Die vor den Toren (Essay, 18. März 1924)

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     Ans Land gings natürlich noch lang nicht. Man wurde ausgelassen auf einer der vielen Inseln, rund um den Hafen, die besät sind mit gleichförmigen, weißgetünchten Häusern. Bad, Entlausung, Desinfektion stand hier bevor. Vorläufig hatte man wieder zu warten. Die Räume waren rein, offenbar neu. Man brachte ein erstes und herzliches Hoch auf Amerika, als ein paar lange eckige Jungen erschienen – die winzigen Kappen der amerikanischen Marineure wie Cereviskäppchen keck in die Stirn gedrückt, daß sie fast auf die Nase fielen – mit großen blitzblanken Kannen voll Kaffee und Körben voll Aluminiumbechern und Sandwiches. Man fiel darüber her wie Wüstenwanderer über eine Quelle. So guten Käse hatte man seit Jahren nicht gegessen, seit dem Waffenstillstand nur hie und da mit Sehnsucht in den Auslagen der teuren Delikatessenhändler gesehen. Und weißes Brot! Jeder bekam Kaffee in einem Aluminiumbecher, zwei, drei Becher voll, wenn man wollte. Es war genug da für die vielen. Das war so wunderbar: Es war genug da und es war gut und rein. Und daß alles da war, war so selbstverständlich. Die langen Marineure versahen offenbar ihr Amt noch nicht lange, denn ihr Ergötzen über die unbegreifliche Freude dieser Leute an Weißbrot, Kaffee und Käse war etwas Erstaunen beigemischt. “Gee whiz”, sagte der Längste unter ihnen, als er die Becher in den Korb zurückhäufte, “die machen ja gerade, als ob das scotch whisky wäre, anstatt des faden Kaffees. Wohl es war some whisky, anyhow. Mit einem halbunterdrückten “damn” schlug er die Tür hinter sich mit dem Fuß zu, in seinen Armen den Stoß leerer Körbe.
     Es wurde Nacht und die Herde war in die Schlafsäle getrieben. Saal an Saal, Saal an Saal, hohe, blanke Räume, zum Verzweifeln blank. An eintönig grauen Wänden entlang liefen die Röhren der Zentralheizung. Und dann – Bett an Bett, Bett über Bett; mehrere Hundert in einem Saal. Kein Bett in Wirklichkeit; eine Segeltuchmatte, keine Decke, nichts. Für je zwei Säle ein Waschraum, rinnendes Wasser, Hahn an Hahn, zwanzig vielleicht; und daneben, ohne Paravent, ohne Klausur, Schale an Schale, die Klosette. Ein Fürsichselbstsein nicht einmal da. Ein ewiges Bermengtsein, ein Aneinandergeklebtsein. Wo die Männer waren, wußte man nicht, hier waren nur die Weiber. Wie Kinder riefen manche nach ihrem Mann, ohne den sie sich verloren schienen. In losen Blusen oder plumpen Nachthemden saßen die Frauen auf den Matten und kämmten ihre Haare, wer einen Kamm hatte, war reich, man hatte ja gar nichts mitnehmen dürfen. Die Aufregung und die Spannung machte sie noch geschwätziger. Wie lange wird man hier bleiben? “O, morgen sind wir in Newyork, übermorgen in Chicago.” “Unsinn! 14 Tage müssen wir hier bleiben, ja, ich weiß es, ich hörte es.” “Scht! Ruhe!”
