15. Amerikanische Ideologien - Alkohol und Tanz

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15. Amerikanische Ideologien

Alkohol und Tanz

Nach ihrer Stellung zu den Amerikanern teilen sich die Deutschen in zwei Gruppen: die einen, die nie in Amerika waren und alle Amerikaner für Dollarjäger halten, die anderen, die mit noch so vielen Vorurteilen nach Amerika kamen und es dennoch lieben lernten, die neben all der Haft und Härte und Realistik den starken idealen Zug im amerikanischen Leben fanden.

Das Puritanertum, das eben ursprünglich und nachhaltig die amerikanische Volksseele befruchtet hat, ist ebensowohl von idealistischem wie von utilitarischem Geist durchtränkt. Nur aus ihm lassen sich Erscheinungen erklären, die mit sittlichen Mitteln wirtschaftliche Zwecke verfolgen oder auch mit wirtschaftlichen Maßnahmen bestimmte Ideale verwirklichen wollen. Dafür können als Beispiele das Alkoholverbot, die Bestrebung zur Erhöhung der sexuellen Sittlichkeit wie die Bemühungen um den Gedanken des Weltfriedens angeführt werden.

Das Alkoholverbot, d. h. das Verbot der Herstellung und des Vertriebs von Schnaps, Wein und Bier, das seit mehr als vier Jahren (16. 1. 1920) für das gesamte Gebiet der Vereinigten Staaten gilt, ist dem Deutschen vielleicht am schwersten verständlich. Man hält es ebenfalls für eine Überrumpelung der

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Nation durch irgenwelche Fanatiker und verbreitet freudig jede Nachricht, die eine baldige Aufhebung des Verbots verheißt. Dafür ist die Haltung der deutschamerikanischen Kreise allerdings nicht ohne Verantwortung.

Tatsächlich ist der Bann für alle alkoholischen Getränke keineswegs plötzlich oder gar gegen die Volksmeinung herbeigeführt worden, und niemand glaubt dort ernsthaft, daß die Bestimmung je wieder aufgehoben werden dürfte. Eine jahrhundertlange Entwicklung ist dem nationalen Verbot vorausgegangen. Geführt durch die Puritaner, durch die Kirche, bald gestützt durch die Frauen, und schließlich gefördert durch das Unternehmertum (allerdings nicht des Alkoholkapitals) war ein vollkommenes Erzeugungs- und Vetriebsverbot in 32 von 48 Staaten durchgeführt, ehe das nationale Gesetz mit überwältigender Mehrheit in Senat und Abgeordnetenhaus angenommen und von den einzelnen Staaten ratifiziert wurde.

Sicherlich wird das Verbot in vielen Fällen umgangen. Ein Teil der schottischen Schnapsindustrie unterstützt offen die Schmugglerflotten, die draußen im Meer vor der Küste liegen und durch die amerikanische Regierung in immer weitere Entfernung vom Land getrieben und verfolgt werden. Sicherlich ist auch eine gewisse Stimmung gegen die Beschränkung vorhanden, obwohl eine erhebliche Zahl der Brauer und Destillateure ihre Betriebe erfolgreich und mit

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Gewinn auf andere Fabrikationen (Fruchtsaft, Konserven usw.) umgestellt haben. Es ist auch nicht zu bezweifeln, daß einige trinklustige Leute sich selbst ihr Bier und ihren Schnaps im geheimen herstellen, wobei Alkoholvergiftungen infolge der wenig sachverständigen Zubereitung dieser sogenannten „Mondscheingetränke“ vorkommen.

Aber es gibt keine Schankstätten mehr, und im ganzen hat das Verbot so feste Wurzeln gefaßt, daß die Gegner von Monat zu Monat mehr verstummen. In der Presse der Hafenstädte, wo mit einer noch nicht assimilierten Einwandererbevölkerung zu rechnen ist, wagen sie sich noch hervor; die Zeitungen im Osten berichten beständig über die Schlachten der Polizei mit den Schmugglern – aber im übrigen Land nimmt man das Verbot als Tatsache hin. Man geht zu Banketten, man lebt in Hotels und Klubs; man erfährt Gastfreundschaft bei Mittags- und Abendmahlzeiten, und überall trinkt man Wasser, Limonade, Tee, Kaffee. Der Alkohol ist verschwunden. Nur gelegentlich einmal im Haus von sehr wohlhabenden Familien wird Wein gereicht – allerdings meist mit Vorsicht, um ihn zu strecken. Und in jedem einzelnen Fall versichert der Wirt unaufgefordert, daß es seine alten Bestände seien. Jeder will ein Bürger sein, der den Gesetzen gehorcht. Niemand will es riskieren, bestraft zu werden. Viele sind auch bereit, eine Annehmlichkeit dem Wohl der Gesamtheit zu opfern.

