8. Kultur im Werden

Submitted by ssEditor on Thu, 2010-05-06 22:05

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8. Kultur im Werden

Im Grunde genommen kann ein Volk nur zu eigener Kultur gelangen, wenn es eine Seele hat und sie im geistigen, künstlerischen und sozialen Leben zum Ausdruck bringt. Es gibt Völker, die zwar keine Zivilisation, aber Kultur besitzen; Länder ohne Wasserleitung, aber mit Dichtern wie Knut Hamsun, die nicht nur ihr Volk begreifen, sondern auch von ihm begriffen werden.

Das amerikanische Volk hat überwältigende Siege bei der Bezwingung von Naturgewalten, die märchenhafte Durchbringung eines Kontinents mit den Gütern der Zivilisation aufzuweisen; mit Verkehrsmitteln und Beleuchtungseffekten, tadellos funktionierenden Telephonen und Funkstationen, mit Werkzeugen der Lebenserleichterung und Lebenserschwerung. Aber man kann bei alledem gar nicht an der Frage vorübergehen, wo die kulturellen Errungenschaften zu finden sind, denen doch im Grunde genommen die äußere Gestaltung der Dinge nur Rahmen sein soll.

Allerdings hat auch in den westeuropäischen Ländern die seelische und sittliche Kultur nicht mit der technischen Leistung Schritt gehalten. Aber immerhin sind die alten Völker mit ihrem kulturellen Erbgut

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in fester Tradition verwachsen, und sie umschließen Bildungsschichten, die selbst bei materieller Notlage doch Hüter und Mehrer geistiger und ästhetischer Werte bleiben.

Das amerikanische Volk ist noch zu jung, um eine Tradition der Kultur zu haben, und es ist ein Mischvolk, aus den Stämmen und Rassen aller Länder und Erdteile zusammengefügt. Roosevelt hat Amerika einmal ein „vielsprachiges Gasthaus” genannt. Daran liegt es, daß sich eine Kultur nur langsam entwickelt, daß die amerikanische Seele noch ihre spezifische Prägung kaum zum Ausdruck bringt; daß die Leistungen dieses kraftvollen und selbstbewußten Volkes auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften und Künste so gering sind.

Besonders auffallend ist das dem europäischen Besucher, sofern er geneigt ist, in Amerika noch heute, wenigstens kulturell betrachtet, eine Art angelsächsisches Kolonialland zu sehen. Aber tatsächlich sind nicht nur die Unterschiede zwischen den beiden Völkern groß. Gerade auf kulturellem Gebiet wachsen sie sich vielfach zu Gegensätzen aus. Die englische Häuslichkeit, die englische Familie, der englische Sonntag, das englische Herrschafts-und-Dienstverhältnis, die klassisch-aristokratische Atmosphäre von Oxford – das alles ist von anderen seelischen Kräften geformt, als sie in Amerika gedeihen. Wohl haben die Neu-Englandstaaten in den ersten Siedlungszeiten die Sitte geschaffen; wohl

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gelangt ihr Geist auch heut noch in eigentümlichen Einrichtungen (Alkoholverbot!) zur Herrschaft. Immerhin bilden die Angelsachsen nur eine Minorität im Volk, wenn sie auch finanziell und sozial einen unverhältnismäßigen Einfluß haben.

Was die besonderen Merkmale des amerikanischen Volkes ausmacht, die Eigenschaften und seelischen Kräfte, die allen seinen Gliedern gemeinsam sind, die die Menschen vieler Rassen zu einer Nation, zu einer Einheit, einer sich selbst bewußten Einheit zusammenschweißt, das ist nicht von den alten Ländern überkommen. Es ist im Guten wie im Schlechten, in der krassen Deutlichkeit eines primitiven Entwicklungszustandes die Formkraft, die dem Volk und seiner Seele durch die ihm gestellte Aufgabe, durch die ursprünglichen Lebensbedingungen gegeben war. Es ist der Geist, es ist der Charakter der Pioniere.

Das Leben war ein Jahrhundert lang – und ist noch heut für die Zuströmenden – zu hart, der Lebenskampf zu unbarmherzig, als daß der Geist eine Stätte finden konnte. „Sei tatkräftig, sei kühn, und vor allem arbeite“, das war das Leitmotiv. Es gab keine Muße und deshalb keinen Wert für die Güter, die dazu dienen, die Muße mit Glanz und Schönheit und Innerlichkeit zu erfüllen. Kultur entsteht erst in Gemeinschaften, deren wirtschaftliche Organisation bereits einzelnen Menschen oder Gruppen die Zuwendung zu unproduktiven, immateriellen Beschäftigungen

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ermöglicht. Sie konnte nicht entstehen, so lange ein Kontinent bevölkert und urbar gemacht wurde. Der Einsatz, um den der Pionier ringt, ist zu hoch. Es ist das nackte Leben. Pflügen und säen, Bäume fällen und Brücken bauen: das erfüllte das Dasein der Menschen. Das war der Strom nationalen Lebens, der über Täler und Ebenen flutete. Das war das wirkliche Amerika. Was daneben gerade in den kolonialen Frühzeiten an Geistigkeit vorhanden war, bleib ausschließlich auf die Neu-Englandstaaten beschränkt, hatte seine Wurzeln in dem Mutterboden Europas und machte gar keinen Anspruch darauf, amerikanisches Wesen auszudrücken.

