6. Lebensstil und Lebenstechnik

Submitted by ssEditor on Thu, 2010-05-06 22:05

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

6. Lebensstil und Lebenstechnik

Henry Ford hat das große Verdienst, den amerikanischen Farmer seiner Isoliertheit entrissen, dem Dorfbewohner die Lockungen der Großstadt in erreichbare Nähe gebracht zu haben. Wenn man durch den mittleren Westen fährt, der eigentlich gar kein Westen, nicht einmal Zentrum, sondern geographisch durchaus ein Teil des Ostens ist, etwa zwischen Detroit und Cleveland, Cincinnati und Chicago, bekommt man eine Vorstellung davon, wie das Leben der

44 
Landbevölkerung durch die Technik verändert worden ist. Überall sind die Landstraßen mit Autos belebt; vor jeder Farm sieht man die Wagen stehen. Der Garageschuppen gehört zum Haushalt des Bauern fast so wie Stall und Scheune. Auch Telephon und Rundfunk haben ihn mit der übrigen Welt verbunden. Sie sind Haushaltungsgegenstände geworden. Jeder amerikanische Junge konstruiert sich seinen eigenen Rundfunkapparat. Er braucht keine Erlaubnis zu haben, keine Gebühr zu zahlen. Er fertigt seinen Apparat an und fängt auf, was in der Luft ist. Man fährt durch Städte, in denen auf jedem Dach die Radioanlage errichtet ist.

Der Amerikaner ist technisch und in der Nutzbarmachung von Erfindungen anderen Ländern voraus. Er hat aber auch einen rationalen Lebensstil, eine Lebenstechnik, die man ablehnen kann, die man nicht sympathisch zu finden braucht, die ihn aber für den Lebenskampf in ungewöhnlichem Maße stark macht.

Zwei Umstände mögen diesen Lebensstil entwickelt haben. Einmal die Tatsache, daß der Amerikaner im allgemeinen viel weniger Bedienung haben kann als der Europäer. Das zwingt ihn, das Leben zu organisieren. Dann aber ist die Haft, der Lärm, die Atemlosigkeit in den großen Städten des Ostens so beispiellos, daß man einer besonderen Lebenstechnik bedarf, um sie zu meistern.

Wenn man die amerikanischen Städte im Sommer gesehen hat und im Winter wiederkommt, scheinen

45 
die Straßen leerer geworden zu sein. Trotz aller Reihen von fahrenden und wartenden Autos ist es doch nicht die gleiche, zusammengeballte Masse, die sich unaufhörlich fortbewegt. Man stellt auch bald fest, daß viele der Leute, die im Sommer ein Auto hatten, jetzt in Straßenbahnen, oder Droschken ihre Wege zurücklegen. Sind sie plötzlich alle ärmer geworden? Gewiß nicht – aber viele Amerikaner entlassen den Chauffeur im Herbst, weil es im Winter, wenn man nicht hinaus auf das Land fährt, nicht rentiert. Sie verkaufen im Herbst ihren Wagen und kaufen im Frühling einen neuen, besseren. Das ist ganz charakteristisch für die Schnelligkeit das Lebens, der Entschlüsse. Niemand denkt daran, einen Wagen zu fahren, bis er abgenutzt ist. Man will das Neueste, Beste haben – aber man beschafft es mit Ökonomie. Das Auto ist in jeder Beziehung das Wahrzeichen der Vereinigten Staaten. Man sollte es in die Fahne neben die Streifen und Sterne setzen.

Die Rationalisierung der Kräfte spiegelt sich besonders bei Betrachtung der Haushaltungen wider. Es ist verhältnismäßig leicht, von hundert amerikanischen Frauen, die man etwa bei einem Vortrag oder bei einem Empfang trifft, Einladungen zu bekommen, mit ihnen in irgendeinem Klub oder Gasthaus das Mittagessen einzunehmen. Denn sie sind außerordentlich gastfrei. Aber es ist schon schwerer, von zehn

46 
unter ihnen eine Einladung zum Abendessen in ihr Haus zu erhalten, und es ist ein besonderer Glücksfall, wenn man von einer unter ihnen eingeladen wird, ihr Hausgast zu sein. Man dringt schwer in das häusliche Leben ein, und es gelingt nur langsam, eine Vorstellung davon zu gewinnen. Das gilt allerdings nur für die großen Städte des Ostens und hat mit dem Stil der Häuslichkeit zu tun. Im Westen öffnen sich die Häuser weit, und man findet noch jene Art enthusiastischer Gastlichkeit, die sich aus den Kolonialzeiten erhalten hat und die auch den Fremden willkommen heißt und heimisch macht, wenn er mit irgendeiner Empfehlung kommt.

