5. Klima und Dynamik

Submitted by ssEditor on Thu, 2010-05-06 22:05

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5. Klima und Dynamik

Bei südlich blauem Himmel intensive Sonnenstrahlen, wie nur das Hochgebirge sie uns Europäern im Winter schenkt, dabei 10 Grad unter dem Gefrierpunkt – und der “Albert Ballin” gleitet, von Eisbrechern geführt, den Hudson hinauf, zwischen

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massigen Eisschollen, die in allen Farben schillern, in eine schneeig glitzernde Welt hinein.

Es gibt bei uns daheim so viele Leute, die eine Seereise im Winter wie ein gefährliches Unternehmen fürchten. “Winter auf See” – das ist vielmehr ein Erleben von besonderem Reiz. Auf den neuen deutschen Schiffen der Hamburg-Amerika-Linie, dem “Albert Ballin” und der “Deutschland”, die erst im letzten Jahre fertiggestellt wurden, und die durch ihre Konstruktion die Schlingerbewegungen und die Vibration fast völlig ausschalten, hat man tagelang kaum ein Gefühl von Bewegung. Kommt aber einmal ein Sturm, der das Schiff hebt und wirft und das Meer in Berge und Täler verwandelt, in blaue und graue und schwarze Bergmassen, in zischende weiße Abgründe, so blickt man ergriffen in diese Allgewalt. Es kommt ein Ahnen von den unendlichen Tiefen, von den verborgenen Welten da drunten, von dem geheimnisvollen Werden und Vergehen, von Erdteilen und Planeten, von einer schaffenden und zerstörenden Kraft. Man erlebt und begreift neu das jahrtausendlange Ringen der Menschheit, die Natur zu beherrschen und zu bezwingen – ihre sieghaften Erfolge; und man fühlt zugleich tiefer als je zuvor die Gebundenheit an das Schicksal, das Geborgensein allein in Gott.

Das amerikanische Klima gleicht in etwas dem Winter auf See. Der Amerikaner spricht mehr über das Wetter als alle anderen Nationen der Erde. Aber

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er hat Grund dazu. Denn das Wetter ist wie das Land und das Volk: voller plötzlicher Gegensätze, voller Wechsel, voller Bewegung. Oder vielleicht ist es auch richtig, was der Amerikaner selbst glaubt, daß er seine Art, sein eigentümliches Wesen, seine gesteigerte Vitalität dem Einfluß des Klimas verdankt. Neuyork, auf dem gleichen Breitengrad wie Neapel, Boston auf dem gleichen wie Rom, haben heiße, durch die feuchte Schwere der Seeluft geradezu tropische Sommer, aber sie haben stahlharte, kalte Winter mit zugefrorenen Strömen und Wasserfällen und plötzlich aus fernen, hohen Luftregionen herabfallenden Schneetürmen, die allen Verkehr lahmlegen und reine, klare Luft durch Straßen und Häuser hindurchfegen und die Menschen tiefer atmen lassen. Wer überlebt, ist gestählt, abgehärtet, voll frischer Lebensenergie und Draufgängertum. Das gilt nicht nur im körperlichen, sondern auch im geistigen Sinne.

Die Dynamik des amerikanischen Lebens benimmt dem Europäer immer wider den Atem. Sie ist sicher nur teilweise mit dem Klima zu erklären. Sie ist doch auch ein Ergebnis der Größe und Weite des Lande, die sich irgendwie auf die Menschen und ihr Tun überträgt, ihnen den Stempel aufdrückt. Man stelle sich ein vergrößertes Europa vor unter einer einheitlichen Regierung, durch ein starkes patriotisches Gefühl aller Bürger zusammengehalten, mit den gleichen wirtschaftspolitischen Interessen, die alle verbinden, ein

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Land, in dem es immer zugleich Winter- und Sommergegenden gibt, mit einem entwickelten Verkehrsystem. Man denke sich ein Volk, aus allen Rassen zusammengefügt und in dem doch alle noch etwas von dem Wandertrieb in sich tragen, der einst ihre Vorfahren in eine neue Heimat, in eine neue Welt führte.

Der Amerikaner ist immer in Bewegung. Er reist einhundertundzwanzig Stunden weit, von Neuyork nach San Francisco oder Seattle zu einer Sitzung, wie der Berliner nach Frankfurt oder München fährt. Er geht nach Chicago oder St. Louis, eine Tagereise weit, wie wir nach Leipzig oder Magdeburg reisen. Der Wohlhabende geht im Sommer nach Europa, im Winter nach Südamerika oder Havanna oder Florida. Der Amerikaner hat ein Eisenbahnwesen entwickelt, das zwar immer noch gelegentlich irgendwo die Schienen mitten durch die Straßen einer Großstadt legt und das Publikum durch seine Schranken und Schlagbäume schützt, - aber der Reisende findet dabei alles Behagen, das Menschensinn nur erdenken kann. Der Zug saust und rast mit unerhörter Geschwindigkeit dahin, auf weiten, tagelange Strecken ohne Halt. Das mach auch den Transport von leicht verderblichen Gütern möglich und hebt die Jahreszeiten für den Konsum von Früchten und Gemüsen vollkommen auf. Der Neuyorker ißt das ganze Jahr Erdbeeren und Trauben, Birnen und Orangen, Sommer und Winterfrüchte. Sie kommen

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aus Kalifornien oder auf Florida oder aus Kuba, in jedem Monat aus einem anderen Teil des Landes, und sie sind keineswegs Luxusgüter. Ein Korb mit Erdbeeren, etwa zwei Pfund schwer kostet gegen Weihnacht zwei Mark. Vielleicht sagt der Amerikaner deshalb, er lebt in “God’s own country.”

