13. Soziale Aktivit├Ąt

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13. Soziale Aktivität

Fast zur gleichen Zeit hat jede der beiden sozialen Führerinnen Amerikas, Jane Addams in Chicago und Lillian Wald in Neuyork, ein Buch veröffentlicht, das einen Rückblick auf zwanzigjährige Wirksamkeit enthält. Das ist nun bereits wieder an zehn Jahre her – und beide sind seitdem nicht müßig

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gewesen. Aber “Zwanzig Jahre in Hull House” und “Das Haus in Henry Street” sind bleibende Denkmäler weiblicher Kulturarbeit. Sie sind klassische Werke der sozialen Literatur, an denen der Student und der Forscher der Soziologie, der Menschen- und Volkskunde nicht vorübergehen kann. Sie sind Beweise der umgestaltenden Kraft einer tatkräftigen sozialen Gesinnung, die geholfen hat, korrupte Kommunalverwaltungen zu reformieren, schlechte Stadtteile zu sanieren, das Leben der Ärmsten zu Ausstieg und Würde zu führen, ein allgemeines Gefühl der Verantwortlichkeit zu erzeugen und dem Fortschritt der Menschheit zu dienen, und sie sind schließlich fesselnde Lebensbilder, die einen Einblick in Werden und Wirken, Denken und Tun, Bestimmung und Schicksal zweier großer, starker, reicher Frauennaturen tun lassen.

Lillian Wald hat in dem Vorwort zu ihrem Buch über das Haus in Henry Street gesagt, daß manche ihrer Mitarbeiter in ihrer sozialen Aktion die Möglichkeit gefunden haben, durch die Tat ihren Glauben an die Demokratie zu beweisen, und daß sie darin zur Selbstverwirklichung gelangten; daß sie Inspiration empfingen, indem sie sie gaben.

Ihre Arbeit begann, als sie – ein junges Mädchen mit dem Verlangen nach einem Ventil für Gefühl und Tatkraft – die Krankenpflege erlernt hatte. Das war ihr als der einfachste Weg zu irgendeiner Form

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nützlichen Lebens erschienen. Von den sozialen Bestrebungen, die damals zwar vorhanden, aber noch in den ersten Entwicklungsstadien waren, hatte sie nichts gehört, und es war ein Zufall, der sie im Laufe einer halben Stunde dazu bestimmte, im Osten, in der unteren Stadt, im Einwandererviertel, jenseits der Bowery zu leben und dort allmählich die vielleicht einflußreichste soziale Institution Neuyorks zu entwickeln.

Vor drei Jahrzehnten verband man in Neuyork mit dem Begriff „Oststadtteil“ ein dunkles, beängstigendes Bild von etwas Unbekanntem, von einer übervölkerten Gegend, einer fremden Stadt innerhalb der eigenen, für deren Zustände sich niemand verantwortlich fühlte. Abgesehen von den politischen und wirtschaftlichen Ausbeutern der Bewohner hatten nur ganz wenige Leute eine bestimmte Vorstellung davon, und die „literarische Entdeckung“ des Stadtteils setzte erst gerade ein. Die untere Oststadt spiegelte die allgemeine Gleichgültigkeit – es schien mitunter fast Verachtung – für die Lebensbedingungen einer ganzen Bevölkerungsgruppe wider. Die Möglichkeit, Besserung zu schaffen, schien Lillian Wald, als sie aus ihrer Unerfahrenheit herausgerissen wurde und nachzudenken anfing, um so hoffnungsloser, als die Bewohner selbst diese Lebenslage in Stumpfheit hinnahmen.

Der Ruf kam Lillian Wald, als sie ihre Kenntnisse in der Krankenpflege durch medizinische Kurse zu

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vervollständigen suchte und während der Zeit von irgendeiner Wohlfahrtsvereinigung gebeten wurde, dort einige Unterweisungen in der Krankenpflege zu erteilen. Aus einer Unterrichtstunde wurde sie an einem regnerischen Märzmorgen von einem kleinen Mädchen an das Krankenbett seiner Mutter geführt, nachdem sie aus des Kindes unzusammenhängenden Erzählungen erraten hatte, daß die Mutter ein Kind zur Welt gebracht habe. Durch schmutzige, enge Gassen ohne Pflasterung, über Ablagerungen von Abfällen und Müllhaufen führte der Weg, zwischen einer dichten, elenden Menge, zwischen hohen, russigen Häusern, deren eiserne Nottreppen mit Haushaltgegenständen jeder Art so bepackt waren, daß sie für ihren Zweck unbrauchbar waren. Übelriechende Fischstände überall und andere faulige Düfte. Die Straßen waren Marktplätze, unsauber, unbewacht, ungeordnet; und zwischen all dem spielten unzählige kleine und kleinste Kinder: das Ganze ein Bild von Elend und Verkommenheit.

