Act 4

Submitted by ssEditor on Thu, 2010-05-06 22:16

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Main Title: 

VIERTER AKT

Elegantes Hotelzimmer, mit grünen Sammetmöbeln in Ebenholzfassung eingerichtet. Mittelthüre nach dem Korridor. In den abgeschrägten Ecken rechts das Fenster, links die Thüre zum Schlafkabinett, daneben ein Rohrplattenkoffer und eine elegante Reisetasche aus Krokodilleder. Rechts vor dem Kamin eine schräg gestellte Ottomane, Marmortischchen, auf dem Loewenfelds Hut liegt, Lacksessel. Links vorne ein großer, länglich viereckiger Tisch, in buntem Durcheinander beladen mit Schreibzeug, Schreibmappe, Papieren, Bädeker, Reichskursbuch, englischen Zeitungen, Cigarrenkisten und Cigarettenschachteln, Aschenbecher, ein Spirituslämpchen, einen Chinesen aus Bronce darstellend, dem die Flamme aus dem Munde brennt, dazu gebrauchte Kravatten und Handschuhe. Auf einem Brett Weinflaschen und Gläser.

LOEWENFELD
(sitzt rechts vom Tisch, sieht verschiedene Papiere durch, die er in eine schwarze Aktenmappe auf seinen Knieen schiebt)

SMITH
(sitzt links in einem Lehnstuhl, eben ein Kontraktformular unterschreibend)Man Schluß? Hoff' ich!

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LOEWENFELD
(das Blatt entgegenehmend und die Unterschrift mit der Löschrolle überdrückend) Letzter Kontrabaß – jawohl. Das Orchester ist engagiert. Fehlt nur der Kapellmeister.

SMITH
(legt die Feder weg)
Das Schreiben ist mir heute noch ebenso zuwider als in der Melveroder Schule. Ich habe in Ihrem Krähwinkelherald annociert, daß ich einen englischen Sekretär suche auf zwei bis drei Stunden täglich. Hoffentlich nicht ebenso schwer aufzutreiben wie ein Rechtanwalt mit englischen Kenntnissen. (Erst auf die Flasche, dann auf die Cigarrenkiste weisend.)
Wein oder Weib?

LOEWENFELD
Bitte um die Dame –

SMITH
(hält ihm in einer hand die Cigarrenkiste, in der andern ein Etuis mit Bernsteinspitze hin). Pick out – wollen Sie diese Cigarrenspitze einweihen?

LOEWENFELD
(nimmt die Spitze, betrachtet sie). Zu feines Fabrikat für mich. Ich fürchte, sie nicht in unversehrtem Zustande zurückzugeben –

SMITH
Behalten! Selbstverständlich!

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LOEWENFELD
Mit Vergnügen. Bitte zu bemerken, daß ich mich nicht bedanke, da ich bereits aus Erfahrung weiß –

SMITH
(sich ebenfalls eine Cigarre anzündend) Daß ich Redensarten nicht riechen kann. Sie Duckmäuser! Zu seines Fabrikat? Die Wiener Stiefelchen, die neulich Abend mit Ihnen in die Droschke eingestiegen sind? War man kein feines Fabrikat?

LOEWENFELD
(mit einem Nasenrümpfen)Nee! Aber – de mortuis nil nisi bene.

SMITH
Sah recht brenzlich aus.

LOEWENFELD
Sie wittern das Böse wie ein Untersuchungsrichter.

SMITH
Abersten! Böses? Stramm wie ein cowboy, leidliches Ladenschild –

LOEWENFELD
Na, ich hätte ganz gern zehn Mark mehr für mein Gesicht angelegt, leider war gerade ausverkauft.

SMITH
‘n Pogge sind Sie nicht, und verstehen sich auf gute Bissen.

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LOEWENFELD
O ja – wenn nicht der Nachgeschmack wäre.