Die Ära der Pioniere, der Aufschließung des Kontinents, wurde erst etwa seit 1880 abgelöst von der Entwicklungder Industrie und der Großstädte. Das äußere Leben hat ein so anderes Gesicht bekommen, daß man, wenigstens in den Städten, geneigt ist, zu vergessen, wie jung diese ganze Zivilisation ist; daß die Großväter alle noch Pioniere waren.

Aber wenn auch das Äußerliche sich geändert hat, die Seele des Amerikaners ist noch nicht in das Neue hineingewachsen. Interesse und innere Haltung, Geist und Herz sind noch gezeichnet durch die Erlebnisse der jüngsten Vergangenheit, durch den historischen Hintergrund. Der Amerikaner denkt noch in den Begriffen der Pioniere, obwohl die ökonomischen und materiellen Tatsachen über deren sinnvolle

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Anwendbarkeit hinausgewachsen sind. Die amerikanische Nation ist die reichste der Welt. Die Arbeit ist produktiver und das Vorwärtskommen und Erfolghaben leichter als anderswo. Nichts rechtfertigt mehr die frühere ständige Beschäftigung mit der materiellen Existenz. Aber die Begriffe sind so überkommen und festgewurzelt, als ob Gelderwerb zum Zweck weiteren Gelderwerbs ebenso wichtig wäre wie die Aufgabe, Korn zu bauen, um das Leben zu erhalten. Die Tatsachen haben sich geändert. Die Pioniere machten eine Wildnis urbar; der moderne Geschäftsmann unterwirft ein Heer von Konkurrenten. Dabei legt er das gleiche Maß von Energie und genau die gleiche Art von Mentalität in seine heutige Aufgabe hinein, obwohl die praktischen Ergebnisse vollkommen andere sind.

Das bestimmt auch die Haltung gegenüber den geistigen Werten. Der Pionier mußte naturgemäß den Denker ablehnen. Nach seinen Maßstäben ist er unproduktiv und gibt ein Schlechtes Beispiel. In einer Schilderung des psychologischen Hintergrundes des Amerika von heute, die von jungen Amerikanern selbst gegeben ist, wird gesagt: „Der Pionier duldete den Geistlichen, genau so wie primitive Stämme den Medizinmann duldeten; und aus etwa den gleichen Gründen. Wenn der Geistliche auch nicht Regen schaffen oder Seuchen abwehren kann, was der Medizinmann zu können vorgab, so kann er doch die Härte

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des Daseins mildern und den Weg zu einem zukünftigen Reich zeigen, das für die Mühsalen dieser Welt vollen Ausgleich bringen wird. Er hat also, kurz gesagt, Nützlichkeitswert. Der Denker schlechthin hat keinen. Und nicht nur das. Er ist ein Vorwurf und eine Herausforderung für den Mann, der im Schweiße seines Angesichts arbeitet. Es ist, als ob er ihn fragte: Warum eigentlich all diese Anstrengung und Qual? Nur um zu leben? Und bist du sicher, daß das Leben unter solchen Umständen lohnt? – Solche Fragen muß der Pionier von sich weisen. Würde er sie aufkommen lassen, würden wahrscheinlich keine Siedlungen mehr erfolgen. Skeptizismus ist ein kostspieliger Luxus, den sich nur Menschen leisten können, die in den Städten von den Früchten der Arbeit anderer leben. Amerika hat jedenfalls bis vor kurzem weder praktische Möglichkeit noch den angeborenen Impuls für die Pflege und Duldung solcher letzten Werte und Maßstäbe gehabt, für eine Atmosphäre, in der ein wahrhaft geistiges Leben aufblühen kann.“

Aus dieser seelischen Verfassung des Durchschnittsamerikaners lassen sich die beiden auffallendsten Züge auf kulturellem Gebiet erklären.

Der eine ist die geistig-seelische Hungersnot der Massen, die von den engen, wirklich gebildeten Schichten selbst als pathetische Tatsache empfunden wird. Aus ihr ist der übersteigerte Bildungsbetrieb, die Vergnügungstechnik, die Atmosphäre von künstlicher

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Kameradschaft in den üppig wuchernden Logen, Vereinen und geheimen Gesellschaften, die Quacksalberei auf dem Gebiet der Religion entstanden. Aber das alles stillt den Hunger nicht. Es gibt eben ursprüngliche seelische Bedürfnisse, für die keine Kompensationen aus der Sphäre der Zivilisation möglich sind. Wahre Persönlichkeit, wahre Kunst und Religion mit ihrer natürlichen Wärme, Innerlichkeit, Harmonie und Geschlossenheit wächst nur, wenn nicht der Verstand, sondern das Herz sich den wahren Werten und Gütern hingibt.