Alle Mängel der sozialen und wirtschaftlichen Ordnung drängten sich ihr auf diesem kurzen Weg und in der Wohnung, die das Ziel war, auf. Die Familie, die sie vorfand, war weder lasterhaft noch moralisch verkommen, und sie war sich der Unwürdigkeit ihrer Lage voll bewußt. Der Mann war ein Krüppel, der zwar an den Straßenecken Waren feilhielt, um dabei Almosen zu erzielen. Die Familie von sieben Köpfen

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teilte ihre zwei Stuben mit Mietern – ein Holzbrett wurde für sie als Lagerplatz auf den Fußboden gelegt, und die kranke Frau lag auf einem schmutzigen, elenden Bett, das mit den Spuren eines Blutsturzes, den sie zwei Tage vorher hatte, bedeckt war. Aber trotz der äußeren Verkommenheit hatten sie gewisse Maßstäbe eines wirklichen Familienlebens und Ideale für die Gesellschaft, die sie im Grunde im Stich gelassen hatte.

Lillian Wald sagt, es wäre ihr ein Trost gewesen, wenn sie die Überzeugung von der moralischen Unwürdigkeit der Familie hätte mit fortnehmen können; denn dann hätte sie sich als Glied einer Gesellschaft, die solche Zustände duldet, eher gerechtfertigt gefunden.

Im Augenblick ruft eine solche Schilderung in uns Deutschen nichts anderes hervor als den Gedanken an dieeigene Massennot, an den Abstieg unseres Volkes, das allen Grund hatte, auf seine staatliche und soziale Fürsorge stolz zu sein; an die Hoffnungslosigkeit, mit der wir jetzt in einem Volk mit höheren kulturellen Traditionen solchen Mißständen ohne äußere Mittel der Hilfe gegenüberstehen. Aber gerade dies Gefühl der eigenen Machtlosigkeit macht uns die Schilderung jenes Eindrucks wertvoll, aus dem Lillian Wald der Entschluß und die Kraft für ihr Wirken kam. Auch sie stand damals mit leeren Händen einem Meer von Not gegenüber. Aber es kam ihr sofort die Gewißheit, daß solche Mißstände nicht existieren würden, wenn die Menschen in gesicherter

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Stellung darum wüßten. Sie ist nach dem Erlebnis dieses Morgens nicht mehr in die Universität zurückgekehrt. Sie war zu stark vom Gefühl der eigenen Verantwortung erfüllt. Sie und eine Freundin waren durch Ausbildung in der Krankenpflege in der Lage, in organische Arbeitsbeziehungen zu dem Stadtteil zu treten, in dem sie für ihre Aufgaben wach geworden waren. Beide entschlossen sich, dort als Krankenpflegerinnen zu leben, sich sozial mit der Nachbarschaft zu identifizieren und, kurz gesagt, ihr ihre bürgerlichen Fähigkeiten und Verantwortung zu widmen.

Dieser Plan enthielt den Keim zu allen späteren sozialen Betätigungen und Unternehmungen des Settlements. Es ist charakteristisch für Lillian Walds lebensfreudige und optimistische Natur, so voller Humor und quellender Güte, daß sie auch aus den Zeiten jener ersten, sicherlich oft bitterlich enttäuschenden, entmutigenden Versuche nur glückliche Momente, erfreuliche Bilder festzuhalten weiß.

Ganz unerfahren trat sie an ihre Arbeit heran. Beim Wohnungsuchen – sie bestand auf den Luxus einer Badegelegenheit, obwohl in dem ganzen Stadtteil jenseits der 14. Straße zu jener Zeit einer Sage nach nur zwei Badezimmer zu finden waren – machte sie erste Bekanntschaft mit der roten Laterne der öffentlichen Häuser, die ihr damals noch kein Begriff waren.