SMITH
Wie alt ist das Küken? Dreiunddreißig? Und redet von Nachgeschmack? Da warten Sie man, bis Sie in die vierzig kommen und so die angrenzenden Ländereien. Mein Herz war wie ein Stachelschwein, viel hundert Pfeile saßen drein. Die Stacheln fallen aus mit den Haaren. Halten sich ‘ran, solange Erntezeit ist.

LOEWENFELD
Aber wenn man ein paar Jahrgänge zurückblättert, ist man unangenehm überrascht. Tant de bruit pour –

SMITH
(einfallend) deux stiefelettes.

LOEWENFELD
Ganz richtig. So teuer zahle ich die Reue nicht, sagte der alte Grieche und ging heim. Man zahlt das Puppenspiel wirklich zu teuer. Vor lauter Liebeleien traut man sich schließlich nicht mehr die Fähigkeit zu, zu lieben.

SMITH
Sind Sie aus einem Band Bret Harte entsprungen? Jack Hamlin, der gefühlvolle Spielteufel oder der Goldgräber als reuiger Babyvater. Sehr schön – aber man nicht wahr.

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LOEWENFELD
Ich habe meine Mutter zu früh verloren.

SMITH
Doktor, Doktor, nu wird's destig. Wenn ein Deutscher mit seiner Mutter anfängt, dann hört er mit seiner Braut auf.

LOEWENFELD
O! Damit geht's mir wie mit der Seelen Unsterblichkeit. Es wäre mir eine höchst angenehme Überraschung – aber ich glaube nicht daran. Ich bin verwöhnt durch das Junggesellentum. Ich fürchte, daß ein Hausstand mir nicht alle meine Sonderinteressen läßt. Meine Kanzleiwände hören's alle Tage in Scheidungsangelegenheiten: Heiraten – Geld brauchen.

SMITH
Dampfen Sie ‘nüber, holen sich man ‘ne ordentlich Reiche. Giebt schon so Paradiesvögel.

LOEWENFELD
Die Paradiesvögel – singen nicht. (Ablenkend) Wann denken Sie die Kapellmeisterfrage erledigt zu haben?

SMITH
Fünf Tage, sechs. Time – Sie wissen schon. Vielleicht fahre ich morgen Abend nach Leipzig zur persönlichen Beaugapfelung.

104
LOEWENFELD
Ob Sie nicht hier eine entsprechende Persönlichkeit gefunden hätten?

SMITH
Hier? Nein. Ich habe mich genau erkundigt bei den maßgebenden Akademiespitzen und bei meinen Geschäftsfreunden. Hieß: Zweites Orchester – tiefgefühltes Bedürfnis, junge Musiker notieren billig, Kapellmeister first rate müßte von auswärts verschrieben werden – Erfolg gesichert.

LOEWENFELD
Bei entsprechenden Fonds –

SMITH
‘ne gute Hand voll Kapital muß daran gewagt werden. Über kurz oder lang entschließ' ich mich ja doch, die alte Mrs. Germania wieder zu meiner Haushälterin zu machen und dann will ich was zu ackern haben. Hier soll nur der Anfang sein. Große Organisation durch so und so viel Musikstädte, eigene Konzerthallen und was dazu gehört. So machen wir's in der neuen Welt. In Eurem alten Müllkasten fehlt's immer an Spekulation.

LOEWENFELD
Er muß trotzdem eine gewisse Anziehungskraft für Sie haben.

SMITH
Ja – zwei Gräber. Da soll das dritte auch

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dabei sein. Der deutsche Michel! Wird sich die Schwachheit nicht los. ‘s ist aber doch ein alter Müllkasten.

LOEWENFELD
Was würden Sie sagen, wenn dem alten Müllkasten plötzlich ein Ideenkonkurrent entstiege?

SMITH
Nicht möglich! Wär' mir nicht angenehm. Wer ist denn der schlaue Geschäftssuchs?

LOEWENFELD
Ein sehr unschlauer Musikante. Und zur Verwirklichung seiner Pläne fehlte ihm alles. Herr Kron.

