Act 1

Submitted by ssEditor on Thu, 2010-05-06 22:16

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Main Title: 

This Text was Prepared and Edited by Elizabeth McFarland, Brigham Young University

ERSTER AKT

Einfaches Wohnzimmer. In der Mittelwand breite Flügelthüre. Rechts (vom Zuschauer), oberhalb eines Pianos, in verblaßtem Goldleistenrahmen eine Photographie von Hektor Berlioz mit Unterschrift. Links eine Chaise longue, dunkler Millefleurs-Bezug, am Kopfende ein zeitungsbedecktes Bauerntischchen. Der Regulator an der Wand zeigt auf neun Uhr. In der linken Wanddecke ein weißer Kachelofen, dann eine Glasthür, die in das erleuchtete Vorzimmer sehen läßt, ganz vorn ein polierter stummer Diener mit altmodisch hellgrünen Glasvasen und abgesprungenen Alabasterschalen. Auf einem Blechbrette ist sehr einfaches Geschirr und Besteck zum Tischdecken hergerichtet. Rechts zwischen zwei Fenstern ein Schreibtisch aus weichem, gebeiztem Holz, nicht zu den übrigen Möbeln passend. In die Nische des vorderen Fensters ein Nähtischchen gerückt. Stühle fehlen. Mitten im Zimmer unter einem gewöhnlichen Doppelgasarm ein runder Eßtisch, an welchem Mina und Richard sitzen. Mina links in einem alten Lehnstuhl, dessen Seiten lehne abgebrochen ist, strickt gewandt, ohne hinzusehen, an einem roten Strumpf. Stark, hübsches, liebenswürdiges Gesicht, lebhaft gerötet. Spießbürgerlich schwarze Kleidung, über dem krausen, dunkelblonden Haar ein kleines Scheitelhäubchen aus schwarzen Spitzen. Richard sitzt rechts auf einem Küchenhockerl, hat Hefte, Schulbücher und ein aufgeschlagenes Wörterbuch vor sich liegen. Er

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schreibt, schlägt nach und leckt öfters seinen Bleistift an. Lang aufgeschossener magerer Junge von vierzehn Jahren, weißes Mädchengesicht mit lichtgrauen Augen, sehr dickes, glattes, dunkelblondes Haar. –

Die Mittelthüre ist weit geöffnet. Man sieht in ein zweites größeres Saalzimmer. Auf einem Podium ein Flügel. Vor dem Flügel sitzt Peter, reihenweise herum auf Stühlen und Bänken die Damen, im Hintergrunde stehend die Herren, alle mit Notenblättern, hie und da sehen zwei in eines. Peter, groß, mager, mit stark gebeugtem Rücken. Schlichtes, dunkles Haar, in dem scharfen bartlosen Künstlergesicht tiefliegende Augen unter bereits ergrauten Brauen. Brille. Er spielt mit der linken Hand Begleitakkorde, mit der rechten energisch und schwungvoll dirigierend.

CHOR
(singt). Sanctus, sanctus, Deus Sabath –

PETER
(heftig mit dem Taktstock abklopfend)
Donnerwetter, was machen Sie denn im Alt? Schlafen Sie? Fest den Einsatz! Nicht so lahm! Krachen muß es! Nicht so lahm! Also nochmals vom – ich gebe Ihnen zwei Takte vor dem Sopraneinsatz mit Dis.
(er giebt einen Akkord an.)

CHOR
(setzt wieder ein und singt zu Ende)
Sanctus, sanctus, Deus Sabath!
Pleni sunt coeli et terra majestatis gloriae tuae.

PETER
(legt den Taktstock nieder)
Danke Ihnen, meine Herren.

(Sofort wirres, tumultuarisches Erheben sämtlicher Mitglieder und Drängen nach dem links angenommenen Ausgang.

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Durch die Glasscheiben der Wohnzimmerthüre gewahrt man die Menge im Vorplatz)

PETER
(vorgebeugt, mit beiden Händen auf das Klavier gestützt, ruft):
Die nächste Probe ist Donnerstag den zweiten Mai, abends sieben Uhr, sie–ben Uhr, im Odeon mit Orchester.

MINA
(ruft in den Saal). Peter, lauter.

PETER
(fast schreiend). Um sie–ben Uhr im O-de-on! Bis dahin ist auch der Konzerttag festgesetzt. Haben Sie mich verstanden?

STIMMEN
(durcheinander) Ja, Herr Kron – jawohl, Herr Kapellmeister.

PETER
Und ich bitte, daß alle kommen, wirklich alle, auch die heute nicht da waren, wir können sonst nicht ordentlich probieren. Und pünktlich, nicht so angetröpelt. Im O-DE-ON! (Er spricht mit einigen zunächst stehenden Herren, begleitet seine Worte mit lebhaft freien Bewegungen, ergreift öfters den Taktstock und dirigiert, in die Partitur weisend. Der Saal leert sich allmählich)

SENTA
(Erscheint in der Thüre unter den Damen, sich umsehend und mit Bleistift in ihr Heft notierend, während sie spricht. Überschlank, mit sanft-rosigem Madonnengesicht, die aschblonden Zöpfe rund aufgesteckt) Bitte, meine Damen, wenn

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Sie die Stimmen zusammenlegen wollen, bitte auf das Klavier, nicht auf die Stühle, es macht soviel Arbeit, sie zu ordnen. (Sie spricht ebenfalls mit einigen Mitgliedern nach rechts und links)

FRÄULEIN GANTER
(tritt in das Wohnzimmer. Häßliche alte Jungfer mit grobem Gesicht, geschmierten Schwarzlocken und sehr tiefer Altstimme) Recht verbindlichen guten Abend, meine werte Frau Kapellmeisterin.

