Oesterreicher in Newyork: Wieder einmal ein Brief an Dich, den Kronenfreund (Autobiography, Essay, 1924)

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

     Ich bin mir bewußt, daß ich Dich vernachlässige, aber Du mußt verstehend verziehen, wenn ich Dir sage, daß ich nun Wochen äonenfern von Dir und Oesterreich zugebracht habe, im tiessten, innersten, waschechtesten Amerika, in “Main Street”, über das Sinclair Lewis so schnöde und Booth Tarkington – manchmal – so entzückend zu schreiben versteht; wo Männer Männer Mund Frauen Frauen sind; wo jedermann ein Auto, ein Badezimmer und einen elektrischen Geschirwascher hat. Wochen hindurch also in einigen solchen Metropolen aller Mainstreet-Ideale, einen Tag und eine Racht lang unaufhörlich fliehende, farblose Flächen, garniert hie und da mit Wellblech oder Riegelhäuschen oder durchrissen von einem einsam in Debe sich reckenden farbenprächtigen Plakat; hierauf die Magnifizenz des erdwandelnden Fliegers, des Twentieth Century Limited (Expreß des zwangsigsten Jahrhunderts), zwischen Chicago und New York; der Schnellste, der zweckmäßigste, der pünktlichste, der luxuriöseste, mit einem Wort der amerikanischeste, ein zur Wircklichkeit gewordener Traum in “efficiency”, ein Begriss, ein Wort, das unmöglich österreichisch wiederzugeben ist, weil es alles bedeutet, das Oesterreich nicht ist, und so viel nicht bedeutet, was Oesterreich – Gott sei Dank – ist. Endlich Grand Central Station in New York. Hier rieb ich mir die amerikanishe Faszination aus den Augen und erinnerte mich meiner obskur-österreichischen Geburt, denn hier stand, in eine Ecke der riesigen Halle geweht, ein Häuflein kopftücherbedeckter und binkelbewehrter Individuen, Einwanderer. An ihnen vorbei wogten und wallten die Wanderer, Ameisen in der Blißblankheit der Mastodon-Halle, in angeregter Beschleunigtheit, ohne hektische Nervosität, ohne Geshrei, zielsicher; von Zügen sah, hörte, roch man nichts. Züge wagen sich an die Herrscherin New York nur unterirdisch heran, und man wird hinausgelassen zu ihnen durch vergitterte Tore. Ich aber war plötzlich am westbahnhof und griff mit einem kleinen Schrei nach meinem Handgepäck, das mir einer eben sachte und selbstverständlich entwunden; da blickte ich in das gutmütige Negergesicht unter der roten Kappe. Nein, der “red-cap”, dieser immer bereite Gefährte des amerikanischen reisenden, war nicht zu verwechseln mit dem herablassenden Gentleman, der keinen Richter braucht. Ich zog daher meine Hand zurück und sagte schwach: Tari! Ich stand wieder mit beiden Füßen in New York.
     Es war merkwürdig: In meiner Pension funktionierte alles tabellos; das Gepäck war da, die Post war da, der Radiator strahlte, das Telephonfräulein war ungemein liebenswurdig, das fast gar gekochte Essen war gewürzt mit einer Nuance Europa, jener Nuance, auf die man hoffnungslos verzichten muß im “großen” Westen. Aber es nützte alles nichts, es war, wie der Amerikaner sagt “something wrong”. Da schrillte das Telephon! Als ich die Stimme am andern Ende hörte, zweifelte ich an meinem wachen bewußtsein, denn knapp an meinem Ohr hier, das seit Monaten nichts gehört hatte als rollende r’s und nasale O’s , knapp an diesem Ohr erschallten österreichishe Worte, die Stimme eines österreichischen Ministerialbeamten. Verzeih, lieber Dick, der Schluß war nicht eine Ausgeburt amerikamüder Nerven, denn ich hatte recht, es war wirklich ein österreichischer Ministerialbeamter, besser gesagt, Konsulatsbeamter, und in diesem Moment wußte ich auch, was mir verherend im Sinn gelegen war: nämlich der Schmußige,gedrängte, zerfranste, geliebte Westbahnhof. Mit dem Blick krampfhaft auf den aus Zenithnähe herabstrahlenden vierzigsten Stock des gegenüberliegenden Gebäudes, damit ich um des himmelswillen nicht vergesse, wo ich war, rief ich: “Wo sind Sie, Herr Doktor?” Der Herr Doktor schien gar nicht erstaunt über diese indiskrete Frage und sagte: “Im Büro, naturlich!” Wie vorerst Enthusiasmus, so war meine Stimme jeßt blankes Erstaunen: “Im Buro? Um 10 Uhr abends, ein Staatsbeamter im Büro um 10 Uhr abends?” Dem harten Wort wurde von drüben ganz selbstverstständlich freundlich entgegnet: “Ja, die “Olympic” geht morgen und wir müssen die Berichte fertig kriegen.” – “So, ganz einfach: die “Olympic”geht morgen ... bitt Dich, Dick, nimm es ad notam und denke daran, wenn Du um halb vier Akten und Berichte hinter Dich wirfft.” – “Was ich aber fragen wollte: Wollen Sie uns nicht das Vergnügen machen, bei einem österreichischen Offen, mit österreichischen Leuten?”