SMITH
Das verrückte Huhn? Von dem hab' ich genug. Für alle Zeiten genug. Auf Ihre Empfehlung steige ich als friedfertiger Greis drei Treppen hoch, will ihm ‘ne Suppe zu verdienen geben und er macht sich schleunig zu meinem intimsten Feind. Für ‘ne Portion Wagner werd' ich keine Reklame von ihm verlangen, das kann er sich denken – lebhaft. Aber die kleinen Harmlosigkeiten gleich Musiksauerei zu nennen –

LOEWENFELD
Sei haben ihn auch in der allerunglückseligsten Stimmung getroffen. Er hatte im Augenblick seine langjährige Kritikerstellung verloren.

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SMITH
Wundert mich gar nicht. Ich hätt' ihn längst gedümpelt. Mit solchen Leuten ist nicht hausen. Weniger wie unser letzter Laufbursch – der Mann hat keine Ahnung vom Geschäft.

LOEWENFELD
Desto mehr von der Kunst. Und jetzt haben ihn die Verhältnisse gezwungen, die sehr unkünstlerische Stellung eines Kapellmeisters am hiesigen Volkstheater anzunehmen – denn er hat Familie.

SMITH
Hab' ich auch kennengelernt. Schöne Familie! Großer Bengel, der bewert, wenn er bis drei zählen soll, und das Jüngferchen wie ein ausgewaschenes Vergißmeinnicht. (Plötzlich, als ob ihm ein Licht aufginge) Oh so! Den Sack schlägt man und das Vergißmeinnicht meint man. Sie Krischahn. Stupid! (Steht auf).

LOEWENFELD
(schüttelt abwehrend den Kopf, gleichfalls aufstehend) She is too good to fall in love with.

SMITH
(ärgerlich herumgehend) Sie sind zu gut, mein Lieber, zu ‘nem Reinfall. Lassen Sie mich man in Ruhe mit den deutschen Mädels. Riechen nach Brot und Butter. Sie haben doch eher Geschmack an mixed pickles. So ‘ne Lizzi oder Hetty – das sind

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Krabben. Die wissen doch, warum ihnen die Lichte im Kopfe angedeiwelt sind. Die heiraten den Mann und schicken ihn auf den Markt und er ist zehnmal glücklicher als mit so ‘ner Milchsatte. Das ist klar Wasser!

LOEWENFELD
Von ein Fuß Tiefe.

SMITH
Den Momang möcht' ich erleben, daß Sie nicht den letzten Trumpf haben. Sie sind ein –

LOEWENFELD
Rechts-Anwalt.

SMITH
Eine verliebte Blindschleiche sind Sie.

LOEWENFELD
Verehrter Herr Smith, Sie alterieren sich ganz überflüssig. Wenn ich einmal möchte, das Fräulein möchte zweimal nicht. Denn da ich den vorsätzlichen Eigensinn hatte, als Jude geboren zu werden –

SMITH
Lebt das auch noch? In dem Unsinn wird auch noch ‘rumgepötert? Dann soll sie sich man begraben lassen! Mit einem Pastorenbäffchen im Herrn und einem Viertelsmann daran verehelichen. Dummes Göhr!

LOEWENFELD
Mein Herr Gegner unternimmt eine Beweisführung, ohne die Akten genau studiert zu haben.

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SMITH
Ich will Ihnen Beweis führen, daß sie genasführt –

LOEWENFELD
(humoristisch bedauernd) Groß genug wäre sie dazu.

SMITH
Und, lieber Freund, ein Mädchen aus einer Künstlerwirtschaft heraus, Zigeunerwirtschaft! Mulstriges Brot in den Schiebladen und, wenn's mal is, die Nacht durchchampagnisiert.

LOEWENFELD
Mit Gänsewein vielleicht! Sie erfinden sich lauter Belastungsmomente und sie sind für diese Familie sehr schlecht erfunden.

SMITH
Also die reinen Wunder-Ausnahms- und nie dagewesenen Leute!