MINA
(steht auf, reicht ihr die Hand mit etwas gewaltsamer Freundlichkeit) Guten Abend, liebes Fräulein, ich wollte Ihnen schon vor der Probe danken, daß Sie die große Liebenswürdigkeit haben, uns diesmal mitzuhelfen – eine so ausgezeichnete Kraft –

GANTER
(geschmeichelt) Sie verstehen es – und wissen sich's zu schätzen. Da thut es unsereins gern. Aber was hat der gute Herr Kapellmeister, was hat er, sagen Sie mir nur, sich für neue Mitglieder aufgenommen! Neben mir sitzt ein junger Fratz – (mit dem Finger in den Saal weisend) – jawohl, die Aufgestackelte – mit der blauen Elsässerschleise – die Schleisen kann ich schon so nicht leiden, mir stehen sie nicht – die singt! Kein Piano, die Einsätze zu tief, und die unfeine Aussprache vom Lateinisch. Bei unser einem ist das was anderes, man singt nicht umsonst dreißig Jahre in der Hofkapelle mit. Manchmal, kann ich Sie versichern, hab' ich allein das ganze Te Deum gehalten.

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RICHARD
(der ihr im Rücken sitzt, schneidet Gesichter und bohrt den Zeigefinger in die Nase)

MINA
(halblaut auf ihn hinüber) Richard!! – Und doch, liebes Fräulein, im ganzen war heut' eine sehr gute Probe.

GANTER
Ziemlich . . . wie mans nehmen will. Aber das Tempo im Dignare nimmt der Herr Kapellmeister, müssen Sei ihm sagen, zu schnell. Gemütlich, gemütlich, wie unser alter Chorregent es macht. Man kann ja vom Herrn Kapellmeister nicht gleich verlangen, daß er alles so versteht, das erste Mal mit Orchester, etwas muß da schief gehen.

MINA
(zuckt leicht zusammen)

FRAU RADLKOFER
(kommt aus dem Saal. Fette, kurzatmige Dame in gepreßter Sammettaille, große Goldbroche mit Photographie unterm Doppelkinn.) Entschuldigen Sie, Frau Professor, ich wollt' nur ersuchen, bei der nächsten Prob' im Odeon muß ich einen gepolsterten Stuhl haben, die Bänke sind mir zu hart.

RICHARD
(mit einem Blick auf sie, halblaut)
Jö!

MINA
Wenn es möglich sein wird –

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FRÄULEIN VON PFETTEN
(tritt an Mina heran. Stumpfnasig, keck) Möcht' meinen Beitrag bezahlen.

MINA
Bitte. (Verabschiedet die beiden Damen, die durch die Glasthüre hinausgehen, während Fräulein von Pfetten den Betrag aus ihrem Portemonnaie in Mark- und Fünfzig-pfennigstücken herauszählt) Sie haben die quittung schon bekommen – glaub' ich – vor einem Viertel jahr?

PFETTEN
Ich – ich hatte vergessen. (Hält Mina das Geld in der Hand hin)

MINA
(kühl) Wenn Sie's auf den Tisch legen wollen.

PFETTEN
(thut es, grüßt und geht durch die Glasthüre ab.)

MINA
(während sie das Geld vom Tisch nimmt und einsteckt) Unverschämtheitt!

(Zwei Herren sind eingetreten)

MINA
(geht ihnen sehr freundlich entgegen) Ja schönen guten Abend. Wie gehts denn mit Ihrem Katarrh, Herr Zahlmeister?

PANTZ
(alter Herr mit weißem Katzenbart) Ergebenster, Frau Kapellmeister, danke verbindlichst. F und G noch

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etwas belegt – reißt sehr in die Stimme, das Te Deum. Bin nicht ganz mit Berlioz einverstanden. Bei Haydn sollten alle diese Italiener in die Schule gehen.

MINA
(seufzend) Wenn ich an die Schwierigkeiten denke, die mein Mann mit dieser Aufführung hat – besonders mit dem Orchester – und man muß froh sein, daß es überhaupt die Gnade hat zu spielen – (zu dem zweiten Herrn) Ihnen, Herr Lehrer Kreuzer, habe ich neulich schon die Ohren vollgejammert.

HERR
(sich verbeugend) Pardon, mein Name ist Wühr, Remigius Wühr, Prokurist.

MINA
Ach freilich, Sie sind Herr Wühr und singen ersten Tenor –

WÜHR
Bedaure – nur zweiten Baß.

EIN DRITTER HERR
(ist dazu gekommen) Kreuzer und erster Tenor bin ich. Wollte mir erlauben, eine Empfehlung meiner Frau auszurichten, und warum Sie sich gar nicht mehr zum Tarokkränzchen –

MINA
Bester Herr Kreuzer, wenn Sie eine Ahnung hätten, wie viel Besuchsschulden auf meiner Seele

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brennen! Aber wie das Konzert vorüber ist, komme ich bestimmt – ganz bestimmt – sagen Sie einstweilen herzlichen Gruß Ihrer lieben Frau — und Ihr reizender kleiner Junge? Was macht er? Ich wollte ihm schon längst einmal Bleisoldaten bringen.

KREUZER
Sehr freundlich – aber bis jetzt hab' ich nur ein Mädchen.