Die Häuslichkeit und der Lebensstil des Amerikaners ist natürlich durch die Einkommensverhältnisse bestimmt. Aber gewisse Typen von Häuslichkeiten lassen sich leicht unterscheiden. Dabei bleibe die Häuslichkeit der Arbeiterfamilie außer Betracht. Sie ist am wenigsten charakteristisch, weil der Proletarier aller Länder eine so enge Wohnung hat, daß er keinen eigentliche Wohnkultur entfalten kann, und weil in Amerika der Proletarier ein Pole, Italiener, Ire oder sonst ein Eingewanderter ist, der an den Sitten seines Heimatlandes festhält. Die Häuslichkeiten lassen sich etwa in vier Typen teilen. Zuerst seien die Familien ohne Bedienung genannt. Dann kommen die Familien mit einer mit einer Hausangestellten, häufig einer Negerin. Es folgt die wohlhabende Familie mit einer

47 
Hausangestellten und einem Chauffeur. Darüber stehen dann die H

uslichkeiten der Reichen mit viel Dienerschaft , die den europäischen Haushaltungen sehr gleichen. 
Das größte Interesse gebührt dem Lebensstil in einfachen Verhältnissen. Auch in den Großstädten neigt man dazu, hinaus in die Vororte zu ziehen und ein eigenes Haus zu erwerben. Das ist mit verhältnismäßig geringen Kosten möglich, wenn man mit einem Holzhaus zufrieden ist. Die Einrichtung der Häuser ist so praktisch, daß die häusliche Arbeit auf ein Minimum reduziert ist. Auch braucht man nur ganz wenige Möbel, um das Haus wohnlich zu machen. Schränke gibt es nicht, ebensowenig Waschtische. Das Bedürfnis nach Reinlichkeit wird durch das Badezimmer befriedigt, in dem in holder Eintracht die Zahnbürsten der Familie nebeneinander hängen; ebenso Handtücher, wobei Verwechslungen nicht ganz ausgeschlossen sein dürften. Auch steht alles, was die Amerikanerin zur Hautpflege, der Mann zum Rasieren braucht, irgendwo dort auf einem Wandbrett oder dem Fensterbrett. Kleider und häufig auch Wäsche finden ihren Platz in Kammern, die in jedem Zimmer eingebaut sind. Auch in der Küche ist alles eingebaut, sogar die Waschmaschine und der Eisschrank. Man braucht daher außer Betten und einem Frisiertisch nichts für das Schlafzimmer. Das Wohnzimmer und das Eßzimmer enthält neben leichten, bequemen Stühlen

48 
manchmal ein Klavier, häufiger ein Vitriola das ist ein verbessertes Pianola, eine Anzahl kleiner, zusammenklappbarer, ausdehnungsfähiger Tische aus leichtestem Material, ein paar kleine Teppiche. Manchmal ein Bücherregal. Aber auch das ist oft eingebaut. Die Reinhaltung solcher Häuser mit dem Staubsauger ist in der Tat keine Mühe, ein Umzug ohne Schwierigkeiten zu bewerkstelligen.

Wie aber entledigt man sich der Arbeit des Kochens? Es ist erstaunlich, wie wenig in solchen amerikanischen Häusern gekocht wird. Dabei spielt einmal die Vorliebe der Amerikaner für rohe Früchte und Salat eine Rolle. Dann aber entwickelt man absichtlich eine Nahrungstechnik, die wenig Arbeit macht. Man ißt zu Mittag irgendwo in der Stadt, Eltern und Kinder. Die Kinder in der Schule. Man ißt ein Brötchen und Salat, oder Salat und Eis, eine beliebte amerikanische Zusammenstellung. Es gibt aber auch Leute, die nur einmal oder zweimal am Tage essen. Ein Nachmittagstee wird von den meisten als Zeitvergeudung betrachtet. Überall kann man kleine Pergamentumschläge mit Mandel- oder Nußkernen kaufen, die viele Leute statt der Mittagsmahlzeit essen. (Hochwertige Nahrung – kein Zeitverlust – keine Zubereitung.) Die Hauptmahlzeit ist am Abend. Sie ist aber in den Häusern ohne Angestellte, besonders wenn die Frau einem Beruf nachgeht, auch auf Gerichte beschränkt, die nicht viel Zubereitung erfordern.

49 
Der Amerikaner ißt viel Zerealien, die aber nicht gekocht werden wie Haferflocken, sondern von der Fabrik in eßbarer Form geliefert werden.

Viele Familien scheuen aber doch die Mühe einer solchen Haushaltung und leben in “Apartments”, d. h. in möbelierten oder von ihnen selbst ausgestatteten winzigen Wohnungen in einem der hohen Mietshäuser. Das Mietshaus, in dem der Wohlhabende lebt, heißt “Apartment-Haus”; das der Armen “Tenement-Haus”. Der Unterschied ist im Grunde nur der, daß das Apartment-Haus einen Portier hat und nachts geschlossen wird, während die Häuser der Armen offen bleiben. Aber im Apartment-Haus kann man nicht nur Möbel und Wäsche und Silber, sondern unter Umständen auch stundenweise Bedingung oder wenigstens Reinhaltung der Wohnung mitmieten. Immer aber bedeutet es, dass man für die Mahlzeiten ausgehen muß oder sie selbst bereitet. Die einzige Dienstleistung, die man nicht mieten kann ist das Kochen und Abwaschen des Geschirrs. Aber das Abwaschen besorgt in der Amerikanischen Familie des Mittelstands fast immer der Mann.