LOEWENFELD
Es sind keine Leute. Es sind Menschen. Ich rechne Sie auch zu dieser seltenen Species und behaupte, daß Sie bei näherer Bekanntschaft –

SMITH
(sieht ihn durchdringend an) Sie Durchtriebener, den Prozeß gewinnen Sie nicht. Da hinaus geht die

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trace? Raus aus dem Volkstheater und rin in mein Orchester? Kann ich Gedanken lesen?

LOEWENFELD
Ich hab's Ihnen nicht schwer gemacht. Und ich hoffe auch ferner mit Ihnen zufrieden zu sein.

SMITH
Hoffen Sie man! Ich fühle nicht die leiseste Moralische, aus Ihrem Mann da was zu machen. Self made! Straßenkehren, wenn es sein muß – sohab' ich angefangen.

LOEWENFELD
Straßenkehren würde den Fähigkeiten Krons immer noch mehr entsprechen als –

SMITH
Stop! Fähigkeiten! Was wissen Sie von seinen Fähigkeiten? Sind Sie musikalisch?

LOEWENFELD
Ich bekenne, ich bin schon in der Volksschule aus jeder Singstunde hinausgeworfen worden.

SMITH
Und Sie empfehlen mir einen Kapellmeister. Unverschämt – wenn's nicht so naiv wäre.

LOEWENFELD
Es ist weder so unverschämt noch so naiv als es aussieht. Mein Beruf hat mir zwar kein Gehör,

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aber einige Menschenkenntnis beigebracht. Kron ist durch und durch Musiker. Probieren müssen Sie's mit jedem. Warum nicht mit ihm gerade so gut wie mit einem anderen? Sie sollen aus natürlicher Anlage und aus – geprüftem Herzen schon viel Gutes gethan haben –

SMITH
(macht eine unwillige Bewegung)

LOEWENFELD
Ich sage das nicht als captatio benevolentiae. Denn ich für meine Person finde nichts so-Besonderes darin, wenn einer durch seine größeren Güter zu größerer Güte bestimmt wird. Auf eine mehr oder weniger kommt's Ihnen doch nicht an – und diese gute That wäre wirklich – ein Te Deum.

SMITH
(steht vor ihm, seinen letzten Worten einem nach dem anderen zunickend) Plaidieren Sie nur weiter. A: Ich bin keine gute Haut. B: Ich habe so viel Sprirtus, um zu wissen, daß eine erste Blamage das ganze Unternehmen liefern kann. C: Ich verzichte auf Ihre Rettungsmedaille. Und morgen Abend fahre ich nach Leipzig.

LOEWENFELD
(setzt seinen Hut auf) Morgen? Darf ich mich inzwischen noch mal sehen lassen?

SMITH
Ein für allemal mein Gast zur Table d'hôte.

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LOEWENFELD
Ich rate Ihnen ab. Wenn Sie morgen mit mir beisammen sind, fahren Sie nicht nach Leipzig.

SMITH
Klönen Sie, bis Sie schwarz werden. Ich fahre.

(Beide stehen an der Thüre)

LOEWENFELD
Und wenn ein Eisenbahnunglück –

SMITH
Kommen sie man unter keinen Schlitten!

LOEWENFELD
(ab)

SMITH
(hat die Thüre hinter ihm mit einer Hand offengehalten und ruft einem eben vorübergehenden Kellner zu) He! Garçon!

KELLNER
(tritt ein) Befehlen?

SMITH
Irgend ein Wasser. Was haben Sie denn?

KELLNER
Diverse Selters – Apollinaris –

SMITH
Apollinaris. Ist besser für die Verdauung. Und das Tagblatt von heute Morgen hab' ich noch nicht bekommen.

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KELLNER
Sofort.

(Es klopft sehr schüchtern)

SMITH
Come in. (Da niemand eintritt) Schauen Sie mal hinaus, wer –

KELLNER
(öffnet die Thüre)

(Richard steht draußen, Hut in der Hand, Musikmappe unterm Arm, blass vor Verlegenheit und nicht wagend, einzutreten.)

