11. Der Kultureinflu├č der Frau

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11. Der Kultureinfluß der Frau

Das geistige Leben der amerikanischen Frauen ist im Grunde genommen gar nicht geistige, sondern soziale Aktivität. Das Reich der Kultur, das ihnen nahezu vollständig überlassen wird, weist negative Züge in Wissenschaft und Kunst auf. Läßt man die besondere Art, die dem gesellschaftlichen Leben durch die Frauen aufgedrückt ist, als Kultur nicht gelten, faßt man Kultur in dem eindeutigen Sinne, der dem Wort in Deutschland beigelegt wird, dann gibt es in der Tat kaum eine amerikanische Kultur. Dann wird man auch die Möglichkeit einer spezifisch weiblichen Kultur verneinen.

Das aber scheint die Betrachtung amerikanischen Lebens gerade zu beweisen, daß weibliche Kultur, weibliche Wertmaßstäbe eben andere sind als die bisher unter männlicher Vor- oder Alleinherrschaft hervorgebrachten. Den amerikanischen Frauen waren weit früher als den Frauen in den europäischen Ländern alle Tore aufgetan. Sie konnten sich unbeschränkt entwickeln und ausgeben. Sie, deren Gaben und Kräfte nicht eingeschnürt und gefesselt waren, brauchten sich nicht in Protesten und Kämpfen aufzureiben, noch nach Gleichheit mit dem Mann zu streben, um zu Gleichberechtigung zu gelangen. So gingen die Frauen den Weg, den ihr Wesen ihnen vorschrieb. So gestalteten sie nach außen, was in ihrem Innersten nach

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Ausdruck verlangte. Und das war nicht, was mit dem Verstand, sondern was mit der Seele erfaßt werden muß. Das waren keine sachlichen, sondern menschlich-persönliche Ideale. Sie schauten, was ja auch im Geist der Pilgerväter als Urbild lebendig war, ein Reich der Gerechtigkeit, der Brüderlichkeit, der gegenseitigen Hilfe, und sie machten sich auf, die harte, bitterrauhe Wirklichkeit diesem Urbild näher anzugleichen. Die besten unter ihnen, die begabtesten, intelligentesten, weisesten und größten wurden soziale und sittliche Reformer.

Haben sie etwas erreicht, was den Namen Kultur verdient ? Oder sind sie nur Phantomen nachgejagt ? Trägt Amerika nur die Züge des nackten, durch keine Schönheit und keinen Geist gemilderten Daseinskampfes, dem der Mann nachgegangen ist, oder haben die Frauen etwas anderes daneben gesetzt, ein Neues in die Welt gebracht, Einrichtungen geschaffen, die ihren Idealen entsprechen, menschliche Beziehungen zu Symbolen ihrer Überzeugungen und Gefühle gestaltet?

Die Frage beantworten würde heißen, ein Urteil darüber fällen, ob die Amerikaner besser, sittlicher, gesünder, glücklicher sind als die Menschen in anderen Ländern. Wer aber besäße dazu die nötige Objektivität, und wo sind die Maßstäbe dafür zu finden ?! Man wird deshalb dem Kultureinfluß der amerikanischen Frau nur nachgehen können, indem man auf einzelne

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eigentümliche Erscheinungen des amerikanischen Lebens hinweist.

Ruskin hat einmal den Ausspruch getan: „Es gibt keinen Reichtum als das Leben; das Leben mit all seiner Kraft der Liebe und der Freude. Das Land ist das reichste, das die größte Zahl gesunder und glücklicher Menschen trägt. Und der Mensch ist der reichste, der neben der Erfüllung seiner eigenen persönlichsten Lebensaufgaben noch den größten hilfreichen Einfluß durch seine Person und durch seine Habe auf seine Mitmenschen erwirbt.“ Dieses Wort könnte als Motto für die amerikanische Frauenwelt geschrieben sein. Nirgends findet man so lebhafte Bemühungen zur Förderung von Volkswohl und Sittlichkeit wie in Amerika. Der Reichtum des Landes, der ingesunden und zufriedenen Menschen besteht, scheint als Ziel immer gegenwärtig.