Das Jahr ihrer Niederlassung war ein Notjahr, mit viel Arbeitslosigkeit und Teurung, und zu allem

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anderen gab es noch einen harten, kalten Winter. Für sie ist es, im Rückblick, ein Vorteil gewesen, daß sie im Anfang ihrer Arbeit diesen schwersten Eindrücken von Armut und Leiden ausgesetzt war. Denn die Häufung von körperlicher Anstrengung und seelischer Erregung ließ ihr keine Zeit, zu sich selbst zu kommen, zu grübeln und ihr Tun und Wesen zu kritisieren – Gefühle, die so leicht die natürlichen, selbstverständlichen Beziehungen hätten schädigen können, die sie zu ihren Nachbarn fand. Zwei Jahre lang lebten die beiden Mädchen ohne den Hintergrund einer Organisation, die Kranken pflegend und die Nachbarn beratend. Sie lernten die mannigfachen Schwierigkeiten und Nöte des Lebens kennen, die im Grunde nicht auf eine bestimmte Klasse beschränkt sind, die aber bei ihren Nachbarn verstärkt wurden durch Armut, Unkenntnis der Gesetze und Landessitten, durch Wohndichte und häufige Abhängigkeit der Eltern von den Kindern. Sozialarbeiter, Arbeitslose, Prediger und Rabbiner, besorgte Eltern und gefährdete Mädchen, aufsichtslose Kinder und straffällige Jugendliche suchten sie mit tausend Anliegen auf. Der bleibende Eindruck war der von unseligen Zuständen des Arbeitslebens, der sich ihnen immer von neuem aufdrängte.

Die Geschichte des Henry-Street-Settlements, das in organisierter Form 1895 entstand, als sie in ein größeres Haus zogen und einen Freundes- und Mitarbeiterkreis um sich sammelten, ist die

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Geschichte des Aufbaues der Reformen, die sie herbeiführten; der Forderungen, die sich aus dem harten Leben der Armen ergaben; der Hilfsmaßnahmen, die aus warmherzigem Verstehen hervorwuchsen, und schließlich einer sozialen Gesetzgebung, die Zeugnis von dem Willen der Gemeinschaft zur Sühne ablegt.

Die erste Unternehmung des Henry-Street-Settlements, die sich aus kleinsten Anfängen zu mehr als lokaler Bedeutung entwickelte, war die Organisation der häuslichen Krankenpflege. Abgesehen von einigen kirchlichen, an die Konfession gebundenen Hilfseinrichtungen gab es für die unbemittelten Kranken in Neuyork damals keine häusliche Krankenpflege. Lillian Wald führte zuerst in der Nachbarschaft, später über ganz Neuyork Krankenpflegestationen ein, die nicht nur die Kranken pflegen, sondern auch die Bevölkerung, zu einer hygienischen Lebensweise erziehen sollten. Ein Honorar für die Dienste der Pflegerinnen wurde gefordert, sofern die Patienten in der Lage waren, zu zahlen; und dadurch kam die Nachfrage nicht nur von den Armen, sondern gerade von den Strebsamen, auf ihren Ruf Bedachten, die sich scheuen würden, eine Unterstützung anzunehmen. Die Krankenhäuser wurden enorm entlastet und die Bevölkerung an eine sachgemäße Pflege gewöhnt. Die Sterblichkeit sank. Heute hat das Henry-Street-Settlement ein eigenes Verwaltungsgebäude für den Dienst der häuslichen Krankenpflege – im Mittelpunkt der Stadt,

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in einer der Hauptstraßen gelegen, ein stattliches, schönes Haus mit Bureau- und Versammlungsräumen, ein Generalstabsgebäude für diesen besonderen Dienst, von einem der Freunde des Settlements gestiftet. Dazu Zweigstationen über die ganze Stadt, mit Pflegerinnen, die die Sprache des betreffenden Stadtteils, der dort lebenden Eingewanderten sprechen, mit gleichwertig ausgebildeten farbigen Pflegerinnen in den Negervierteln; und es verbindet in diesem Dienst die Aufgabe der Krankenpflege und des vorbeugenden, erziehenden, öffentlichen Gesundheitsdienstes. Auf die Initiative des Settlements wurde der Schularztdienst organisiert, mit den Pflegerinnen als ausführendes Organ. Es richtete die ersten Milchküchen ein, tat Pionierdienste im Kampf gegen die Tuberkulose, regte den Gesundheitsdienst der großen Lebensversicherungsgesellschaften an und organisierte ihn. Es nahm die Ausbildung von Krankenpflegerinnen für die Gesundheitsfürsorge in die Hand, und eine aus den Reihen des Settlements wurde kürzlich berufen, die erste Universitätsprofessur für Krankenpflege zu bekleiden.

