Act 2

Submitted by ssEditor on Thu, 2010-05-06 22:16

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Main Title: 

ZWEITER AKT

Sonniger Vormittag. Die Thüre zum Saal ist geschlossen. Lehnstuhl und Hockerl fehlen. Um den Tisch und im Zimmer verteilt sechs gleiche Rohrsessel, vor dem Klavier ein Drehstuhl. Auf dem Schreibtisch liegt ein großer Korrekturbogen des Konzertanschlagzettels. Mina im Morgenrock und hellem Morgenhäubchen sitzt an dem ins Zimmer gerückten Nähtischchen und näht Richard einen Knopf in die Jacke. Ein Korb mit Flicksachen und einem schwarzen Frack steht neben ihr dem Boden.

RICHARD
(zappelnd) Ich komme ja gar nicht fort, Mama, unterdessen suchen sie mir allen Löwenzahn weg im Englischen Garten und mein gelber Bär verhungert mir.

MINA
Natürlich, die ganze Stadt hat nichts zu thun als Raupenfutter suchen. Warum fressen sie denn nicht Salat oder Petersilie, Deine gräßlichen Bestien, für die Du mir alle Einmachgläser verschleppst. Und wenn mir noch einmal passiert, daß ich in der Früh' eine auf meinem Kopfkissen finde – die ganze

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Pastete werf' ich Dir zum Fenster hinaus. So zerlumpt laß ich Dich nicht fort. Halt still, ich stich' mich ja.

RICHARD
Mama, schenk' mir fünf Pfennig.

MINA
Am Monatsende? Weiter hast Du keine Schmerzen? Nichts! Ich hab' nichts!

RICHARD
Ich muß mir wirklich einen neuen Bleistift kaufen.

MINA
Und vorgestern hast Du ein neues Heft gebraucht, und vorvorgestern ein Lineal, und so geht das immer weiter für Hefte und Lineale und Bleistifte – ein Vermögen.

RICHARD
(flehend) Fünf Pfennig! Mama! Goldmamchen! Mum! Deinem Wuzi!

MINA
Und gar, wo Du solche Aufsätze machst. Sei froh, wenn ich's nicht dem Papa sag'. Skandal! Ein Junge von bald fünfzehn Jahren. Und wieder völlig ungenügend. Den ganzen Winter geht das so. Schämst Du Dich nicht.

RICHARD
(gemütlich) Nein.

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MINA
(entsetzt) Richard! Du bist wirklich hart gesotten. Was mach' ich nur mit Dir? Fünfundzwanzig aufhauen.

RICHARD
Ich könnt' schon Aufsätze machen, wenn wir nicht immer so dumme Themas hätten. Bloß von meinen Puppen wenn man mich erzählen ließ' und von meinen Eiern. Eine Menge wüßt' ich , und was ich Neues beobachtet habe. Aber von der Bedeutung des ägyptischen Pyramidenbaues. Das interessiert mich überhaupt nicht, der ägyptische Pyramidenbau. Was kann ich denn darüber schreiben? Ich hab' doch nicht zugesehen.

MINA
Nimm Deine Phantasie zu Hilfe, denk' Dir was aus mit Sphinx und schwarzen Sklaven und Palmen. Wie ich es beim Kochen mach'. Ich halt' mich nie an's Kochbuch. Und ist es nicht gut? Ich versteh' das überhaupt nicht – Deine Interesselosigkeit für alle Bücher – nichts liest Du.

RICHARD
Bitte, Naturgeschichte und die entomologische Zeitschrift, die sich der Kohn hält.

MINA
Das sind doch keine Bücher. In Deinem Alter hab' ich sogar selbst Gedichte verfaßt. Sehr traurige

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wie ich den Papa kennengelernt hab'. Lern' Gedichte auswendig, kleine Sachen – von Goethe – ich ging im Walde so für mich hin –

RICHARD
Ach, Mama, der ist mir doch oft zu kindlich.

MINA
(schneidet den Faden durch) Fahr' ab!! Aber wenn das Konzert vorüber ist, red' ich mit dem Papa. Vorher will ich ihm nur den Kopf nicht voll machen.

RICHARD
(geht ein paar Schritte, kehrt wieder um) Drei Pfennig, Mama! – Zwei! – Einen!

MINA
(weist ihn beiden Händen von sich) Keinen halben! Heut' bin ich ein Felsen.

RICHARD
(erbost ins Vorzimmer abrennend) Diese Wirtschaft! Nicht fünf lumprige Pfennig kann man haben. Und dabei soll ein Naturforscher existieren! (Hat die Thüre offen gelassen)

MINA
(muß lachen, zieht ihr Portemonnaie heraus und sucht darin. Halblaut)
Drei hätt' ich grad. (Ruft): Richard!

SENTA
(tritt ein, in schwarzem Cachemirkleidchen, einfacher Strohhut, Sonnenschirm und Gebetbuch) Der Richard ist gerade die Thüre hinaus – ganz wutentbrannt –

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MINA
(steckt ihr Portemonnaie wieder ein) Desto besser. Behalt' ich mein Geld.

SENTA
Was war denn?

MINA
(den Frack vornehmend und ihn sorgfältig untersuchend) Na was? Geld will er für seine Sammelfexerei. Zu kindisch.

SENTA
(Hut und Sonennschirm ablegend) Sei doch froh, Mama. Ein glückliches Kind. Er hat seine Illusionen noch.

MINA
Und sie hat keine mehr. Weise! Welterfahren!

SENTA
Ihr meint immer, daß ich so bin – so – ich bin gar nicht mehr naiv. Gar nicht (Sie setzt sich) Ich weiß alles.