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Natürlich gibt es auch Leute, die erst trinken, seit es verboten ist, die das „smart“ finden. Es kommt sogar vor, daß bei einer Damengesellschaft vor dem Essen ein Cocktail gereicht wird. Aber die Kreise, die sich das wirtschaftlich leisten können und moralisch leisten wollen, sind doch sehr beschränkt, und niemand zweifelt daran, daß schon die heranwachsende Generation in dem Verbot kein Problem mehr sieht.

Auf jeden Fall bleibt das Verbot eine Tat, eine soziale Revolution. Seine Wirkungen für die Erhöhung der Lebenshaltung der breiten Massen ist unbestritten. Das Geld, das der Arbeiter früher in Alkohol- konsumierte, verwendet er heut zum Erwerb eines eigenen Hauses, zu besserer Nahrung, mehr Hausrat, Kleidung und zur Erziehung seiner Kinder. Einer der führenden sozialen Arbeiter des Landes hat wohl die Tatsachen treffend charakterisiert, wenn er sagt , daß durch das Verbot auf jeden Fall die breiten Massen geschützt worden sind. Die Schankstätten sind verschwunden. Der Anreiz fehlt. Und der greise Präsident der Harvard-Universität hat sein Urteil dahin zusammengefaßt: „Von allen Seiten haben sich Beweise dafür angehäuft, daß das Alkoholverbot die öffentliche Gesundheit, das allgemeine Wohl und die berufliche Tüchtigkeit gefördert hat. Es bezwingt tatsächlich die furchtbaren Mächte von Krankheit, Armut, Verbrechen und Laster.“

Vielleicht ist die Leidenschaft für den Tanz, die sich in Amerika verbreitet hat, irgendwie mit der Tatsache

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des Alkoholverbots verknüpft. Aber die Verbindung von praktischem Sinn und Idealismus, von Geschäftstüchtigkeit und sittlichen Forderungen hat auch auf diesem Gebiet eine eigentümliche Entwicklung herbeigeführt. Dafür sind die Verhältnisse in Chicago, der größten Industriestadt des Landes, ein Beispiel, wo seit dem Krieg sehr zahlreiche Tanzlokale entstanden sind. Die Stadt war bald wie mit einem Netz überzogen, und auf dem Gebiet der geschlechtlichen Sittlichkeit schienen die Gefahren ständig zu wachsen. Darauf griff der Verein für Jugendfürsorge ein. Nicht mit polizeilichen Maßnahmen, im negativen Sinn, sondern positiv, indem er versuchte, die Tanzlokale so zu heben, daß sie zu Stätten reiner Freude und Erholung werden. Chicago war vielleicht dafür besonders vorbereitet. Hat doch die Bewegung zur Schaffung von Spiel- und Erholungsstätten – ursprünglich von den sozialen Reformern erhoben – dazu geführt, daß heut an 40 städtische Spielplätze mit Volksheimen über die Stadt verbreitet sind, wo nicht nur die Kinder turnen, schwimmen, Spiele und Handwerk treiben können, sondern wo auch für die Erwachsenen ein geselliger Mittelpunkt, ein Raum für Vorträge, für Musikveranstaltungen zu finden ist.

Auch die Hebung der Tanzlokale war wiederum der privaten Initiative vorbehalten. Mitglieder des Vereins für Jugendfürsorge besuchten die Lokale und begnügten sich nicht damit, ein Urteil zu gewinnen,

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um dann auf die Behörden zu wirken. Sie versuchten vielmehr von Anfang an, mit den Inhabern und Geschäftsführern der Lokale in Fühlung zu kommen. Bei einigen fanden sie Verständnis für ihre Forderungen. Sie konnten sie davon überzeugen, daß es vorteilhafter für das Unternehmen sei, wenn es sich eines guten Rufes erfreue; wenn es allgemein als bürgerlich wohlanständige Vergnügungsstätte anerkannt sei.