In Amerika liegt Holz und Kohle, Erz und Öl buchstäblich noch “auf der Strasse”. Darum ist auch der Begriff der Ökonomie der Sachgüter ganz unentwickelt. Man überheizt Häuser und Bahnen, aber lebt bei offnen Fenstern – selbst wenn draußen 20 Grad Kälte sind. Man baut heute ein Haus, um es in wenigen Jahren einzureißen. Der Amerikaner legt ganze Stadtteile nieder, um sie nach neuem, einheitlichem Plan zu gestalten. Das Gesicht der Straßen verwandelt sich nicht nur in Jahrzehnten, sondern von Jahr zu Jahr. Die Neuyorker Fünfte Avenue, vor zehn Jahren noch die vornehmste Wohngegend der Stadt, ist heute die erste Geschäftstraße der Welt. Die Auslagen der Läden, der Juweliere, der Modisten, der Antiquitäten- und Kunsthändler lassen allen Glanz und alle Schönheit der Rue de la Paix weit hinter sich. Die Vierte Avenue dagegen ist die Wohnstraße der Reichen geworden. Sie ist das Wahrzeichen der neuen amerikanischen Architektur, eines neuen Baustils. Ein Wolkenkratzer reiht sich an den anderen, Wohnhäuser mit 20 Stockwerken und 200 Familienwohnungen, jeder eine Welt für sich – aber

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jeder mit einem eigenen Gesicht, mit eigener Fassade, von zehn zu zehn Stockwerken schmäler werdend oder auf breiter Grundlage pfeilerartige Turmgeschosse aufbauend. Wer das sieht, kann nicht zweifeln, daß hier ein Sinn für Kunst und Schönheit lebt.

Das amerikanische Haus, die Wohnung: hier zeigt sich wie nirgend anders der Charakter der Nation. Der Amerikaner und ebenso die Amerikanerin weiß nicht nur, sondern fühlt mit jedem Nerv, mit dem Instinkt, daß die Sachgüter Diener und nicht Herren der Menschheit sein sollen. Alle Erfindungen, alle Technik werden den Massen und ihrer Lebenserleichterung nutzbar gemacht. Neben dem Aufzug, der in jedem Stockwerk halt, geht der andere, der nur das zehnte und zwanzigste Stockwerk bedient. Aus jeder Wohnung werden Briefe auf mechanischem Wege, durch einen Schacht, zum Hauswart befördert.

Aber das Haus hat bei den Amerikanern nicht die gleiche Bedeutung wie für uns Deutsche, oder überhaupt wie bei den Europäern. Es ist nicht im gleichen Sinne sein Heim. Vielleicht weil er immer bereit ist, der Arbeit nachzugehen, wo sie ihn hinführt. Oder weil er von Natur mehr für Dynamik als für Statik geeignet ist. Vielleicht auch, weil Hilfe im Haushalt, eine dienende Schicht immer nur wenigen Bevorzugten zugänglich war. Er verbringt einen Teil seines Lebens im Klub.

Der amerikanische Klub ist weniger als der englische ein Ort der Geselligkeit, ein Mittelpunkt für

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Menschen der gleichen Gesellschaftsschicht, des gleichen Berufs oder der gleichen Gesinnung. Es ist mehr einen Ergänzung der Hauswirtschaft, ein Ort, an dem man alle Mahlzeiten einnehmen kann, ohne sich um ihre Herstellung zu bemühen, ein Ort, an dem man Sonntags schon frühstückt, damit man nicht selbst zu kochen bracht, ein Ort, an dem man seine Mittagsmahlzeit einnimmt (die Kinder, wo es solche gibt, erhalten sie in der Schule), in den man seine Freunde einladet und – zuletzt, aber nicht zumindest – an dem man nicht allein ist.

Der Klub ist die große organisatorische Leistung der amerikanischen Frau. Er macht das Leben ohne Hausangestellte möglich, er hilft den Frauen zur Vereinigung von Ehe und Beruf. Er ersetzt in kleinen Orten Hotel und Restaurant, oder er zwingt die Gasthäuser zu guten Leistungen, um die Konkurrenz mit den Klubs zu bestehen. Er ist dabei auch Ausgangspunkt sozialer und kommunaler Aktivität von Männern und Frauen.

Das Bedürfnis nach einer privaten Sphäre, das uns so angeboren ist und das für uns durch das Heim befriedigt wird, muß man bei dem Amerikaner unentwickelt sein. Er erträgt, ja er sucht Menschenansammlungen, er findet sich mit einem Maß von Lärm ab, anscheinend ohne es zu bemerken, das selbst dem nervenstarken Europäer unerträglich ist. Ganz augenfällig wird das, wenn man sich die Stätten betrachtet,

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in denen er seine Arbeit tut. Leitende Männer sitzen in selben Raum mit sechs Schreibmaschinen; wichtige Konferenzen werden erledigt, während gleichzeitig zehn andere Leute im selben Raum diktieren und telephonieren. Die Buchhalter eines Hotels sitzen auf einer Galerie, die rings um die Empfangshalle gebaut ist, in der ein Kommen und Gehen, ein Hasten und Lärmen ist. Ein Bureau, das in Deutschland ein ganzes Haus beanspruchen würde, ist hier auf zwei große Zimmer zusammengedrängt, die durch Glaswände in kleine Zellen eingeteilt sind, und alles bewegt sich dicht beieinander, hört und sieht einander.

Vielleicht ist das alles nur möglich, weil der Amerikaner eine Lebenstechnik hat, durch die er Lärm und Hast überkompensiert; weil er sich bewußt zum Herrn seines Schicksals macht.

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