MINA
Wie hingestorben in ihrer Allwissenheit! O Du geknickte Lilie!

SENTA
Es war auch so heiß auf dem Heimweg. Die Sonne sticht wie im Sommer.

MINA
Stich sie wieder.

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SENTA
Zu nötig bräucht' ich ein leichtes Kleid.

MINA
(mißt sie mit einem Seitenblick) Ausschaun thust Du freilich – wie eine verwachsene Gieraffe. Aber ein neues hängt ganz vom Defizit ab. Und erst bracht der Papa einen neuen Frack. Der langt grad' einmal noch. Wenn es übrigens so heiß ist, geht uns erst recht keine Katze ins Te Deum. Warst Du mir beim Musikalienhändler wegen der Freikarten?

SENTA
(zieht ein Päckchen aus der Tasche) Er hatte grade aufgemacht. (Indem sie die einzelnen Kartenpäckchen auf den Tisch legt.) Galerie hundert, Saal fünfzig, Sitzplatz dreißig. Viel.

MINA
Ich muß doch der halben Chorverwandtschaft den Rachen stopfen. Die Schwager und Schwieger und Schwäger schießen nur so aus der Erde wie das liebe Unkraut. Man könnt' beinah grad so gut auf die Straße streuen. Hat er was gesagt, ob er was verkauft hat?

SENTA
Bevor nicht die Zettel mit dem Datum heraus sind, kauft kein Mensch was. Zwei Reservierte sind vorgemerkt, für die Schebalski natürlich.

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MINA
(auf den Schreibtisch weisend) Der Drucker hat vorhin den Korrekturbogen geschickt. Findest Du nicht, die Buchstaben sind zu klecksig?

SENTA
(ist aufgestanden, nimmt den Zettel und liest) Dirigent des Orchesters: Peter Kron – Zum ersten Mal geht er nachher in eine Orchesterprobe. Mir ist ganz schlecht.

MINA
Himmlisch ist mir gerade auch nicht. Nun brütet er noch auf dem Teufelsei von Partitur. Ich denk' oft, er hätte gescheiter gethan, bei seinen kleinen, bescheidenen a capella-Konzerten zu bleiben. Da hat er nur seinen Chor gebraucht, nicht die große Umsonstgnade der Orchsterhochgenasten. Was wird er mit der Riesenaufführung erreichen? Sie platzen jetzt schon alle vor Neid und werden über ihn herfallen, ob er's gut macht oder nicht. Wenn er's gut macht, erst recht.

SENTA
Man muß ihm nur rechten Mut einsprechen und in guter Stimmung erhalten. Und wirklich, so wundervoll einstudiert hat er den Chor, das verstehst Du gar nicht, Mama. An manchen Stellen klingt's von den Zweihundert wie von einer Stimme. Und er sieht aus! Besonders im Christe rex gloriae, ganz verklärt von Begeisterung.

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MINA
Seine Arme sind ein bischen lang, Affenarme, ich meine immer, er fährt mal in den Kronleuchter.

SENTA
Er ist noch zu Hause?

MINA
(mit dem Kopfe nachdem Saal weisend) Drin brütet er auf dem Teufelsei von Partitur. Also wirklich nicht mehr vorgemerkt als zwei?

SENTA
(nach leichtem Zögern) Der – der Schreiber von Herrn Doktor Loewenfeld war grade da und bestellte auch zwei Reservierte.

MINA
Das sind ja vier miteinander? Warum sagst Du das nicht gleich? Anständig vom Loewenfeldchen. Reserviert – und gleich zwei – für wen er wohl die zweite genommen hat?

SENTA
O das kann ich mir schon denken.

MINA
(sieht sie an)

SENTA
(hastig) Aber ich sag's nicht.

MINA
Warum nicht? Was ist das für eine Geheimniskrämerei?

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SENTA
(schweigt)

MINA
(heftig und lauter werdend) Senta, sei nicht abgeschmackt. Gleich sagst Du's.

SENTA
(schüttelt energisch den Kopf)

MINA
Die Wand! Die reine Wand! Aber ich werde dich schon bändigen.

PETERS
(Stimme aus dem Saal): Ruhe!

MINA
(im Ärger immer lauter werdend) Ich lass' Dir überhaupt viel zu viel hingehen. Daran liegt's. Nur weil ich Dich auch noch hab' englisch lernen lassen. Seitdem hilfst Du in der Küche gar nichts mehr. Immer der Chor, immer der Chor. Der Loewenfeld soll sich unterstehen und noch ein englisches Buch ins Haus bringen. Hinaus werf ich ihn damit.

PETER
(kommt aus dem Saal, die Partitur unterm Arm, den Taktstock in der Hand) Was soll denn dieser Spektakel?

SENTA
(mit halben Thränen) Die Mama ist so tyrannisch und ungerecht.

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MINA
Nun mach aber vorwärts, daß Du hinauskommst! Thränenwolke! Flink! Ein junges Mädel muß fliegen.

SENTA
(mit Hut und Schirm abgehend, das Gebetbuch bleibt auf dem Tisch liegen) Ich hab' das Englisch doch nur gelernt, weil er's so gut kann, und weil ich mal Lehrerin werden will, weil ich doch nie heiraten werde, nie, nie! (Ab)

PETER
(legt Partitur und Taktstock auf den Tisch) Mina, Du quälst das Kind. Alle Sinn und Verstand.

MINA
Ich weiß gar nicht mehr, warum ich sie gezankt hab'. Sie kann mich so fürchterlich ärgern mit ihren Pedanterieen und Langweiligkeiten. Da dreh' ich mich ja zehnmal herum mit all meiner Dicke. (Hat von einem Tellerchen ein Stück Butterbrot genommen und ißt es.)

