Schuldiszipline und Jugendtorheit (Essay)

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

  Ein furchtbar trauriges Geschehen der jüngsten Zeit, das jähe Ende eines jungen, hoffnungsreichen Lebens, hat den Kampf zwischen der Autorität der Erfahrung und dem stürmischen Wollen der Unreife wieder zum Gegenstand lebhafter Erörterung gemacht.  Es ist ein alter Gegensatz.  Wenn auch das kühne "Aufbege[h]ren" unmündiger Stürmer und Dränger gegenwärtig allgemeiner ist und im Schrifttum ein stärkeres Echo findet als ehedem, so haben sich doch zu allen Zeiten junge Köpfe wund gestoßen an eisernen Satzungen, die als Grundpfeiler der Ordnung ga[l]ten, haben junge Hände sich zornig geballt gegen Hüter, die als Herren erschienen. Die Herrschaft ist es, die Ausübung der Macht über ihre Person, die jugendliche Untergebene im weitesten Sinne immer zum Widerstand gereizt hat, sei es, daß diese Macht durch Eltern, Hofmeister, Arbeitgeber oder durch Lehrer verkörpert wird.  Der "Vorgesetzte", blutsverwandt oder nicht, erscheint leicht gewissermaßen als der Feind, der Unterdrücker, der dem natürlichen Freiheitsdrang der Jugend mit seinem:  "Du mußt! -- Du darfst nicht!" entgegentritt.  Es ist keine Gehässigkeit, nicht verruchte Bosheit, wenn die Jugend es liebt, die Autoritäten zu verspotten, denen sie gehorchen muß.  Gehorchen ist bitter und der Jugend vielleicht am bittersten.  Die einzige Waffe, die jungen, abhängigen Menschen [gegen] Vorgesetzte aller Art zu Gebote steht, ist der Spott.  Spotten, witzeln ist die Reaktion der Jugend auf den unvermeidlichen Druck der Oberherrschaft Erwachsener, auf das dem Selbstgefühl peinliche Erkennen der eigenen Ohnmacht.  Mehr oder weniger rücksichtslos äußert sich diese Opposition vom Studentenlied und dem Maturazeitungsspaß bis zur offenkundigen Frechheit.  Der "lederne Herr Papa", "die Alte", "der Prosax" sind nicht Bezeichnungen von heute.  Unfreiheit erzeugt Satire gegen die Obrigkeit.  Die Jugend ist unfrei, muß Zügel tragen, deshalb müssen ihre Lenker auf Stiche des Spottes von seiten der Gelenkten gefaßt sein und sie nicht allzu ernst nehmen.  Neu ist keineswegs die Widerspenstigkeit der Jugend, ihre Vorliebe für Kraftworte, ihre Keckheit und ihr Aufbäumen gegen "das Joch" der Autorität, viel neuer und leider noch nicht zum Gemeingut geworden ist das milde Verstehen dieser bekannten Symptome gewisser Stadien der Entwicklung.  Die Rute als Erziehungsmittel hat viel von ihrer einstigen Beliebtheit eingebüßt, aber der Geist, der die Zuchtrute schuf, ist noch lebendig.  Nicht immer ist Grausamkeit sein Merkmal, nur die Ueberzeugung, daß Härte gesund und das erste Gebot für den Erzieher die Aufrechterhaltung der Diziplin sei. Man kann auch als gewissenhafter Mensch und Pädagog solcher Ansicht sein.  Sie hat etwas für sich.  Der Expansionskraft der Jugend müssen Schranken gesetzt, ihr oft übermütiges Selbstgefühl soll eingedämmt werden.  Zumal in der Schule, beim Gemeinschaftsunterricht ist Ordnung -- somit auch Unterordnung -- unerläßlich.  Aber die moderne Pädagogik des milden Verstehens lehrt:  Härte ohne deutlich merkbares, wohlwollendes Verständnis ist gefährlich.  Die Basis der Autorität des Lehrers und Erziehers sei die Erkenntnis seiner Ueberlegenheit und seines Wohlwollens durch den Schüler.  Nicht alle Zöglinge sind solcher Erkenntnis zugänglich und die Aufgaben, die moderne Einsicht dem Erzieher stellt, sind weit schwieriger als die Staberlmethoden und ihre Ausläufer.  Lehren und Erziehen ist zum Range einer Kunst erhoben worden, viele sind dazu berufen, wenige sind ausgewählt.
     Verantwortungsvoll ist die Praxis des Pädagogen gleich der des Arztes.  Strafen können Giftwirkung üben. Tiefe Eingriffe in des Zöglings Seele gleichen Operationen.  Ein großer Menschenkenner hat darauf hingewiesen, daß das Alter mehr am Leben hängt als die Jugend.  Sie hat nicht die rechte Einschätzung der Güter dieser Welt, in einer Wallung wirft sie oft Unersetzliches weg, selbst das Unersetzlichste -- das Leben.  Ein Kind unserer Stadt, Schüler eines Wiener Gymnasiums, ist vor kurzem solcher Wallung jugendlichen Verzichtes zum Opfer gefallen.  Jugendtorheit hat ihn veranlaßt, die Schuldisziplin arg zu verletzen, Jugendtorheit trieb ihn aus dieser Welt.  Niemand soll einer Schuld geziehen werden.  Der junge Mensch handelte gemäß der Verblendung seiner jungen Jahre und seinem überschäumenden Temperament.  Diejenigen, die ihn schwer gestraft haben, glaubten wahrscheinlich, zu seinem Wohle vorzugehen, sicher aber zum Wohle der Schule, der sie nach Kräften dienen. Anklagen gegen Menschen, die ganz unfreiwillig zum Anlaß eines Unglückes geworden sind, das tiefstes Mitgefühl -- gewiß auch bei ihnen -- weckt, können nur Verbitterung erregen.  Aber zur Warnung sollte das erschütternde Ereignis dienen, zur Mahnung für alle jene, denen es obliegt, unsere Jugend zu führen.  Das Herrschaftsprinzip in der Erziehung ist überlebt.  Heilig ist die Ordnung, heiliger das junge Leben, das junge Fühlen.  Hütet euch, Jugendführer, vor demütigenden Strafen für eure Schutzbefohlenen, wendet sie nur an als letztes Mittel, um Niedrigkeit zu kennzeichnen, nicht um jugendlichen Uebermut zu dämpfen!  Seid eingedenk, daß für den Lehrer ehrenvoller als die musterhafteste Disziplin seiner Klasse das Vertrauen ist, das sie ihm entgegenbringt.

Bibliographic Information
Publication Place: 
Austria
Number of Pages: 
1 page(s)