MINA
(schlägt die Hände vor's Gesicht) Um Gotteswillen! Hab' ich denn heut' Tollkirschen gegessen! Seien Sie froh, daß es ein Mädchen ist. Da muß es doch nicht mit, wenn's Krieg giebt. Adieu, meine Herren, guten Morgen, auf Wiedersehen. (Sie begleitet die Herren hinaus)

SENTA
(zu Frau von Schebalski, mit welcher sie eben aus dem Saal kommt) Bitte, bitte, wenn Sie uns doch in der Aufführung mitsingen wollten, Sie sind so musikalisch, und gerade die hellen Soprane haben wir so nötig –

FRAU VON SCHEBALSKI
(zierlich elegante Erscheinung, ihre Handschuhe knöpfend) Chérie, ich hab' schon meinen Reservierten für meine neue Toilette und mich. Kommen Sei lieber endlich zu meinen Jour. Dreimal haben Sie mir jetzt abgesagt, Sie sind schlimmer als eine Diva.

SENTA
Vor dem Konzert – unmöglich. Ich habe zu thun – entsetzlich. Der ganze Chor liegt auf mir.

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(weist mit dem Bleistift in ihr Heft) Sehen Sie, hier hab' ich's notiert. Mindestens fünfzig haben gefehlt, an all' die muß ich Postkarten schreiben. Morgen Nachmittag kommen überdies meine hundert Kinder –

FRAU VON SCHEBALSKI
Dieu m'en garde – Ihre hundert Kinder?

SENTA
Meine hundert Kinder – aus der Singschule – die im Te Deum mitwirken – der arme Papa hat soviel Mühe gehabt, bis er vom Schulrat die Erlaubnis bekommen hat.

FRAU VON SCHEBALSKI
(hat durch die Glasthüre hinausgesehen) Da steht er ja schon, der Leonhard. Wenn er nur meine Überfüße nicht vergessen hat. Mir scheint, es ist so unartig, zu regnen. Adieu ma petite beauté irréprochable. Grüßen Sie den maestro, er soll übermorgen nicht zu spät zur Stunde erscheinen, dann bekommt er auch einen echt russischen Tschai!

(Einige Studenten kommen aus dem Saal)

SENTA
(mit Frau von Schebalski nach dem Vorzimmer gehend, ruft ihnen zu): Am Donnerstag – pünktlich – lieber zu früh!

EINER
(halblaut) Jawohl, Chormama.

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EIN ANDERER
(stößt ihn an, während sie hinter den Damen abgehen.) Pst! (Ironisch) Te Deum laudamus.

PETER
(stützt aus dem leer gewordenen Saal herin, die Haare feucht an den Schläfen klebend, in der Hand die abgenommene Brille) Mein Rock, Kreuzdonnerwetter noch einmal, wo ist mein Rock?

MINA
(tritt eben in die offengebliebene Glasthüre) Tobe nur nicht gleich, sind doch Leute draußen. Richard, geh' in's Schlafzimmer, hol' dem Papa seinen grauen Rock.

SENTA
(erscheint hinter ihr) Ich hol' ihn schon. Er wird sich erkälten, mein Papa! (Rennt davon)

MINA
(geärgert, ihr nachsprechend) Freilich! Dein Wickelkind!

PETER
(trocknet sich mit dem Taschentuch die Stirne) Wie aus dem Wasser gezogen. Seit der Influenza hat mich schon der Satan mit dem Transpirieren. Und schonen kann sich der Mensch nicht.

MINA
Du bist ewig in der Schonzeit!

PETER
Ich habe Hunger, Mina, Hunger! Wo bleibt

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das Essen? Warum ist nicht gedeckt? Warum eilt man sich nicht? Man eilt sich! Ist das das Abendblatt? (Er nimmt eine Zeitung vom Bauerntischchen und blättert sie hastig durch)

MINA
(holt die Sachen zum Decken) Wir können doch nicht hexen, rücksichtsloser Patron. Das Mädel ist schon um's Bier. Richard, die Bücher weg, marsch dich. Hol' Stühle herein. (Den Lehnstuhl bei Seite puffend) Das Hochgebirg' hab' ich satt.

RICHARD
(räumt faul und langweilig seine Bücher zusammen) Ich muß nachher noch Wurzel ziehen.

MINA
So zieh' halt am Schreibtisch. Schnell! Du klebst ja! Unausstehlicher Fadian.

RICHARD
(gekränkt) Immer bin ich fad', wenn ich fleißig bin. (Legt seine Sachen auf den Schreibtisch, holt nach und nach vier Rohrstühle aus dem Saal und stellt sie um den Tisch, schiebt den Lehnstuhl an die Wand, das Hockerl ans Klavier. Dann zieht er sich grollend in den Winkel zwischen Klavier und Fenster zurück, lehnt sich mit dem Rücken und einem aufgezogenen Bein an die Wand und studiert eifrigst in seinem Buch.)

SENTA
(kommt mit einem grauen Rock)

PETER
(wirft die Zeitung hin und läßt sich beim Aus- und Anziehen helfen) Jetzt warum mir die Kerls meine Rezension

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über das Konzert der Musikschule nicht gebracht haben? Läuft man noch in der Nacht auf die Redaktion, wo nicht einmal ein anständiger Bogen Schreibpapier aufliegt, und sie bringen's heute Morgen nicht und heute Abend nicht? Meinen sie denn, ich schreibe zu meinem Privatvergnügen?

SENTA
(während sie Peters Rock zusammenlegt) Du wirst wieder zu grob gewesen sein. Sie werden es so nicht drucken wollen.

PETER

Unterstehen! Ich werde vielleicht die abgeblaßten Treibhaustalente mit Glacéhandschuhen anfassen. Die mit all ihren hochweisen Professoren noch nicht hingerochen haben an die Kunst. Nicht einmal das Maul aufthun dürfen für die paar Kröten von Gehalt. (Er schließt die Thüre nach dem Saal und streckt sich dann auf die Chaiselongue, ausruhend.)
Ah!

MINA
Wenn man Dich reden hört, könnte man meinen, wir sitzen auf den Geldsäcken.