     Die Frage! Das Vergnügen war naturlich ganz meinerseits.
     Der Präsident der Gesellschaft, der das in alter, gediegener Eleganz gehaltene Hotel St. Regis gehört, Mr. Haan, ist ein Alt-Osterreicher, dessen herrlich Villa Du im Währinger Cottage bewundern kannst. Trotzdem hatte der Herr Doktor, was den Punkt “österreichisches Essen” betrifft, ein ganz klein wenig mehr versprochen, als der Küchenchef eines ersten amerikanschen Hotels zu halten wagt. Aber dafür war dieses kleine Diner in Atmosphäre ein Pasticcio aus dem, was hier in New York ist an echt österreichischem Geist, kunft und Wissenschaft, übersprenkelt mit New Yorker Vonmots und durchsickert von der anregenden Herbheit im Behmühen der wenigen anwesenden Amerikaner, Gäste im österreichischen Kreise, liebesnwürdig-interessiert, eine fremde Sprache zu radebrechen. Diese Amerikaner waren Ehefärzte einiger der größten New Yorker Spitäler, welche gekommen waren, um den Abend mit ihrem Kollegen von jenseits des Wassers, Universitätsprofessor Dr. Biehl aus Wien, zu verbringen. Joseph Urbans Urwienerisch zuhörend, vergaß man seine weitverzweigte amerikanische Tätigkeit, den schönen Shop der Wiener Werkstätte auf Fifth Avenue, ein wahrer heiliger Schrein Wiener Kunft, und erinnert sich doch zugleich, daß man neulich die bunten Kinder seiner Phantasie auf der Bühne der Metropolitan Oper bewundert oder vor ein paar Tagen erst die wirklich wunderschönen Bilder gesehen hat, die er in dem historischen Film “Yolanda” entworfen und gestellt hat. Ihm gegenüber scherzt seine Tochter, Frau Gretl Thurlow-Urban, in tadelloser Newyorkese mit ihrem Tischnachbar; sie hat Yolandas entzückende Kostüme gezeichnet und war dabei – bei aller wienerischen Kunft – in amerikanischer Weise zügellos freigebig: Yolanda, die wir besser als Maria die Schöne von Burgund kennen, hat in jedem Bild mindestens ein neues Kleid. Frau Bodanzkh mußte ohne ihren Mann kommen, da er diesen Abend in der Metropolitanoper dirigierte, wo er kürzlich einen seiner verdientesten und besten Erfolge hatte mit den “Meistersingern”, die man nach langer Pause hier wieder aufgeführt hat. Ehrengast des Abends war Dr. Biehl, der nur ein paar Tage hier weilte, während derer er fast zu Tode eingeladen wurde. Morgen sollte er schon am “Albert Ballin” wieder die Heimfahrt antreten, und man konnte ihn ernstlich böse machen, wenn man ihm eine gute Ueberfahrt wünschte, denn er war ja doch eben wegen einer schlechten Ueberfahrt nach Amerika gekommen; er wollte nämlich die Scekronkheit studieren. Die Hetterkeit seiner Stimmung bei dem Diner, das seinetwegen “speechless”, ohne Toaste, gehalten wurde, um es kürzer und gemütlicher zu machen – womit sich der Wirt, Herr Generalkonsul Dr. Fischerauer, bewußt einen krassen Unamerikanismus zu schulden kommen ließ war etwas getrübt durch die Sorge um seine diversen Alligatoren und Haisische, die ihm in munifizenter Weise vom Direktor des Aquariums zur Berfügung gestellt worden waren und die er lebend morgen aufs Schiff zu bringen gedachte: in zweiter Linie nur beschwerten sein Gemüt zwei Kisten voll der herrlichsten “grapefruit”, ein Geschenk des Dr. Häublein aus Hartford. Keine Beschreibungen der Freuden, die er in Wien mit diesen goldenen Töchtern Kalifornias stiften würde, konnte ihm über den Gedanken hinweghelfen, daß er nicht nur als Tierbändiger, sondern auch als O bsthändler zu reisen hatte. Gar nicht beischwerte ihn das Problem und Programm des nächsten Vormittags, für den, in der Zeit bis zur Abfahrt des Dampfers um 12 Uhr, eine Abschiedsvorlesung, drei Besuche und eine Fahrt nach Hartford geplant waren – in der Hinsicht hatte sich Dr. Biehl im Laufe vom vier Tagen schon “vernewyorkisiert”. Geradezu federleicht aber fühlte sich sein Gemüt, als ihm von Verein AltWien ein Scheck für hundert Dollar gereicht wurde, das Ergebnis einer imporvisierten Sammlung unter Newyorker Oesterreichern und Deutschen bei einer Taufe: denn so brauchte er auch für notleidende Kollegen nicht mit leeren Händen nach Hause zu kommen. Die Honneurs des Abends machte Generalkonsul Dr. Fischerauer, in dem man einen Mann kennen lernt, in dessen Persönlichkeit sich zwei so heterogene Elemente, wie amerikanisches “...Immer-effektiv-

Bibliographic Information
Author: 
Publication Place: 
Austria
Number of Pages: 
1 page(s)