SMITH
(erstaunt)
Der Naturforscher! Nur näher.

RICHARD
(sehr beklemmt) Guten Tag.

SMITH
(zum Kellner) Hat Zeit mit dem Wasser – warten Sie, bis ich klingle.

KELLNER
(ab)

SMITH
(giebt ihm die Hand) Herr Richard Löwenherz! Warum treten Sie denn nicht ein, wenn Sie sich doch zum Anklopfen entschlossen haben?

RICHARD
Es hat niemand herein zu mir gesagt.

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SMITH
(sich besinnend) So? Na! (Indem er Richard an den Tisch führt) Hinsetzen und nicht so bange sein und sagen, warum man gekommen ist.

RICHARD
(leise und unsicher) Ich hab' mir was ausgedacht –

SMITH
(hält die Hand hinters Ohr) Bischen mehr Brustton, bitte. Habe Watte in den Schönheitsmuscheln gegen zug und sonstige Unglücksfälle.

RICHARD
(schiebt den Hut auf der Tischkante hin und her, würgt schließlich aus sich heraus) Wir sind sehr unglücklich.

SMITH
Alas! Hat sich ein Schmetterling das Bein gebrochen?

RICHARD
Es ist nichts mit dem Te Deum.

SMITH
(nachdrücklich mit Rückerinnerung) Nein, Herr Doktor, nein. (Zu Richard) Nichts mit dem Te Deum. Was liegt daran?

RICHARD
In der Klasse haben sie mich alle gefragt und spöttische Gesichter gemacht, und der Kohn hat gesagt, der Papa hätt' es nicht können.

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SMITH
Und Dein Gegenbeweis?

RICHARD
Verhauen hab' ich ihn.

SMITH
Schlagend. Weiter?

RICHARD
Und die Senta hat an den ganzen Chor Postkarten schreiben müssen, daß er nicht mehr existiert Nachdem sie sich so um jeden Herrn geplagt und den Winter beinah' tausend Postkarten geschrieben hat. Und das Schlimmste – nun werden Sie mich ganz verachten – der Papa dirigiert Possen.

SMITH
Die Art Musik macht den Meisten mehr Vergnügen, als ein Te Deum. Mir auch.

RICHARD
Er ist aber ganz verkränkt vor Kummer, wenn er auch kein Wort darüber sagt, und so unfein sind sie im Theater. Die zweite Violine kratzt und das Cello hat kein Taktgefühl, und mit dem Tenor hat er sich schon einpaarmal gezankt, weil der immer nur am Soufleurkasten singen will. Sie thun ihm noch ‘mal was an. Wir schauen auch immer nach in den Proben.

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SMITH
Muß einen recht günstigen Eindruck machen. Nur versteh' ich nicht, warum Du mir das allens erzählst. (Richard scharf beobachtend) Ich kann Deinem Papa nicht helfen. Will auch nicht.

RICHARD
Ich hab's auch nur erzählt, weil mir's so weh' thut. Und darum haben wir uns vor ein paar Tagen was ausgedacht. Wir haben uns ausgedacht, ich und die Senta, wenn wir was verdienen, dann könnte der Papa die gräßliche Stelle wieder aufgeben. Für die ersten vier Wochen ist er nur auf Probier engagiert, er kann noch zurücktreten, aber nachher müßte er Kontrakt machen auf ein Jahr –

SMITH
Du willst was verdienen – wie denn?

RICHARD
(holt aus seiner Mappe geschriebene Notenhefte hervor) Weil Sie neulich gesagt haben, ich soll mich nur weiter anlehnen – Sie würden schon ganz gern ein Geschäft mit mir machen – und da hab' ich's mitgebracht.

SMITH
(nimmt und besieht die Hefte, in herzliches Lachen ausbrechend) Nu brat' mir einer ‘n Storch. Junge! Weiß jemand davon –

RICHARD
(tief gekränkt)
Niemand. So bin ich nicht. Das ist mein Geheimnis.

