Jugend von heute (Essay)

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     "Sechs Pagen und sechs Mädchen, weiß gekleidet, mit rosenroten Leibchen, mit Schleisen und wirklichen Rosen verziert, tanzen herein und gruppieren sich zu beiden Seiten der Tür. Dann hüpft die Jugend herein, weißes Trikot, rosenrote Weste, am Kragen mit Rosen garniert, grünen Frack dreieckigen Hut mit Rosenschleife. Das Beinkleid mit rosenroten Bändern gebunden." So schwebte unserem großen Volksdichter Raimund die Verkörperung der Jugend vor für jene unvergängliche Szene im "Bauer als Millionär"die Wilhelm Scherer den schönsten Allegorien der Weltliteratur zur Seite gestellt hat. Und jedem Oesterreicher, der sich ihrer traulich schlichten Symbolik erinnert, fummt es im Ohr: "Brüderlein sein, Brüderlein fein"...
     Wie würde ein heimischer Poet unserer Zeit die Jugend verkörpern? Wohl bleibt sie im Grunde dieselbe, so lange Menschen atmen, dieselbe in ihrer Elastizität gegnüber den Schlägen des Schicksals, ihrer lebenskraft und Empfänglichkeit und dem reichtum an Hoffnung, der sich vor ihr ausbreitet wie ein Märchenwald und sie trennt von dem fernen düfteren Allbezwinger Tod. Und doch, den Rosen[fl]or, die Atlashöschen und den hüpfenden Dreivierteltakt würde ein Künstler von heute kaum mehr wählen, um die Jugend zu verfinnlichen. Die Ausdrucksformen unserer Zeit sind anders geworden. Die Jugend ist ewig wie der Sonnenaufgang; aber ihre Vertreter hienieden schauen nicht mehr mit den selben Augen in die Welt wie die Kinder des Vormärz, und die ältere Generation betrachtet mit stark geänderten Empfindung den Frühling des Daseins. Wir sind vertrauten mit seinen Stürmen. Wir haben - vielleicht genauer als unsere Vorfahren - das Leid der Jugend kennen gelernt. Wir sind uns beroußter der physischen Entbehrungen und des geistigen Mangels, die Tausende nur kümmerlich heranreisender Körper und Seelen bedrücken, wir sehen deutlichen die pfychischen Kämpfe der Pupertät, der wachsenden Erkenntnis, die sich oft verzweifelt auslehnt gegen die Rühlernheit und Riedrigkeit des alten Jammertales. Und wir erfahren gegenwärtig auch mit Schaudern, wie der jugendliche Idealismus, der einst "den Himmel offen"sah und in enthusiastischer Hingabe sich entlud, erstickt, pervertiert wird in Roheit. Zuweilen scheint es, als lösten sich für unsern Jugend "alle Bande frommer Scheu", die der Zivilisation unentbehrlichen Hemmungen, hervorgerufen durch innern Würde und Menschlichkeit, aber keineswegs die Bande des Vorurteils und aller Art geistiger Beschränktheit. Unerhörte Vorgänge wie die Erzesse an unserer Universität, Schandtaten wie die Mißhandlung einer Studenten durch ihre männlichen Kollegen werfen grelle Schlaglichter auf die Generation, die unsere Zukunft bedeutet. Und leicht erliegt man der Ver[2]suchung, sich die Jugend von heute statt mit dem Rosenzweig mit der Waffe des Meuchlers oder mit Gummiknüttel und Schlagring vorzustellen. Das Eklatante, das Sensationelle ist es ja, was urteilbestimmend wirkt - und so oft zehlurteile erzeugt. Nie soll vergessen werden, da_ den jungen Leuten, die ihre Rowdymethoden als Propaganda f_r Deutschtum ausgeben (in Wahrheit gibt es keine plausiblere Entschuldigung f_r das geh_ssige Vorurteil gegen den "boche"!), eine weit zahlreichere _sterreichische Jugend gegen_bersteht, die Menschenw_rde ebenso f_r sich Erstrebt und bewahrt als im anderen achtet. Die Ausschreitungen jugendlicher Vertreter h_heren Wissens, die nicht ahnen, da_ Bildung - wie einst Geburtsadel - verpflichtet, sind zum Teil zu verstehen durch die andauernde Kriegspsychose, gen_hrt von Frankreichs Gewaltpolitik. Nichts wirkt verderblicher auf V_lker und Individuen, als schn_de Gewalt mehrlos ertragen zu m_ssen. Das _berreizte Nationalgef_hl entl_dt sich am fiktiven "inneren Feind", weil es ohnm_chtig ist gegen den Bedr_cker jenseits der Grenzen. Getretenes Ehrgef_hl artet bei sittlich wenig widerstandsf_higen Charakten leicht in Roheit und Grausamkeit aus. Man hat Juden, Protestanten und andere "unsure Feinde" oft f_lschlich der Brunnenvergiftung angeklagt. Poincar_ vollf_hrt noch Schlimmeres: er vergiftet Seelen.