PETER
(zu SENTA)
Das war ‘ne Probe heute? Eine tüchtige Studierprobe! Wir klingt's? He? Die Bässe im Jedex crederis? Wie eine Riesenfaust! Und wie hab' ich sie ins Tempo gebracht, die Schlafmützen? Herrgott, wenn ich es in der Aufführung so dirigiere, die Wände reiß' ich ein damit.

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MINA
Vorläufig bin ich eingerissen. (Setzt sich an den Tisch und nimmt ihren Strickstrumpf wieder vor, während Senta fertig deckt.)

PETER
Ich bitte Dich, Mina, fang mir nur nicht mit dem Gewinsel an. Diese Strickstrumpfnaturen! Wie's drauf und dran geht – Hafenpanier. Laß mich nur machen! Laß mich nur machen! Ich werd's ihnen mal zeigen, wie man so einen Kerl wie Berlioz beim Schopf packt, diesen – diesen Finessenseppln! (Er setzt sich)

SENTA
Papa, ich finde, daß im kleinen Chor immer noch zu viele mitsingen. Ich muß noch einige hinauswerfen.

MINA
Senta, sei nur nicht übertrieben. Da giebt's dann wieder alle möglichen Beleidigtheiten, und die Frau Poddlich –

SENTA
Wir haben keine Frau Poddlich im Chor.

MINA
Also Puddlich oder Paddlich – kommt sich was um zwölf Uhr Mittag daher und macht mir einen Scene, während mir in der Kirche die Katze die Schnitzel auffrißt. Laß halt ein Paar mehr mitkrähen, wenn's ihnen Vergnügen macht.

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PETER
Aber mir nicht! Geschwätz!

WALLY
(kommt durch die Glasthüre. Schwarzes, bauernhübsches Dienstmädchen. Sie trägt ein Brett, auf welchem Schüsseln mit kaltem Aufschnitt stehen, und im Drahigestell einen Maßkrug und zwei Halbekrügeln)

MINA
Sehr lange sind Sie ausgeblieben, Wally. Wir haben schon große Sehnsucht gehabt nach Euer Hochwohlgeboren.

WALLY
Ja, gnä' Frau, z'weg'n die viel'n Leut', und umanand druck'ns ei'm –

PETER
(schaut nach den Schüseln) Kaltes?

SENTA
(vorwurfsvoll) Aber Mama, Kaltes? Für den Papa?

MINA
Die Prinzen! Die geborenen Prinzen! Kalter Braten ist ihnen nicht vornehm genug. Mir thät's auch ein Leberkäs für zehn Pfennig. Wally, Gas ausmachen im Saal, alle Fenster weit auf, eine Luft ist drin zum Schneiden. Und die Stühle herausräumen, es muß heute noch aufgewaschen werden.

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WALLY
(hat Krüge und Schüsseln auf den Tisch gestellt und geht in den Saal)

SENTA
Wo ist denn der Wuzi?

MINA
Wo hat er sich denn verkrochen, der Regenwurm?

RICHARD
(geht mit beleidigten Schritten an seinen Platz, halblaut zu Senta) Die Mama ist heut' wieder – hu! (Spießt sich ein Stück Braten aus der Schüssel und beißt davon ab.)

MINA
(klopt ihm auf die Hände)
Richard! Wildes Tier! Sei so gut, anständig! Wir sind nicht in der Menagerie.

RICHARD
Nein, die Mama heut wieder –

PETER
Still! – Mina, die Kinder sind sehr schlecht erzogen.

MINA
Greif' Dich nur an Deine eigene Nase, gehst ihnen mit gutem Beispiel voran.

PETER
Mina, eine Terz tiefer, Du thust mir weh in den Ohren! Meine Nerven!

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MINA
Ich hab' auch keine Waschseile und auf meinen Nerven trampelt Dein ganzer Chorverein herum, Du und der Berlioz, mit Nagelschuhen obendrein – ich geh' Euch noch auf und davon.

PETER
(wirft die Serviette hin und springt auf) Ja, mußt Du einem mit aller Gewalt die Stimmung verderben? Einen grün und blau ärgern? Freut's Dich denn gar nicht, daß man sich nach Jahren was aufgebaut hat? Daß man für die ersthafte Kunst Bahn gebrochen hat?

MINA
Gott, was werden mit mir noch für Bahnen gebrochen werden!

SENTA
(ist aufgestanden und läuft PETER nach. Zu Mina): Hack' doch nicht auf ihn, ich leid' es nicht.

MINA
(von einem zum anderen sehend) Ihr zwei! Mach Dich nur in Saurem ein mit Deinem Papa.

RICHARD
(springt auf, hängt sich an Peters Rockschöße) Mir gehört er auch, mir auch, der Papa.

MINA
Die Lieb' kenn ich, bis zur nächsten Klavierstunde.

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(Es klingelt)

PETER
Was?
(Sieht auf den Regulator) Halb zehn? Das kann doch niemand mehr zur Probe sein.

SENTA
Sicher ein Regenschirm oder ein Tuch, ich hab' draußen so was Vergessenes gesehen.

MINA
Hoffentlich ist das Hausthor noch auf, sonst muß die Wally wieder die drei Treppen hinunter. Ein Leben! Ein Leben!

RICHARD
(ist an die Glasthüre gelaufen, um hinauszusehen) Der Doktor ist es! (Macht die Thüre auf.)

MINA
Das Löwenfeldchen? Um Mitternacht? Klassische Gesellschaftsmanieren hat er. – Guten Abend.

