Charlotte Niese

Submitted by ssEditor on Thu, 2010-05-06 22:32

Charlotte Niese
Meine erste Strickstunde  

            Meine erste Erinnerung führt mich auf den Kirchhof unsrer kleinen Stadt, über dessen breiten Weg mein kleines Bett getragen wurde, während ich hinter ihm herlief. Ich wurde nämlich aus dem elterlichen Haus in das des Großvaters umquartiert, weil wieder einmal ein Junge bei uns erschienen war, und Großmutter mich lieber für eine Zeitlang zu sich nehmen wollte. Aber dann bin ich im großelterlichen Haus geblieben, und der Abschied von den Brüdern ist mir wohl nicht schwer gefallen. Denn nur der Kirchhof lag zwischen Vaters und Großvaters Haus, die Jungen kamen viel zu den Großeltern, und wie oft ich über den Kirchhof ins Pastorat gelaufen bin, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich oft ermahnt wurde, nicht so wild zu sein, und daß mir immer wieder vorgestellt wurde, daß ich ein Mädchen und kein Junge wäre: eine Mahnung, die mich sehr ärgerte.
            Dann regnete es eines Tages sehr heftig, und alle Rinnsteine auf der Straße hatten sich in große Flüsse verwandelt, in denen der Stiefel fast versank. Ich hatt’s gerade probiert: dann fühlte ich, wie meine Füße naß wurden, stellte mich in die Haustür und versuchte zu pfeifen wie die Brüder. Man trällerte dabei mit der Zunge gegen die Zähne, und es klang wie das Summen einer großen Fliege, wie das Zirpen der Heuschrecken, wie das Piepen der Mäuse. Es war herrlich, und gerade meinte ich es zu können, als ein kleines Mädchen an meiner Haustür vorüberging, das mich höhnisch betrachtete. Es trug einen Teller mit zwei Salzheringen in der Hand und rief mir ein Schimpfwort zu.
            Ich wußte von den Brüdern, daß man sich nie etwas gefallen lassen dürfte. Also sprang ich auf das Mädchen zu, riß ihr die Heringe vom Teller, warf sie in den reißenden Rinnstein und rief: „Die sollen noch mal schwimmen lernen!“
            Das Mädchen schrie gellend auf, und mich faßte meine Großmutter, die plötzlich hinter mir stand.
            Was nun erfolgte, ist schmerzlich zu berichten. Großmutter war die gütigste Frau von der Welt; aber sie hielt es doch für ihre Pflicht, mich einer Strafe zu unterwerfen, die man damals „ein Produkt“ nannte. Ganz zerschmettert hockte ich später auf dem alten Diwan, dem Zeugen meiner Schmach, und wurde dann auch noch dazu verurteilt, aus dem Inhalt meiner Sparbüchse dem scheußlichen Mädchen zwei Salzheringe wieder zu kaufen. Es ist mir so, daß ich sehr wenig willig bei dieser Gelegenheit gewesen bin; jedenfalls wurde ich am nächsten Tage zu den „Tanten“ gebracht, um stricken zu lernen.
            Ich war schon wieder lustig und ging heiter neben unsrer Stina her, die mich nach dem Bergende brachte. Hier wohnten Tante Grete und Tante Friederike, die ich auch schon etwas kannte. Sie hatten eine Strick- und Nähschule, und meine Mutter war bereits bei ihnen unterrichtet worden.
            „Nun sei man artig!“ ermahnte Stina, während sie mich „hintenum“ zu den Tanten brachte. Man konnte nämlich hinter der Stadt auf einem von Bäumen eingefaßten Weg nach dem Bergende kommen. Hier waren Gärten und ganz kleine lustige Häuser, und zu allerletzt kam ein Weg, der von großen Kastanien beschattet war. Dies war der Börnstieg , und ich fragte Stina, ob es wohl so schön im Himmel wäre, wie hier of dem Bornsteig mit den Kastanien.
