2. „Mechanik des Geistes“

Submitted by ssEditor on Thu, 2010-05-06 22:05

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2. „Mechanik des Geistes“

Auch die europäischen Nationen haben zur Zeit der großen naturwissenschaftlichen Entdeckungen in einem Rausch gelebt, da sie sich als Beherrscher der Natur fühlten. Auch sie sind in der Aufklärungsperiode davon überzeugt gewesen, daß die Vernunft auf den Thron gesetzt und zum Lenker der Geschicke gemacht werden kann. Aber all das versinkt in ein bedeutungsloses Nichts, gemessen an der Draufgängerei der

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Amerikaner, die ihr Denken, ihren Verstand, ihre Wissenschaft und Forschung zum Werkzeug einer bewußten Naturbezwingung, einer rationellen Gestaltung menschlicher Lebensbedingungen und gesunder Entwicklungsmöglichkeiten anwenden.

Von dem amerikanischen Botschafter in London wird erzählt, daß er kürzlich bei seiner Rückkehr nach mehrjähriger Abwesenheit von den Staaten den Unterschied zwischen Engländern und Amerikanern dahin charakterisiert habe: „Die Engländer sehen aus, als ob ihnen die Welt gehört – aber die Amerikaner werden sie über kurz oder lang besitzen.“

Das ist ein typischer Ausdruck für die Weltanschauung und für die Seelenverfassung des amerikanischen Volkes – nicht etwa im Sinne eines politischen Imperialismus –, der über den amerikanischen Kontinent hinausgeht. Diesen erobert man allmählich mit dem Mittel der „wirtschaftlichen Durchdringung“. Für weitere überseeische Expeditionen und für ein Einmischen in europäische Angelegenheiten ist nicht die geringste Stimmung vorhanden. Aber sie sind ganz durchdrungen davon, daß sie mit allen Aufgaben und Problemen äußerer Lebensgestaltung, mit der Überwindung sozialer Nöte wie mit der Bezwingung elementarer Naturkräfte und Naturgewalten fertig werden können. Und sie sind zäh entschlossen, diese Aufgaben mit allen Hilfsmitteln des Geistes in Angriff zu nehmen und schneller als andere Nationen

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zu lösen. Dann werden sie in einem neuen Sinn zu Herren der Welt werden!

Diese Zuversicht ist nicht Materialismus in Reinkultur. Es steckt vielmehr ein gut Teil Idealismus darin, ein Gemeinschaftsgefühl, ein Hingegebensein and das Wohl der Gesamtheit, ein entwickelter Bürgersinn, ein überpersönliches Ideal. Aber die Mittel, deren sich dieser Idealismus bedient, sind so rationalistisch, die Wissenschaft wird in ihrer Anwendung so mechanisiert, daß man geradezu von einem Kultus der Zahl sprechen kann. Die amerikanische Zivilisation ruht auf der Grundlage der Mathematik. Sie ist eine mathematische Zivilisation.

Der Geist stellt sich Aufgaben auf allen Lebensgebieten. Für jeden Beruf gibt es Schulen und Hochschulen. Alles ist erlernbar, und das Erlernte wird gemessen. Die Studenten müssen in Laufe der Semester eine bestimmte Anzahl Arbeiten anfertigen. Jede einzelne Arbeit wird mit Zahlen zensiert, sämtliche Zahlen werden addiert, eine Gesamtzahl in bestimmter Höhe muß erreicht werden, um für eine höhere Klasse die Reife zu erlangen. Die Intelligenzprüfungen, das Messen und Wägen jedes Entwicklungsgrades in körperlicher und geistiger Beziehung, wird zur Grundlage aller Maßnahmen der Erziehung, der Gesundheitspflege. Milliarden werden für Forschungszwecke ausgegeben, weitere Milliarden, um die Ergebnisse der Forschung für die Bevölkerung

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nutzbar zu machen. Rockefeller allein hat über einhundert Millionen Dollar für solche Aufgaben zur Verfügung gestellt.

Auf diese Weise ist es in wenigen Jahrzehnten gelungen, die Sterblichkeitsziffer etwa auf die Hälfte herabzudrücken, das durchschnittliche Lebensalter von 41 auf 56 Jahre zu erhöhen. Epidemien sind so gut wie unterdrückt worden. Aber die Unfallziffer ist ungeheuer. Ihr kann man weniger mit Untersuchungen, Forschungen, Kartotheken als mit pfleglicher Behandlungen des arbeitenden Individuums und mehr Vorsicht bei dem rasenden Getümmel des Verkehrs etwas abhandeln. Aber auch dieser Aufgabe wendet sich die Energie des Volkes zu. Auf dem Kongreß der Sozialarbeiter berichtet man nicht über die Ergebnisse bisheriger Arbeit, sondern behandelt die „Fortschritte der öffentlichen Gesundheitspflege in den nächsten zwanzig Jahren“, d. h. die Fortschritte, die man sich vornimmt, zu machen.

Geistige Hygiene (Mental Hygiene) ist die neueste Wissenschaft. Sie steht im Vordergrund aller Erörterungen, der praktischen Bemühungen. Man will geistig Hemmungen durch vorbeugende Fürsorge beseitigen, labile Seelenzustände überwinden, und zwar soweit sie konstitutionell wie auch soweit sie durch die Einflüsse der Umgebung begründet sind. In den Schulen werden psychologische Feststellungen über alle Schüler fortlaufend vermerkt, um die Grundlage für

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die individuelle Beeinflussung und Behandlung abzugeben. Die soziale Fürsorge bedient sich der geistigen Hygiene als eines wichtigen Hilfsmittels. Man will nervöse Erkrankungen verhindern, psychopathische Anlagen im Keim ersticken. Nicht mit den Mitteln der Psychoanalyse, sondern mit sachverständiger Beobachtung.

