen Verstand zehnmal sage: Das größte Glück, wenn man sie versorgt hätte – ich wär' doch einen fürchterliche Schwieg – nein, das Wort haß' ich. Die Augen könnt' ich ihm schon jetzt auskratzen, der mir mein Kind wegnehmen will – der Straßenräuber. Warten Sie nur, bis Sie eine Tochter haben.

LOEWENFELD
Hm – wenn ich eine Tochter hätte, würde ich mir den verehrlichen Freier allerdings sehr genau ansehen. Ich würde ihn in ein Verhör nehmen, und zu einem Arzt müßte er gehen, zu meinem Vertrauensarzt, und Erkundigungen würde ich über ihn einziehen – und dann würde ich ihm meine Tochter nicht geben.

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RICHARD
(steckt den Kopf zur Thüre herein.) Mama, eine wirkliche Hoheit ist da, mit einer Riesenschleppe dran.

MINA
Ist es denn schon angegangen?

RICHARD
(die Thüre wieder zuklappend). Schon längst!

MINA
(steht auf, geht um den Tisch herum). Angegangen – und ich sitze da in meiner Pflichtvergessenheit. Soll ich doch – wenn ich nur was helfen könnte. Aber die hundert wildfremden Gesichter – und die hämischen Bemerkungen, wie ich vorhin eine hören mußte – ,,was Hänschen nicht lernt" – (stößt einen kleinen Schrei aus und fährt mit dem Kopf zurück). Der Richard – der Richard!

LOEWENFELD
(der bei Richards Erscheinen einen ärgerliche Bewegung gemacht hat und aufgestanden ist). Was? Da fliegt ein Nachtschmetterling.

MINA
Nun ja, das Gewürm kommt alles vom Richard. Pfui, was für ein häßliches dickes Tier – grad' wie ich.

LOEWENFELD
Er ist ins Licht, er wird sich die Flügel verbrennen.

MINA
(auf die Stange deutend). Da – da hockt er.

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LOEWENFELD
(fast ihn sorgfälltig und wirft ihn zum Fenster hinaus).

MINA
(ihm zuschauend). Das erinnert mich, wie Sie bei unseren Spaziergängen in Mühlthal immer die Waldschnecken vom Fahrweg getragen haben, damit ihnen nicht passiert. Und die eigensinnigen Tiere sind immer wieder zurückgekrochen. Ich möchte eigentlich wissen, warum Sie mit Ihrem Naturell sich nicht taufen lassen. Schinken essen Sie ja.

LOEWENFELD
Wenn es nur darauf ankäme –

MINA
(errötend). Ich meine – Sie machen sich überhaupt nicht viel aus Ihrem – Orientalentum.

LOEWENFELD
Nein. Es ist ein Geburtsfehler.

MINA
So werden Sie ihn doch los.

LOEWENFELD
Das wäre ein Charakterfehler.

MINA
– – Wenn ich nur nicht immer bei ,,Jude" an die Kreuzigung denken müßte.

149
LOEWENFELD
Da kann ich mein Alibi beweisen. Erst mehr als achtzehn Jahrhunderte später bin ich an den Thatort gekommen, auf diese schöne Erde, wo –

MINA
(muß lachen). Gott, es ist wahr, wenn man sich den Blödsinn klar macht –

RICHARD
(schaut wieder herein) Mama, nach dem Dignare war ein großes Gemurmel, als ob es den Leuten sehr gefallen hätte.

LOEWENFELD
(der gerade an der Thüre steht, erwischt ihn einen Augenblick am Ärmel und flüstert ihm schnell zu:) Nicht mehr kommen!! (Schiebt ihn hinaus und schließt)

MINA
(setzt sich am Tische nieder, wieder ganz erblaßt und die Hände faltend). Das kann gerade so gut das Gegenteil bedeuten. Und mein Mann darf nicht davonlaufen!

LOEWENFELD
Das ist nicht seine Art. Ihre auch nicht.

MINA
Aber da kenn Sie mich schlecht. Auf der Stelle. Früher vielleicht nicht. Aber jetzt bin ich müde geworden und habe eine solche Sehnsucht nach Ruhe. Wieder ein Stückchen Hoffnung abbröckeln und wieder ein Stückchen – es ist viel leichter, glauben Sie mir, sich im großen als im

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kleinen zu ergeben. Mir mit ansehen, wie der Mann alt wird – heut' früh beim Haarschneiden hab' ich drei weiße gefunden.

FRÄULEIN GANTER
(stürzt aus der Chorgarderobe herein.) Ich sing' nicht mehr mit, ich sing' nicht mehr mit!

MINA
(auffahrend) O – ist was passiert?