PETER
Du ißt zu viel, entschieden.

MINA
Freilich, ich nähr' ich von lauter Freuden.

PETER
Wirst schon sehen, eines schönen Tages Herzverfettung, Herzschlag –

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MINA
Liebevoll bist Du! Sag' mal, Du Rabengatte, hast Du nicht irgendwo wieder ein Stundengeld eingezipfelt, das Du mir verheimlichst? Mir geht es sehr knapp diesen Monat, weil ich die dreihundert Francs nach Paris hab' schicken müssen für die Stimmen. Da flattert's hinaus, aber Deine Kinder schreien nach Brot.

PETER
Ich hab' Dir schon mal gesagt: Wenn Du Geld hast, will ich's nicht wissen. Aber wenn Du keins hast, will ich's auch nicht wissen.

MINA
Du! Bei der Schebalski müssen es zehn Stunden sein! Und die ist überpünktlich mit Bezahlen.

PETER
(kläglich sein Portemonnaie herausziehend) Alles errät sie! Kaum zwei Tage hab' ich's bei mir wärmen können.

MINA
Gieb's nur ungewärmt her.

PETER
Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig.

MINA
Noch zehn, noch zehn!

PETER
Etwas muß ich doch für mein Privatvermögen behalten.

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MINA
Peter, ich kitzle Dich, wenn Du mir die zehn Mark nicht noch giebst. (Sie steht auf und faßt ihn am Arm)

PETER
Keine Gewaltthätigkeiten!

MINA
Fünf will ich Dir lassen, Verschwender.

PETER
Ich hab' überhaupt nur mehr sechs.

MINA
Was? Hast Du heimlich Orgien gefeiert in Würsteln und Salzbretzeln?

PETER
(kleinlaut) Lose hab' ich mir gekauft.

MINA
Peter! Lose! Kannst Du den Unsinn nicht lassen! Wann ist denn die Ziehung?

PETER
War schon. Nichts gewonnen. Nicht einmal einen Tränkeimer.

MINA
Tränkeimer? Was waren denn das für saubere Lose?

PETER
Pferdelose.

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MINA
Was fängt man nun mit so einem Menschen an. Wenn's noch Ochsen oder Kälber gewesen wären. Und wenn wir so ein Pferdößlein gewonnen hätten – – ?

PETER
Verkaufen, natürlich. So lang' hätt's ja in der Speiskammer steh'n können.

MINA
(setzt sich, sucht nach Worten, endlich dem Tone tiefster Verachtung) Geh! Geh dirigieren! Weiter kannst Du doch nichts.

SENTA
(kommt, macht sich an dem stummen Diener zu schaffen, öfters nach Mina hinüberschielend, sie hat eine Küchenschürze vorgebunden.)

PETER
Ja – es ist Zeit. (Nimmt die Konzertkarten vom Tisch) Sind das die Karten? Da bring' ich gleich drei auf die Redaktion – und werde den Herren einen Marsch blasen. Heute Morgen wieder nichts in der Zeitung. Das muß ein Versehen sein. Drei Saal, hörst Du, Mina, nehm' ich da weg. Paß auf, wenn ich was sag'.

MINA
Unterthänigst

PETER
Und daß niemand die Partitur und den Taktstock da anrührt. Ich komme gleich wieder. Nicht anrühren! Verstanden?

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SENTA
Kannst Du die Partitur nun auswendig? Noch auswendiger als auswendig?

PETER
Inwendig kann ich sie! (Ihnen fröhlich gemüthlich nachmachend) Stehen beide so dumm da wie die gerupften Frösche! Blamieren? Jawohl! Freuen thu ich mich, freuen! Sich mal ausatmen können mit beiden Lungen, wenn man sein ganzes Leben lang darauf gewartet hat. Komm her, Du dicke Mama. (Er umarmt und küßt sie) Gescheit warst Du nie – hübsch und dumm – aber charaktervoll dumm. Das Essen für mich um zwei. Nicht früher.

MINA
Peter – Du darfst Dir noch ein Pferdelos kaufen.

PETER
Nein nein. Aber nächstens ist Ziehung vom Asyl für Obdachlose – da hol' ich mir gleich noch eine schöne Nummer. (Während er abgeht, halb singend): Es war einmal ein Reitersmann, – – Der hatte gelbe Hosen an – (Lachend). Ich reit' nie wieder! (ab)

MINA
(indem sie ein Spiegelchen vom Nähtisch nimmt) Ach, wenn er so lieb herumpudelt – er hat wirklich recht. Puh, bin ich alt und häßlich. Vorn werden die Haare immer dünner. Warum wächst mir rückwärts die Lockenflut? Und dieser Zahn, der im Winde flattert –

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SENTA
Du sollt'st Dir ihn reißen lassen.

MINA
Nicht um die Welt. Da schrei' ich und spring' dem Doktor ins Gesicht. Ich hab' nur Courage für Andere. (Bemerkend, daß Senta sich herandrückt) Na komm her, Du böses Kind.

SENTA
Mama, ich möcht' schon um Verzeihung bitten – wenn ich wüßt', daß es was hilft.

MINA
Ei Du fromme Seele! Schön ungezogen warst Du.

SENTA
Ich kann aber wieder nett sein, nicht? Und wenn Abwechslung war, merkst Du's besser.

MINA
Gut, ich verzeih' Dir, weil ich keine Zeit mehr hab'. Ich werde diese elegante Morgenballtoilette ablegen und auf den Markt gehn. Vielleicht bekomm' ich ein Huhn für den Papa. Kümmere Dich um die Küche und mach' mir mal ordentliche Semmelknödel. Und daß der Richard Klavier übt, wenn er heimkommt. Und die Flicksachen nimm hinaus.