Aber auch für andere Lebensgebiete ist die bewußte Beeinflussung auf Grund theoretischer Feststellung verbreitet.

Wie kann Propaganda erfolgreich organisiert werden? Wie beeinflußt man die öffentliche Meinung bei irgendeiner Sache? Nichts wird dem Zufall, dem Instinkt, der Begabung allein überlassen. Alles wird genau untersucht und grünlich verwertet. Dabei ist aber jede Unterweisung wieder auf das Praktische gerichtet und bedient sich anschaulicher Mittel. An dem Kongreß, von dem oben schon die Rede war, nahmen über fünftausend Menschen teil. Täglich wird der Zahlenrekord der Teilnehmer bekanntgegeben. Unter den fünftausend sind nicht nur Führer, Sachverständige. Auch die Anfänger sind in großer Zahl vertreten. Man schickt sie zu solchen Versammlungen, damit sie lernen. Neue Methoden, man ist versucht zu sagen „neue Tricks“, möchte jeder sich zu eigen machen, um voranzukommen, um Erfolg zu haben. Gelernt wird nicht nur durch Vorträge, sondern durch Demonstrationen. Es wird demonstriert, und ausgezeichnet

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demonstriert, wie man die Mitglieder einer Handelskammer, eines Frauenvereins, die Schüler einer höheren Schulklasse, die Teilnehmer einer Arbeiterversammlung für irgendeine Sache gewinnen kann, sei das nun die Unterstützung eines gemeinnützigen Werkes oder handle es sich um Aufklärung über Maßnahmen der Gesundheitspflege.

Um festzustellen, wie die öffentliche Meinung zu beeinflussen ist, werden Untersuchungen in größtem Umfange vorgenommen. Hunderte von Zeitungsbesitzern, Redakteuren, Reportern werden um ihre Meinung in irgendeiner Sache befragt, ebenso viele Parlamentsmitglieder werden besucht, und Angehörige der verschiedensten unbeteiligsten Kreise werden herangezogen, um festzustellen, wie sie über irgendeine Maßnahme oder Einrichtung denken. Aus den Ergebnissen solcher Umfrage stellt man fest, was zu ändern ist oder wie man die Sache der Bevölkerung nahebringt.

Die ersten Gelehrten des Landes stellen sich in den Dienst solcher Aufklärungsarbeit. Sie betreiben Wissenschaft nicht um ihrer selbst willen, nicht so sehr aus Freude an der Forschung, aus Liebe zur Wahrheit - sondern um die Wissenschaft praktisch anzuwenden. Vielleicht könnte man auch sagen: „aus Liebe zur Menschheit“, um des konkreten Fortschrittes willen. Der deutsche Gelehrte, die deutsche Universität, die deutsche Kultur sind von anderer Art. Sie dienen anderen Zwecken oder sind weniger zweckbezogen.

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Fichte hat es so ausgedrückt: „Warum denn alle unsere Bemühungen um die Wissenschaft?“ – um sie fortzupflanzen von Geschlecht zu Geschlecht.“ Doch er hat hinzugefügt: „Warum sollen den aber die Wissenschaften erhalten bleiben? Offenbar nur, um zur rechten Zeit die ganze menschliche Ordnung der Dinge zu gestalten. Mittelbar dienen somit alle Wissenschaften dem Staat und dem Fortschritt der Menschheit.“ In diesem Sinne betreiben die Amerikaner die Wissenschaft. Sie dienen ihr nicht nur – sie bedienen sich ihrer.

Man kann das alles in einem Bild vor sich sehen. Deutsche Wissenschaft hat der Welt die Nutzbarmachung der Elektrizität gezeigt. Aber in Amerika hat die Wissenschaft sie jeder Hausfrau in die Küche gebracht, ihr die Instrumente zum Kochen, Waschen, Fegen gegeben, die der Frauen Kraft ersetzen, ihnen das Leben erleichtern. Hier ist die Elektrizität jedem, auch dem Ärmsten, nutzbar gemacht.

Nun erhebt sich von selbst die Frage, ob bei diesem Betrieb geistige Freiheit gedeihen kann, ob der Sinn aller Forschung, ob das Recht der freien Meinung, die Verkündung der Wahrheit – oder dessen, was der einzelne dafür hält - gewahrt bleibt. Sicher ist das in bestimmten Gruppen, in weiten Kreisen der Fall. Aber die öffentliche Meinung und die Regierung des „freiesten“ Landes der Welt, des Landes, das an seine Eingangspforte die Statue der Freiheit gesetzt hat, kennt keine Freiheit des Geistes. Sie kennt die

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Freiheit des Arbeitsvertrages. Aber sie fürchtet die Freiheit der Arbeiterbewegung, einer radikalen Propaganda. Die Gesetzgebung verbietet nicht nur die öffentliche Anzeige von Mitteln zur Empfängnisverhütung, sondern auch die individuelle Beratung darüber. Die öffentliche Meinung duldet, daß Lehrer und Professoren ihres Amtes beraubt werden, weil sie nicht an die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift glauben. Eine starke Bewegung ist gegen all solche Unfreiheiten im Gange. Sie bemüht sich, von den angesehensten geistigen Führern der Nation gestützt, zu erreichen, daß die politischen Gefangenen endlich befreit werden, die immer noch wegen ihrer Stellungnahme gegen den Krieg hinter Mauern sitzen. Aber indem wir auf diese Schatten weisen, die ein helles und strahlendes Volksschicksal hier und da verdunkeln, vergessen wir nicht, daß auch im neuen Deutschland die Mächte der Finsternis noch umgehen; daß auch bei uns ein Toller fünf Jahre der Befreiung, der Morgendämmerung unserer geistigen Freiheit wartete.

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