GANTER
Was verlangen Sie denn alles, Frau Kapellmeisterin, wenn man bei Ihnen um Gottesbarmherzigkeit willen mitsingt?

MINA
Ich weiß nicht – verlangen – wir sind so dankbar –

GANTER
(vor Zorn immer gewöhnlicher sprechend) Nix weiter als ein weißes Kleid und ‘n Rosenkranz aufsetzen, meiner Seel! Gleich zu Anfang hab' ich's gemerkt, daß sie mich hinterdrucken, die jungen Gischperl'n, gut, denk' ich, druck' ich vor und hab' meinen Platz behauptet. Und wie ich jetzt glücklich ganz vor bin, sagt mir die g'schnappige Elsässerschleifen: die Fräulein Senta hat angeordnet, die Jungen und Hübschen in hellen Kleidern sollen in der ersten Reihe stehen, damit es ein schönes Bild giebt! Ein Bild giebt! Schauen sich die Idee an! Ich sollt' meinen, erst

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müßt' es einen guten Gesang geben, und da bin ich grad' so viel wert, wie das schönste Bild!

MINA
Liebes Fräulein, ich bitte Sie, verlassen Sie nicht grade zum Schluß –

GANTER
(immer erboster) Wenn ich überhaupt gewußt hätt', was das für eine Aufführung wird – gar nie wär' ich Ihnen beigegangen. Das ist gar kein Te Deum, das ist eine Operette, da merkt man, wo der Herr Kapellmeister die vier Wochen gesteckt hat und wofür er's Talent hat. Hab' ich Ihnen nicht gesagt, gemütlich, gemütlich soll er's nehmen im Tempo, und der – ! Ja, das geht nur so dahin, wie's Velocipedfahren!

MINA
Aber in der Generalprobe sagten Sie doch –

GANTER
Schauen Sie nur das Publikum an – wie die Opferlämmer, von denen keins eine Hand rührt, die Prinzessin bringt den Fächer gar nicht mehr vom Mund weg vor Gähnen –

LOEWENFELD
(an sie herantretend) Mein Fräulein, ich habe das Unglück, nicht von Ihnen gekannt zu sein –

GANTER
(ohne ihn zu beachten) Und das muß ich Ihnen schon

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noch sagen, wenn ich gewußt hätt', daß Sie mir nur vier Freikarten gaben, von denen zwei in der vorletzten Reih' sind – was meinen Sie denn, was die Frau Metzgerin, meine Hausfrau, gewohnt ist? Die hat Geld grad' genug, um sich zehn Reservierte zu kaufen.

MINA
(vor Nervosität fast weinend) Ich hätt' Ihnen ja am liebsten hundert gegeben, wenn ich nur meine Ruhe hätte, meine Ruhe –

GANTER
Das könnt' jeder sagen! Ich bin gewiß immer höflich und feinfühlig, auf so jemand nimmt man ganz andere Rücksichten. Na, ich gratulier' Ihnen auch zu der Blamage heute Abend!

LOEWENFELD
(stellt sich zwischen sie und Mina) Doktor Loewenfeld (unterstrichen), Verteidiger. Wollen Sie noch mitsingen?

GANTER
(höhnisch) Ich hab' ja kein weißes Kleid an –

LOEWENFELD
(energisch) Wenn Sie nicht mehr mitsingen, werden Sie den Wunsch haben, nach Hause zu gehen. (Auf das Chorzimmer weisend) Ich vermute, daß Ihre Garderobe dort ist – bitte.

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GANTER
Ja, was wäre denn das, Sie wollen mich hinauswerfen –

LOEWENFELD
Kommt ganz darauf an.

GANTER
(an der Thüre, nach Frau Kron hinüber) Einen schönen Dank von Ihnen hab' ich mir eingebrockt, aber's wird Ihnen schon vergolten werden, Frau Nachbarin, so läßt der Herrgott nicht umspringen mit seinen Beichtkindern, und meiner Schutzpatronin werd' ich mal ein Wört. von Ihnen erzählen, der heiligen Anastasia! (Ab)

LOEWENFELD
Sie haben sich durch die alte Kreuzspinne doch nicht aus der Fassung bringen lassen – Spinne am Abend –

MINA
(ganz außer sich) Aber sie hat eine ausgezeichnete Altstimme und ist sehr musikalisch – wenn sie behauptet, daß es schlecht geht –

LOEWENFELD
Liebe Frau Kron, wenn Sie nicht so aufgeregt wären, würden Sie einfach sagen, das ist eine gekränkte Leberwurst.