Die gleiche Bedeutung hat das Henry-Street-Settlement für die Jugendhilfe gewonnen. Spielplätze wurden geschaffen, unterricht in Gymnastik und Volkstänzen in die beide Wege geleitet, Erholungs- und Ferienheime gestiftet, und der Kampf gegen die Ausbeutung kindlicher Arbeitskraft wurde aufgenommen. Aus den Bestrebungen, Freude und Schönheit in das

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Leben der Kinder zu bringen, erwuchs dann später auch das „Kleine Theater“, das schon an einer anderen Stelle erwähnt wurde; das Theater im ärmsten Stadtteil, in dem die jungen Leute der Nachbarschaft dazu geführt werden, ihre künstlerischen Gaben zu entwickeln, und von dem aus manches Talent den Weg gefunden hat, sich in einem schöpferischen Beruf als Schauspieler, Musiker, Kostümzeichner, Dekorationsmaler auszudrücken.

Überhaupt, das ist das Charakteristische an Lillian Wald, das Amerikanische, ist man versucht zu sagen, daß sie nicht irgendein bestimmtes Gebiet sozialer Arbeit vor allen anderen pflegt, sondern in das ganze, volle Menschentum hineingreift, ihm zur Entwicklung verhilft. „Henry Street“ ist heute genau so bekannt und berühmt für seinen Krankenpflegedienst wie für sein Theater, zu dem Tausende aus der Nähe und aus der Ferne pilgern, das Unzähligen ein Ventil für ihre besten Kräfte gegeben hat. Bei alledem hat Lillian Wald den Sinn für den Einzelnen, für das Persönliche nie verloren, obwohl sie wie ein Minister eine Organisation mit unzähligen Ressorts leitet und wie ein Industriemagnat über ein Reich mit Hunderten von Angestellten und Mitarbeitern herrscht, ein Riesenbudget verwaltet und kontrolliert. Die einzelnen Menschen, denen sie vorwärts geholfen hat, die ihrem Einfluß und ihrer Hilfe verdanken, daß sie zu höherer Bildung gelangten, sind

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heute über das ganze Land verstreut, als Ärzte und Lehrer, als Kaufleute und Geistliche, als Beamte und Künstler, als Professoren und Techniker.

Es war auch Lillian Wald, die dem Präsidenten Roosevelt zuerst den Plan für die Schaffung des Kinderschutzministeriums unterbreitete und die seine Verwirklichung dank der Sympathie durchsetzte, die sie im ganzen Lande dafür gewann. Mit dem ihr eigenen Sinn für Humor brachte sie der Bevölkerung die Tatsache nahe, daß die Bundesregierung sich zwar mit der Konservierung aller materiellen Schätze des Landes abgibt, mit Bergwerken und Waldungen, mit dem Kampf gegen Frösche und der Zucht von Hummern, und daß die Regierung Verwaltungsabteilungen eingerichtet hat, um Auskunft und Rat in all diesen Fragen zu geben, daß aber Bürger, die Belehrung und Führung in bezug auf den Schutz und die Erhaltung der Kinder der Nation suchten, keine verantwortliche Stelle dafür im gesamten Verwaltungsapparat fänden.

Für sie ist das Kinderschutzbureau, das aus Liebe zu den Kindern und aus Vertrauen in die Zukunft hervorgegangen ist, ein Symbol des hoffnungsvollsten Ausblicks innerhalb des amerikanischen Lebens. Als Lillian Wald das erstemal nach seiner Errichtung nach Washington kam, fühlte sie, so berichtet sie selbst, die Beglückung über das Neue und Hoffnungsreiche, und sie verglich das kahle Bureau mit den wunderbaren

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Denkmälern, die gerade dort der Vergangenheit errichtet und gewidmet sind.