            Aber Stina widerhollte „sei du man artig!“  Und dann stand ich vor Tante Grete, die mir den Hut vom Kopf nahm und mir eine Recke hielt.  Sie hatte ein Gesicht voll Falten und kleine funkelnde Augen. Dazu eine große Mütze auf dem Kopf und drei dunkelbraune Locken an jeder Seite. Diese Locken verschoben sich manchmal, und dann sah man schneeweiße Haare. Tante Grete setzte mich auf einen kleinen Stuhl und sprach fortwährend; „Ja, meine kleine Lotte, nun mußt du immer artig sein und für Mutter und Vater Strumpfbänder stricken. Artige Kinder kommen in den Himmel, unartige in die Hölle oder in den Schweinestall!“
            Ich hatte nur so im allgemeinen zugehört, jetzt aber horchte ich auf. „Wo ist der Schweinestall?“
            Aber ich erhielt keine Antwort. Tante Friedericke nahm mich zwischen ihre Knie, und meine störrischen Finger mußten lernen: einstecken, überschlagen, durchholen, abstricken! Tante Friederike hatte ein sanfteres Gesicht als Tante Grete, und ihre Hände waren geduldig. Nach einer schwerenViertelstunde saß ich auf meinem Stühlchen und durfte allein die Nadeln halten. Eine ganze Reihe von Mädchen saß um mich herum. Einige nähten, andre strickten, und alle flüsterten sie eifrig miteinander. Tante Grete kam noch einmal zu mir, hielt einen Stock in der Hand und redete dazu. Sie erzählte von meiner Mutter, die auch auf dem kleinen Stuhl gesessen hatte, der mir jetzt gehörte, und die immer so artig gewesen war. Ich konnte mir eigentlich nicht denken, daß meine hübsche große Mutter jemals so klein gewesen war, um auf diesem Stühlchen Platz zu finden, aber ich machte mir keine weiteren Gedanken darüber. Natürlich war sie artig gewesen, sie war ja meine Mama. Vater und Mutter mußten bekanntlich immer artig gewesen sein. Tante Grete wandte sich einem andern Mädchen zu, und meine Nachbarin, ein Kind, das schon stricken konnte, flüsterte mir auf meine Frage zu, das der Schweinestall, von dem Tante Grete gesprochen hatte, draußen im Garten läge. Er war unbewohnt; wer ganz unartig war, der mußte einige Stunden in ihm verbringen. Vorsichtig spähte ich aus dem Fenster. Richtig, mitten zwischen Büschen lag ein Gebäude, das mir sehr anziehend vorkam. Besser wäre es natürlich gewesen, man hätte sich die Zeit mit kleinen Schweinchen vertreiben können, die wirklich sehr niedlich sein konnten; aber ein leerer Schweinestall war doch wünschenswerter als dies ganze Zimmer voll von langweiligen Mädchen.
            Und wo war die Hölle, mit der Tante Grete drohte? Auf diese Frage fand meine Nachbarin nur einen verwunderten Blick. In die Hölle kam man natürlich, wenn man nicht ordentlich stricken lernte, aber erst, nachdem man tot war.
            Ich versank in tiefes Nachdenken; aber Tante Grete störte mich. Sie stand vor mir, und wie sie merkte, daß mein Strumpfband keine Fortschritte gemacht hatte, schob sie mich wieder zwischen Tante Friederikens Knie. Das war langweilig, und wie ich wieder in Ruhe gelassen wurde, atmete ich auf. Was sollte ich eigentlich hier?
            Leise pfiff ich vor mich hin; konnte ich meine Kunst noch so schön wie gestern, wo ich so darin gestört worden war? Ach, es ging noch, Gott sei Dank, aber ich mußte mich üben.
            Ein kleines Mädchen hob den Finger in die Höhe.
            „Tante Grete, darf ich mal was sagen?“
            „Gewiß, mein Kind!“
            „Tante Grete, ich glaub, es fliegt hier ein großer Brummer herum!“
            Alle Schülerinnen ließen ihre Arbeit sinken, und beide Tanten horchten angestrengt. Dann hob Tante Grete den Stock und schüttelte ihre Locken.