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SMITH
(auf eines der Titelblätter sehend) Was steht da? Zweite durchgesehene Auflage –

RICHARD
Ich bin dochheute die ganze Nacht augesessen mit Abschreiben und Verbessern.

SMITH
Jawohl, da können wir die Herausgabe gleich mit der dritten Auflage anfangen. Indeed.
(Blätternd) Wenn's mir aber – nicht gut genug ist?

RICHARD
Sie haben so schlechte Sachen in Verlag, sagt der Papa –

SMITH
Weiß! Ich kann mir aber vorgenommen haben, mich und meinen Verlag zu bessern und nur noch ganz gute Sachen herauszugeben. Sind Deine Sachen ganz gut?

RICHARD
(nach kurzem Kampf mit niedergeschlagenen Augen, sehr leise) Nein.

SMITH
(halb gerührt) Ach Jott – ich will Dir was Sagen. Anschauen werd' ich sie. Laß sie man da. Aber ich hab' eine andere Erleuchtung. Wir können ein Geschäft mit einander machen. Wo Du was verdienst, natürlich. Du hast doch große wissenschaftliche Sammlungen, hast Du mir erzählt? Die

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kaufe ich Dir ab – zum doppelten Katalogpreis. Was sagt Deine Näse dazu?

RICHARD
(steht auf, ganz blass) Meine – meine Sammlungen?

SMITH
Oder willst sie man nicht hergeben? So viel ist der Papa doch nicht wert?

RICHARD
Es ist nur – ich hab mir für neue Glaskästen gespart – ich esse keine Zehnuhrsemmel mehr – wenn die jetzt kommen –

SMITH
Kauf ich sie Dir ab, dazu, alles, Du darfst Dir gar nichts behalten, das weißt Du selbst, Sammlungen haben nur Wert, wenn sie vollständig sind.

RICHARD
Alles – kann ich – auf einmal gar nicht tragen.

SMITH
Gehste zweimal. Hierher bringst Du mirs – gleich. (Geleitet ihn zur Thüre) Ich zahle Dir sofort in neuen blanken Goldstücken – biste man nicht glücklich?

RICHARD
(seinen Schmerz verbeißend) O – sehr. (Ab)

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SMITH
(drückt auf die elektrische Klingel an der Thüre) Gutes Tierchen.

KELLNER
(klopft an und tritt ein, trägt ein Servierbrett mit Glas und Apollinariskrug auf den Tisch und entkorkt den Krug)

SMITH
(hat ihm die Zeitung sogleich abgenommen, während er unter den Annoncen sucht). Sagen Sie, was ist das hier, Volkstheater? Kein besonderer Genußplatz?

KELLNER
Feinst ist es nicht. Etablissement dritten Ranges.

SMITH
Augenblick. Hof-, Residenz-, Volkstheater. Morgen – Der Bettelstudent. Hm. Wissen Sie, wann der Nachtschnellzug nach Leipzig geht? (Er hat sich auf die Ottomane gelegt.)

KELLNER
Elf fünfundvierzig befehlen.

SMITH
(überlegend) Ende gegen halb zehn – komme ich längst mit. Besorgen Sie mir für morgen ins Volkstheater ein Billet, ersten Rang.

KELLNER
(geht)

SMITH
Sie können mir zwei – nein. Nur eines.

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KELLNER
(ab)

SMITH
(liest aus der Zeitung) Wished an english –

(Es klopft)

SMITH
Come in! (Will sich verbessern) Her–

SENTA
(öffnet bereits die Thüre) Good morning – (erkennt Smith, errötet tief und tritt einen Schritt zurück) Guten Tag.

SMITH
(der sich sofort erhoben hat, überrascht) Aber sehr guten Tag, mein verehrtes Fräulein. Was verschafft mir die Ehre?

SENTA
(aus ihrem Vistitenkartentäschen, das sie in der Hand trägt, die ausgeschnittene Zeitungsannonce nehmend). Ich wollte mich für diese Stelle melden. Auf der Expedition gab man mir den Namen des Hotels an und die Zimmernummer.