LOEWENFELD
(klopft am Thürrahmen an)

PETER
Transpornieren sich nur näher, Doktor. (Er setzt sich)

LOEWENFELD
(tritt ein. Mittelgroß, etwas untersetzt; hübsches, gescheites Jedengesicht, schwarzer Schnurrbart, auffallend schöne braune Augen, Zwicker. Sehr schlechte Haltung. Frack, helle Kravatte.) Ich weiß wirklich nicht, ob ich noch guten

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Abend sagen darf oder schon gute Nacht sagen muß. (Er tritt an den Tisch und giebt der Reihe nach die Hand.)

MINA
Meinetwegen guten Morgen.

LOEWENFELD
(setzt sich auf Richards Platz, zwischen Peter und Senta, dieser zuletzt die Hand gebend) Wie gehts mit Ihren Chorschmerzen? Haben Sie mir endlich verziehen, daß ich kein Tenor bin?

SENTA
Ach der alte Witz! (Bringt ihm Teller und Besteck, schenkt ihm aus dem Maßkrug Bier in ein Glas.)

RICHARD
(hat sich das Hockerl wieder an den Tisch geschoben, alle essen weiter)

LOEWENFELD
Ich bin schon ganz zufrieden, wenn Sie mir zu existieren erlauben. Aber – (er sieht von einem zum andern) täusch' ich mich – oder – Sie haben

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alle so was – wie die Angeklagten, wenn der Staatsanwalt zum ersten Mal plaidiert hat?

PETER
(legt ihm die Hand auf die Schulter) Ich gebe Ihnen einen Rat: heiraten Sie nicht!

MINA
Wenigstens keinen Chorverein.

LOEWENFELD
(zwischen hinein zu Senta, die ihm Verschiedenes auf den Teller legt) Danke, danke, Fräulein Senta, Sie meinen's wieder zu gut, mir genügt ein gebratener Kolibri vollständig – (zu den andern) Ja, erlauben Sie – der Kritiker Wally sagt mir draußen: ,,Unser Prob' war ausgezeichnet und die Herrn sind g'stand'n wie die leibhaftig'n Hering, so viel warn's." Also denk' ich Sie alle in der idealsten Stimmung zu finden, noch ganz tibi omnes angeli –

MINA
Hat sich was, Engel! Gerauft haben wir uns. Nächstens komm' ich zu Ihnen und laß mich scheiden. (Auf Peter deutend) Ja, von dem da, dem Undankbaren, mit der genialen Verstrumeltheit.

LOEWENFELD
Verehrte Frau Kron, ich habe in allen Angelegenheiten lieber mit Ihnen zu thun als in juristischen. Obwohl ich Sie dadurch kennengelernt habe.

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MINA
Erinnern Sie mich nur nicht an das Drama mit der Nähmaschine. Muß ich wirklich dreißig Mark zahlen, weil ich für die verhungerte Person gutgestanden bin! Blutige dreißig Mark! Und dann hat sie mir noch die Hälfte Schirting gestohlen. Warum haben Sie mich nicht besser vertheidigt? Das Gericht hätte mir noch was herausbezahlen müssen. Ich entzieh' Ihnen meinen Kundschaft.

PETER
Da wird er aber weinen.

MINA
Kommen Sie vom Ball? Weil Sie gar so fürnehm sind? Befrackt! Bei welchem Schneider ist der geboren? Übrigens fehlt ein Knöpflein – da. Ihre Haushälterin ist eine schöne Schlampine, Sie so herumlaufen zu lassen.

LOEWENFELD
Wenn ich unter keiner anderen Fahlässigkeit zu leiden hätte. Der Grund meines Frackes und späten Erscheinens ist die Verhandlung, aus der ich eben komme.

RICHARD
Was Lustiges? Ein Mord? Ein Raub?

LOEWENFELD
Abteilung für Schmach – wenn Du weißt, was das ist.

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MINA
Ich weiß – für die gekränkten Leberwürfte. Wer war denn die gekränkte?

LOEWENFLED
Mein Klient, der Direktor des hiesigen Volkstheaters. Ein Käseblättchen hatte ihn einen Fünserlfanger geheißen, weil er in seinem wirtschaftlichen Egoismus den Galeriepreis um zehn Pfennige erhöht hat. Ich finde auch, er hätte bei den Logen anfangen sollen.

SENTA
Und Sie haben ihn verteidigt? Da haben Sie ja lügen müssen.

LOEWENFELD
Es giebt überall Für und Wider. Die weißen Für sagt man und die schwarzen Wider denkt man sich.

SENTA
Ich muß immer sagen, was ich mir denke, sonst drückt's mich.

LOEWENFELD
Wir wissen schon – in pflichtmäßiger Führung von Anstand und Tugend lassen Sie sich bei lebendigem Leib rösten.

SENTA
(schlägt ernsthaft die Augen auf)

MINA
Wie sie jetzt wieder himmelt! Gleich werden sie Dir davon fliegen, Deine Augen.

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SENTA
Bitte, ich habe nur nachgedacht. (Steht auf) Adieu, Kinder. Ich muß noch Postkarten fliegen lassen. Helfen Sie mir nachher Unterschrift stempeln, Herr Doktor? Sie werfen sie mir auch ein an der Hauptpost. Aber nicht zu spät darf es werden.

MINA
Tag' ihn gleich davon!

SENTA
(sich auf dem Schreibtisch die Kerze anzündend)Der Doktor nimmt's nicht übel, mit dem kann man umgehen wie man will. Warum kommt er auch nicht früher.

LOEWENFELD
Ich habe meine Entschuldigung vorhin nicht genügend fundamentiert. Herr Kapellmeister, ich hätte gern eine, oder besser zwei Auskünfte von Ihnen.

MINA
Geheimnis? Dann muß ich's hören. Richard, Du gehst weg.