SENTA
(den Frack über den Arm nehmend) Mama, sag' mir nur schnell, bringt vierblättriger Klee wirklich Glück?

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MINA
Das mußt Du jetzt gerade wissen? Ich glaub'. (ab)

SENTA
(nimmt aus ihrem liegengebliebenen Gebetsbuch ein kleines Couvert, zieht Kleeblätter heraus, die Blättchen überzählend)
Eins – zwei – drei – vier. Eins, zwei, drei, vier. (Schiebt sie wieder ins Couvert und dies in die Brusttasche des Frackes. Faltet dann die Hände.) Lieber Gott – bitte, bitte!

RICHARD
(kommt verdrießlich vom Vorzimmer herein) Üben! Üben! Den ganzen Tag üben. Am helllichten Sonntag!

SENTA
Gestern hast Du keine Taste angerührt. (Sieht auf den Regulator) Mindestens einen Stunde. Bis zwölf. Ich schau wieder nach und ich hör' auch, wenn Du nicht spielst. Hoffentlich kommt kein Besuch, sonst mußt Du ihn empfangen, ich muß heute kochen. (ab)

RICHARD
Fällt mir ein. Auch noch. (Flegelt sich langsam ans Klavier und fängt an ohne Noten zu spielen: Morgendlich leuchtend in rosigem Schein . . . .)

SENTA
(steht zur Thüre herein) Richard! Nichts da gemeisterfingert mit Gefühl und Steckenbleiben! Etüden! (Verschwindet wieder.)

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RICHARD
(zwischen den Zähnen) Spion! (Reißt ein Heft Etüden vom Piano, hudelt ein paar Takte mit zornigem Loshauen herunter und schaut sich wieder nach Senta um. Da er sie nicht mehr gewahrt, springt er eiligst auf die Chaiselongue und schiebt mit dem Finger den Zeiger der Uhr um eine halbe Stunde vor. Nimmt eine Zeitung von dem Bauerntischchen, blättert, liest halblaut): Giftmordprozeß – ah schön!
(Er geht wieder ans Klavier, legt die Zeitung ins Notenheft, mit der rechten Hand spielt er Tonleiter und Akkorde, mit der linken blättert er sich die Zeitung um und ist sehr vertieft in seine Lektüre. Draußen hat es geklingelt.)

WALLY
(eilig) Herr Richard, es is wer drauß'd und will unsern gnä' Herrn sprech'n.

RICHARD
(fährt herum) Wer?

WALLY
Schon a Herr, ka Mann, er hat a Brillantnad'l.

RICHARD
Aber wenn der Papa nicht zu Haus ist, kann er ihn doch nicht sprechen.

WALLY
Er hat aber g'fragt, ob wer von der Familie –

RICHARD
Die Senta doch!

WALLY
‘s gnä' Fräul'n hat d' Händ' im Mehl – ‘s is am End was z' weg'n unsern Konzert –

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RICHARD
Ich kann nicht reden mit fremden Leuten.

WALLY
(grob) Nach'r lernst's! (Ab)

RICHARD
(will ihr nachrufen, besinnt sich aber, läuft ans Klavier, dann wieder an den Mitteltisch, wo er stehen bleibt.)

WALLY
(öffnet die Thüre)

SMITH
(klöpft am Thürrahmen an)

RICHARD
Herein – bitt' schön.

SMITH
(tritt ein. Kräftiger, untersetzter Sechziger, das Gesicht nicht häßlich, aber klobig mit faltig hängender Haut, grobes aus der Stirne gestrichenes Grauhaar, grauer Schnurr- und Knebelbart, kleine, feuchte, gutmütig schlaue Augen. Der dunkle Anzug ist aus sehr gutem Stoff, aber bequem und ungeniert gemacht. In der weißseidenen, deutlich angeschmutzten Kravatte steckt ein großer halbmond aus Brillanten. Er trägt einen Panamahut und eine Papierrolle in der Hand, behäbig auf Richard zukommend.) Herr Kron?

RICHARD
(vor Verlegenheit schluckend) Nein, ich bin nicht der Papa.

SMITH
(ein Lächeln unterdrückend) Hab' ich man auch nicht gemutmaßt. Wenn Sie nicht der Herr Papa sind, werden Sie wohl der Herr Sohn sein.

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RICHARD
Ja, ich bin der Richard.

SMITH
Siehste mir! Well, Sie sind Master Richard und ich bin Mister Smith aus New York. Nu sagen Sie man, junger Gentleman, sind die Stühle zum Draussitzen? Ihre drei Treppen für'n alten Asthmatiker – ich bin ganz ans der Puste.

RICHARD
(schiebt ihm in der Verwirrung zwei Stühle zugleich hin) Wenn Sei so gut sein wollen.

SMITH
(sich setzend) Will ich. Danke. Einer genügt. (Auf den anderen weisend) Auf den setzen Sie sich man? (Legt den Hut auf den Tisch und wickelt die Papierrolle auf.) Ich seh wohl schauderbar aus? Nur ruhig Blut. Ich fresse niemanden – ungebraten. Können Sie was ausrichten – ohne daß das Gegenteil herauskommt?

RICHARD
Ich – ich weiß nicht.

SMITH
Hm. . . Kommt Herr Kron nicht bald nach Hans?

RICHARD
Kapellmeister und Musikschriftsteller ist der Papa. Vor zwei Uhr wird er nicht aus seiner Orchesterprobe kommen.