„Eines Tages wird einer, der sein Land liebt und der begreift, daß die Kinder von heute unsere Zukunft sind, einen Tempel für sie am Sitze der Regierung bauen. Dies Gebäude wird schöner sein als die, die aus Begeisterung für Heer und Marine oder in Erinnerung an große Entdecker und Gelehrte oder zum Andenken an die Toten entstanden sind. Als meine Phantasie sich dem Gedanken überließ, sah ich deutlich das Bureau ausgebaut und entwickelt, und von allen Teilen des Landes kamen Eltern und Lehrer, voller Eifer, die Erziehungstheorien in sich aufzunehmen, Vorführungen und Modelle für die besten Spielplätze, Kliniken, Schulen, Klubs und deren Ausstattungen zu sehen. Dieser Gedanke verband sich mit der Erinnerung an den Augenblick, in dem ich zuerstLuca della Robbias Skulpturen an der Portalwand des Florentiner Findelhauses sah, und ich empfand in Seligkeit diese Beziehung des großen Künstlers zu den kleinen verlassenen Kindchen. Aber jene so wunderbar lieblich gemeißelten Kinder sind in Wickelkissen geschnürt. An dem zukünftigen Tage, an dem in Washington das schöne Gebäude des Kinderschutzbureaus zu sehen sein wird – das sagt mir mein Herz –, wird der geniale Künstler, der es in Bildern und Plastiken schmückt, die neue Idee des Kindes versinnbildlichen – ein Kind, frei in der Bewegung, aufrechten Blicks, das Mündel der Nation.“

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Diese wenigen Worte geben eine Vorstellung von Lillian Walds Persönlichkeit. Ihre soziale und ästhetische Lebensauffassung, zu einer Einheit von Tatwillen und Lebensfreude verschmolzen, geben ihr die Energie, die Frische, die Phantasie, immer Neues zu ersinnen, die heitere Lebhaftigkeit, die nie ermüdende Arbeitskraft, die geistige und reale Produktivität. Das macht sie unwiderstehlich. Das sichert ihr Gefolgschaft. Das bringt ihr die materielle Hilfe von immer neuen Freunden. Sie ist wie ein sprudelndes Wasser, das alles mitreißt. Ihr Werk ist wie ein Bau, der immer breiter und immer höher wird, ohne Plan für das Ganze begonnen, wie die Bauwerke früher Zeiten, und doch, wie sie, mit Zielsicherheit hinaufstrebend, immer neue Säulen, Türme und Kuppeln tragend.

Jene Zielsicherheit, jene aus dem Instinkt hervorwachsende Technik und Beherrschung der mannigfaltigsten Aufgaben, jene Meisterschaft in der Lösung menschlicher Schwierigkeiten und Probleme, in der Überwindung menschlicher Schwächen, im Freimachen aller guten Kräfte kann nur entstehen, wo der hoffnungsvolle Glaube an die Macht des Guten im Herzen lebt. Das ist das Kennzeichen der sozialen Genialität. Liebe zur Menschheit und eine Sehnsucht für den Fortschritt des Menschengeschlechts – das sind die bewegenden Kräfte. Es sind Kräfte, die jahrhundertalte trennende Schranken zwischen Klassen und

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Rassen und Nationen niederreißen. Es sind Kräfte, die ein Band schlingen, das fester bindet als alle konventionellen Beziehungen, selbst die des Blutes.

Ein Leben, so reich an Wirkungsmöglichkeiten und Gestaltungskraft, kann nicht ablaufen, ohne irgendwie zupolitischen Fragen Stellung zu nehmen, ohne die soziale Aufgabe durch politische Mittel zu fördern. Aber es liegt auch im Wesen des sozialen Führers, daß er sich nicht einer Partei – außer der der Gerechtigkeit und des guten Willens – verschreiben kann. Henry Street ist, ebenso wie Hull House, oft der Mittelpunkt gewesen, um den sich widerstreitende Meinungen zusammenfanden, wo Unternehmer und Arbeiterführer zu Verhandlungen zusammengebracht wurden, an dem aufrechte Menschen aus allen politischen Lagern sich vereinigten, um irgendeine integre, vornehme Persönlichkeit im politische Kampf gegen die Machenschaften und die Ansprüche der Parteimaschine zu verteidigen.