            „Im Augenblick kann ich nichts hören. Doch jetzt was ist das?“
            Sie sah nach der Zimmerdecke, und eins der Mädchen rief:
            „Ich seh den großen Brummer! Nein, es ist eine Hornis!“
            „Eine Hornis!“ Eine andre begann zu wimmern.
            „Tante Grete, die Hornissen beißen! Die können einen Menschen totstechen! Mein Onkel hat mal gesagt...“             „Mußt nicht gleich so bange sein!“ unterbrach Tante Grete.
            Wieder hob sie den Stock und machte kscht, kscht, während sich der ganzen Schule eine große Unruhe bemächtigte. Und dann rief eine gellende Stimme: „Das piept wie 'ne Maus. O, es ist eine Maus!“
            Die Mädchen sprangen von den Stühlen, rafften ihre Röcke zusammen, und jede bemühte sich, so laut wie möglich zu schreien.
            Tante Friederike aber stand auf dem Sofa und schien nicht übel Luft zu haben, an der Wand hinaufzuklettern.             Das war sehr belustigend; ich ließ das Pfeifen und brach in ein schallendes Gelächter aus.
            Einen Augenblick war alles still, dann griff Tante Grete zum Stock und schritt auf mich zu, während Tante Friederike auf dem Sofa kauerte und ängstlich um sich sah.
            „Lotte, worüber lachst du?“
            „Weil – weil“, weiter kam ich nicht.
            „Sie hat es getan!“ meldete eine angeberische Stimme.
            „Du hast uns alle in Angst und Schrecken versetzt?“
            Die kleine Gestalt Tante Gretes wuchs ins Riesenhafte.
            „Womit hast du diesen Lärm gemacht?“
            Ich konnte nicht antworten. Schweigend strecke ich die Zunge soweit wie möglich aus.
            Ein Gemurmel des Entsetzens erhob sich.
            „Sie hat die Zunge ausgestreckt!“
            „Damit habe ich doch gepfiffen!“ wollte ich sagen, aber mir mangelte die Kraft. Zu viele Augen betrachteten mich erbarmungslos, und Tante Grete band mit einer so unheildrohenden Miene an ihren losgegangenen Locken, daß ich mich in den kleinen Schweinestall wünschte.
            Aber dann saß ich plötzlich mit meinem Stühlchen in der Zimmerecke, und zwar derartig, daß ich der Welt den Rücken drehte. Tante Grete stand hinter mir und hielt eine Rede.
            Es tat ihr leid, daß ich so unartig war, sie hatte geglaubt, ich wäre ein süßes, kleines Mädchen, weil ich doch so gute Eltern hätte.
            Sollte ich weinen? Ich fühlte mich zwar sehr unbehaglich, aber ich vergoß keine Träne. Die Brüder hatten mir zu oft erzählt, wie grauenvoll ich als Wickelkind geschrien habe, so sehr, daß unsre Mutter oft geäußert hätte: „Nun habe ich mir so sehr eine Tochter gewünscht, und sie schreit mehr als alle Jungen zusammen!“
            Also saß ich schweigend, und da Tante Grete ihre Rede beendet hatte, so wandte sie sich wieder den andren Kindern zu. Ich konnte die alte Dame ganz gut im Spiegel von hinten sehen; ebenso die andern abscheulichen Mädchen. Aber sie mußten nähen und stricken, Tante Grete war sehr streng geworden, während Tante Friederike leise umherhuschte und ein kummervolles Gesicht machte. Sie hatte nämlich bei dem Sprung aufs Sofa einen Pantoffel verloren und konnte ihn nicht wiederfinden. Sie flüsterte es nur ihrer Schwester zu, aber die Schule hörte es doch und ließ Nähen und Stricken sein, um den Pantoffel zu suchen. Sie fand ihn nicht; natürlich nicht, denn er lag gerade in meiner Ecke, und wie alle nun suchten, setzte ich die Füße darauf. Ich wollte ihn Tante Friederike selbst geben, weil ich sie leiden mochte, und weil sie so lustig auf dem Sofa ausgesehen hatte. Aber die andern konnten gern noch suchen; ich sah derweil in dem Spiegel, und dann streckte ich mir selbst die Zunge aus.