     Der nächste Tag brachte Bad und Desinfektion. Warten vor einem der vielen weißen Häuser; es ist bitter kalt. Dann Einlaß in einen kleinen, kaum geheizten Raum. Die Order ist offenbar “ausziehen” denn Weiber und Kinder stehen umher in allen Stadien des Ausgezogenseins. Mit dem Hemd zögern sie. “Alles ‘runter, alles, mache Sie geschwind!” befiehlt eine Frauensperson mit harter Stimme, im weißen Kittel der Nurse – aber offenbar keine kurse. In einer Ecke liegt ein Berg Säcke. Jede nimmt einen Sack und preßt ihre Kleider, Schuhe und Hut hinein. “Runter mit dem Hemd also! Schnürt den Sack zu! “ Es ist bitter kalt, so nackt. Und der Anblick! Es ist besser, man sieht sich nicht um. Man konnte am Ende Schopenhauer recht geben, daß das weibliche Geschlecht das häßliche sei. Ein junges Mädchen sitzt zusammengekrümmt in ihrem Hemd auf dem Erdboden. Sie weint. Sie hat ihren Sack über ihren Schoß gebreitet, als wollte sie etwas verbergen. “Well, what’s the matter. Stehen S’ auf und zieh’n S’ Ihna aus!” schreit die Frau im weißen Kittel in jener Dialektsprache, welche der Amerikaner teils verächtlich, teils stolz “Americanslang” nennt, sie an. Das Mädchen versteht nicht Englisch, aber sie versteht, was man verlangt. Sie schüttelt den Kopf. Die Frau ergreift sie beim Arm, zieht sie in die Höhe und streift ihr das beschmutzte Hemd vom Körper. Mit der einen Hand öffnet sie eine Tür, mit der anderen schiebt sie das splitternackte Mädchen in den nächsten Raum. Hier regnet es von der Decke. Zuerst warm, fast heiß, dann kühler, es riecht schwefelig. Inmitten des Sprühens steht wie eine Nixe ein lächelndes, junges, taufrisches American Girl im Badeanzug. Sie hat darauf zu sehen, daß die Leute sich die vorgeschriebene Zeit netzen lassen. Dann zeigt sie die Tür am anderen Ende, man öffnet sie und fährt zurück; die kalte Luft schabt an der unbedeckten Haut wie mit scharfen Messern, einen Moment lang ist es, als stünde das Herz still in dem jähen Wechsel. Man läuft etwa zwanzig Schritt den Korridor hinab, bis man zu dem Stoß Decken kommt, der dort auf dem Boden liegt, erhascht eine und rennt der Nase nach, ohne zu fragen, ohne zu denken, nur friernd bis ins Mark, und kommt zurück in einen der Schlafsäle. Zähneklappernd stellt man sich neben die Heizungsröhren....
     Die Speisehallen sind groß, licht und rein. Wer nicht das Mißgeschick hat, zu spät zu kommen, bekommt reichlich Kaffee, Brot und Sandwiches in unbeschädigtem, peinlich reinem Geschirr. Schon haben sich diese ausgehungerten Menschen an den Anblick der Berge weißen Brotes à discretion gewöhnt, schon brechen sie Stücke achtlos an und lassen es am Tisch liegen. Mit einer Lust aber, die dem Immersatten verschlossen ist, schwingt man die dampfenden Kaffeekannen und schenkt sich eine, zwei, drei Tassen voll. In Lachen ertrinkt die Erinnerung an die Beschwerden der Ueberfahrt, das Beben vor der Ungewißheit der Zukunft. Es kommt alles auf die Tische wie mit Zauberhänden, lautlos, ohne Hast, jedoch mit Pünktlichkeit; ohne Mißverständnisse. Männliche Wesen in weißen Sachanzügen tragen Tassen hin und her. Weit unten am Ende der weiten Halle öffnet sich hie und da eine Tür, hinter der es blitzblank leuchtet in Porzellan und Messing. Die Abspeisung der vielen Hunderte läuft wie eine gut geölte Maschine. Hier trifft man auch wieder mit den Männern zusammen. Jablenko, der Pole, dessen kleine Augen sich fast in den Rissen des Gesichtes verlieren, sitzt strahlend vor seinem Teller: “O, so schön hier, so schön...Aber Ellis Island, nicht so schön. Hunger.” Er spricht Polnisch zu Rosa Blehoda, die ihm Czechisch antwortet: “Woher wissen Sie denn, wie Ellis Island ist?” Und der Pole lächelt mild; ein Lächeln, das wie in Kinderschuhen auftritt, ein Lächeln, das noch nie zur vollen Schönheit bewußten Ergötzens sich hat durchringen können! “War dort, war dort. Vor 11 Jahren”. “Was Sie nicht sagen. Sie sind schon einmal hier gewesen!” “Hier gewesen. Zehn Jahre lang. Hab schönes Stück Geld erspart, Kohle gegraben, viele Kohle. Tag und Nacht. Dann heim zur alten Mutter mit Geld. Hier eingenäht die schönen Dollar”, er öffnet seinen Rock und zeigt das alte Futter”, und drauf geschlafen, jede Nacht. Dann Mutter gesucht, lang: altes Haus zerschossen. Endlich gefunden – aber Geld weg. Ja, Geld – weg.” Er spricht nicht in Sätzen, nur in Schlagworten, die von den Ereignisse in die plumpe Masse seines Gehirns gegraben worden. Er spricht eintönig und gleichgültig und das maskenhafte Lächeln weicht nicht von seinem Gesicht, als er fortfährt: “Gestohlen! Da heraus aus Jablonkos Rock gestohlen. So, muß wieder Kohle graben.”