Es hängt mit dieser politischen Stellungnahme für Freiheit und soziale Kultur zusammen, daß Henry Street, mitten in einem russischen Einwandererviertel gelegen, in engste Beziehungen zu vielen der Russen trat, die seit Jahrzehnten dort einen Umschwung vorbereiteten und im Exil eine Zuflucht fanden. Krapotkin, Tschaikowsky, Marie Sukloff, Katharina Breshkovsky und viele andere aus dem langen Zug der Märtyrer, Freunde, Helfer und Heiligen, die für

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die Sache russische Freiheit gelitten haben, manche nach zwanzigjähriger Gefangenschaft entronnen, sind in Henry Street aufgenommen worden und haben Sympathie und Freundschaft, Trost und Verständnis gefunden. Was Lillian Wald mit solchen Revolutionären verbindet, ist im Grunde genommen die letzte bewegende Kraft, die tiefste Lagerung ihrer Weltanschauung. Katharina Breshkovsky hat es in einem Briefe formuliert: „Die Pflicht, der Sache der Menschheit in ihrer Gesamtheit zu dienen, und der meines Volkes im besonderen, war das Gesetz meines Lebens, - das höchste Gesetz, dessen Stimme meine Leidenschaften, meine Wünsche, kurz, meine Schwäche zum Schweigen brachte.“ Lillian Wald erklärt ihr tiefes Mitgefühl und ihr Interesse für die russische Revolution noch anders: nicht nur aus der Kameradschaft, in die sie mit denen, die daran teilnahmen, geführt wurde; nicht nur aus der russischen Literatur, die so viele Herzen und Gedanken allüberall lebendig gemacht hat; nicht aus ihren Erfahrungen an den unschuldigen Opfern russischer Brutalität. „Die Fortführung einer Politik der Unterdrückung verseucht die soziale Ordnung allerwärts, zerstört die Keime eines neuen und besseren sozialen Lebens. Nur wer das Schlagen des menschlichen Herzens hört, wer sich gegen Unrecht überall empört, wer in dem gigantischen Ringen in Rußland eine Weltbewegung für Freiheit und

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Fortschritt sieht, die auch unser Ringen ist, kann die Bedeutung unseres Mitempfindens für Freunde russischer Freiheit begreifen.“

Was hat sie, die heute auf der Höhe des Lebens steht, die nicht daran denkt, müde zu werden, deren Lebensabend noch in weiter Ferne liegt, was hat sie mit ihrer sozialen Arbeit erreicht?

Die Nachbarschaft hat große äußere Veränderungen erfahren. Seit Lillian Walds erstem aufregenden Gang zu der kranken Wöchnerin sind die vernachlässigten, rohen Pflasterungen der schmutzigen Straßen durch Asphalt ersetzt worden. Schöne Schulhäuser, zu den besten der ganzen Welt gehörig, sind errichtet worden. Straßen sind niedergelegt und haben Platz für öffentliche Zierplätze und Spielplätze gemacht. Eine Untergrundbahn befördert die Bewohner an weit entlegene Arbeitsplätze. Stege für Erholungszwecke sind in das Meer gebaut worden, und öffentliche Bibliotheken in schöner Ausstattung sind entstanden. Ein Wohnungsamt ist geschaffen, das die Wohnungen von 80 Prozent der gesamten Neuyorker Bevölkerung zu überwachen hat, und alle Angriffe auf den Mieterschutz sind glücklich zurückgeschlagen worden, trotz aller Energie, die von den Hausbesitzern darauf verwendet worden ist.

Viele aus der Nachbarschaft, die vorankamen, sind in bessere Stadtviertel gezogen, wo die hygienischen Einrichtungen zweckmäßiger, die Häuser weniger

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überfüllt sind. Aber immer noch findet eine ungeheure Arbeiterbevölkerung im unteren Teil der Stadt ihre Heimstätte. Es bleibt eine überfüllte Gegend mit überfüllten Häuslichkeiten. Der Einwanderer findet in dieser Nachbarschaft am ehesten eine Unterkunft, am Ufer des Hafens. So strömt ein Strom vom neuem Leben immer wieder hinein und hindurch, und empfängt den Segen einer Hilfe, die auf der Achtung vor der Persönlichkeit, auf dem Glauben an den sozialen Wert des einzelnen, auf der Hoffnung für die volle Entfaltung seiner Gaben und Kräfte beruht.

In dem Sinne verwirklicht sich durch die Persönlichkeit Lillian Walds wie durch Jane Addams die Idee der Amerikanisierung. Für sie ist das eine Kulturleistung, die im letzten Ende dem Fortschritt eines vollen Menschentums gilt.

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