LOEWENFELD
Gar kein Geheimnis. Aber Richard wird doch mehr interessieren, was ich draußen in meinem Überrock für ihn stecken hab'. Seit heut' Morgen schlepp' ich's herum.

RICHARD
(ist hastig aufgesprungen) Marken?

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LOEWENFELD
Höher.

RICHARD
Mineralien – Muscheln – Münzen?

LOEWENFELD
Noch ein Stockwerk.

RICHARD
Ein Käser?

MINA
So geh und hol Dir's!

RICHARD
(schon im Davonlaufen) Wo steckt's denn? In welcher –

PETER
Linker Hand rechts! Frag' nicht soviel!

RICHARD
(zur Thüre hinaus) Der Doktor ist so nett!

LOEWENFELD
Mein heutiger Klient, der Theaterdirektor –

MINA
(hat ihren Strickstumpf wieder vorgenommen) Sie, Herr von Löwenthal, Sie sind eigentlich gar nicht galant. Dem Richard bringen Sie was mit, warum mir nicht? Zum Lesen –

LOEWENFELD
Einen Augenblick bitte ums Wort. Der Direktor möchte sein Unternehmen vergrößern, noch mehr

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Gesangspossen und feinere Operetten in sein Repertoire aufnehmen –

SENTA
(vom Schreibtisch herübersprechend)
Papa, ist der Dismas Köpple ausgezogen oder wohnt er noch am Hundskugel?

PETER
An den sollst Du doch nicht schreiben, hab' ich Dir schon dreimal gesagt, weil er jeden Moment ein Kind kriegen kann.

MINA
(entsetzt) Peter, schäm' Dich! Redet er nicht ganz wie Eure unartige neue Richtung?

PETER
Ruhe jetzt, oder ich werf Euch beide hinaus. (Zu Loewenfeld) Verstehe schon, gar keine üble Idee, vorausgesetzt, daß er die nötigen Kräfte hat.

LOEWENFELD
Er hat einen Neffen, den er mit Vorliebe als echten lyrischen Tenor vorstellt. Der Komiker ist gut, wenn auch sehr lokal gefärbt; am meisten Vertrauen hab' ich zu der Soubrette, richtiges Wienerblut, Gisela Flesch heißt sie –

SENTA
O, die ist hübsch, ich hab' eine Photographie von ihr in der Auslage gesehen, im Pagenkostüm – nur –

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MINA
(zu Loewenfeld) Nur weiter von der Fleschin. Ihre Wange hat sich gar lieblich aufgerötet.

LOEWENFELD
Das werd' ich ihr polizeilich verbieten. Der Direktor sucht nun aus vorhin angegebenen Gründen einen Kapellmeister, einen jungen Musiker –

MINA
(hält mit Stricken inne) Peter, das wär was für Dich! Sieht er nicht hübsch aus und jung, Doktor? Wir sagen, Du seist mein Sohn, und ich krieg' vielleicht eine Stelle als Garderobière oder an der Kassa, da sitzen ja immer so dicke Madams.

PETER
Hast Du kein anderes Objekt zum Reden im Kopf oder auswärts als mich? Strick nicht soviel und sei nicht so rot! Kann schon sein, Doktor, daß ich jemand weiß. Als Anfangsstellung wird das manchem armen Teufel ganz erwünscht sein. Einen sprech' ich sogar morgen Vormittag in der Orchesterprobe. (Hat sein Notizbuch herausgezogen und giebt es Loewenfeld.) Schreiben Sie mir mal die Adresse von Ihrem Direktor hinein.

MINA
Was zahlt denn Ihr Theatermogul?

LOEWENFELD
(schreibend) Sonnenstraße 41. Sehr wenig. Das

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kann ich mit Bestimmtheit sagen. Hundert Mark monatlich – so was.

MINA
Hundert Mark! Dafür mußt Du Dich durch zwanzig Klavierstunden schinden, von denen zehn im letzten Moment absagen, weil sie Geburtstag haben oder gestorben sind. Im Ernst, Peter, hundert Mark für so ein paar Abende herumfuchteln! Du hast doch oft gesagt, Dein ganzes Pech wär', daß Du nie in eine feste Anstellung gekommen bist.

PETER
Wenn Du Dir nur abgewöhnen könntest, in alles drein zu reden! Wie der Blinde von der Farbe! Hat man darum sein ganzes Leben lang für die ernsthafte Kunst gearbeitet, um mit der himmelblauen Bänkelsängerei zu enden? Soll ich vielleicht Offenbach mit dem Taktstock dirigieren, den mir Berlioz geschenkt hat?

MINA
Einen ganzen Taktstock – sogar mit einem Klex drauf.

RICHARD
(kommt herin, beide Hände voll mit Taschentuch, Notizbuch, Federmesser und einer Brieftasche aus hochrotem Leder. Kläglich) Ich hab' alles umgekehrt, ich find's nicht.

LOEWENFELD
O weh, Junge, mir scheint, Du bist indiskreter gewesen als ein Gerichtsvollzieher.

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RICHARD
(während er die Gegenstände vor Loewenfeld auf den Tisch legt). Mama, der Doktor hat auch soviel Bröseln und Schnitzeln in der Tasche, worfür ich immer so gezankt krieg'.

SENTA
(ist mit einem Paket Postkarten, Stempeltästchen und Stempel an den Tisch getreten) Die Brieftasche ist nett, die könnte ich gleich für Chornotizen brauchen. Ist sie innen gestickt? (Sieht hinein, Richard von der Seite, sie klappt gleich wieder zu) O! Entschuldigen Sie, Herr Doktor.

MINA
Was? Was hat er da drin? Sehen lassen!

LOEWENFELD
(die Brieftasche einsteckend) Nicht der Mühe wert.

SENTA
Nein, die Mama bracht's nicht zu sehen.