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SMITH
Sodemang. Also Herr Kapellmeister- und Musik-schriftstellerssohn, dann muß ich mich doch auf Ihre Gottesgaben verlassen. (Auf die Musikhafte weisend, die er herausgewickelt hat) Übergeben Sie das dem Kapellmeister- und Schriftstellerpapa, Karte mit Hoteladresse liegt bei, ich wünsche seine Meinung darüber zu hören. Sind Sie musikalisch?

RICHARD
Leider.

SMITH
Is ‘ne Kruke! Möchten lieber vom Stamm weiter weggefallen sein?

RICHARD
(der ihn nicht versteht) Das Klavier ist so dumm und gar die Etüden mit den ewigen Fingersätzen. Komponieren thu ich schon lieber.

SMITH
Komoniert! I! Was denn, mien Dochter?

RICHARD
(zutraulicher werdend)
Sonaten hab' ich schon bis Opus 40 – und eine Sternensymphonie hab' ich angefangen.

SMITH
(zieht die Augenbrauen in die Höhe) Sternensymphonie – bischen hoch oben. Wie sind sie denn, Deine Sonaten?

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RICHARD
Die Mama findet sie immer wunderschön. Der Papa ist einmal zufrieden und einmal nicht. Er sagt: Ich mein', daß ich komponier', wie mir der Schnabel gewachsen ist, unterdessen komponier' ich, wie andre Schnäbel gewachsen sind. Im ganzen wär's noch zu angelehnt an Mozart und Beethoven.

SMITH
Sind ganz anständige Kanapees. Lehn' Du Dich mir weiter. (Scherzend) Vielleicht machen wir mal ein Geschäft mit einander und ich verleg Dich. Aber nicht Sternensymphonie, flotter Walzer, hübsches Lied.

RICHARD
Ich möchte aber lieber ein Naturforscher ersten Ranges werden.

SMITH
Nur?

RICHARD
Ich hab' schon ganz schöne Sammlungen. Verstehen Sie was von Schmetterlingen?

SMITH
Mein Steckenpferd! Einen Atlasfalter hab' ich – goldene Medaille, schlägt die ganze Konkurrenz.

RICHARD
(reißt die Augen auf)
O! Ich hab' mir vieles eingetauscht von Kameraden, und in Korrespondenz

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steh' ich mit anderen Sammlern. In einer Woche erwarte ich aus Kitzingen befruchtete Eier, manchmal bekomm' ich was geschenkt, aber das Meiste muß ich mir kaufen. Die Mama giebt mir noch weniger Geld als dem Papa. Haben Sie eine – eine gnädige Frau?

SMITH
Gehabt, mein Junge, gehabt.

RICHARD
(naiv) Sie sind ja alt, da bracht man keine Frau mehr.

SMITH
(schaut ihn erst an, dann über seine Harmlosigkeit lachend und ihm auf die Schulter klopfend.) Brav, brav, altklug biste nich.

RICHARD
Und Kinder – Buben?

SMITH
(im Augenblick sehr ernst werdend)
Auch – gehabt. (Halb vor sich hin) The best of my life is past. I'm getting an old man. . . So groß wie Du war er. Na! (Steht auf, nimmt seinen Hut.) Besuch' mich mal im Continental. Gleich neben's Theater. ‘Ne Minute von hier.

RICHARD
O ich weiß.

SMITH
Ich bleibe noch einige Dauerwochen, will ein bischen Geschäftsrummer hier machen, den guten

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Deutschen zeigen, was'ne Harke is. Und der Papa soll mir helfen. Good by.

(Draußen wird heftig eine Thüre zugeschlagen.)

RICHARD
(horcht auf) Das ist der Papa. Ich hör' ihn sich schneuzen.

SMITH
Wat für'n Erkennungszeichen? Schneuzen?

RICHARD
Daran kenn ich ihn ganz genau, er schneuzt sich wie eine gestopfte Trompete.

PETER
(reißt in großer Aufregung zurückfallend) Papa – der Herr ist zu Dir gereist – aus Amerika.

SMITH
(sich vorstellend) Smith, Firma Smith und Hamilton. Ich befinde mich auf einer Rundreise durch meine deutsche Heimat.

PETER
(ungeduldig) Wünschen Sie was? Richard, schau, ob die Senta da ist.

RICHARD
(geht hinaus)

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PETER
(fordert Smith mit einer Handbewegung zum Sitzen auf, setzt sich selbst, in gereizten Tone.) Wollen Sie was?

SMITH
Nein – ich zahle. (Giebt ihm die Hefte) Hier ein paar Nummern aus meinem Verlag. Ich wünsche zu ihrer Einführung in Deutschland das Urteil einer renommierten Feder, paar solide Reklameartikel.

PETER
Reklame?! (Blättert in den Heften) Klavierkompositionen – von wem denn? Mister Huttleputtle. Natürlich, oder sonst ‘was Hergelaufenes. Ah! Ah! Der Auflösungston in der Septime dreifach! Und hier! Marschieren nur so, die gemeinen Quart-Sext-Akkorde. (Weiter blätternd, sich immer mehr ereifernd.) Jawohl! Rumwatscheln in allen Tonarten – gelb, grün, rot – (schlägt die Hefte zu) Das ist nicht Musik, das ist eine Sauerei.

SMITH
(erhebt sich, noch einem Augenblick des Schweigens) Thank you. Und ersuche Sie, nicht darüber zu schreiben.

PETER
(ebenfalls aufstehend) Schreiben? Über dieses Waschwasser von Mendelsohn und Schumann? Ich schreibe überhaupt nicht mehr. Von heute rühr' ich keine Feder mehr an. Man ruiniert sich nur mit dem Theoretisieren. Wer glaubt's einem denn noch, daß man praktisch seinen Mann stellt? Katzbuckeln

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vor dem großen Publikum und in den Musikschulen die Epigonengewächse aufpäppeln.

