Das dritte Geschlecht (Essay, 1924)

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Click here for a digital copy of the article, as it appeared on 19 September 1924. A transcription follows:

 "Die Natur wird mit dem Problem des Gleichgewichtes der Geschlechter schon zustande kommen."

Ernst Rach.

     Vor ungefähr zwei Jahrzehnten lag in den Schaufenstern der Wiener Buchhandlungen ein damals neuer Roman von Ernst v. Wolzogen. Er hieß "Das dritte Geschlecht". Auf dem Titelblatt sah man eine Gestalt in weblicher Kleidung von aszetisch schlichtem Zuschnitt. Straff zurückgestrichenes halblanges Haar umrahmte den Kopf der abgebildeten Dame, ihre Augenlider waren tief gesenkt und eine fahle Blässe vollendete den krankhaften Eindruck, den das hagere Zwitterwesen hervorrufen sollte. So sah das Schreckgespenst aus, dessen Erscheinen sich die Phantasie besorgter Propheten als eine unbermeidliche Folge des allgemeiner werbenden Frauenstudiums ausmalte. Die Feministen dagegn erhofften von der Erfüllung ihrer Forderungen die Vewirklichung eines Idealbildes. Sie sahen die Frau der Zukunft mit dem Gürtel Aphroditens geschmückt und überdies bewehrt mit dem Schilde des Wissens und mannigfaltigster Berufstüchtigkeit, eine Artemis als Mädchen, als liebendes Weib und Mutter eine Andromache, eine Sappho oder Madame Curie im geistigen Wirken. Mutter Natur im Vereine mit den vielfachen Einflüssen und Bestrebungen, die [mir] euphemistisch Zivilisation nennen, schlug beiden Birngespinsten ein Schnippchen, ließ ihren uralten Evatypus nicht gestören und duldete nur, daß ihm einstweilen ein neuer Kopf aufgesetzt werde, an den die Herren der Schöpfung sich sehr rasch gewöhnten: der Bubikopf. Diese oft sehr hübsche Reuheit besteht nicht nur in der lockigen pagenfrisur, sie schließt auch besonderes Denken und Wollen ein. Kein misandrisches, rein abstrakten Zielen zugewandtes Wollen, kein "männliches"Denken: Die mehr oder weniger jungen Gesichtszüge des weiblichen Knabenhauptes sind echtfarbig oder geschminkt, je nach Veranlagung der Trägerin, ganz wie jene der bezopften Repräsentantinnen früherer Epochen, die Augen blißen kokett oder blicken ruhig drein, wie das Temperament es erheischt, das Denken fliegt im allgemeinen nicht in hohe Sphären, und das unverrückbare Zentrum des Wollens auch der modernen Frau ist - von Ausnahmen und bedrückten Opfern des Schiksals abgesehen - die Liebe geblieben. Die beiden Geschlechter werden liebeln, lieben und trennen sich, unterstüßt von neuen Behelfen, aber nach altem Rezept, der Ritus hat gewechselt, der Kult ist derselbe geblieben.
     Ueberraschend ist der geringe Einfluß, den das Studium auf Wesen und Art der Frauen geübt hat. Die bebrillte, unmodische Akademikerin taucht nicht einmal mehr in Wißblättern auf. Auch die ernstesten, fleißigsten Studentinen kleiden sich gefällig und meiden sorgfältig jeden äußeren Anschein der Unweiblichkeit. An einer relativ großen Zahl der Jungen Mädchen gleitet das eingelernte Wissen spurlos ab. Die Beschäftigung mit Toilette, Körperflege, Lieberei hat ihre Anziehungskraft nicht im mindesten eingebüßt. Hauswesen, Liebe und Mutterschaft behaupten ihren dominierenden Plaß im weiblichen Seelenleben. Und doch hat sich "Eva" unstreitig geänderten Anforderungen angepaßt. Sie ist troz der hurzen Haare nicht männlicher, troz der [vermohrten] Betätigungsmöglichkeiten nicht ehescheuer geworden als in früheren Jahrhunderten; sie bringt ihre Reize nicht weniger geschickt zur Geltung und führt die Waffen der Koketterie mit dem gleichen Raffinement und gleichem Erfolge; aber sie ist selbständiger geworden, selbständiger in der Wahl des Gatten, des Geliebten und der Beschäftigung. Das gefürchtete "dritte Geschlecht" ist nie und nirgends hervorgegangen, die Amazone des geistigen Krieges ist fast gänzlich ausgeblieben, aber die selbstständige Frau ist auf den Plan getreten, die, was sie tut, aus eigenem Antrieb unternimmt.