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MINA
(sinkt auf den Stuhl) Und soll denn da einer nicht aufgeregt sein – ich geh' heim und sperr' mich in mein Zimmer und will von nichts mehr was wissen – ich kann's nicht mehr ertragen – wenn ich doch so einen schwachen Kopf habe –

LOEWENFELD
(faßt ihre beiden Hände) Aber ein so starkes Herz.

(Man hört außerhalb Thüren aufreißen, Geräusch von Schritten.)

MINA
(aufhorchend) Hören Sie?

LOEWENFELD
(macht einen Spalt der Thüre des Chorzimmers auf, man vernimmt deutlich schwachen Applaus und starkes, anhaltendes Zischen. Er schließt wieder.) Lassen Sie mich vorausgehen, bitte, Frau Kron.

MINA
(ist aufgesprungen, läuft an die Thüre und reißt sie ganz auf) Nein, ich muß selber –

(Man sieht durch die geöffneten Thüren des Chor- und Orchesterzimmers die Chormitglieder aus dem Konzertsaal hereindringen unter dem Getöse starken Applauses und starken Zischens.)

LOEWENFELD
Bleiben Sie hier – ich bitte Sie –

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MINA
Sie zischen ihn aus – meinen Mann – ich will zu meinem Mann – ich will bei ihm sein –

LOEWENFELD
Sie können doch nicht gegen diese Menschenmenge –

MINA
Ich will zu meinem Mann – ich werd' ihn doch nicht allein lassen, ich muß zu ihm – (Sie drängt ins Chorzimmer, Loewenfeld ihr nach) Bitte, lassen Sie mich durch, ich muß zu meinem Mann.

CHORMITGLIEDER
Sie können nicht durch, Frau Kron, das ganze Orchester kommt eben herunter – (Unterdessen ist der Applaus immer stärker, das Zischen immer schwächer geworden, man vernimmt deutlich den Ruf:) Kron! Kron!

LOEWENFELD
(führt Mina an den Tisch zurück) Es ist nicht möglich – und – hören Sie nur – es ist auch nicht nötig. Nun kann ich mich doch beruhigen, daß es auf meine zwei Handflächen nicht mehr ankommt. Wieder überflüssig.

(Gesteigertes Beifallsrufen und lang anhaltender Applaus, der nach einer letzten großen Steigerung abbricht.)

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MINA
(sitzt am Tisch, beide Hände vor dem Gesicht, zwischen den Fingern laufen ihr die Thränen herunter.)

SENTA
(atemlos, glühend, drängt sich herein) Mama, hast Du gehört, Mama? Dieser Erfolg! Und wie! (Umarmt und küßt Mina) O, Mama, wein' nicht! (Sie fängt selbst zu weinen an)

SMITH
(ist langsamer nachgekommen) Das war kein Erfolg, das war ein Triumph. Und das Bißchen Radauzischen hätt' sich gar nicht schöner hineinarrangieren können.

MINA
(kaum hörbar) Hat er's gut gemacht?

SMITH
Wer als Dirigent ward geboren – und den Deibel hat er im Leib.

RICHARD
(stürzt herein, immerfort applaudierend) Mama, die Hoheit hat sich ihm vorgestellt – und hast Du den Kranz gesehen? Wo ist denn der Kranz? (Stürzt wieder nach dem Saale.)

(Kron erscheint ganz rückwärts, die Mitglieder des Chores und Orchesters umdrängen ihn, nochmals in fröhlichen Applaus

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ausbrechend: Hoch, Herr Kapellmeister! Hoch, Herr Kron! Alles schüttelt ihm, während er langsam nach vorwärts kommt, die Hände.)

KRON
Habt Eure Sache brav gemacht, recht anständig –

VIELE AUS DEM CHOR
Wir freuen uns schon, wenn die Proben wieder angehen!

KRON
(ins Künstlerzimmer eintretend) Ja, jawohl, verkältet Euch nicht auf dem Heimweg.

MINA
(ist aufgestanden und ihm entgegengegangen) Peter, bist Du zufrieden?

KRON
(ohne sie zu beachten auf Smith zu) Wütend bin ich! Was sagen Sie zu der Pauke? Bringt der Kerl den zweiten Schlag nicht! Ich gebe ihm das Zeichen – so – deutlicher kann man gar nicht mehr sein –

SMITH
Ach, deshalb haben Sie so wild mit dem Kopf geschüttelt! Was liegt denn daran, bei einer Aufführung, die sonst –

KRON
(wirft sich auf einen Stuhl, trocknet sich die Stirne) Mein Paukenschlag, mein zweiter Paukenschlag!

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RICHARD
(schleppt einen riesigen Lorbeerkranz mit roter gedruckter Schleife herein. Hinter ihm kommt Frau von Schebalski.) Da Papa!