SENTA
(ist eingeteten) Pardon –

SMITH
Empfehle mich.

PETER
Adieu. Senta, begleite –

(Senta geht mit Smith hinaus)

PETER
(allein, knickt einen Augenblick zusammen, faßt dann mit beiden Händen die Partitur und hebt sie empor.)

SENTA
(kommt zurück) Papa – um Gotteswillen – was ist Dir geschehen?

PETER
(fährt sie an) Nichts! – Ich verbitte mir alle Aufgeregtheit. Mama fort?

SENTA
Einkaufen.

PETER
Gut. Sie braucht's nicht zu wissen. Vorläufig. Liegt sonst gleich auf der Nase. Sie haben mir gekündigt. Beim Tagblatt.

SENTA
(aufs Tiefste erschrocken)

Nein, Papa!

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PETER
Was ist dabei? Übermorgen ist der Erste. Ich hab's lang gemerkt, daß ihnen jemand einen Floh ins Ohr gesetzt hat. Sämtliche erbgesessenen Schulmeister und Zopfdirigenten.

SENTA
Aber – nach fünfzehn Jahren Mitarbeiten –

PETER
Nach fünfzehn. . .und die Gelegenheit, die willkommene, hat ihnen die verfluchte letzte Kritik gegeben. Zu schroff, das müsse ich ändern –

SENTA
Hättest Du nicht können –

PETER
Nein!! Oder ich bin ein Leisetreter, ein Lump, ein künsterlerischer. (Tief aufatmend) Sei nur gut. Es ist nicht so schlimm. Ich nehm's gar nicht so schlimm. Nur gerade vor der Probe hat es mich etwas – jetzt geh' ich hinüber und dirigier' mir den Teufel aus dem Leib. (Nimmt Partitur und Taktstock.) Hätt' Dir lieber nicht gesagt – es war nur in der ersten Rage. Das sind schließlich Lappalien. Wenn mir nur das Te Deum gelingt. Da setz' ich jetzt alles dran.

SENTA
(hat zur Glasthüre hinausgesehen) Die Mama! Sie ist gerade nach der Küche.

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PETER
(schnell ab in den Saal) Kopf hoch, mein Kind, Kopf hoch.

SENTA
(steht wie betäubt, greift mechanisch nach ihrem Gebetbuch) Lieber Gott – wie kannst Du nur so bös sein.

MINA
(vom Vorzimmer, ein Küchentuch überm Arm, mit zwei irdenen, ineinander gestellen Schüsseln, in der oberen liegen Tauben und ein Putzmesser. Sie trägt das schwarze Kleid, darüber eine große dunkelblaue Küchenschürze. Sobald sie eingetreten ist, sieht man Peter rasch an der Glasthüre vorübergehen.) Nach Hühnern zog ich aus, trauernd mit zwei Tauben komm' ich heim. Die Hühner waren zu unverschämt. Ich werde der Hühnerkathi eine Sallkarte versprechen, vielleicht ist sie dann gnädiger. (Breitet das Tuch auf den Tisch, stellt eine Schüssel darauf, setzt sich, nimmt die andere in den Schoß und fängt an, die Tauben zu rupfen.) In der Küche ist mir's zu heiß.

SENTA
(will gehen) Ich seh' nach.

MINA
Bleib' da, ich hab' der Wally das Kraut auf die Seele gebunden. Vielleicht läßt sie's mitsamt der Seele anbrennen. Miste lieber dem Papa seinen Schreibtisch aus, der Wust liegt ja turmhoch wie in einem Herkulesstall.

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SENTA
(macht eifrig Ordnung, vermeidet möglichst, ihre Mutter anzusehen und wischt sich heimlich hie und da mit dem Fingerrücken über das Augenlid)

MINA
Unten im Hausflur begegnet mir ein dicker Alter mit einem Panama – so was Pflanzerhaftes, Regerpeitschenschwingendes und mit einer unglaublichen Brillantnadel. Aber die Kravatte war angeschmuddelt. Der schaut mich von hoch oben an, patzig, wahrscheinlich, weil mir die Taubenbeinchen aus der markttasche gucken – ich hab' ihm aber einen Blick zugeblitzt, einen majestätischen – gleich ist er gegangen.

SENTA
(zerstreut) Ein Pflanzer? Wie kommt der her?

MINA
Der kann sicher fünf Portionen Gefrorenes auf einmal essen. Wenn mich nur mal jemand freizahlen wollte. Diese Brillantnadel! Haben darf man sie. Aber tragen darf man sie nicht. Loewenfeldchen brächte das Wahrscheinlich auch fertig.

SENTA
(hastig) O nein. Der hat sehr viel Geschmack.

MINA
Und vor allem zu wenig Brillantnadeln. Kommt er Dir nicht auch vor wie so was Zusammengerührtes von Sentimental und Lustikus und

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spitziger Gescheitheit? Aber ich darf nicht über ihn schimpfen. Zwei Reservierte!

SENTA
Lustikus?

MINA
Mir scheint, er amüsiert sich gern mit was Amüsantem und Tolerantem.

SENTA
Was geht das mich an? Ich nehm's ihm nicht übel.

MINA
Ich auch nicht. Ich gönne jedem sein bißchen Leben. Aber wirst mir zugeben, an den Papa kann er nicht hindenken. Wärst Du nur bei unsrer Hochzeit gewesen. Der Mann sah zu schön aus. Nur hätt' er beinah die Trauung versäumt, weil er sich ins Komponieren verträumt hatte. Umsonst hab' ich nicht fünf Jahre auf ihn gewartet.