SMITH
Und Sie haben sich nicht weiter beim Portier erkundigt? Man bischen unvorsichtig für eine schöne junge Miß. Wenn ich nun nicht so ein alter Onkel, sondern ein schlanker junger Gentleman gewesen wäre?

SENTA
(nach einem Augenblick der Befremdung, einfach) Mir thut niemand was.

120
SMITH
(getroffen) You are right – (indem er sie zum Sitzen auf einen der Lacksessel nötigt) Ich schwätze manchmal ‘n rechten Blag.

SENTA
(wickelt aus einem Papier einige beschriebene Bogen) Ich habe hier Proben in englischer und deutscher Schrift mitgebracht. Das Englische ist mir diktiert worden. Doch bin ich jetzt etwas aus der Übung und müßte wohl bei einem oder anderem Wort um die Orthographie fragen.

SMITH
(sieht die Blätter durch) Ihre Hand? So energisch? Hätt' ich Ihnen nicht zugetraut. Und merkwürdig ausgeschrieben – wohl von den vielen Postkarten?

SENTA
(sieht ihn groß an)

SMITH
Ich hab' schon gehört – vom Chorverein. Ihr Herr Vater hat doch einen Chorverein – oder hatte?

SENTA
Der Chorverein existiert nicht mehr.

SMITH
(erstaunt thuend) So?! Deswegen ist wohl das Te Deum nicht aufgeführt worden. Doktor Loewenfeld hatte nämlich schon die Karte dafür besorgt.

SENTA
Für Sie war die zweite –

121
SMITH
Sie sind sehr gut bekannt mit dem Herrn?

SENTA
. . . ziemlich

SMITH
Feiner Kopf – vortrefflicher Herzmuskel – wissen Sie wahrscheinlich besser als ich. (Da er vergeblich auf eine Antwort wartet) Die Nase könnte christlicher sein.

SENTA
Die finde ich gar nicht so groß.

SMITH
(streicht mit der Hand über sein Gesicht herunter, um ein erfreutes Lächeln zu verbergen). Warum hat Ihr Herr Vater den Chorverein eigentlich aufgelöst? Ich habe die verschiedensten Gerüchte gehört – wollen Sie mir nicht die näheren Umstände –

SENTA
(entschieden)Nein.

SMITH
Ich bin ‘ne mitleidige Seele –

SENTA
(rasch, stolz) Wir wollen kein Mitleid. Lieber will ich gehaßt sein, als bemitleidet.

SMITH
(rückt ein wenig zurück, dann auf die Bögen deutend) Jetzt

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glaube ich, daß das Ihre Handschrift ist. Täuw! Ich ziehe mein Mitleid zurück. Doch nun antworten Sie mir direktemang, warum ist das Te Deum nicht aufgeführt worden?

SENTA
Das Orchester weigerte sich im letzten Moment, umsonst zu spielen, bezahlen können wir's nicht, und Schulden machen, hat die Mama gesagt, thut sie nicht.

SMITH
. . . hat die Mama gesagt, thut sie nicht. Sie scheinen mit Mutting nicht einverstanden.

SENTA
Die Mama hat von ihrem Standpunkt aus Recht. Sie denkt zuerst an uns Kinder.

SMITH
Und Sie an den Papa? Haben ihn man furchtbar lieb?

SENTA
Ich hab ihn gar nicht so lieb. Er thut mir nur so leid. Ich nehme ihn nicht in Schutz. Er hat viele Dummheiten gemacht –

SMITH
So so?

SENTA
Ich bin nicht verblendet und sehe all' seine Fehler. Und dann hab' ich ihn erst recht lieb.