     Nur mit Vorbehalt, nur mit gr__ter Bereitschaft zu Korrekturen und Richtigstellungen kann der Beobachter ein halbwegs richtiges Bild der Jugend von heute entwerfen. Die Individualit_ten der Heranwachsenden scheinen mannigfaltiger geworden als fr_her, zum mindesten _u_ern sie markanter ihre Verschiedenheit. Um die gemeinsamen Z_ge des Nachwuchses mehrerer V_lker festzustellen, bed_rfte es einer Studienreise. Welche gewaltigen Gegens__e, wie viele Typen und Pers_nlichkeiten im Werden bekunden sich nur unter den jugendlichen Bewohnern unseres jezt relativ so kleinen Vaterlandes! Vom H_uptling einer Kinderdiebsbande zum heroisch sich durchhungernden J_nger der Wissenschaft, vom Luxuxbackfisch zur jungen Arbeitarin, die am Abend ihres harten Werktages Volksbildungskurse h_rt, und zur Offizierstochter, die mit ihren Lektionen die Mutter erh_lt - ganz abgesehen von der wenig bekannten, in den Zirkel ihrer vom Lauf der Monde abh_ngigen Besch_ftigung gebannten b_uelichen Jugend. Wer wagte da rasch und entschieden ein zusammenfassendes Urteil zu f_llen?
     Bei aller individuellen Differenzierung, troz des nat_rlichen Fortbestehens unabstreifbarer Merkzeichen jugendlichen Wesens zeigt die kommende Generation im allgemeinen ein anderes Gehaben als Oesterreichs Nachwuchs vor einigen Jahrzehnter. Zwei Momente haben bei dieser Wandlung in hohem Ma_e mitgewirkt: der versch_rfte Existenzkampf und der Sport. Das Haust_chterchen in seiner wohlgeh_teten Zierblumenlieblichkeit stirbt allm_hlich aus , und bei den jungen M_nnern bildet sich fr_hzeitig ein scharfer Sinn f_rs Praktische, der zu resoluter Gelbst_ndigkeit, Unternehmungsluft, bisweilen auch schlie_lich zur Abkehr von gesch_ftlicher Ehrenhaftigkeit f_hrt. "Auch Golde dr_ngt, am Golde h_ngt doch alles! Ach, wir Armen!" mu_te schon Fausts Gretchen in fr_her Selbsterkenntnis [seufzen]. F_r Hans und Grete von 1923 ist dieser Ausspruch gewi_ nicht minder zeitgem__, nur der elegische Ausklang entspricht moderner Jugendstimmung schwerlich. J_ngling und M_dchen m_ssen heute ins feindliche Leben, beide lernen metten und magen. Da_ bei der weiblichen Jugend ihre immer noch st_rkste Waffe im Kampf ums Dasein, der Reiz ihres Geschlechtes, in vielen F_llen zum Einfa_ im mehr oder minder hohen Gl_ckspiel wird, wen darf es wundernehmen? Die Raive, das unbeschriebene Blatt, dem erst der Gatte Inhalt und Farbe gab; la petite oie blanche, dient nur mehr zur Charakteristik einer vergangenen Sproche. Gl_cklicherweise ist darum echte M_dchenhaftigkeit, instinktive Scheu vor der Herabw_rdigung des Liebeslebens durch Zynismus und Brutalit_t nicht untergegangen. Wohl aber ist der Brunhildiypus seltener geworden in einer Zeit, die mit dem Recht auf Bet_tigung auch den Anspruch auf Freude f_r jeden Menschen anerkennt und zugleich durch die wirtschaftliche Rot edle Befriedigung des Genu_triebes furchtbar erschwert. Aber in sieghafter St_rke erh_lt sich wie in fr_hern Jahren _konimischer Wirrfal und moralischer Erschlaffung auch gegenw_rtig die M_dchenreinheit als Ideal und Distinktivn einer Elite aller Klassen.