SENTA
Und er auf Dich. Das kommt heut zu Tage auch nicht mehr vor.

MINA
Wenn er nur ein bißchen weniger Künstler und ein bißchen mehr ein Familienoberhäuptling wäre. Im Grund ist es war Arges um den idealen Egoismus, oder nein, den Egoismus für ein Ideal – oder – auch nicht! Du verstehtst mich schon.

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SENTA
Für seine Person ist der Papa so bescheiden, er raucht nicht, er trinkt nicht, wie oft spart er die zehn Pfennig Pferdebahn.

MINA
Ich seh's ja ein, es hätte kein Handwerk für ihn gepaßt, als die Musik. Weißt Du, was ich für Träumereien in meiner Kindheit gehabt hab', was ich hab werden wollen? Eine Zeit lang Stallmagd, weil ich mir das Kühemelken so lustig vorgestellt hab'. Und dann Tierbändigerin. Hoch oben auf einem Dromedar in die Stadt einreiten mit einem ganz kleinen Äffchen auf der Schulter. Dann hab' ich Nonne werden wollen – das hat aber gar nicht lang' gedauert – und zuletzt – schau, wie fett die Taube ist – zuletzt Dichter

SENTA
(muß lachen) O Mama – Dichterin. Mit Deiner Konfusion!

MINA
(mitlachend) Denk' Dir – Deine dicke alte Mutter mit einem Lorbeerkranz auf dem Kopf. Und ich kann Dir sagen, Phantasie hätt' ich gehabt. Ich kann mich so lebhaft in was hineindenken – nur ausdrücken kann ich's nicht. Bauen wir mal Seifenblasen. Also das Konzert. Wenn zweitausend lebendige Menschen hineinströmen –

SENTA
Der Saal faßt doch nur tausend.

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MINA
In der Seifenblase darf ich mir zweitausend denken. Sie können sich einander auf dem Schoß sitzen. Diese Einnahme! Und am Schluß – rechter Jubel, womöglich, daß sie auf die Stühle steigen und weinen. Und der Papa auf dem Podium, mit feurigen Augen, die Brille müßt' er natürlich runterthun, hoch ober im Elektrischen, und ich hinter einer Säule im Dunkeln mit Herzklopfen und Überglücklichheit – als alte Stallmagd!

PETER
(ist hinter der Glasthüre erschienen, zögert, will umkehren, dann mit gewaltsamen Entschluß die Klinke aufdrückend und eintretend. Er ist totenblaß, reißt den Hut herunter, schleudert Partitur und Taktstock auf den Tisch und wirft sich dann auf die Chaiselongue.)

MINA
Aber Peter, man sagt doch sein manierlich guten Tag – (steht ihn an) O! Dir ist was geschehn!

SENTA
(läuft zu ihm) Sie haben Dir was gethan!

MINA
(stellt die Schüssel auf den Tisch und steht auf) Red' doch – red' doch –

PETER
(bleibt unbeweglich, schweigt)

SENTA
Papa, ich sterb' vor Angst!

69
MINA
Stirb' nicht, hol' lieber ein Wasser, wenn Du siehst, daß ihm schlecht ist –

PETER
(winkt mit der Hand ab, versucht zu reden, ohne daß es ihm gelingt. Nach einer Weile) Sie spielen mir nicht.

MINA
Wer nicht? Das Orchester? Auf einmal nicht?

SENTA
Sie hatten's doch versprochen.

PETER
(mit bitterem Nachdruck wiederholend) Sie spielen mir nicht.

MINA
Sie müssen doch einen Grund haben – wenigstens einen angeblichen –

PETER
(mit scheinbarer Ruhe, der man die Anstrengung anmerkt, auseinandersetzend) Genaue Rücksprache haben sie unter einander gehalten.Und gefunden – wohlgemerkt, nach drei Monaten – früher ist es ihnen nicht eingefallen – daß sie bei mir keine Ausnahme machen können. Sie können mir nicht umsonst spielen, hat die Mehrzahl erklärt. Als ob ich nicht wüßte, woher der Wind bläst. Gestern müssen sie's schon beim Tagblatt erfahren haben, daß ich nicht mehr ihr Kritiker bin. Hollah, denkt

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sich der Fuchs von einem Konzertmeister an der Spitze, kannst Du mir nicht mehr schaden, brauch' ich Dir nichts zu nützen. Und so feig! Ja, ich möchte gern, aber die Trompeten thun's nicht, und die Trompeten sagen, die Klarinetten thun's nicht –

MINA
Peter – Du bist nicht mehr beim Tagblatt – ich weiß doch kein Wort –

PETER
Vor einer Stunde hab' ich's auch noch nicht gewußt.

MINA
Die einzige feste Einnahme –

PETER
(springt auf, in vollen Zorn ausbrechend) Und nichts soll es ihnen helfen. Zwingen werd ich sie, zwingen. Sie werden das Te Deum spielen, und ich werde es dirigieren. Und wenn ich mit dem Kopf durch die Wände muß. Sie werden mir spielen.

MINA
Was hast Du denn – wie denn – wieso denn –

PETER
Sehr einfach! Zahlen werde ich sie. Bezahlen. Dann müssen sie spielen, gerade so gut in meinem Konzert wie in jedem anderen.

MINA
(setzt sich) Zahlen – womit?

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PETER
Du hast doch so ein paar Wischer mit Coupon oder was weiß ich auf der Bank liegen – her damit!