            „Sie streckt schon wieder die Zunge aus!“ meldete die gleiche Stimme, die mich schon einmal angegeben hatte. Mit einem Satz sprang ich von meinem Strafplatz, griff nach dem Pantoffel, und schlug mit ihm auf die Besitzerin dieser Stimme ein.
            Was dann geschah, weiß ich nicht mehr ganz genau. Ich glaube, Tante Grete hatte mich ergriffen, und der Stock sollte angewendet werden. Aber da klopfte es an die Tür, und eine freundliche Stimme fragte: „Darf ich hineinkommen? Ich wollte meine kleine Tochter abholen!“ Es war die Stimme meines Vaters! Meines Vaters, der immer seine schützende Hand über mir hielt und niemals glauben wollte, daß ich unartig wäre! Jetzt kamen mir die Tränen. Aufweinend stürzte ich auf ihn zu und griff nach seiner Hand, während Tante Grete ein ziemlich verdutztes Gesicht machte. Aber sie faßte sich bald, und meine Sünden wurden berichtet. Ich weinte so entsetzlich, daß ich die Augen nicht aufschlagen konnte und nur halbwegs hörte, wie Tante Friederike einige mildernde Worte sagte. Ich war ja eben erst fünf Jahre alt, und vielleicht könnte noch alles gut werden. Dann gingen mein Vater und ich über den Börnstieg nach Haus. Ich konnte mich immer noch nicht wieder fassen und klammerte mich nur an die warme weiche Hand, die mich so fest hielt. Gesagt hatte Papa noch gar nichts, und ich sah nicht mehr, wie die Sonne schien, wie die weißen Kerzen der Kastanien so aufrecht Standen und der Himmel so blau war. Dunkel war die Welt geworden, ganz dunkel. So gingen wir eine kleine Strecke miteinander, und zaghaft hob ich die Augen zu meinem Vater empor. Machte er auch ein so finsteres Gesicht wie die Tanten, und meinte er auch, daß ich zu unartig für diese Welt wäre? Da sah ich, daß er leise vor sich hinlächelte. Ja, er lächelte, und als er mich nun ansah, fragte er:“Bist du wirklich so unartig gewesen?“ Mit einem Male schien die Sonne wieder, das Brünnlein rauschte, die großen weißen Kastanienkerzen leuchteten gegen den blauen Himmel!
            Und nun berichtete ich alles. Das himmliche Vergnügen des Pfeifens, meit seinen schrecklichen Folgen, und mein Vater ließ sich alles geduldig erzählen. Als ich fertig war, sagte er nicht viel: nur, als ich den festen Vorsatz aussprach, niemals wieder in die Strickstunde gehen zu wollen, meinte er gelassen: „Willst du wirklich so dumm bleiben, daß du nicht einmal stricken lernen kannst?“ Nachdenklich blieb ich stehen. Eigentlich fand ich es angenehm, sich niemals mit Lernen zu plagen, aber ich merkte wohl, daß mein Vater eine andre Ansicht hatte.
            So also drückte ich mich an ihn und begann über einen grüngoldnen Käfer zu sprechen, der eilfertig über den Weg lief. Papa beantwortete alle meine Fragen geduldig, und in bester Stimmung kehrten wir heim.
            Wie lange ist dies her – wie lange schon verklang die geliebte, geduldige Stimme!
            Und dennoch meine ich sie noch oft zu hören! Zu den Tanten bin ich aber am nächsten Morgen wieder gewandert, und ich habe gelernt, Strumpfbänder zu stricken. Krawall hat’s nocht öfter gegeben, ich weiß, daß mir verschiedne Sünden später vorgehalten wurden. Ich habe sie vergessen: aber meine erste Strickstunde habe ich nie vergessen.

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