     Der Begriff der Frauenehre hat eine Wandlung erfahren, aber er dauert fort. Das freie B_ndnis einander achtender und liebender Menschen, auch ohne Standesamt oder Priestersegen, ist im Ansehen gestiegen. Gegen unaufl_sliche Eheketten protestieren alle Vetreter geistigen und fittlichen Forschritts. Aber die K_uflichkeit der Liebesbezeugungen gilt nach wie vor als Erniedrigung, deckt sich durch H_llen und Schleier aller Art, und auch die Widerstandslosigkeit junger M_dchen gegen_ber den Wallungen weiblichen Instinkts wird troz mancher Propaganda des Wortes und der Tat nicht zum Vorbild, nicht zur Regel. Und darauf kommt es an.
     Aus wirtschaftlichen Erw_gungen, ohne stufenweise Vorbereitung, in der sittenlockernden Nachkriegzeit wurde eine vom Zufall bestimmte Form der Koedukation in unseren Mittelschulen eingef_hrt f_r junge Menschen im krisenreichen Uebergangsalter zur Vollreise. Kein sittliches Aergernis hat sich daraus ergeben. An unserer Akademie der bildenden K_nfte werden hochbegabte M_dchen als Sch_lerinnen neben ihre m_nnlichen Kollegen aufgenommen. Troz der manchem Beurteiler gef_hrlich aufreizend erscheinenden Atmosph_re der Bildhauer und Malerwerkst_tte arbiter dort junge angehende K_nstlerinnen von einwandfreier Ehrbarkeit im alten engen Sinne dieses Wortes. Es gibt auch heute noch Wiener Frauen, die kein Einfiedlerdasein f_hren, auch lebhaft und vertraut mit der Jugend verkehren, und dennoch jene M_dchen aus der Chronique scandaleuse, denen eine Einschiffung nach Cythera nicht mehr bedeutet als ein Spaziergang, nur vom H_rensagen kennen. Die stetig wachsende soziale Bildungs und F_rsorgearbeit, namentlich in unserer Stadt, die g_nstigeren Wohnungsverh_ltnisse der fr_her wirtschaftlich benachteiligtesten Schichten wirken dahin, da_ auch die jungen T_chter des Volkes zu einem Frauendasein heranreifen k_nnen, das in der Liebe weder [Enverb] noch Rausch, sondern seine Kr_nung sicht. In der modernen B_hnendichtung, der die Jugend so gern ihr Ohr leiht, kommt [3] die Poesie des M_dchenstolzes langsam wieder zu Ehren. Und selbst im Lager der radikalsten Umwerter aller Werte, der Kommunisten, erhob eine Frau vor nicht ganz drei Jahren ihre Stimme zugunsten des Ideals der Monogamie. Sie lehrt: "Der Wille, die einzige geliebte Person f_r den andern zu sein, ist in jedem Kulturmenschen vorhanden, wenn _berhaupt von Liebe die Rede sein darf. Und wie die Dinge heute und f_r eine sehr lange Zukunft (vielleicht f_r immer) liegen, wird eine Einwilligung zur Untreue nie aufrichtig gegeben und l_ngere Zeit nicht ohne h__liche Reibungen ertragen werden k_nnen. Am leichtesten und besten wird ein monogames Verh_ltnis wertvoll gestaltet werden k_nnen. Wenn die Menschen, vor allem die jungen Menschen, wirklich ernshaft an die bewu_te Gestaltung ihres Lebens herangeben, werden sie von selbst zu der Ueberzeugung gelangen, da_ aus all den Wirrnissen ind Niedrigkeiten hires Trieblebens nur ein. Weg wirkliche Erl_sung, Reinheit, Sch_nheit bringen kann - die Liebesgemeinschaft mit einem Menschen, mit dem sich zu verbinden, nicht nur erotisches Gl_ck, sondern auch Steigerung des gesamten _bringen Lebens bedeutet." Als Kriterium des monogamen Verh_ttnisses bezeichnet die Bekennerin dieser Lehren den festen "Willen zur Dauer und Ausschlie_lichkeit" des B_ndnisses. Es ist nicht allzu schlecht bestellt um das ideelle R_stzeug gegen einen R_ckfall in primitive Anarchie der Erotik, wenn von der aller_u_ersten Linken solche Mahnungen an die Jugend ergeben.