MINA
Nein – das halt' ich nicht mehr aus! Da thu' ich nicht mehr mit. Man ist ja rein wahnsinnig! Den Notpfennig, abgespart und abgespart und abgearbeitet hab' ich ihn mir! Warum nehm' ich keine Putzerin und schind' mir die Haut von den Händen – ums dann mit der Großartigkeit nicht! Was geht mich dieser elende Berlioz an? Soll er sich sein Te Deum selber aufführen.

SENTA
(sieht auf ihren Vater, mit Thränen flehend) Mama, thu' ihm nicht so weh!

PETER
(seine Erregung beherrschend, faßt Senta an der Hand und führt sie gewaltsam zur Thüre hinaus) Du gehst hinaus, sofort, ich hab' an einer Unzurechnungsfähigen gerade genug.

SENTA
Ich laß Dich nicht allein –

PETER
(schiebt sie hinaus und riegelt zu. Mit großen Schritten auf Mina zugehend) Mina, nimm mal Vernunft an. Ich muß das Te Deum aufführen. Den halben Winter

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hat der Chor von zweihundert Menschen daran studiert – die ganze Singschule – hiesige und auswärtige Zeitungsnotizen über das bevorstehende musikalische Ereignis haben in allen Kreisen einen Staub aufgewirbelt – wenn ich jetzt die Wahrheit, das weißt Du doch, kümmert sich das große Publikum nicht. Es wird einfach heißen: Der hat im letzten Moment eingesehen, daß er's nicht kann. Damit bin ich als ausübender Musiker ruiniert und darf die Bude lieber heut als morgen schließen.

MINA
(unter Thränen, aber mit aller Energie) Das kann zehnmal wahr sein – da handelt es sich um Deinen Künstlerruf und da um die Existenz Deiner Familie. Damit meine ich die Kinder. Und ich muß es Dir endlich sagen. Wir sind die Jahre her weit genug gegangen. Ich red' nicht davon, daß man sich mit jeder Stecknadel einschränkt, um jedesmal die Konzert-Defizite aushalten zu können. Aber das ganze Leben, jeder Gedanke dreht sich nur um diesen Chor, von einer Konzertangst zur andern. Was haben Deine Kinder für eine – vor allem die Senta – für eine Jugend? Die Finger schreibt sie sich krumm mit Registern und Postkarten, sitzt und quält und zergrübelt sich, wie sie Dir genug Tenöre zusammentrommelt. Schau Dir andere junge Mädels an, die genießen ihr Leben und springen herum und sind nicht halb so

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hübsch. Aber wenn der arme Kerl erst eine alte Jungfer ist, dann hat sie keine andere Erinnerung an ihre besten Jahre, als die Postkartenadresse an Herrn Vierdimpfl.

PETER
(finster mit gesenkten Augen) Geh' mit ihr aus, ich hab' nichts dagegen, führ' sie aus –

MINA
In einem Ballkleid aus Notenblättern kann sie nicht gehen! Und kümmerst Du Dich vielleicht um die Erziehung von Richard? Du hast keine Zeit und keinen Kopf dazu. Musiker soll er werden! Freilich ist er ein Genie –

PETER
Ein Genie ist er nicht! Wie kann man von einem Jungen von vierzehn Jahren sagen, daß er ein Genie ist. Ein Talent – ein außerordentliches –

MINA
Das reicht gerade zum Verhungern. Von den häuslichen Sorgen daß Du mir abnimmst – das beanspruch' ich schon lang' nicht mehr. Wie's oft an mir nagt und mich schlaflos macht – deswegen les' ich doch so viel dummes Zeng. So lange mein Buckel es aushält, ist ja gut, was liegt mir daran, ob ich ein paar Jahre früher daraufgeh' –

PETER
(sieht mit einem raschen Blick in ihr Gesicht, halblaut) Mina!

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MINA
Aber wenn Du so fortmachst, wird man uns bald aus unseren vier Wänden hinauswerfen, und Deine Kinder kommen ins Asyl für Obdachlose. Du bist kein Gatte und ein Vater erst recht nicht.

PETER
(setzt sich, stützt den Kopf in beide Hände) Sag', was ich thun soll, das leere Gerede hilft mich nichts.

MINA
Jetzt weiß ich's auch nicht. Längst hättest Du Dir eine kleine Stellung suchen sollen, noch so bescheiden, wenn's nur was festes gewesen wäre, nicht immer die großen Rosinen im Kopfe haben und Dir einbilden, daß Dich ein Extrastorch gebracht hat, damit Du ein musikalischer Luther wirst. Immer Deine künstlerische Ehre! Es giebt auch eine menschliche Ehre und die besteht darin . . . (Die Stimme versagt ihr vor Thränen. Leise, mit letztem Aufschluchzen.) Thu' was Du willst.

PETER
(erhebt sich. Er schließt die Augen, holt tief Atem, drückt die Hände gegen die Brust und öffnet die Augen wieder.) Gut. Ich geb' es auf. Aber eine halbe Geschichte mach' ich nicht. Dann schlage ich den Chor lieber gleich auseinander, daß die Felzen fliegen. (Faßt einen Augenblick den Taktstock) Heizen wir ein damit. Ich gehör' an die Drehorgel. (Er setzt den Hut auf.)

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MINA
(unsicher) Peter – auf die Redaktion –

PETER
(fährt auf) Anbetteln? Nein. Lieber noch – (reißt sein Notizbuch heraus) Sonnenstraße 41. Kapellmeister für Posse und Operette. Das werd' ich wohl noch fertig bringen.

MINA
(schluchzt auf)

PETER
Ich geh', Mina.

MINA
(schweigt)

PETER
(langsam den Riegel zurückschiebend, wendet sich nochmals um) Ich – gehe.

MINA
(schweigt)

PETER
(läßt das Haupt tief auf die Brust fallen und geht hinaus.)

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