MINA
So so. Muß was Hübsches sein.

SENTA
(gezwungen) Sehr hübsch. Nur nicht gerade für eine Brieftasche. (Sie setzt sich mit all ihren Sachen wieder an den Schreibtisch und stempelt eifrig die Karten ab.)

LOEWENFELD
Die sind meistens dafür eingerichtet.

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RICHARD
(halblaut zu Mina) Ich weiß, was es ist, ich hab's gesehen, ein Bub', der aussieht wie ein Mädel. (Zu Loewenfeld) Aber wo bleib' denn ich?

LOEWENFELD
(hat die Sachen zu sich gesteckt und dabei in seinen Taschen gesucht) Sollt ich's am Ende – (Er zieht ein flaches Schächtelchen heraus)
Das hast Du freilich nicht beschlagnahmen können.

RICHARD
(nimmt den Deckel ab, stößt ein Freudengeheul aus und tanzt mit der Schachtel in der Stube herum) Ein Schmetterling! Ein Schmetterling! Hü! Hö!

(Die Andern halten sich die Ohren zu)

MINA
Da haben Sie was angerichtet! Mit dem legt er sich ins Bett.

PETER
Junge, bist Du besoffen?

LOEWENFELD
(ist aufgesprungen und erwischt Richard am Kragen) Im Namen des Gesetztes und unserer Trommelfelle, das ist nächtliche Ruhestörung. Der rasende Roland ist ja ein Ceremoniemeister gegen Dich.

(Auch Peter und Mina sind aufgestanden, Mina räumt den Tisch ab, Peter setzt sich auf die Chaise longue und sieht während des folgenden Gesprächs die Zeitungen durch.)

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RICHARD
(atemlos) Auf den hab' ich schon so lang gespart – und immer nicht genug – die Mama ist so geizig – drei Pfennig giebt sie mir, wenn ich ihr zehn Pfund Seife bis aus der Fabrik hereintrag' – Was haben Sie denn bezahlt für ihn?

MINA
Nur sein! Gleich giebst Du's wieder her.

RICHARD
Nämlich der reiche Mäuschenkohn –

LOEWENFELD
Wer? Wo steht der im Adreßbuch?

RICHARD
Aus meiner Klasse ist er, Kohn heißt er, Mausaugen hat er, der hat mich alle Tage gefrozelt, weil er so einen hat, so einen Actias luna. Aber der da hat die Flügelschwänze viel schöner und die Monde. Gleich morgen zeig' ich's ihm, platzen wird er vor Neid. Die Freude! Der Saujud'!

PETER
Richard!

MINA
(gleichzeitig, giebt ihm einen festen Puff) Frantz!

SENTA
(ist dunkelrot geworben) Du bist unerhört!

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RICHARD
(erst verdutzt, dann allmählich verstehend) Ach – der Doktor – das ist gar keiner – der heißt nur so.

LOEWENFELD
(lächelnd) Richard sieht sich nicht immer genügend an, was er spricht. Komm her, kleiner Antisemit.

RICHARD
(legt ihm den Arm um den Hals) Sie sind so gut, Sie könnten gleich Erzbischof werden.

LOEWENFELD
Lieber Justizminister – wenn das nicht eben so unmöglich wäre.

(Kleine Verlegenheitspause)

WALLY
(schaut zur Saalthüre herein) Bitt' schön, gnä' Frau, ‘n Augenblick –

MINA
Was passiert? Sie haben was angestellt? Wally, Sie sind doch der ungeschickteste Dienstbote von ganz Europa.

SENTA
Zank' sie nicht, wir haben alle unsere Fehler; man kann von den Dienstboten nicht verlangen, daß sie Engel sind.

MINA
(in den Saal abgehend) Aber daß sie ordentliche Dienstboten sind!

31
PETER
Hatten Sie nicht noch ein Anliegen, Doktor?

LOEWENFELD
Nur eine Frage. Ist Ihnen eine musikalische Verlagsfirma in New York bekannt, Smith and Hamilton?

PETER
Will ich meinen! Die amerikanischen Breitkopfs. Aber der Smith ist ein ganz simpler Schmidt. Ordinärer Harzer Bauernkäse. Freilich gut in amerikanisches Silberpapier eingewickelt. Ich glaube, er heißt mit Vornamen sogar Claus.

LOEWENFELD
Ganz richtig, Claus Smith – die Zusammenstellung befremdete mich schon – war der Brief unterzeichnet. Er hat sich für morgen bei mir angemeldet.

PETER
Vielleicht ein Riesenprozeß? Zugreifen mit beiden Händen, und sich ordentlich zahlen lassen. Die Leute haben Geld wie Heu. Die könnten, was ich möchte. Aber diese vollgefressenen Geldsäcke haben keine Ideale, nicht einmal Ideen. Ich hätte Ideen. Wenn man nur nicht immer mit gebundener Marschroute gehen müßte. Mit drei Anhängseln (Mina kommt aus dem Saal zurück), von denen eines so dick ist. (Indem er aufsteht und sich hoch aufrichtet.) Wißt Ihr, was ich möchte? Nicht bloß einen Chor, ein Orchester möchte ich hier gründen –

32
MINA
(stößt einen Schreckenslaut aus)

PETER
Jawohl, ein zweites, gegen das hochwohleingebildete Stadtorchester, das sich Wunder was hat, weil es mir einmal spielt. Und umsonst spielt. Umsonst! Warum thun sie's? Weil ich das bischen Schreiberei in der Hand hab'. Sonst würden sie mir was husten. Jeder großschnäuzig! Ich, ich und nochmals ich. Gegen diese alten Zöpfe sich ein paar tüchtige junge Kerls heranziehen – begeistert, mit einem großen zug, spielen sollten mir die, daß den ganzen engherzigen Brotphilistern der Schädel zerkracht!