     Die Tyrannis der Eltern, dem erwachsenen Mädchen auserlegt, ist im Schwinden begriffen, die Willkürherrschaft des Ehemannes über seine Frau merklich geschwächt. Vorgänge, wie sie nochgegen Ende des vorigen Jahrhunderts Ludwig Fulda in seinem kulturhistorisch bedeutungsvollen Drama "Die [Sklovin]"geschildert hat, sind heute kaum mehr denkbar. [Rire] eine Tyrannei drückt die Frau, zwar gemeinsam mit dem Manne, aber doch in verschärftem Maße, weil sie die physisch Schwächere und mit der Bürde der Mutterschaft belastet ist - die Tyrannei materieller Not. Die Gewalt der Kondenienz, des Herkommens, die in Gabriele Reuters packender Erzählung "Aus guter Familie"eine wahrheitstreue Darstellung fand, ist gebrochen. Unsere Frauen und Mädchen reisen allein, tragen mit ihrem Enverb zum Haushalt bei, haben aktives und passives Wahlrecht und teilen alle muskelstählenden Sportfreuden der Männer. Kein Wunder, wenn auch das Gängelband der Sittsamkeit sich gelockert hat, unbeschadet fester Charaktere, die dessen nicht bedürfen. Das Zartgefühl in erotischen Dingen scheint auf eine kleinere Elite beschränkt als sonst. Jedenfalls ist die volle Kenntnis der Gefahren, die dem Weib durch die Liebe drohen, ununngänglich nötig für ein Mädchen, das im Eristenzkampf steht, und ein Gegen für jedes junge Wesen. Das gänzlich unerfahrene Mädchen von ehedem, das von einem fast Unbekannten zum Altar geführt wurde und dessen völlige Unkenntnis natürlicher Vorgänge als besonderer Reis galt war jenen Vögelchen vergleich bar, die man blind macht, damit sie schöner singen. Die erotische Frühreife, die Abnahme der Feinfühligkeit, sind Begleiterscheimnungen erhöhter Selbständigkeit, Nachteile, die man [vorläufu] auf nehmen muß, denen man aber gewiß entgegenwirken kann. Leider wird diese Gegenwirkung wesentlich erschwert durch eine Richtung moderner Literatur, mit ihrem Hervorzerren und [Konstruseren] erotischer Probleme in brutaler, dem Pathologischen sichtlich zuneigender Art. Das ist um so beklagenswerter, als unsere selbständige Jugend sich - vielleicht mit Recht - kein Buch, keinen Theaterbesuch mehr verbieten läßt. Man kann sicher nicht erwarten, daß Schriftsteller der Gegenwart ihre Werke ad usum delphini abfallen, auch wird die geistige Produktion durch "Appelle"an ethisches Empfinden überhaupt nicht beeinflußt. Freiheit der Genialität! Aber man darf der Jegend nicht verargen, wenn sie vom Zeitgeist imprägniert wird. Unsere ganze bewegle, gärende Epoche gravitiert zur Roheit.
     Die Belletristik vergangener Jahrhunderte und Jahrzehnte hat den verlogenen Typus der "Raiven" geschaffen. Allein, auch jene Mädchengestalt, die in Roman und Drama das weiße Gänschen abgelöst hat, die liebegierige Jungfrau wider Willen, ist eine Fälschung der Wahrheit, eine Uebertreibung nach anderer Richtung. Die Physische Eigenart, die man Mädchenhaftigkeit nennt, ist so natürlich wie die Mütterlichkeit. Ein Seelenforscher hohen Ranges, Professor August Forel, beschreibt den vom Liebestrieb des Mannes grundverschiedenen Zärtlichkeitsdrang des Mädchens, der stark im Physischen wurzelt und meist begleitet wird von natürlichen [Abwehrreilexen] bei stürmischer Liebkosung. Die "Hemmungslose Mutter, keiine wahres [Abbild] des Mädchens unserer Zeit. Dieses istweit ungebundener, oft kecker, zuweilen frivoler als die jungen Töchter früherer Generationen, aber doch ein Mädchen, ausgestattet mit den seelichen Schußvorrichtungen, die die Natur zum Wohl der Gattung ihm verliehen hat. Gewiß, das Schamgefühl, das einst oft allzu empfindlich war, ist abgeschwächt, bei vielen Frauen und Mädchen zum Teile durch gesunde Unbefangenheit, bei anderen durch kokette Berechnung erseßt, die übrigens immer wirksam gewesen ist. Die Prüderie ist [erfrenlicher] Weise geschwunden. Aber es hieße zu weit geben, statt Helena, Phryne in jedem Weibe zu sehen.
     Die Entstehung eines blutleeren "dritten Geschlechtes" hat sich der Voraussage ungeachtet nicht verwirklicht. Das vom Triebleben völlig beherrschte Weib, das nach mancher Prophezeiung der Frauentypus der Zukunft sein soll, dürfte Ausnahme bleiben. Es scheint, daß "Eva" ihre angestammten Merkmale durch alle Wandlungen rettet. The more things change, the more they remain the same>. Wohl hat sie den Sündenfall veranlaßt, aber sie hat es auch nicht verschmäht, sich zu verhüllen.

Bibliographic Information
Publication Date: 
19 September 1924
Publication Place: 
Vienna, Austria
Number of Pages: 
1 page(s)
Press: 
Neue Freie Presse