     Die Beziehungen jugendlicher Menschen zueinander reiner, nat_rlicher, Kameradschaftlicher zu gestalten, ist einer der gro_en Vorz_ge jener systetematischen, freiwillegen Uebungen der K_rperkraft und Gewandtheit, die wir Sport nennen. Das Wort (es ist gemischten, englisch-franz_sischen Ursprungs) kam erst bei der voringen Generation in Mode, wie die Bet_tigung, die es bezeichnet. W_hrend aus den Erinnerungen an das achtzehnte Jahrhundert das Bild sportlicher Vergn_gungen nur [selte] auflebt - wie etwa der Schlittschuhlauf in Weimars klassischen Tagen - haben sie sich in neuester Zeit auf unserem Kontinent in allen Gesellschaftsschichten ausgebreitet, manchmal sogar auf Rosten der Geistesbildung. Im Jahre 1878 wurde der Rame "Sport" in das W_rterbuch der franz_sischen Akademie aufgenommen, ein [Enveis] f_r den Zusammenhang von Sprachwissenschaft und Kulturgeschichte. Wenige Neueinf_hrungen haben auf die Mentalit_t und Lebensweise der Jugend so starken Einflu_ ge_bt wie der Sport. Die zweckm__ige Tracht verscheucht die Pr_derie, die kr_ftige Bewegung weckt Selbstsicherheit und Unabh_ngigkeitssinn, die mannigfachen Anforderungen an die Geistesgegenwart st_hlen die Widerstandsf_higkeit. Der freie Wettbewerb mit dem anderen Geschlecht, das Beisammen ein der M_dchen und Burschen im Freien, oft im Kampfe mit den Unbilden der Jahreszeit, stumpft ab gegen die Regungen der L_sternheit, ungeachtet der allgegenw_rtigen Schlingen Aphrodites, denen v_llig zu entgegen, unnat_rlich und unm_glich ist. Unter dem Einflu_ des Sportes mich die Sentimentalit_t, die f__liche Galanterie einer fr_heren Zeit aufrichtigeren, wenn auch oft r_deren Umgangsformen. Vielleicht l__t sich die Meinung vertreten, da_ erst der Sport unsere Jugend zu dem gemacht hat, was sie ist.
     Und sie ist nicht kernfaul, nicht schlecht. Die erschreckenden Ausw_chse, bedingt durch eine Zeit politischer G_rung ohnegleichen, d_rfen nicht hindern, das Gute zu sehen. Der Protest der freigefinnten Studenten gegen die Exzesse verblendeter Gewaltt_ter war sch_n und w_rdevoll. Eine nach Laufenden z_hlende Schar junger Arbeiter und Arbeiterinnen hat am Jahrestag der Gr_ndung unserer Republik in der Volkshalle der Auff_hrung einer Szene aus Romain Rollands "Die Zeit wird kommen" durch jegendliche Darsteller beigewohnt. Wie eine Mahnung klangen die behren Worte der Einsicht und Eintracht, da_ ein anderes Frankreich lebt als Deutschlands Vernichter: das Frankreich des M_rtyrers der Geistesfreiheit Jaur_s, des k_hnen Ankl_gers Zola und all der Gro_en, deren Wirken durch den franz_sischen Imperialismus geh_hnt und verleugnet wird. Und diese Worte fanden begeisterten Widerhall bei den jungen H_rern. Es gibt eine Jugend des echten, auskl_renden, roheitsfremden Idealismus, auch im Oesterreich von heute. Wie w_rde ein K_nstler sie darstellen? Richt in einer Gestalt, J_ngling und M_dchen nebeneinander vielleicht im knappen Sportkleid, Hand in Hand, mutig und froh ins Weite schauend, einer besseren Zukunft entgegen - troz alledem.

Bertha Pauli.

Bibliographic Information
Publication Place: 
Austria
Number of Pages: 
1 page(s)