Sicherlich ist das Geschäftsleben außerordentlich brutal. Es wirft auch nicht einmal einen Schleier über seine Motive. Es duldet nur, was sich bezahlt macht. Es gibt Unternehmungen, auf deren Eingangstor geschrieben steht: „Leute über 40 werden nicht angenommen.“ Und es gibt alte Arbeiter, die sich die Haare färben, um eine Stellung zu bekommen. Das ökonomische Prinzip herrscht in weiten Bereichen nackt und unumschränkt.

Aber auch die industriellen Länder Europas sind durch Zeiten hindurchgegangen, in denen man kleine

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Kinder mit der Peitsche zur Arbeit antrieb und ihr Leben schonungslos dem Gewinn der Unternehmer opferte. Auch in den alten Ländern hat die sittliche Kultur mit der technischen Entwicklung nicht Schritt gehalten. Auch in Deutschland hat das Reich des Geistes keine Macht über das Leben gehabt. Und der Moloch des Mammonismus war es, der die Jugend Europas auf die Schlachtfelder des Weltkrieges brachte und den Untergang abendländischer Kultur herbeizuführen droht.

Fürwahr, trotz aller Traditionen von Kunst und Wissenschaft haben wir Anlaß, zu forschen, ob irgendwo neue Maßstäbe entstehen, Maßstäbe einer sittlichen Kultur, einer sozialen Gesellschaftsordnung, durch die der Menschheit ein lichterer Morgen dämmern kann.

Vielleicht ist dieses Neue in Amerika im Werden. Jedenfalls ist dort neben all dem Überkommenen noch eine andere Lebenssphäre vorhanden. Amerika bleibt das Land der Kontraste. Neben dem krassen Eigennutz, oder richtiger noch, dem ungebändigten Machtwillen, steht eine Leidenschaft zum Dienst, wie sie in der Ausdehnung und Tiefe kaum anderswo zu finden ist. Gewiß ist dazu der Hintergrund des jungfräulichen Landes der unbegrenzten Möglichkeiten nötig, der sich in einem Frohsinn, einer Aufgeschlossenheit, einer einzigartigen Freiheit der menschlichen Beziehungen widerspiegelt. Diese so weit verbreitete Haltung bringt eine Freigebigkeit, eine Noblesse

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Das alles klingt in Motiven zum Dienst an der Gemeinschaft zusammen, zu unübertroffenen Stiftungen für öffentliche Aufgaben. Es ist sehr charakteristisch für die amerikanische Psyche, wenn in einem Roman ein aus kleinsten Verhältnissen hervorgegangener Minenbesitzer auf die Frage einer Ausländerin, was er denn mit all den Millionen anzufangen denke, ganz schlicht erwidert: „Zuerst werde ich versuchen,

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alle die Menschen glücklich zu machen, die mir am nächsten stehen; dann die entfernteren, und danach werde ich alle meine Kräfte anstrengen, um einen Plan zum Nutzen meines Landes ausfindig zu machen.“

Bei den Frauen hat jedoch die Leidenschaft zum Dienst einen anderen Wesenszug. Er ist persönlicher, aufHingabe und Einsatz des eigenen Wesens eingestellt. Für sie trifft vor allem der zweite Teil des Ruskinschen Ausspruchs zu: „Der Mensch ist der reichste, der den größten hilfreichen Einfluß auf seine Mitmenschen erwirbt.“ Der Gedanke, daß das eigene Leben nur so viel wert ist, als man geben, nicht aber als man empfangen kann, ist Gemeingut weiter Schichten der gebildeten Frauen. In den Führerinnen hat er eine Kraft der Auswirkung gefunden, die nur aus der Genialität des Herzens, nicht des Verstandes quillen kann.

Es gibt schlechthin keine Aufgabe sozialer und sittlicher Reform, für die nicht diese Bereitschaft zum Dienst zu gewinnen ist. Darin finden sich alle Kreise, Parteien, Kirchen, Berufe zusammen. Ein Appell zum Dienst findet immer bereiten Boden; und wenn der Gegenstand des Dienstes faßlich dargestellt wird, folgt dem Impuls ohne jeden Aufschub die Tat.