Man findet junge Frauen, die die kostbarsten Kleider tragen, die dem Fremden wie Prinzessinnen erscheinen, aber die alle häusliche Arbeit selbst machen, sich ihre Schuhe an der Straßenecke reinigen lassen, aber häufig ihr eigenes Auto haben und selbst lenken.

Ein entwickelteres Familienleben und eine gepflegtere Häuslichkeit findet man meist in den Familien,

50 
die sich eine Hausangestellte halten können. Die Negerinnen sind of vorzügliche Köchinnen und fast immer außerordentlich arbeitsam und tüchtig. Aber auch in solchen Verhältnissen fällt der Frau mancherlei Arbeit zu, und das Leben sehr aushäufig. Der nächste Schritt aufwärts aus der sozialen oder eigentlich ökonomischen Stufenleiter ist der Haushalt mit dem Chauffeur. Das ist immer ein Zeichen von erheblichem Wohlstand. Die zweite Hausangestellte folgt in der Regel erst später. Sie ist aber auch bei der Haushaltstechnik von geringerer Bedeutung. Müll und Abfall wird durch einen Schacht fortgeschafft, die bestellten Waren werden von außen in einen Behälter gelegt, der von der Küche aus zu öffnen ist, so daß selbst die Klingel nicht in Bewegung gesetzt und die Tür nicht geöffnet zu werden braucht.

Man kann aber auch in einer Stadt des Landes kaufen, was man in einer anderen geliefert haben will. Die Blumenhändler sind kartelliert, und eine heute in San Francisco bestellte Blumengabe kann am selben Tage in Neuyork ausgeführt werde. “Say it with Flowers” steht über allen Blumenläden als Reklame, als Aufforderung zum Kauf. Anreiz zum Kauf und Leichtigkeit der Beschaffung wirken zusammen.

51
Überall findet man Geschäfte, in denen man auf das Reinigen und Färben von Kleidern, das Ausbessern der Schuhe warten kann. In den großen Städten haben Unternehmer Ärztehäuser gebaut, in denen Hunderte von Ärzten und Zahnärzten winzige Sprech- und Untersuchungszimmer innehaben, wo im selben Haus für alle Fälle und Spezialitäten vorgesorgt ist.

Immer wieder fragt man, warum in diesem unermeßlichen Land diese Sparsamkeit in der Ausnutzung jedes Raumes waltet – und man erhält die Antwort: Zeit- und Kraftersparnis, weniger Bewegungen, weniger Energieverlust: Lebenstechnik.

Der Lebenstechnik hat sich auch die industrielle Welt und die Produktion unterworfen. Der Begriff des Taylorsytems, den wir von Amerika übernommen haben, ist viel zu eng gefaßt. Hier spricht man von “Wissenschaftlicher Verwaltung” der Betriebe. Die Personalverwaltung versucht durch richtige Auswahl bei den Einstellungen und durch Eignungsprüfungen jeden an den richtigen Platz zu stellen. Der “Tüchtigkeits-Ingenieur” beobacht den Betrieb und schlägt Verbesserungen vor. Der Tüchtigkeits-Sachverständige verbessert den Arbeitsprozeß, sucht Erleichterungen der Arbeitsmethoden zu finden. Es ist immer gewollte Bemeisterung und Beherrschung des Lebens. Das greift auch in das individuelle Leben über. Der Begriff der geistigen Hygiene steht im Mittelpunkt des

52 
Interesses. Man will nervösen Erkrankungen vorbeugen. Man will Schwächen der Anlage überwinden. Man will die Fähigkeit entwickeln, zuzeiten alle Energien bis aufs äußerste auszunutzen, ohne hinterher zusammenzubrechen. Dazu schafft man sich einen Rhythmus von vollkommenster Entspannung und gesteigerter Tätigkeit. “Wie man erfolgreich lebt”, das ist Gegenstand nicht nur ökonomischer, sondern psychologischer und medizinischer Betrachtungen. Als Beispiel dafür erzählt man von einem Athleten, der bis in ein hohes Alter einen wunderbar gebildeten und leistungsfähigen Körper behielt, daß er auf die Frage, wodurch er seine Kräfte erhalten habe, antwortete: er habe nie im Leben auch nur eine überflüssige Bewegung gemacht. Der Amerikaner, der Erfolg hat, der es zu einer großen Stellung bringt, wählt aus, was er tut und was er unterläßt. Darum macht er auch im Gegensatz zur Masse immer den Eindruck, Zeit zu haben. Er wählt aus nach dem Wahlspruch: “Das Leben ist zu kurz.”

Das nennt man hier leitende Fähigkeiten.

Number of Pages: 
1 page(s)