     Am nächsten Morgen, als man wieder Kopf an Kopf vor der Speisesaaltür steht, wartend bis die erste Schicht fertig ist, gibt es ein Zusammenrotten am anderen Ende. Ein paar Subalterne sind da, Namen werden aufgerufen; Telegramme sind da, von Verwandten, die draußen am Dock warten. Schluchzen, Kreischen der Freude. Dann werden gelbe Zetiel verteilt auf Namen; man hält sie in plumpen Händen wie Juwelen, wer einen hat, wird beauftragt, sich bereit zu halten. Jubel unter den neidvollen Blicken der anderen; und man geht, man springt über die Schneehaufen draußen vor den Häusern hinunter zu den Booten, zu den Ferrybooten, die einen herübergebracht von dem großen Schiff. Und man steigt darauf, den Blick aufs Land, aufs ersehnte, nun erreichte. Aber das Land, es weicht, es entrückt in die Ferne; was? wohin? was soll das heißen? Heiß steigt die Angst in der Kehle. Ja, bis man es endlich erfährt: Die mit den gelben Zetteln sind die auf der Konskriptionsliste, die von den Ländern, deren Quote voll ist, und sie werden auf den Dampfer zurückgebracht, um von dort nach Ellis Island zu fahren, wo ihr Schicksal endgültig besiegelt werden wird.
     Die anderen aber, die erst voll Neid gewesen, werden nachmittags hinüber zu den Docks befördert. Nach ein paar Minuten Fahrt steigt man über die letzten schwankenden Planken auf festes Land. Der erste Wolkenkratzer türmt empor, rohziegelgebaut, schmucklos; das Gebäude der Einwanderungsbehörde. Von der blühenden Stadt sieht man nichts hier heraußen. Ein Ambulanzauto prustet vor dem riesigen Tor und im Eingang steht ein Häuflein Menschen um einen blutenden Kadaver. Ein Mann hat sich die Kehle mit einem Rasiermesser durchschnitten.  Die Kleider des Toten sind triefend naß und in Strähnen hängt schwarzes Haar in eine junge, niedrige Stirn. Man hat ihn im Hafen schwimmend aufgefischt und es hat sich herausgestellt, daß er aus einem auslaufenden Schiff gesprungen war, um zurück ans amerikanische Land zu schwimmen, aus dem er ausgewiesen worden war. Er war aus Griechenland drei Wochen vorher gekommen und hatte als Schuhputzer ein gutes Auskommen gefunden, als er plötzlich vor die Einwanderungsbehörde zitiert worden war, die fand, daß er schwachsinnig und also nicht zulassungsfähig sei. Vom Schiff hatte er sich dann durch Flucht der Deportation zu entziehen versucht.
     In einer Minute ist der blutende Mann hinweggeräumt und aus der Fähre steigen die vielen Hunderte von müde gesichtigen Europäern, die vielen, vielen Stufen hinauf in der riesigen Betonhalle. Glanz liegt über den Gesichtern. Man ist hier, im gelobten Land, in Amerika und alles andere, alles andere wird leicht sein. Man ist ja hier.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1924
Publication Place: 
Austria
Number of Pages: 
1 page(s)