KRON
(noch wütender) Thu' mir das grüne Zeug weg! Geschmacklos! Eine Blamage! Umbringen könnt' ich den –

FRAU VON SCHEBALSKI
O, Maestro! Gnade!

KRON
Das sieht Ihnen ähnlich, die Modefexerei.

FRAU VON SCHEBALSKI
Aber ich habe mit zwei Kritikern neben mir kokettiert – sie sind ganz enchantés von der Aufführung. (Spricht mit Mina und Loewenfeld)

KRON
Sind sie? Ich nicht!

SENTA
Papa!! Schrei es wenigstens nicht so laut. Geh', wir waren alle so glücklich!

KRON
Ihr!

SMITH
Nu snaken Sie man nich! Eine Prachtaufführung!

BRUMMER
(hat sich mit verschiedenem anderen Publikum, das teilweise

159
durch die Treppenthüre abgeht, hereingedrängt, hinter ihm Gisela in prachtvoller Konzerttoilette. Er schüttelt Kron kräftig die Hand.)
Grüß Gott, Herr Kapellmeister, wollt' Ihnen nur sag'n, unser neuer is no schlechter, und Ihren damischen Erfolg bring' i glei' morg'n in mei Couplet. Die Heiligengeigerei, die ham S' los, fest hab'n S' einipelzt, und die hundert Kinderstimmerln zum Schluß, die ganz' Dorfkirch'n is mir eing'fall'n, wo i amal mitg'sung'n hab'.

GISELA
(tritt rasch auf Senta zu, die gerade allein steht, und überreicht ihr einen großen Blumenstrauß) Ich möcht' nur die paar Blümerln, bitte – wenn Sie's annehmen wollten – es war wunderscheen – aber was am scheensten, war Ihr lieb's G'sichtl – ich hab's die ganz' Zeit ang'stiert – (bewegt) bleib'n Sie g'sund.

SENTA
Darf ich nicht fragen, mit wem –

GISELA
(hat schnell Brummers Arm genommen und verschwindet mit ihm im Gedränge)

MINA
(angstvoll vor ihm stehend) Peter – wie war es?

KRON
(erhebt sich) Ja so. Die dicke Mama. Also. Es war eine sogenannte anständige Leistung und die hab' ich mein Lebtag nicht ausstehen können. Aber

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meinen Paukenschlag muß ich haben, meinen zweiten Paukenschlag! Herr Schmidt, im Herbst führen wir es gleich nochmals auf.

SMITH
Natürellemang. (Er spricht mit einem Diener)

RICHARD
(hat zum Fenster hinausgesehen) Unser Wagen mit unserm Diener ist da! Mama, jetzt giebt's Eis!

(Er bepackt sich mit der Partitur, dem Lorbeerkranz und dem Bouquet und tanzt vergnügt hinaus)

(Senta und Loewenfeld haben eifrigst mit einander getuschelt, während sie den Mantel und er seinen Überzieher umnimmt.)

SENTA
Ich halt's nicht aus, ich muß es gleich sagen.

LOEWENFELD
Nein, ich will es sagen.

SENTA
Nein, ich will es sagen. (sie haben sich an den Händen, beide auf Mina zu)

SENTA
Mama, ich hab' mich mit ihm –

LOEWENFELD
(gleichzeitig) Mama, wir haben uns –

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MINA
(erratend, stößt einen Schrei aus.) O! – Mir wird schlecht! Peter!

KRON
(hört nicht, zu Smith) Nun werd' ich Ihnen mal die Fehler der Aufführung gründlich auseinandersetzen.

MINA
(auf ihn zu) Peter, hör' mich nur –

PETER
Laß mich in Ruh', sag' ich Dir, ich weiß schon, was Du willst.

MINA
Nein, Du weißt es nicht –

PETER
Desto besser. Ich will's überhaupt nicht wissen. Jedenfalls nicht vor dem Essen.

MINA
(verzweiflungsvoll zu Loewenfeld) Ja, wofür haben denn Sie Ihren Mund?

LOEWENFELD
Ja, wahrhaftig – (giebt Senta lachend einen Kuß und läuft mit ihr hinaus. Der Diener dreht im zweiten Zimmer das Gas aus.)

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PETER

(hat einen Blick hingethan) Ach so? Geh' doch mit ihnen, Mina, das schickt sich. (Er schiebt sie zur Thüre hinaus, zu Smith, während der Diener kommt.) Überhaupt, was ich Ihnen vorhin schon gesagt habe – es muß was drin sein – es muß was rauskommen – das ganze irdische Moll und himmlische Dur . . . aus einem Te Deum! (Der Diener hat den Tritt hereingebracht, tritt zwei Stufen hinauf und dreht das Gas aus, während Peter und Smith hinausgehen.)

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