Namentlich der Inhaber eines Lokals wurde zum eifrigen Förderer der Idee. Ein Grieche, vor etwa fünfzehn Jahren eingewandert, in seiner Karriere das typische Bild bester amerikanischer Aufstiegsmöglichkeiten. Zu Anfang in einer Gastwirtschaft tätig, dann Inhaber des Restaurants, ersparte er genug, um ein kleines Kino—niedriger Ordnung – zu eröffnen. Dabei beobachtete er, wie viele Leute das Kino besuchten, die sich augenscheinlich schämten, in einer so ungeordneten Umgebung gesehen zu werden. Das veranlaßte ihn dazu, ein Lichtspieltheater zu bauen, das in Ausstattung und Darbietung weite Kreise der Gebildeten befriedigen würde. Es war einer der ersten Versuche, das Kino auf eine andere Stufe zu heben. Von da führte ihn den Weg zur Eröffnung eines Tanzlokals, und er sagte bereitwillig dem Verein seine Unterstützung zu. Er wußte, daß das auch geschäftlich den Erfolg verbürgen würde. Heut ist er Inhaber des Trianon, eines Tanzlokals, in dem bis zu 5000 Personen in einem Raum tanzen können.

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Der Saal, oval gebaut, mit Galerien und Nebenräumen in künstlerisch vollendeter Ausstattung, mit farbigen Lichteffekten, die von der Decke den Saal in wechselnde Opalfarben tauchte, ist jeden Abend geöffnet. Eine vorzügliche Kapelle, die keine Jazz-Musik machen darf, beeinflußt naturgemäß die Art des Tanzens. Zehn Aufsichtsbeamte überwachen Sitte und Anstand. Tausende von jungen Mädchen, kaufmännische Angestellte und Bürgerstöchter, Geschäftsleute und Studierende, finden hier mit geringen Kosten Vergnügen. Die Mädchen kommen im Straßenkleid oder im Gesellschaftskleid. Man sieht alle erdenklichen Typen. Man sieht auch Mädchenpaare miteinander tanzen. Alles wie auf dem Festabend in einer wohlhabende Familie mit guten Traditionen. Ein Abend in der Woche bleibt—uramerikanisch—den alten Tanzlustigen vorbehalten! Und der finanzielle Erfolg ist überwältigend.

Aber der Fall ist nicht vereinzelt geblieben. Die Inhaber sämtlicher Tanzlokale haben sich auf Anregung des Jugendfürsorge-Vereins zusammengeschlossen. Sie kommen einmal monatlich mit den sozialen Führern zusammen, erörtern ihre Probleme und lassen sich von den Sozialarbeitern über die Eindrücke von ihren Besuchen berichten. Seit zwei Jahren zahlen sie dem Verein einen sehr erheblichen Beitrag, um ihm die Fortsetzung dieser Arbeit zu ermöglichen. Sie haben dem Verein ein Automobil angeschafft und

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bezahlen die Unterhaltungskosten, um den Sozialbeamtinnen die abendlichen Besuche zu erleichtern. Sie haben die Musik den Vorschlägen des Vereins entsprechend gehoben, Angestellte nach ihrem Rat ausgewählt. Sie haben gemeinsam einen Abend veranstaltet, an dem Vorführungen für „korrektes Tanzen“ stattfanden, wobei „korrekt“ nicht „kunstgerecht“‘, sondern „manierlich“ bedeutet. Ein besonderes Tanzlokal für die farbigen jungen Leute gehört der Vereinigung an, wird unter den gleichen Gesichtspunkten überwacht; und zwischen den Vertretern der Jugendpflege und den Besitzern der Lokale ist eine freundschaftliche Zusammenarbeit, ein Vertrauensverhältnis hergestellt.

Man kann solche moralisierenden Tendenzen mit spöttischem Achselzucken abtun und die Verbindung von Geschäftssinn und puritanischen Ideen als Heuchelei bezeichnen, wie das wohl manchmal geschieht. Aber man kann auch den Stolz der Sozialarbeiter von Chicago über die reinere Gestaltung des Verkehrs der Geschlechter als berechtigt begreifen. Man kann bewundern, daß es ihnen gelungen ist, dem jugendlichen Verlangen nach Vergnügungen, die an die Sinne appellieren, eine gemäße Form der Befriedigung zu schaffen, ein Ventil für Kraftüberschüsse, eine Entspannung von eintöniger Arbeit. Man kann auch darin Wege zu einer sozialen und sittlichen Kultur erblicken.

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