Soweit das in Amerika der Fall ist, geschieht es vorwiegend von Frauen. Daraus ergibt sich das andere auffallende Merkmal, die Verweiblichung der amerikanischen Kultur. Bisher haben vor allem Frauen daran gewirkt.

Nun trifft das sicher in gewissen Umfang auf alle Kolonialländer zu. Immer schaffen die Frauen die ersten Kirchen, gründen sie die Schulen, richten sie die Krankenhäuser ein. Das ist das erste Stadium. Das zweite ähnelt manchen Erscheinungsformen der europäischen Kulturländer. Die Frauen, allerdings nur innerhalb der Oberschicht, wenden sich genießend, manchmal auch verstehend den schönen Künsten zu. Sie find die hauptsächlichsten Besucher von Konzerten, Theatern, Kunstausstellungen, lesen Romane und Gedichte, besuchen Vorträge und sind schlechthin rezeptiv. Aber das alles ist doch nur das Rankenwerk

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am Gebäude der Kultur. Es ist nur möglich auf dem Hintergrund wissenschaftlicher und künstlerischer Produktion, und diese verdankt ihre Werte – jedenfalls bisher – hauptsächlich dem Mann. Die kulturelle Leistung der Frau lag auf anderem Gebiet.

In Amerika aber ist die Frau fast Alleinherrscherin im Reiche des Geistes. Sie allein prägt der werdenden Kultur ihren Stempel auf.

Als die großstädtisch-industrielle Entwicklung begann und große Vermögen gebildet waren, hatten die Männer im Grunde keine Verwendung für den erworbenen Reichtum. Sie fuhren weiter fort, Geld zu verdienen, auch wenn sie es gar nicht nötig hatten. Dabei haben sie nicht einmal einen stark ausgeprägten Besitzinstinkt. Jedoch fehlt ihnen die Vorstellung irgendeines Lebenstypus, in dem Arbeit keine Rolle spielt. Da sie als Nation bisher keine Muße hatten, wissen auch die Individuen nicht, was sie damit anfangen sollen, wenn ein freundliches Schicksal sie ihnen darreicht. So gaben sie denn ihren Wohlstand ihren Frauen und Töchtern, ihren Müttern und Schwestern, ließen sie den Erfolg ihrer Arbeit zur Schau tragen, und sie gaben ihnen die Muße, mit der sie selbst nichts anzufangen wußten, in der naiven Überzeugung, daß die Frauen die Fähigkeiten zu ihrer Verwendung haben würden.

Aber diese Frauen waren von demselben Fleisch und Blut. Sie waren Töchter von Müttern, die mit

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den Männern zusammen die Grundlage für den späteren Wohlstand mit eisernem Fleiß gelegt hatten. Sie lehnten ein Parasitendasein ab. Sie waren mit der Rolle, Schmuckstück zu sein, nur zu genießen, nicht zufrieden. Sie griffen nach den Dingen – und die Männer überließen ihnen -, die außerhalb der Geschäftswelt der Mannes lagen, außerhalb des Wirkungskreises, von dem er sie befreit hatte. Das war Kunst und Wissenschaft, religiöses und geistiges Leben.

Das alles wurde ihnen in einem Umfang überlassen, der den Völkern älterer Kultur vollkommen unverständlich ist. Geist und Seele sind geradezu die Domäne der Frau. Sie prägt der Kultur ihren Stempel auf. Das Erziehungswesen liegt fast ausschließlich, das Bildungswesen in großem Umfang in ihren Händen. Die Teilung der Interessensphäre von Mann und Frau, die Divergenz ihrer Lebens- und Wertformen ist nirgends so groß wie in Amerika.

Das sind natürlich grobe Verallgemeinerungen, die nur den Zweck haben, das Eigentümliche und Wesentliche einer werdenden Kultur deutlich machen. Es sind fingierte Einfachheiten. Man darf darüber nicht vergessen, daß anderseits sich nirgends in der Welt ein so wahrhaftige Kameradschaft zwischen geistig arbeitenden Männern und Frauen findet. Aber es gibt Eingeweihte, die meinen, daß darin eine Kapitulation des Mannes zu sehen ist; daß auch in diesen Fällen

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die Art des geistigen Lebens von den Frauen bestimmt ist. Von dieser Art soll später gesprochen werden.

Vielleicht wird aus dieser Betätigung der Frau eine andere Kultur erwachsen, als die der Länder der Alten Welt es ist. Was sie für die Menschheit bedeuten kann, liegt im Dunkel der Zukunft verborgen. Eines aber ist sicher. Auch die Völker Europas, denen die Gegenwart einen Zusammenbruch von so unerhörtem Ausmaß gebracht hat, müssen nach neuen Maßstäben und Werten suchen. Sonst gibt es für sie keinen Weg, der aus dem Dunkel ins Helle führt.

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