Diese von innen kommende Großmut, dieser Antrieb, der sich manchmal zu Visionen und Prophetien steigert, diese Eigenschaft ist die Blüte der

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amerikanischen Kultur. Sie ist es, die bewußt oder unbewußt in vielen Europäern eine so starke Liebe für das ferne Land entzündet.

Aus diesem Wesenszug der Amerikaner sind auch die so häufig auftauchenden, verschiedenartigen Pläne zur Weltbeglückung zu begreifen. Von ihm ist die moralisierende Haltung in Kunst und Wissenschaft und sind die Bestrebungen sittlicher Reform abgeleitet, an denen das Land so reich ist. Auch die Begeisterung für den Krieg hätte nicht entfacht werden können, wenn man den Massen nicht die Idee eines Befreiungskrieges vom Militarismus suggeriert hätte. Die vierzehn Punkte Wilsons wären ohne den Gedanken, daß Amerika zum Hüter der Gerechtigkeit in der Welt berufen sei, unmöglich gewesen. Die Enttäuschung über das Scheitern dieser Weltmission war es, das Gefühl, daß in politischen Dingen die Europäer eine andere Sprache reden, was den Umschwung in der Haltung des amerikanischen Volkes hervorrief; seine Abkehr von dem eigenen Führer, die Ablehnung der Politik der Intervention. Am klarsten, unzweideutigsten aber zeigte sich der Zug zur Hilfsbereitschaft, zum Dienst in der Aktion, die während und nach Beendigung des Krieges von Amerika für die notleidenden Länder organisiert worden ist. Wir alle teilen diese Dankesschuld an Amerika: Frankreich und Belgien, Deutschland und Rußland, Serbien und Österreich, einen Dank für Hilfe, die aus reiner Menschlichkeit heraus,

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aus dem Mitgefühl für alle, die bedrückt und beladen sind, geleistet wurde.

Diese selbstlose Hingabe von Männern und Frauen, die herüberkamen wie Missionare und die nicht nur materielle Hilfe brachten, sondern die Missionaren gleich für ihre Lehre, für ihren tätigen Glauben den europäischen Kontinent eroberten, ist nur ein Abglanz dessen, was in Amerika selbst dauernd geschieht.

Die Nachbarschaftshilfe, die ihren besten Ausdruck in den Settlements gefunden hat, wäre nicht möglich, wenn nicht Frauen und Männer der besitzenden und gebildeten Schichten freiwillig Nachbarn der Armen würden. Diese Form des Dienstes, die schließlich die Aufgabe einer privaten Lebenssphäre, irgendwelcher Mußestunden außerhalb des Arbeitsbereichs fordert, erscheint und nur in der Form eines franziskanischen Ideals der Askese zu verwirklichen. Für den Amerikaner entbehrt sie jeder solchen Grundlage. Es ist „Helfen, wo Hilfe not tut“. Es ist Entwicklung all der guten Kräfte, die in den Menschen schlummern. Es ist Amerikanisierung, und das ist eine verlockende Aufgabe, die die besten Kräfte an sich zieht. Oft sind es die Frauen und Töchter der Reichen, die solche Aufgabe suchen. Dies alles aber – dieses „Nahe-beieinander und –nacheinander“ von Erwerbstrieb und Hingabe Materialismus und Idealismus – zeigt nur, wie schnell einseitige Lebensziele sich verändern, sobald sie Befriedigung finden. Wo Erwerbsarbeit

 

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zum Selbstzweck wird, anstatt Mittel zu sein, läuft die Maschine sich schnell leer, und das Verlangen nach wahren Lebensinhalten sucht im Extremen, in der sozialen Arbeit nach Erfüllung.

In dieser Arbeit überwiegen die Frauen. In ihr führen sie auch. Sie zieht die stärksten weiblichen Persönlichkeiten an, einen Typus von Frauen, der die mitwirkenden Männer nach geistiger und gemütlicher Begabung häufig übertrifft.