MINA
Jawohl – Deiner zuerst. Nein, Peterchen, es sind bald fünfundzwanzig Jahre, daß ich Dein Finanzminister bin, in der Zeit hab' ich mir das Schädelzerkrachen gründlich kennen gelernt. Vor lauter Idealen hast Du's zu nichts gebracht – schau Dir den eisernen Ofen im Saal an. Den Knopf haben sie abgebrochen, Deine Chorsylphiden. Wie sie das angefangen haben! Wenn ich nur schon wüßte, was die Reparatur kostet. Soll ich Dir mein Ideal sagen? Gar nicht so ein großartiges Schädelzerkrachen, einen ganz engen Horizont, Erkerstübchen, Strickstrumpf, alle Tage Sauerkraut, Frau Kaminfegermeister, so was! Nur in der Leihbibliothek müßt' ich abonniert sein. –

33
SENTA und RICHARD
(schreien): Und wir? Und wir?

MINA
Nun – Ihr wäret kleine Kaminfegerleins mit rußigen Näschen.

SENTA
Bedank' mich.

RICHARD
(entrüstet) Ich will kein Kaminfeger sein!

MINA
Wer weiß, ob Ihr nicht besser daran wärt. Was ist Ihre praktische Meinung, Herr Doktor von und zu?

LOEWENFELD
Ich meine, daß es gut ist, so wie es ist, und daß Sie am allerwenigsten tauschen würden, nicht mit dem Kaminfeger – und nicht mit dem König.

MINA
Mit dem König gewiß nicht. Da müßt' ich mich ja noch mehr ärgern über die Sozialanarchisten wie mit dem seinem Chor. Wenn ich ihm nur einen recht hübsche reiche junge Frau wüßte. Setzen wir's in die Zeitung! Ich suche eine passende Partie für meinen Mann –

SENTA
Dann bin ich Kranzeljungfer.

34
LOEWENFELD
(lachend, indem er aufsteht) Und die eifersüchtigste Schwiegermutter der Welt.

SENTA
Ich? Ich bin auf niemand eifersüchtig.

LOEWENFELD
(neben ihr) Darf ich um die Postkarten bitten?

SENTA
Danke, die Wally kann –

MINA
Was fällt Dir ein? Das Mädel ist totmüde.

LOEWENFELD
(nimmt die Karten ohne weiteres) Da muß ich einfach im Zwangsverfahren – schlafen Sie alle recht wohl für die kommenden Schlachttage. (Indem er Sentas Hand ein wenig länger behält) Sie vor allem, Fräulein Senta, obwohl Sie mich nicht einmal mehr für wert halten, Ihre Postkarten zu besorgen. Aber warten Sie noch mit dem Todesurteil, noch nicht unterzeichnen, lieber zu lebenslänglichem Kerker begnadigen.

SENTA
(schlägt schweigend die Augen nieder)

PETER
(mit Loewenfeld abgehend) Ich bringe Sie hinunter, Doktor, das Haus ist schon zu.

35
RICHARD
(ihnen nachlaufend) Ich auch. Ich' hab mich ja noch gar nicht bedankt.

SENTA
(nimmt das Brett mit dem abgeräumten Tischgeschirr) Ich freu mich auf mein Bett. Ach! Nur schlafen und an nichts mehr denken müssen. Zu – lebenslänglichem . . . Morgen ist Sonntag – ich möcht' gleich früh in die Kirche.

MINA
Geh nur.

SENTA
Du nicht?

MINA
Fromm sein ist sehr schön, wenn man Zeit hat. Ich will dem Mädel noch helfen, da kann's spät werden.

SENTA
Soll ich nicht –

MINA
Willst Dich schon wieder opfern? Weiß der Himmel, von wem Du die übertriebene Selbstlosigkeit hast. Schlaf Dich aus, hast ja ein ganz verkochtes Gesicht: Ich will das Gas ausmachen, daß ich nächsten Monat nicht wieder die Heidenrechnung habe. (Sie dreht ab.)

SENTA
(ab ins Vorzimmer) Gute Nacht, Mama.

36
MINA
(öffnet die Thüre nach dem Saal. Er sit leergeräumt, von einer Gasflamme mäßig erhellt, Wally kniet neben dem Putzschaffel auf dem Boden) Sie sind wohl arg müd, Wally?

WALLY
Grad' a bissl Kreuzweh halt –

MINA
Ich will Ihnen was sagen, bringen Sie mir den alten braunen Rock, die grüne Jacke und eine große Putzschürze von sich und legen Sie sich schlafen. Ich werd' den Saal selbst aufwaschen.

WALLY
Jesses, gnä Frau –

MINA
Schnell, daß der Herr nichts merkt.

WALLY
(ab aus dem Saal)

PETERS
(Stimme aus dem Vorzimmer)Mina – kommst Du nicht?

MINA
Ich bin noch nicht müd – ich will noch ein wenig Ordnung machen. (Sie nimmt die Kerze vom Schreibtisch und leuchtet auf dem Piano herum)

PETER
(erscheint in der Thüre) Immer die Wirtschaft! Immer das prosaische Gebahren!

37
MINA
Steck' Du Dich nur unter die Bettdecke und Deine Idealität. Geh, geh, geh mit aus dem Weg.

PETER
(abgehend) Den Tag möcht' ich erleben, daß Du was thust für die Kunst.

MINA
Ach die Kunst . . . (hat die Kerze eben ein wenig höher gehoben, der volle Schein fällt auf das Bild von Berlioz) Nein, Du alter Franzos, für Dich thät ich's nicht.

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