123
SMITH
Reden Sie noch ein bißchen.

SENTA
Was ihn jetzt getroffen hat mit dem Volkstheater, das ist zu hart. Und gerade darin benimmt er sich so brav – wie ich's ihm nicht zugetraut hätte. Wirklich nicht. Er hat kein Wort der Klage, ich merk' ihm an, er hat sich vorgesetzt, daß er es aushält um jeden Preis. Wenn er jünger wäre und sehr gesund –

SMITH
Dazu kommen noch die Kränkungen, das Achselzucken –

SENTA
Das ist Unsinn. Soll sich einer unterstehen und mich über die Achsel anschauen, weil ich mein Geld mit Fensterputzen verdienen muß. Da bin ich ganz der Mama ihrer Ansicht. Wir sind Pechmenschen, aber wir haben unsern Stolz. Seit den letzten vierzehn Tagen bin ich nicht mehr kindisch.

SMITH
Waren Sie es denn vor vierzehn Tagen?

SENTA
Gehörig. So was Kindisches, wie mit den Kleeblättern!

SMITH
Was war das? Kleeblättern? Sagen Sie mir's.

124
SENTA
(errötend) Es geschieht mir ganz recht, wenn ich darüber ansgelacht werde . . . Vierblättriger Klee bringt Glück – sagt man. Voriges Jahr in Mühlthal habe ich mit Doktor Loewenfeld so vielen gefunden. Den hab' ich allen dem Papa in den Konzertfrack gesteckt. Eigentlich habe ich nicht daran geglaubt – und dann doch wieder – daß ich dem lieben Gott was abbettle, wenn er sieht, wie ich dem Papa mein ganzes Glück geb'.

SMITH
(voll Rührung aufstehend) Was? Und er hat das Orchester nicht bezahlt? Wenn sie ihm ihr ganzes Glück gibt! Wat sag' ich denn! Der Herr Präsident wird altersschwach. Da muß sich Henry George um den Statt bekümmern. Aber my girl, dieser abscheuliche Papa – weil er Ihnen so viel Sorgen macht – das Te Deum ist schwer und das Publikum macht sich gar nichts daraus, vor Berlioz, durchzufallen – was hat, hätte er denn davon?

SENTA
(in Erregung aufstehend) Was er davon hätte? Den Beweis für sich selber: ich kann was. Das ist für einen Künstler alles, das fühl' ich ihm nach. Wenn ich in der Küche was gut gemacht habe und die Mama mich auch nicht lobt – doch kann ich gleich zehnmal besser kochen, ohne daß ich zehnmal

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mehr gelernt habe. Das ist eben das Göttliche im Menschen!

SMITH
(reißt sein großes rotes Taschentuch heraus und schnäuzt sich gewaltsam). Das Göttliche – zu lieb. Und so ein gottloses rotes Taschentuch – das kommt vom Schnupfen.

SENTA
Wenn Sie mir nur sagen würden, ob Sie mich engagieren wollen.

SMITH
(sich vergnügt die Augen wischend) Man duse, man duse! Engagieren werd' ich Sie nicht. Nicht erschrecken, nicht erschrecken. Patsche geben und aufpassen. Wie lange brauchen Sie, um den Chorverein wieder zusammenzurufen?

SENTA
(von einer Ahnung überkommen). Den? Den? Da schreib' ich die ganze Nacht – in drei – in zwei Tagen –

SMITH
Darauf kann ich verlassen?

SENTA
Gewiß.

SMITH
Bong. Ich habe ein Orchester. Ich brauche einen Kapellmeister. Ich will es mit dem Michel – bin ich! – mit dem Papa versuchen. Er soll sein Te Deum aufführen.

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SENTA
(schaut ihn an, leise). Nein! Ja?

(Es klopft)

SMITH
(mit Bärenstimme). Herein!

RICHARD
(dem der Kellner die Thüre von außen aufmacht, in einem Arm die Schmetterlingskästen, in der Hand das Taschentuch, mit dem er sich die strömenden Thränen abwischt, bitterlich schluchzend) Die Einmachgläser bring' ich noch –

SMITH
Nur her, Du Bruder Deiner Schwester! Zu dem Eisenbahnunglück! Schau sie Dir gut an. Hat (Ihre beiden Hände schüttelnd). Ja, ja, ja es ist was um ein deutsches Mädel!

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