Amerika ist auf vielen Gebieten der sozialen Arbeit bahnbrechend gewesen: in der Schaffung von Jugendgerichten, in der Reform der Zwangserziehung, in der Errichtung von öffentlichen Spielplätzen, in den Methoden der Gefangenenpflege, obwohl gerade auf diesem Gebiet in manchen der Staaten noch Nacht und Grauen herrscht. Neuerdings hat es einen Radikalismus in der Bekämpfung von Volkskrankheiten und gesundheitlichen Schäden entwickelt, der geradezu als Gesundheitskreuzzug bezeichnet werden kann und der für die europäischen Länder beispielgebend ist. Gerade wenn man nach längerer Abwesenheit Amerika wiedersieht, fällt es in die Augen, mit welcher Entschlossenheit schlechte Wohnquartiere beseitigt wurden, die Straßenreinigung verbessert worden ist, Ansteckungsgefahren bekämpft werden.

Das alles wird noch befördert durch die spezifisch amerikanische Überzeugung, daß mit Wissen und Können alles zu erreichen ist. Die Kraft des Verstandes

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wird wie ein Mechanismus beurteilt, der praktische Pläne für die Verwirklichung idealer Zwecke durchsetzt; und man wagt sich daher mit Feuereifer an Aufgaben, die anderen Nationen nur durch eine jahrzehntelange Entwicklung lösbar scheinen.

Dabei ruht die gesamte soziale Arbeit auf privater Initiative und privaten Mitteln, wie auch fast alle Reformen in der Gemeindepolitik auf das Eingreifen der sozialen Arbeiter zurückzuführen sind. Jede staatliche Regelung wird im allgemeinen abgelehnt; nicht nur weil die Verfassung der Vereinigten Staaten eine einheitliche Gesetzgebung sehr erschwert – der gesamte Arbeiterschutz und Kinderschutz gehört zu dem Machtbereich der Einzelstaaten – , sondern auch weil man grundsätzlich dem Zwangsmäßigen widerstrebt, weil man von dem Wert der Freiwilligkeit der Leistungen überzeugt ist. Vorschläge für eine Versicherungsgesetzgebung begegnen den schärfsten Widerständen. Die amerikanische Demokratie ist weit mehr die Verkörperung des Freiheits- als des Gleichheitsgedankens.

Es ist nicht möglich, ein Urteil darüber zu gewinnen, ob die fabelhaft entwickelte private Wohlfahrtsarbeit durch das Fehlen öffentlicher Einrichtungen hervorgerufen worden ist; ob der Mangel an staatlicher Fürsorge das Gewissen der Bürger schärft und sie verantwortungsbewußter macht, oder ob umgekehrt durch die spontane Hilfsbereitschaft, durch diese

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nationale Charaktereigenschaft die Staatsmaschine überflüssig wird.

Aber jedenfalls ist diese Leidenschaft zum Dienst, die sich auf allen Gebieten sozialen Lebens offenbart ein grandioser Versuch, eine Kultur des persönlichen Lebens zu gestalten, eine menschlich-sittliche Kultur hervorzubringen. Es kommt einer Synthese von Denken und Tun, von Geist und Leben näher, als die Kultur der Länder, deren Bild bisher fast ausschließlich von Männern gezeichnet wurde. Vielleicht ist dieses die Form der weiblichen Kultur, daß sie das Menschliche über das Sachliche, das Leben über die Güter, die Sittlichkeit über die Technik stellt. Vielleicht bedarf die Menschheit dieses neuen Einschlags, um die Kulturen der Vergangenheit vor dem Untergang zu bewahren.

Was Amerika von anderen Ländern unterscheidet und auszeichnet, ist der Mythos des verheißenen Landes. Aus ihm geht die besondere Form des amerikanischen Idealismus hervor, dessen Kraft und Mut selbst durch Niederlagen und Enttäuschungen nicht zu überwinden ist; der voller Selbstvertrauen, Energie, der jugendlich und hoffnungsvoll ist. Ein Idealismus, der über alles hinweggeht, was die Länder Europas durch jahrhundertelange, harte Erfahrungen gelernt haben: über die Unvollkommenheit alles menschlichen Geschehens. Ein Idealismus, der daran glaubt, daß eine Ordnung der Dinge geschaffen

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werden kann, durch die das ideale Gesetz, wenn erdacht und ergriffen, das Gesetz der Wirklichkeit für alle Zukunft werden wird.

Darin liegt das Wesen amerikanischer Kultur.

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